Netzwirtschaft

Kampf um die Zahlsysteme: Die Internetunternehmen wollen jetzt Geld sehen

Der Kiosk feiert seine Renaissance – im Internet. Allerdings nicht als Miniladen an der Ecke. Stattdessen wollen die großen Internetunternehmen wie Apple, Amazon, Google und Ebay eigene Kiosksysteme oder Zahlsysteme etablieren. Am liebsten gleich als Industriestandard, um ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzubekommen.

Der Wettlauf läuft auf Hochtouren. Apple hat mit seinem App-Store und dem iBook-Store schon die meiste Vorarbeit geleistet und arbeitet nun an einer eigenen Kioskversion für Verlagsinhalte. Der Online-Händler Amazon verkauft schon seit einiger Zeit Bücher für sein Lesegerät Kindle, plant aber nun offenbar noch einen App-Store für Android-Applikationen des Konkurrenten Google, der wiederum unter dem Arbeitstitel Newspass ein Zahlsystem für Verlagsinhalte aufbaut. Genau dieses Ziel verfolgt aber auch die Ebay-Tochtergesellschaft Paypal. Und sogar die Mobilfunker wagen nach erfolglosen Versuchen jetzt wieder einen Anlauf: Mpass heißt die Brancheninitiative von Vodafone, 02 und der Deutschen Telekom, deren Ziel ein Zahlsystem für Mobiltelefone ist, das „zum wichtigsten Bezahlverfahren Deutschlands” werden soll. Diese Pläne könnte allerdings mal wieder Google durchkreuzen. Seitdem Vorstandschef Eric Schmidt auf einer Branchenkonferenz ankündigte, mit dem neuen Google-Smartphone Nexus S könne man mit Hilfe der eingebauten Funktechnik NFC (Near Field Communication) auch leicht an der Kasse bezahlen, brodelt die Gerüchteküche wieder. Denn auch Paypal arbeitet an einem kommerziellen NFC-Dienst für das Zahlen per Handy.

Bei i Apple hapert es wohl weniger an der Technik als an den Geschäftsbedingungen, die das Unternehmen bisher allein diktiert. Viele Inhalteanbieter fordern mehr Gestaltungsoptionen und mehr Kundendaten. Konkret fordern sie, auch Abonnements unter eigenem Namen und zu individuellen Konditionen verkaufen zu können, was Apple bisher nur in Ausnahmefällen erlaubt. Zudem wollen die Verlage gerne wissen, wer ihre Apps kauft, sollte die mögliche Kannibalisierung ihrer Printprodukte eintreten. Apple überlegt nun offenbar, die Käufer um Erlaubnis zu fragen, einige Daten wie Namen und E-Mail-Adresse an den Verlag weiterzureichen. Dass die Verlage damit zufrieden sind, ist eher unwahrscheinlich, da nur wenige Nutzer in der Übertragung ihrer Daten einen Vorteil sehen und dem Transfer zustimmen.

Strategisch interessanter ist die Entscheidung von Amazon, einen Store für Apps des Google-Betriebssystems Android aufzumachen. Amazon will seine große Erfahrung ausspielen, Produkte aus einem großen Katalog gut auffindbar zu machen. „Die schiere Zahl der heute verfügbaren Anwendungen macht es schwer für den Kunden, qualitativ hochwertige, relevante Produkte zu finden – und Entwickler haben ähnliche Probleme, genügend Aufmerksamkeit für ihre Apps zu finden”, schreibt Amazon in einem Blogeintrag. Der Schritt von Amazon könnte ein großes Geschäft werden, urteilt das Technik-Blog Silicon Alley Insider. „Amazon wird einen Mittelweg zwischen Apples manchmal verrückten Restriktionen und Androids ,frei für alle‘ versuchen. Der zweite Unterschied ist die Preisstrategie: Die Entwickler können einen Preis festlegen, doch Amazon hat das Recht, die Apps mit einem großen Abschlag zu verkaufen, um den Umsatz zu maximieren.”

Gerade in diesem Punkt hat Amazon mehr Erfahrung und Erfolg als jeder andere Händler im Internet. Das gilt auch für die Empfehlungsfunktionen, mit denen Kunden auf ergänzende oder alternative Produkte aufmerksam gemacht werden. Google hat allzu großes Geschick im Online-Vertrieb bisher nicht unter Beweis gestellt, weshalb Amazon in diesem Punkt klare Vorteile am Markt eingeräumt werden. Nachholbedarf hat der weltgrößte Online-Händler dagegen im mobilen Internet – und dafür sind die Apps schließlich gebaut. Doch Amazon versichert, im ganzen Unternehmen hart zu arbeiten, um die Produkte und Dienste auch mobil zur Verfügung zu stellen.

Amazon gilt als stark genug, um mit dem neuen App-Store die Android-Plattform zusätzlich zu fragmentieren und Google die Vertriebshoheit über die Android-Apps streitig zu machen. Beides wird die Strategen im Google-Hauptquartier im kalifornischen Mountain View nicht gerade freuen. Vielleicht sind die Googler aber gerade mit anderen Dingen wie einem Bezahlsystem für Handys beschäftigt, dem nächsten heißen Thema im Web. Statt Bargeld oder Kreditkarte zückt man an der Kasse im Supermarkt oder in der Parkgarage nur noch sein Mobiltelefon. Die Nahfunktechnik NFC, die von NXP Semiconductors und Sony schon 2002 entwickelt wurde, kann Daten kontaktlos über eine Strecke bis zehn Zentimeter und ohne Anmeldeprozedur übertragen. 2004 haben sich 130 Unternehmen im NFC-Forum zusammengeschlossen, um die nötigen Standards zu vereinbaren. Diese Standards wurden 2009 verabschiedet, so dass die Technik bereit ist, von der Nische in den Massenmarkt vorzudringen. Zum Beispiel testet die Deutsche Bahn gemeinsam mit den Mobilfunkern Vodafone, 02 und Deutsche Telekom das Ticketsystem „Touch & Travel”, das als eine Möglichkeit den Kauf eines Tickets auf Papier überflüssig machen kann.

Für NFC ist der Weg in den Massenmarkt aber erst frei, wenn genügend Handys mit dieser Technik ausgestattet sind. In diesem Jahr könnte der große Schub beginnen: Sowohl Googles neues Flaggschiff Nexus S als wahrscheinlich auch das iPhone 5 von Apple werden NFC an Bord haben und diese Technik damit quasi zur Standardausstattung befördern. In dem NFC-Chip könnten neben der Zahlungsfunktion auch Informationen über Kundenkarten oder Coupons integriert werden.

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