Netzwirtschaft

Augmented Reality: Das ganze Internet in der Handy-Kamera

Eine Milliarde Rechenschritte in der Sekunde kann der Prozessor moderner Handys wie Googles Nexus One ausführen. Die Zahl lässt erahnen: Handys können heute viel mehr als nur telefonieren oder Internetseiten anzeigen. Weil die Geräte – neben einer Kamera – immer häufiger auch das Satellitennavigationssystem GPS, Bewegungssensoren und sogar einen Kompass eingebaut haben, stürzen sich viele Entwickler jetzt auf den nächsten Schritt in der Handy-Welt: Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität, verknüpft aktuelle Kamerabilder mit passenden Informationen aus dem Internet. Besonders geeignet für Augmented Reality ist die Navigation, denn auf die Live-Bilder der Kamera lassen sich Wegbeschreibungen einblenden. Das können normale Routenbeschreibungen ebenso sein wie die Wege zu den Produkten eines Unternehmens.

Zum Beispiel hat der Bierhersteller Stella Artois eine Handy-Applikation entwickelt, die auf dem Kamerabild der Umgebung die Bars einblendet, in denen das Bier des Brauers ausgeschenkt wird. Künftig werden viele Unternehmen solche Applikationen für Mobiltelefone entwickeln, um Kunden den Weg zu ihren Filialen, Bankautomaten oder zu vermietenden Wohnungen zu zeigen. „Mit Augmented Reality kann man virtuelle Produkte in eine reale Umgebung integrieren”, sagt Jan Schlink vom Münchner Unternehmen Metaio, das die Anwendung iLiving entwickelt hat. Nutzer können damit ein Zimmer fotografieren und darin Möbelstücke aus einer Galerie laden und exakt integrieren. Gimmicks gibt es natürlich auch: Wer sein Handy schüttelt, erhält eine neue, zufällige Anordnung der Möbelstücke. Auch Immobilienmakler setzen die neue Technik ein, um ihren Kunden eine Objektbesichtigung auch aus der Ferne zu ermöglichen oder in Landkarten zu vermietende Wohnungen zu zeigen. 

Stella Artois “Bar Finder”

„Augmented Reality hat auch im Tourismus eine hohe Relevanz. Wer die Kamera auf eine Ruine richtet, bekommt historische Informationen eingeblendet und sieht genau, wie es früher einmal aussah”, sagt Ulrich Bockholt vom Darmstädter Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung, der seit Jahren über Augmented Reality forscht. Statt dicker Reiseführer genügt künftig ein Handy, das die gewünschten Informationen zu Sehenswürdigkeiten stets aktuell einblendet. Noch berechnen die Anwendungen das anvisierte Objekt aus den GPS-Daten und der Himmelsrichtung, die der Kompass liefert. Eine echte Bilderkennung kann das Handy noch nicht leisten, weil der Akku sehr schnell schlappmachen würde. Wenn die Bilderkennung funktioniert, können die Informationen präziser in das Bild eingeblendet werden, als es heute möglich ist. 

Oft verwechselt wird die erweiterte Realität mit ebenfalls ganz neuen Bilderkennungsdiensten wie Google Goggles oder der iPhone-Applikation des Online-Händlers Amazon. Diese Dienste schicken ein geschossenes Foto eines Produktes in ein Rechenzentrum des Unternehmens, wo ein übereinstimmendes Foto in riesigen Bilddatenbanken gesucht und mit den gefunden Informationen zurückgesendet wird. Diese Dienste sind vor allem für Käufer sinnvoll, die im Laden mal eben den Internetpreis eines Produktes erfragen wollen. Eine Verknüpfung der realen Welt mit Daten findet allerdings nicht statt.

Lego Augmented Reality

Augmented Reality wurde zuerst in der Industrieproduktion und der Wartung eingesetzt. Auch der Spielzeughersteller Lego nutzt die Technik, um den Kunden schon im Geschäft zu zeigen, wie das Spielzeug zusammengebaut aussieht, wenn sie die Schachtel vor den Bildschirm halten. In seinen Forschungslabors hat der Handy-Hersteller Nokia eine Brille entwickelt, in der unter dem Stichwort der „Mixed Reality” Informationen zum Gesehenen direkt auf dem Brillenglas gezeigt werden. Noch einen Schritt weiter geht die Universität Washington. Dort werden die Informationen bereits auf Kontaktlinsen gezeigt. 

“Mixed Reality” von Nokia

Bisher war die erweiterte Realität ein Nischenprodukt. „Seitdem es aber leistungsfähige Smartphones mit GPS und Kameras gibt, haben wir die ideale Plattform für Augmented Reality im Massenmarkt”, sagt Bockholt. Ständig werden neue AR-Applikationen vor allem für Googles Android-Plattform oder Apples iPhone entwickelt. Inzwischen gibt es auch erste Anwendungen für das Betriebssystem Symbian, das die meisten Handys des Weltmarktführers Nokia antreibt. Zu den Pionieren gehört das österreichische Unternehmen Mobilizy, dessen Anwendung Wikitude – inzwischen in der vierten Version auf dem Markt – Informationen verschiedener Quellen wie Wikipedia oder Googles lokaler Suche zum anvisierten Objekt auf dem Handy-Bildschirm einblendet. Je nachdem, ob der Nutzer gerade als Tourist unterwegs ist, in der Stadt einkauft oder den richtigen Weg sucht, sollen die passenden Informationen auf dem Bildschirm gezeigt werden, verspricht Mobilizy, das mit seinem Wikitude World Browser versucht, den Standard in diesem schnell wachsenden Bereich zu setzen. 

Immer wertvoller könnten dabei ortsbezogene, von den Internetnutzern erstellte Informationen werden. Bewertungen eines Restaurants auf Qype können ebenso hilfreich sein wie Twitter-Nachrichten, zum Beispiel über die aktuellen Schneebedingungen auf einem Berg. „Die Nutzer können Bewertungen hinterlassen, die anderen Nutzern später zugänglich gemacht werden. Ein soziales Netzwerk wie Facebook könnte sich per Augmented Reality mit realen Orten verbinden und in der Realität Fuß fassen”, sagt Michael Zöllner, ebenfalls Forscher am Darmstädter Fraunhofer-Institut. 

Wikitude AR Navigation

Härtester Konkurrent von Mobilizy ist das niederländische Unternehmen SPRXmobile mit seinem Browser Layar. „Wir erleben im Augmented-Reality-Umfeld gerade einen neuen Browser-Krieg”, sagt Zöllner. Darin mischt auch das Start-up AcrossAir mit. „Welche Plattform am Ende abhebt, weiß zurzeit aber niemand”, sagt Chetan Damani, der Vorstandschef von Across Air. Jedes Unternehmen will seinen Standard durchsetzen – und steht damit einer schnellen Verbreitung der neuen Technik im Weg. „Das ist das AOL-Prinzip; die Standards sind nicht offen”, kritisiert Zöllner. Was nicht zum Standard des Unternehmens passt, kann in dem Browser nicht angezeigt werden. Dabei könnten die Augmented-Reality-Anwendungen genauso gut in offenen Browsern laufen und damit allen Anwendern und Entwicklern offenstehen, findet der Forscher. 

„Noch fehlt ohnehin ein Geschäftsmodell für Augmented Reality. Eine totale Euphorie ist falsch, denn die Anwendungen für den Massenmarkt fehlen”, sagt Mobilfunk-Expertin Heike Scholz. Sie sieht Augmented Reality als eine zusätzliche technische Funktion, nicht als „Killer-Applikation”. Denkbare Erlösmodelle sind Werbung und der Verkauf der Applikationen. Immerhin werden die Handy-Nutzer in aller Welt in diesem Jahr 6,2 Milliarden Dollar für Mobilfunk-Applikationen ausgeben, schätzt das Marktforschungsunternehmen Gartner. Weitere 600 Millionen Dollar soll die Werbung auf den Mobiltelefonen einbringen. Doch der Verkauf der AR-Anwendungen wird spätestens dann schwierig werden, wenn Google ein kostenloses Konkurrenzprodukt für seine Android-Plattform auf den Markt bringt. „Google sitzt auf einem solch großen Datenbestand, dass sie zu fast allem, was man sieht, die passenden Daten liefern können”, meint Scholz.

Auf Dauer werde Augmented Reality daher von den Start-ups zu den großen Anbietern mit den notwendigen Datenbeständen wandern, erwartet auch Zöllner. „Die Browser-Anbieter hoffen, dass sie von Google und Co. gekauft werden” beschreibt der Forscher das Geschäftsmodell der meisten Anbieter. Google habe den größten Datenbestand und sei schon sehr weit im Erkennen von Objekten und Orten. „Microsoft und Nokia haben bisher wenig unternommen. Apple ist aber definitiv an dem Thema interessiert; von dem Unternehmen ist ein kluger Schachzug zu erwarten”, sagt Zöllner. Dann würde das Duell wieder Google gegen Apple lauten.

_____________________________________________________________

Tägliche Infos zur Netzökono mie 
unter twitter.com/HolgerSchmidt
und twitter.com/netzoekonom 

 

Die mobile Version verlassen