Netzwirtschaft

Soziale Netzwerke machen nur wenige Investoren glücklich

Dass Rupert Murdoch die Geduld mit seinem sozialen Netzwerk MySpace verlieren wird, war zu erwarten. Überrascht hat eher, wie lange er mit der Notbremsung gewartet hat. Denn eine Chance gegen Facebook hatte MySpace schon lange nicht mehr. Nun muss das geschrumpfte Netzwerk umgehend Gewinne erzielen, oder es wird verkauft – für einen Bruchteil seines ursprünglichen Preises. Murdoch droht sogar der Totalverlust, denn soziale Netzwerke erobern entweder den ganzen Markt – was auch ein Nischenmarkt sein kann – oder gehen ein, wenn die Nutzer mit der Massenabwanderung begonnen haben. 

MySpace ist das vorerst letzte aus einer langen Reihe gescheiterter Netzwerke. 2002, noch mitten in der großen Internet-Depression, kam das amerikanische Netzwerk Friendster an den Start und gewann schnell viele Anhänger. Die Idee des „sozialen Internet” war geboren und fand rasch Nachahmer: MySpace begann seine Tätigkeit 2003, bevor 2004 Facebook gegründet wurde. Der Nachfolger machte es stets besser als sein Vorgänger: MySpace überholte Friendster und Facebook überholte MySpace. Die Überlegung, dass Netzwerkeffekte den Marktführer unangreifbar machen, hat sich zumindest bisher nicht bewahrheitet. In Deutschland wurde Facebook 2005 zunächst erfolgreich von Studi VZ (Holtzbrinck) kopiert und behauptete sich bis 2009 gegen das amerikanische Vorbild, musste sich aber inzwischen wie die anderen deutschen Netzwerke Wer-kennt-wen (RTL), die Lokalisten (ProSieben Sat.1) und Stayfriends, deren tägliche Reichweite sinkt oder bestenfalls stagniert, dem Weltmarktführer geschlagen geben.

Die junge Geschichte sozialer Netzwerke ist voll von finanziellen Desastern: An der Spitze stehen die 850 Millionen Dollar, die AOL für das britische Netzwerk Bebo bezahlt hat. Inzwischen hat AOL Bebo weiterverkauft – für 5 Millionen Dollar. Die ehemalige Bebo-Vorstandsvorsitzende Joanna Shields ist heute übrigens Europa-Chefin von Facebook. Für Rupert Murdoch ist das MySpace-Desaster nun nicht ganz so groß: Den 580 Millionen Dollar, die er einst für die Übernahme von MySpace bezahlt hat, stehen nennenswerte Einnahmen gegenüber, zum Beispiel rund 1 Milliarde Dollar von Google, um die bevorzugte Suchmaschine in MySpace zu sein.

In Deutschland liegen die Summen, die von den Medienunternehmen investiert wurden, im unteren oder mittleren zweistelligen Millionenbereich. Ärgerlicher ist für den Holtzbrinck-Verlag eher, Studi VZ nicht komplett an Facebook verkauft zu haben, als die Amerikaner sich monatelang um den deutschen Klon bemühten und schließlich entnervt von dannen zogen. Die eingetauschten Facebook-Anteile wären heute Milliarden wert.

Die meisten übrig gebliebenen Facebook-Konkurrenten suchen inzwischen nach einer Nische, in der sie überleben können. Investierten vor einigen Jahren noch mehrere Medienunternehmen in den Kauf dieser Netzwerke, fließt jetzt nur noch Geld in Facebook – zuletzt 500 Millionen Dollar von Goldman Sachs und dem russischen Investor DST. Neben Facebook etablieren sich spezialisierte Netzwerke wie Researchgate, das sich auf die Verbindung von Forschern konzentriert. Zudem gibt es Geschäftsnetzwerke wie Xing und Linkedin. Beide scheinen sich behaupten zu können. Xing hat den Sprung an die Börse schon geschafft; Linkedin will noch in diesem Jahr an den Kapitalmarkt.

Bleibt die Frage, wer oder was Facebook vom Thron stoßen kann. Das Unternehmen befriedigt ein Grundbedürfnis der Menschen, die Kommunikation, beinahe perfekt. Ein ernsthafter Konkurrent ist im Moment nicht in Sicht. Bekanntlich führen Monopole aber zur Trägheit und eröffnen innovativen Ideen neue Chancen. Das nächste große Ding ist dann wahrscheinlich eine mobile Anwendung und kann sich über ein Übernahmeangebot von Google heute schon freuen.

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