Netzwirtschaft

Hulu-Chef Jason Kilar: „Das Fernsehen braucht Innovationen"

Bild zu: Hulu-Chef Jason Kilar: „Das Fernsehen braucht Innovationen"Das Fernsehen hat ein Generationenproblem. Die Zuschauer werden älter, weil die jungen Menschen lieber im Netz surfen oder bestenfalls mit einem halben Auge noch auf den Fernsehschirm schauen. Aus diesem Grund versuchen drei große amerikanische Medienunternehmen, mit dem Fernsehen der Zukunft die Jugend zu locken. Hulu heißt die Website, die Fernsehsendungen im Netz verbreitet. Jason Kilar ist der Chef. Im Interview erklärt er seine Pläne zur internationalen Expansion und zur Einbindung sozialer Medien.   

_____________________________________________________

Inhalte aus dem Fernsehen ins Internet zu stellen – kann das funktionieren

Aber ja. Wir haben etwa 44 Millionen Nutzer im Moment. Das ist eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr zuvor. 900 Millionen Filme werden im Monat als „Stream” verbreitet; 350 Millionen waren es vor einem Jahr. Damals hatten wir 130 Inhaltepartner; jetzt sind es mehr als 220. Auch die Zahl der Werbetreibenden auf unserer Seite wächst stark -von 130 auf 420. Die Zahlen zeigen, dass wir auf einem steilen Wachstumspfad sind.

Ein Argument, Hulu zu starten, war es, junge Menschen zu erreichen, die sich vom Fernsehen abwenden. Wie sieht die Altersstruktur von Hulu aus?

70 Prozent unserer Nutzer sind jünger als 49 Jahre, was sich erheblich vom Durchschnitt der Fernsehzuschauer unterscheidet. Das Hulu-Publikum ist viel jünger als das Fernsehpublikum. Für unsere Investoren, Walt Disney, Fox und NBC Universal, ist Hulu eine Investition in die Zukunft, weil sich die Mediengewohnheiten der jungen Menschen doch stark verändert haben.

Sehen die Fernsehgesellschaften Hulu auch als Test, welche Inhalte junge Menschen gerne sehen, um ihre klassischen Programme attraktiver zu machen?

Ja, absolut. Fox hat zum Beispiel eine neue Show zuerst auf Hulu ausprobiert und dann erst ins Fernsehen gebracht -mit großem Erfolg. Tests dieser Art werden wir künftig häufiger sehen. Oder eine andere Möglichkeit: Man stellt 20 Pilotfilme auf Hulu und beobachtet, welcher Film gut ankommt. Nur aus den besten Pilotfilmen werden dann Serien fürs Fernsehen produziert.

Fernsehen im Internet hat den Vorteil, interaktiv sein zu können. Wie wichtig ist das? 

Wir nutzen Twitter sehr stark als Echtzeit-Kommunikationsplattform. Dort sagen unsere Nutzer sehr offen, was sie an Hulu mögen oder auch nicht. Daraus können wir viel lernen. Wir unterstützen auch Facebook-Connect, damit die Nutzer ihre sozialen Kontakte mit zu Hulu nehmen können. Nach meinen neun Jahren bei Amazon bin ich fest von Communities und den sozialen Aspekten des Internets überzeugt. Auf diesem Feld kann man noch sehr viel mehr von Hulu erwarten.

Zur Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Barack Obama konnte man in der linken Hälfte des Bildschirms die Liveübertragung sehen und in der rechten Hälfte mit seinen Freunden auf Facebook darüber chatten. Wird diese Art der Verknüpfung zunehmen?

Ja, denn so etwas bereichert das Erlebnis Fernsehen. Zuerst denkt man, das Video reicht aus. Aber die Unterhaltung mit den Freunden macht das Ereignis viel spannender und persönlicher. Innovationen dieser Art braucht das Fernsehen.

In Deutschland kann man oft beobachten, wie sich die Menschen auf Twitter über einen Film unterhalten, den sie gerade im Fernsehen anschauen. Leider in zwei getrennten Medien.

Das wächst zusammen, das kann ich Ihnen versprechen. 

Hulu ist bisher auf die Vereinigten Staaten konzentriert. Haben Sie Pläne für andere Länder

Ja sicher. Ein wichtiger Teil unserer Vision ist es, ein globaler Dienst zu sein. Die Welt braucht einen Dienst, der die Inhalte der Welt der Konsumenten der Welt zeigt. Wir arbeiten sehr hart daran. Wir führen daher viele Gespräche mit Inhaltebesitzern in aller Welt – es ist aber sehr viel Arbeit, überall die digitalen Rechte zu klären.

Sprechen Sie eigentlich mit deutschen Fernsehsendern über einen Start in Deutschland? 

Ja, das tun wir sehr intensiv; auch mit den Inhalteeigentümern. Wir glauben fest an den deutschen Markt. Wir würden gerne helfen, das Fernsehen hier auf die nächste Stufe zu heben. Wir können Reichweite und Monetarisierung liefern, denn Werbung in Videos funktioniert sehr gut und wächst auch schneller als Suchmaschinenmarketing. Und wir teilen den Erlös fair. Dies ist eine sehr wichtige Zeit für Inhalteanbieter.

Wie sieht eigentlich Ihr Geschäftsmodell aus? 

Wir finanzieren uns mit Online-Werbung. 

Stimmt es, dass ihre Kosten für die Übertragung der Videos viel höher sind als die Werbeerlöse? 

Nein, ganz falsch. Wir haben unsere Geschäftszahlen nicht veröffentlicht. Nur so viel: Der Umsatz ist ein Vielfaches der Übertragungskosten. Was die Menschen oft nicht verstehen: Wir sind einer der größten Kunden der Breitbandanbieter. Je größer man als Kunde wird, desto niedriger sind die Preise. Unser Geschäftsmodell skaliert sehr schön; je größer wir werden, desto stärker sind wir.

Also arbeitet Hulu profitabel? 

Das habe ich nicht gesagt, denn dazu kommen noch die Kosten für das Team. Aber wir sind mit der finanziellen Situation zufrieden und liegen über unserem Plan.

Sie sagen, das Geschäftsmodell von Hulu sei Werbung. Es gibt viele Spekulationen, Hulu wolle bald Filme gegen Bezahlung anbieten. Stimmt das?

Das habe ich auch gelesen. Vielleicht kann ich das aufklären. Um die Inhalte möglichst weit zu verbreiten, halten wir eine Werbefinanzierung in den allermeisten Fällen für den besten Weg der Finanzierung. Es gibt aber auch genügend Inhalte, die es nie kostenfrei gab, zum Beispiel im Bezahlfernsehen. Wenn wir diese Inhalte unseren Nutzern zur Verfügung stellen wollen, müssen wir natürlich die Geschäftsmodelle der Inhaltebesitzer respektieren. Wir werden also in Zukunft mehr Optionen für die Besitzer der Inhalte und für die Konsumenten sehen. Aber das wird komplementär zum heutigen Hulu sein und den Charakter der Seite nicht ändern.

Also Free-TV wird frei auf Hulu verfügbar sein, Bezahl-TV wird Geld kosten?

So einfach ist es nicht. Es wird neue Möglichkeiten geben, Inhalte zum Beispiel im Wohnzimmer zu konsumieren. Die Modelle dafür gibt es noch gar nicht.

Ist Youtube eigentlich ein Konkurrent von Hulu? Youtube holt mehr professionelle Inhalte auf die Seite, auch Bezahlinhalte.

Youtube, Netflix oder Hulu arbeiten am selben Ziel, nämlich den Inhaltebesitzern den Wert der Online-Distribution ihrer Filme zu zeigen. Aber natürlich gibt es Überschneidungen.

Fotos: Andreas Müller

 

_________________________________________________________________________________________

Tägliche Infos zur Netzökonomie 
unter twitter.com/HolgerSchmidt (Web / Media / Social Media)
und twitter.com/netzoekonom (Mobile / Telco)
Tweetranking-Profil: https://tweetranking.com/holgerschmidt 

 

Die mobile Version verlassen