Netzwirtschaft

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Vodafone will Netzneutralität abschaffen

| 16 Lesermeinungen

Der britische Mobilfunker hat ein Strategie-Update gegeben und dabei fast nebenbei das Ende der Netzneutralität verkündet. Schon bald soll es Tarife mit Geschwindigkeitsdrosselung geben.

Bild zu: Vodafone will Netzneutralität abschaffenDer britische Mobilfunker Vodafone hat ein Strategie-Update gegeben und dabei fast nebenbei den Anfang vom Ende der Netzneutralität verkündet: Unter der Überschrift „Mobile Daten” (PDF) findet sich – als einer von mehreren Punkten – das  Aufregerthema:

“We will capitalise on the rapid increase in demand for ubiquitous mobile data services and accelerate the rate of adoption by customers in underpenetrated markets by transitioning our data pricing plans to tiered plans and differentiated service levels, to encourage data adoption and adjust pricing to usage, thereby giving customers more control and driving better returns on our investment.”

Der angekündigte Übergang der bestehenden Datentarife in abgestufte Tarife und differenzierte Serviceniveaus steht bereits unmittelbar bevor. “Wir arbeiten bereits daran diese Strategie umzusetzen und planen ein entsprechendes Tarifportfolio für mobile Datendienste. Ob dies noch in diesem Jahr kommt, kann ich allerdings nicht sagen”, sagte ein Vodafone-Sprecher.

Nun kann man sich über die genaue Definition der Netzneutralität streiten, aber im Kern bedeutet diese Ankündigung zumindest den Versuch, von der Netzneutralität abzurücken und auch den Anfang vom Ende der (bezahlbaren) Flatrate. Künftig könnte es bei Vodafone wieder Volumentarife mit reduzierter Geschwindigkeit geben. Wer mehr Tempo und eine Flatrate möchte, muss mehr zahlen. Spezialtarife für einzelne datenintensive Dienste sind in diesem ersten Schritt nicht vorgesehen. Sollte der Vorstoß erfolgreich sein, wäre die Einführung dieser Modelle wohl keine Überraschung mehr. 

Überraschend kommt die Initiative allerdings nicht, denn Vodafones Deutschland-Chef Fritz Joussen (Foto) hatte im FAZ-Interview schon ähnliche Gedanken geäußert. Hier ein Auszug aus dem Interview:

Bild zu: Vodafone will Netzneutralität abschaffenDie Netzneutralität wird heiß diskutiert. Ihre Kollegen Obermann und Alierta wollen Google zur Kasse bitten. Sie auch?

Ich bin sehr dafür, dass die Zugänge zum Netz diskriminierungsfrei sein müssen, trotzdem müssen wir im Wettbewerb Diensteklassen differenzieren können – also unterschiedliche Preise je nach Qualität und Leistung verlangen. Als Netzbetreiber muss man das Recht haben, in seinem Netz kommerzielle Angebote zu formen. Wir waren nie der Meinung, dass man Internettelefonie verbieten solle. Aber dafür muss es einen Preis geben.

Aber gerade Skype ist doch ein klassischer Fall der Diskriminierung. Vodafone verlangt doch nicht für Skype einen Zusatztarif, weil Skype hohe Datenmengen verbraucht, sondern weil Skype Ihr Kerngeschäft kannibalisieren könnte.

Bei Wettbewerbern müssen Skype-Nutzer in manchen Tarifen keinen Aufpreis zahlen. Aber dafür für andere Dienste, die bei uns frei sind. Der Kunde kann entscheiden, welchen Netzbetreiber er wählt. Ich sehe an dieser Stelle kein Problem. Ich finde wichtig, dass jeder Kunde Zugang zu allen Angeboten haben sollte.

In der Branche wird über das Ende der Flatrate nachgedacht. An ihre Stelle sollen wieder Datentarife treten, mit Aufpreisen für Dienste wie Youtube oder Telefonie. Denken Sie auch so?

Eigentlich finde ich Preise für Anwendungen keine schlechte Idee, da die Kapazität im Netz begrenzt ist. Andere Branchen wie die Luftfahrtindustrie müssen auch ihre Kapazität bestmöglich auslasten. In Spitzenzeiten sind Flüge nun mal teurer. Die Netzneutralität widerspricht dieser wirtschaftlichen Betrachtung. Für eine effiziente Ausnutzung und Gewährung hoher Qualitäten ist diese Differenzierung nötig. Qualität kostet eben. Wer dafür zahlt? Das wird der Markt zeigen. Aber ich schlage keinen Alarm. Die mehr als 20 Prozent Umsatzwachstum mit mobiler Datenübertragung im Jahr sind ein ziemlich interessantes Geschäft.

Auszug-Ende

Einige Zeit hatten die Netzbetreiber den Traum, die großen Internetunternehmen wie Google würden für den Datentraffic zahlen. Doch der Traum ist spätestens geplatzt, seitdem Google-Chef Eric Schmidt klar verkündete, Google zahle nicht für Traffic in Mobilfunknetzen – weder heute noch künftig. Nun sollen also die Kunden zahlen. Während die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft noch zum Thema Netzneutralität tagt , die EU-Kommission ein „offenes und neutrales” Internet für alle fordert und Matthias Kurth, der Präsident der Bundesnetzagentur, auf den Wettbewerb der Netzbetreiber setzt, schaffen die Netzbetreiber Fakten. Spannend dürfte nun sein, ob die anderen Netzbetreiber nachziehen. Vor allem der Münchner Netzbetreiber O2, der in seinem Netz noch viel Plart hat, könnte die Ideen von Vodafone nutzen, um dem Platzhirschen Marktanteile anzuringen. Denn Vodafone hat nach neun Jahren gerade wieder die Spitze im deutschen Handy-Markt übernommen. Die Zahl der Mobilfunk-Kunden stieg im dritten Quartal um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 35,7 Millionen. Vodafone liegt damit knapp vor der Deutschen Telekom, die in diesem Jahr schon 4,2 Millionen Karteileichen ausgebucht hat und nur noch 34,9 Millionen Mobilfunk-Kunden in Deutschland zählt

Für das Wachstum im Mobilfunk sorgte vor allem die starke Nachfrage nach Smartphones. Entsprechend kletterte der Umsatz mit Datendiensten (ohne SMS und MMS) um 27 Prozent auf 354 Millionen Euro. Da Vodafone nach dem Auslaufen der Exklusivvereinbarung zwischen Apple und der Deutschen Telekom jetzt auch das iPhone von Apple verkaufen darf, könnte der Umsatz künftig sogar noch schneller steigen, während der Telekom die Exklusivität ihres Zugpferdes verliert.
Im Geschäft mit schnellen Breitband-Verbindungen ins Internet weist Vodafone knapp 3,9 Millionen Kunden aus, 379.000 mehr als vor einem Jahr. Vodafone ist in diesem Markt die Nummer zwei vor United Internet, aber klar hinter der Deutschen Telekom. Der Umsatz in der Festnetzsparte legte wegen des starken Preiswettbewerbs im DSL-Markt nur um 0,8 Prozent auf 532 Millionen Euro zu. Große Wachstumsschübe sind in diesem Geschäft nicht mehr zu erwarten, da rund drei Viertel der Haushalte in Deutschland bereits über einen schnellen Internetanschluss verfügen.
Einschließlich der um 4,6 Prozent gewachsenen Geschäftskundensparte hat das britische Unternehmen im wichtigen Auslandsmarkt Deutschland 2,33 Milliarden Euro umgesetzt, was 2,6 Prozent Zuwachs entspricht.

Links:

Die neuen Tarife für das iPhone
– FAZ-Leitartikel zur Netzneutralität: Freie Fahrt im Internet 
– Initiative “Pro Netzneutralität”

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Tägliche Infos zur Netzökonomie:

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16 Lesermeinungen

  1. ...
    Netzneutralität?
    Netzneutralität meint den freien Internetzugang.
    Netzneutralität wird es auch weiter geben. Was hier angeprangert wird, ist der Luxus, über Mobile Endgeräte im Mobilfunknetz, hier Vodafone, auf das Internet zuzugreifen. Natürlich schauen die Betreiber, wie man damit Geld verdienen kann, ist auch legitim. Natürlich kann dabei herrauskommen, das sich reiche mehr Traffic leisten können als arme. Aber die Netzneutralität ist dadurch nicht gefährdet. Den normalen Internetzugang betrifft das nicht! Wir scheinen alle allmählig die Tatsache zu verlernen, das es nichts umsonst gibt! Der Verbraucher hat doch die Wahl zwischen vielen Anbietern. Bitte schön.

  2. Maik Kulbe sagt:

    Tja, da kann ich nur sagen,...
    Tja, da kann ich nur sagen, wechselt, liebe Leute. Es gibt wesentlich bessere Anbieter als Vodafone.. Deren Modell ist moderner, hat bessere Konditionen und echte Flats, bei denen nich nach x MB/SMS/Minuten Schluss ist mit lustig. O2o z.B., da bekommt man seine Flat und bezahlt nur, was man auch wirklich verbraucht( außer natürlich beim Internet, da wählt man einen Volumentarif, aber auch der ist besser, denn man bezahlt nicht mehr sondern wird einfach etwas gedrosselt)
    Dann noch Vodafones tollen, vollkommen überteuerten Handy-Subventionierungs-Verträge…
    Ich glaube nicht, dass das Problem bei den Anbietern liegt, sondern eher bei den Konsumenten, die sich nicht genügend Informieren und damit so etwas wie Wettbewerb garnicht aufkommen lassen…

  3. Martin Jost sagt:

    Ich als Vodafone-Kunde habe...
    Ich als Vodafone-Kunde habe die SuperFlat Internet … sie ist zwar im Vergleich zu anderen Tarifen anderer Provider etwas teuerer aber bietet dafür auch ein paar Vorteile. Wenn ich mein Internetverhalten mal untersuche, so stellt sich raus, dass ich mobiles Internet hauptsächlich für E-Mail nutze und als Wissendatenbank natürlich. Wenn man aber mal betrachtet wieviele Apps auf dem iPhone ohne Internetzugang gar keinen Sinn ergeben, würde es schon ins Gewicht fallen extra Preise für schnelleres Internet zu zahlen. Vodafone drosselt ja mittlerweile jetzt schon die Geschwindigkeit nach bestimmten Verbrauch … jedoch ist mir das bisher nur negativ bei Videoabruf aufgefallen. Trotzdem bevorzuge ich das surfen im Internet von zu Hause aus, da dass Navigieren und das Verwenden von Formularen und Anwedungen einfach bequemer ist, dafür sind Smartphones einfach zu klein und noch nicht ganz ausgereift … jedoch ideal für den spontanen Wissensdurst.

  4. Peter Meier sagt:

    Der Nutzer muß das Netz...
    Der Nutzer muß das Netz bezahlen, und wenn die Einnahmen der aktuellen Tarife nicht ausreichen, muß er mehr bezahlen (aber darf darauf hoffen, daß auch im Mobilfunkbereich die Preise durch technischen Fortschritt sinken werden).
    So lange Konkurrenz und echter Wettbewerb zwischen den Anbietern herrscht, werden die Preise dem wahren Aufwand entsprechen. Subventionen um Märkte anzukurbeln sind möglich aber eher selten, künstlich hohe preise werden sich auch nicht durchsetzen.
    Daher sind Entgelte je nach Art der übertragenen Daten vollkommen hirnrissiger Schwachsinn, denn der Aufwand ist für den Provider gleich.
    Nach dem aktuellen BGH-Urteil darf der Kunde sowieso nur Verträge ohne Vertragsbindung, also mit kurzer Kündigungsfrist von 1 Monat nehmen, wenn er nicht gnadenlos draufzahlen will.

  5. Eine gute Nachricht für...
    Eine gute Nachricht für Noch-Vodadone-Kunden:
    Wenn bis zum 24. November die schriftliche Kündigung bei Vodafone eingeht, ist man ab 24. Januar 2011 aus dem Vertrag raus.
    Die Artikelüberschrift ist im Nachhinein betrachtet wirklich zu reißerisch geraten, weil die Differenzierung nach Datenaufkommen nicht die Netzneutralität berührt; zudem ist sie nebenbei erwähnt ja wirtschaftlich einleuchtend.
    Neben meinen zuvor angesprochen No-Go-Kritikpunkt, dass Vodafone zwanglos die Vorratsdatenspeicherung installiert hat, kommt jedoch noch hinzu, dass Vodafone gar nicht die Netzneutralität abschaffen kann. Sie haben sie bereits abgeschafft ! Durch die Benachteiligung von Kunden, die VoIP bzw. skype verwenden; diese dürfen nämlich für diese Art der Internetnutzung noch einmal extra einen Preisaufschlag zahlen; damit werden bei Vodafone nicht mehr alle Internetseiten gleich behandelt und die Netzneutralität bei Vodafone ist damit bereits jetzt abgeschafft. In Stellungnahmen wird dies mit Datenaufkommen gerechtfertigt; der Umstand, dass jedoch lediglich VoIP bzw. skype davon betroffen ist, während traffic-intensivere Anwendungen wie Filesharing, Streaming, etc. nicht davon betroffen sind, macht jedoch deutlich, dass hier gegen vereinzelte Internetangebote konkret agiert wird, anstatt dass einfach neutral und nüchtern auf den Traffic-Zähler geschaut und entsprechend gehandelt wird.
    Dritter No-Go-Kritikpunkt:
    Vodafone sitzt veraltete und für heutige Verhältnisse entsprechend völlig überteuerte und langsame Tarife ihrer Kunden nutznießerisch aus, anstatt diese unverzüglich über Tarif-Veränderungen zu informieren und ihnen den Wechsel anzubieten. Ich zahle momentan für eine 6-Mbit-Flatrate 35 € !
    Deshalb werd’ ich die Tage eine schriftliche Kündigung abschicken und zu unitymedia wechseln. Da hab’ ich dann einen freien Internetzugang, der nicht strukturell auf Überwachung ausgerichtet ist und zudem nach einem fairen Tarif abgerechnet wird, und das für nur 25 € monatl. bei Telefon- und DSL-Flatrate mit 16 Mbit-Download-Geschwindigkeit.
    Endgegen Versatel, die grundsätzlich keine Verträge mit Verbrauchern schließen, die schlechte Schufa-Einträge haben – und das kann auch durch menschliches Versagen passieren -, behält sich unitymedia für diese Fälle lediglich Sicherheiten vor, schließt jedoch nicht grundsätzlich gleich Verträge mit jenen Menschen aus. Ich hab’ keine Schufa-Einträge, lehne Versatels ausgeführte Praxis jedoch entschieden ab; deshalb fällt meine Wahl jetzt auf unitymedia.

  6. Leute, nichts ist umsonst -...
    Leute, nichts ist umsonst – werden Services angeboten , muss irgendwann auch mal Geld verdient werden. Sonst macht das für wirtschaftlich handelnde Unternehmen keinen Sinn mehr.

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