Netzwirtschaft

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Stowe Boyd: „Viele Menschen verlassen Facebook"

| 21 Lesermeinungen

Stowe Boyd, einer der Vordenker im Web 2.0, sieht im Internet eine fundamentalen Wandel zum sozialen Netz, der aber erst in den Anfängen steckt. Facebook sieht er aber nicht als Motor zum sozialen Netz, sondern nur als vorübergehende Phase. Die Änderungen der Privatsphäre sieht er als schweren Fehler. "Ich weiß nicht, ob sich Facebook von diesem Fehler erholen wird".

Stowe Boyd gehört zu den Vordenkern im Web 2.0. Der studierte Informatiker sieht im Internet einen fundamentalen Wandel zum sozialen Netz, der aber erst in den Anfängen steckt. Facebook sieht er aber nicht als Motor zum sozialen Netz, sondern nur als vorübergehende Phase. Boyd glaubt, dass sich Facebook von den Protesten nach den Änderungen der Privatsphäre möglicherweise nicht mehr erholen könne.

Bild zu: Stowe Boyd: „Viele Menschen verlassen Facebook"
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Herr Boyd, dem sozialen Netzwerk Facebook wird nachgesagt, ein neues Internet bauen zu wollen, dessen Verbindungen nicht mehr aus Links zwischen Internetseiten, sondern aus Freundschaften zwischen Menschen bestehen. Kann das funktionieren?

Facebook, aber auch eine lange Liste anderer Unternehmen, entdeckt ein neues Geschäftsmodell, das auf einem fundamentalem Wandel basiert: Das Web ist primär sozial geworden. Früher haben die Menschen in Netz auch kommuniziert, aber das Web hatte die Anmutung einer riesigen Bibliothek. Hunderte Millionen Internetseiten, die untereinander verlinkt sind. Die Nutzer waren aber nur die Leser in den Bibliotheken. Das war eine Kunstwelt. Daher ist das Internet sehr schnell zu einem Ort der Kommunikation und Interaktion geworden. Die zweite Welle im Web ist somit die soziale Revolution. Aber damit ist die Entwicklung nicht beendet. In den kommenden Jahren bildet sich wieder eine neues Internet, das ich das Internet des Flusses nenne, im Gegensatz zum Internet der Seiten.

Wie weit sind wir auf diesem Weg?

Bis jetzt haben wir nur die Basis für das neue Internet geschaffen. Aber das ist nicht Facebook allein. Viele Unternehmen bauen nur soziale Interaktionen in die fundamentalen Ebenen der Computer-Infrastrukturen hinein. Das Soziale wird in mobilen System wie dem iPad oder in Windows 7 eingebaut sein – und das in einem viel tieferen Niveau, als es Facebook heute ist. Noch sind die sozialen Funktionen in diesen Systemen nicht an erster Stelle, aber das ändert sich gerade. Und mit dieser Änderung werden die selbstdefinierten Plätze wie Facebook von fundamentaleren Dingen wie der E-Mail ersetzt. Jeder kann an jeden und mit jedem Gerät eine E-Mail senden,  Facebook ist eine vorübergehende Phase wie es MySpace war. Wichtiger sind die Unternehmen, die die nächste Generation der Geräte wie Apple mit dem iPad oder Nokia bauen, oder Google mit seinen Betriebssystemen Chrome oder Android.

Facebook eine vorübergehende Phase? Warum?

Nun, Facebook wandelt sich stetig – und nicht immer zum Guten. Die jüngsten Änderungen haben eine Bewegung weg von Facebook ausgelöst. Viele Menschen verlassen Facebook – und es werden noch mehr werden, weil die Menschen mit den jüngsten Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre nicht mehr einverstanden sind. Was Facebook da gemacht hat, war wirklich schlecht. Und dafür werden sie jetzt verklagt. Ich weiß nicht, ob sich Facebook von diesem Fehler erholen wird. Facebook ist nicht mehr das, was die Menschen wollen. Facebook sollte die alte Version beibehalten und vielleicht ein zweites Netzwerk mit laxeren Privacy-Regeln aufbauen, das vielleicht Facebook Explorer heißen könnte. Dann können die Menschen entscheiden, welche Version sie nutzen wollen.

Bild zu: Stowe Boyd: „Viele Menschen verlassen Facebook"Tim O’Reilly fürchtet eine Krieg der Plattformen wie Google, Facebook oder Apple, die sich abschotten, um die anderen zu verdrängen. 

Tim macht sich Sorgen um die vielen Daten, die diese Unternehmen haben. Das ist sekundär. Aber er hat im Prinzip Recht: Es gibt einen Plattform-Krieg. Es besteht die Gefahr, dass die Unternehmen versuchen, die Interoperabilität mit anderen Plattformen zu verhindern, so wie es die Handy-Netzbetreiber versucht haben, als es nicht möglich war, eine Nachricht von einem Handy-Netz in ein anderes Netz zu senden. Damals hat die amerikanische Regulierungsbehörde FCC eingegriffen und das verhindert. So wird es auch künftig nationale oder internationale Organisationen geben, die Einschränkungen der Interoperabilität verbieten.

Im Internet, in dem die Informationen fließen, wird es für die Nutzer aber immer schwieriger, die relavanten Inhalte zu finden, wenn er eben nicht immer online ist.
Stimmt. Wie haben noch nicht gelernt, die einflussreichen Menschen zu identifizieren oder zu verstehen, wie groß die Reichweite des Einflusses ist. Denken Sie an die Trending Topics auf Twitter. Die sind für alle Menschen gleich und betreffen meist irgendwelche Superstars. Auf diesem Niveau helfen diese Informationen nicht weiter. Im Moment wird an vielen Stellen geforscht, was uns in diesem Informationsstrom beeinflusst. Die Rede ist vom „dritten Netzwerk”. Das ist die Welt, die zwei Schritte von uns entfernt ist. Also nicht meine Freunde oder deren Freunde, sondern die Freunde der Freunde der Freunde. Das sind Millionen Menschen, aber was diese Menschen tun und denken, beeinflusst uns über die Netzwerke. Meist nimmt man diesen Einfluss gar nicht bewusst wahr, aber er ist vorhanden – selbst wenn man nur einen von 100 Menschen aus diesem Netzwerk kennt. Noch gibt es keine Instrumente, die herausfinden, was im dritten Netzwerk geschieht. Auch die Unternehmen schauen nicht darauf, was die Social-Network-Forschung herausfindet. Aber sobald sie das tun, werden wir eine Revolution erleben. Das ist ein großer Fortschritt, der uns erwartet.

Eine wichtigen Rolle im Informationsfluss spielt Twitter. Wie sehen Sie die Zukunft von Twitter?

Twitter wächst schnell. Junge Menschen nutzen Twitter eher selten, weil sie meist die direkte Kommunikation mit Menschen bevorzugen, die sie kennen. Auf Twitter geht es aber um größere Gemeinschaftten von Menschen, die an den Themen interessiert sind, für die ich mich auch interessiere. „Soziales Fernsehen” ist zum Beispiel eine sehr interessante Anwendung, wenn Menschen auf Twitter über einen Film diskutieren, die sie gerade schauen. Twitter ist auch eine soziale Ebene, die sich über die Nachrichten legt.

Wie bewerten Sie die Chancen der großen Internetunternehmen in dem sozialen Internet?

Nun, Google hat mit der Suche einen Startvorteil, aber bisher haben sie im Social Web nicht Fuß gefasst. Apple dominiert mit iPhone, iPad und iTunes das mobile Geschäft und ich kann mir vorstellen, dass Apple an einem Dienst für den Tausch von Musik arbeitet. Vor Jahren hatte Adobe die Gelegenheit, aus der Dominanz ihres Flash-Players mehr zu machen und zum Beispiel ein Instant Messaging-System aufzubauen. Sie waren auf jedem Computer präsent. Aber sie haben es versäumt, daraus ein soziales Netzwerk aufzusetzen. Und für Microsoft ist Windows 7 eine interessante Ausgangsposition. MySpace hatte vor Jahren geglaubt, der Sieger zu sein. Aber so schnell, wie die Leute hereingekommen sind, gehen sie auch wieder heraus. Das kann Facebook jetzt auch passieren.

Fotos: Holger Schmidt 

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21 Lesermeinungen

  1. Ich glaube auch, dass Facebook...
    Ich glaube auch, dass Facebook früher oder später wieder verschwinden wird. Oder zumindest zum Nebendarsteller wird. Und zwar aus einem sehr einfachen Grund. Facebook ist ein kommerzielles Unternehmen. Und keine Tätigkeit/Möglichkeit/Sache ansich.
    Alles was sich langfristig durchgesetzt hat, Glühbirne, Auto, Telefon, Fernsehen, Zeitung, E-Mail, Computer, Bier, Jeans, Uhren, Medikamente, Flugzeuge, Heizung, Straßen, …. wurde immer von einer Person/einem Unternehmen angeboten/eingeführt. Aber heute ist nichts davon weltweit mit nur einem Unternehmen verknüpft. (Aus verschiedenen Gründen)
    Selbst wenn man also “Soziale Möglichkeiten im Internet” auf eine Ebene mit diesen Errungenschaften setzt wäre es ein absolutes Novum in der Ökonomiegeschichte, wenn das kommerzielle Unternehmen Facebook diese Neuerung langfristig verwaltet.

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