Netzwirtschaft

Xing-Chef Groß-Selbeck: "Wir suchen Akquisitionsobjekte"

Das Online-Geschäftsnetzwerk Xing will dem amerikanischen Weltmarktführer Linkedin mit einem anderen Geschäftsmodell und Akquisitionen Paroli bieten. Um zu verhindern, dass Xing wie Studi VZ vom Wettbewerber überrollt wird, konzentriert das Netzwerk alle Kräfte auf Deutschland. Doch auch der deutsche Markt wird härter, da Linkedin unter dem neuen Europa-Chef Ariel Eckstein in Deutschland zum Angriff bläst. Das FAZ-Interview mit Xing-CEO Stefan Groß-Selbeck über seine Abwehrstrategie.

Ihr schärfster Wettbewerber Linkedin hat ein beachtliches Debüt an der Börse hingelegt. Sind Sie neidisch?

Groß-Selbeck: Nein. Der Xing-Aktienkurs ist im vergangenen halben Jahr von etwa 30 auf zirka 55 Euro gestiegen. Im Umfeld des Börsengangs unseres Wettbewerbers werden auch mehr Xing-Aktien gehandelt. Die Aufmerksamkeit für unsere Aktie steigt.

Die zent rale Frage lautet aber: Wie will Xing es schaffen, dem Schicksal von Studi VZ zu entgehen, vom amerikanischen Weltmarktführer in Deutschland überrollt zu werden?

Groß-Selbeck: Zunächst ist unsere Ausgangsposition besser. Wir haben mehr Mitglieder, mehr Aktivität und wir wachsen schneller als unser Wettbewerber. Der entscheidende Unterschied zum Fall Studi VZ/Facebook ist aber: Xing hat eine Philosophie, die sich von unserem Wettbewerber grundlegend unterscheidet. Zu dieser Philosophie gehört, dass wir auf Xing Kontakte zwischen Menschen herstellen, die bisher keinen Kontakt hatten, für die ein Kontakt aber sinnvoll ist, weil es Anknüpfungspunkte für eine Geschäftsbeziehung gibt. Um das zu ermöglichen, muss aber jedes Mitglied die Profile der anderen Mitglieder einsehen können – genau das geht bei unserem Wettbewerber aber gar nicht.

Wie wirkt sich das auf die Geschäftsmodelle aus?

Groß-Selbeck: Unser amerikanischer Wettbewerber erzielt den Großteil seines Umsatzes mit Recruiting, vor allem mit den Lizenzen, die an Headhunter verkauft werden. Nur durch den Erwerb einer solchen Lizenz bekommt man Zugang zu den Profilen der Nutzer. Bei uns kann das jeder Nutzer kostenfrei. Weil das der mit Abstand größte Umsatzanteil unseres Wettbewerbers ist, kann er gar nicht das tun, was wir anbieten: die Freiheit, sich mit anderen Geschäftsleuten zu verbinden. Insofern gibt es klare Unterschiede zwischen den Philosophien und Geschäftsmodellen der Unternehmen.

Aber wie kommt es, dass nur noch die Deutschen das Xing-Konzept mögen, sich in allen anderen Ländern aber Linkedin durchgesetzt hat. Xing hat es ja in Spanien und der Türkei versucht – aber keinen Erfolg gehabt.

Groß-Selbeck: Wir haben uns im vergangenen Jahr entschieden, uns auf die Märkte mit dem größten Wachstumspotential zu konzentrieren – und das ist der deutschsprachige Raum. Hier sind erst 5 Prozent der Bevölkerung in einem Geschäftsnetzwerk aktiv; in den Vereinigten Staaten, den Niederlanden oder in Großbritannien sind es 10 bis 15 Prozent. Aber wir werden in Deutschland aufholen. Der Unterschied zwischen den 5 und 15 Prozent ist unser Wachstumspotential.

Das erklärt aber nicht, warum Xing in Spanien nach den beiden Akquisitionen jeweils wieder Nutzer verloren und dort inzwischen keine Chance mehr gegen Linkedin hat.

Groß-Selbeck: Das ist so nicht richtig. Aber die Akquisitionen sind lange vor meiner Zeit gelaufen; die möchte ich nicht kommentieren. Wie jedes Unternehmen konzentrieren wir uns auf den Markt mit dem größten Potential. Und das ist in Deutschland höher als in Spanien.

Gut, dann sprechen wir über den Markt, auf dem Sie das größte Wachstumspotential vermuten. Wie schnell legen denn die tägliche Nutzung und die verbrachte Zeit auf Xing in Deutschland zu?

Groß-Selbeck: Diese Zahlen veröffentlichen wir nicht. Aber neun von zehn Premiummitgliedern sind mindestens einmal im Monat auf der Seite aktiv. Die meisten Premiummitglieder kommen wesentlich häufiger.

Nun steht Xing unter dem Verdacht, dass viele nichtzahlende Mitglieder Karteileichen sind. Wie aktiv sind denn die Nichtzahler, die ja mehr als 90Prozent Ihrer Nutzerbasis ausmachen?

Groß-Selbeck: Mir ist nicht bekannt, dass jemand diesen Verdacht geäußert hätte. Es stimmt auch nicht. Es gibt nirgendwo eine aktivere Nutzerschaft bei professionellen Netzwerken als die von Xing. Laut Comscore hatten wir im April dieses Jahres mehr als 4 Millionen Besucher allein in Deutschland. Das ist in Relation zu unserer Mitgliederbasis ein wesentlich besserer Wert als ihn unser Wettbewerber in seinem Heimatmarkt hat.

Holt Linkedin in Deutschland auf?

Groß-Selbeck: Xing wächst in Deutschland schneller als jeder Wettbewerber.

Während Linkedin mit dem Börsengang viel Geld für seine Expansion eingesammelt hat, wird Xing 20 Millionen Euro ausschütten. Haben Sie keine Ideen, wie das Geld sinnvoll investiert werden kann?

Groß-Selbeck: Wir generieren genügend Mittel und werden auch nach der Ausschüttung 40 Millionen Euro Barbestände zur Verfügung haben. Wir können also alle Investitionen weiter tätigen, die für weiteres Wachstum sinnvoll sind. Zum Beispiel haben wir unser Personal in den vergangenen 18 Monaten verdoppelt und dabei überwiegend Entwickler eingestellt. Darüber hinaus haben wir Ende vergangenen Jahres Amiando gekauft. Wir sind für weitere Investitionen gut gerüstet. Daher ist es sinnvoll, das Geld, das man für das Wachstum nicht braucht, auszuschütten.

Sie könnten das Geld ja auch für Akquisitionen nutzen, zum Beispiel für den Stellenmarkt?

Groß-Selbeck: Wir haben 40 Millionen Euro Cash, sind schuldenfrei und haben uns auf der Hauptversammlung gerade weiteres Kapital genehmigen lassen. Wir haben damit die Möglichkeit, Unternehmen unserer Größenordnung zu akquirieren.

Die es aber nicht gibt.

Groß-Selbeck: Es ist in der Tat nicht einfach, in Europa eine Internetfirma in einer substantiellen Größenordnung zu finden.

Weil diese Unternehmen vorher an die Amerikaner verkauft werden?

Groß-Selbeck: Ja, das ist in vielen Fällen so. Aber unsere Übernahme von Amiando zeigt, dass es dennoch möglich ist.

Das heißt aber doch, dass Ihr Markt zu klein ist, um groß zu denken?

Groß-Selbeck: Nein, das heißt es nicht. Das Wachstumspotential ist erheblich. Außerdem macht es keinen Sinn, ein Unternehmen zu kaufen um des Kaufens willen. Es muss schon strategisch passen wie im Fall von Amiando. Und wir suchen weiter nach Akquisitionsobjekten.

In welchen Bereichen suchen Sie?

Groß-Selbeck: Nehmen Sie das Beispiel des Stellenmarktes. Ein Suchender hat keine Chance, einen kompletten Überblick über aktuell interessante Stellen zu bekommen. Ein soziales Netzwerk hat Instrumente, um diesen Markt transparenter zu machen. Zum Beispiel Profildaten, die sich mit einer Stellenbeschreibung abgleichen lassen. Wir suchen also analog zu diesem Beispiel Märkte, in denen soziale Netzwerke mehr Transparenz schaffen.

Zum Beispiel?

Groß-Selbeck: Ich kann hier natürlich nichts Konkretes sagen. Aber um ein paar Beispiele zu nennen: Bildung ist spannend. Es wäre doch denkbar, den Mitgliedern Qualifizierungsmaßnahmen vorzuschlagen, damit sie beruflich den nächsten Schritt machen können. Ein anderes interessantes Thema könnten zum Beispiel Marktplätze sein.

Nun haben Sie Ihren Internetauftritt überarbeitet. Das neue Xing sieht aus wie Facebook in Grün. Haben Sie abgekupfert?

Groß-Selbeck: Nein. Das ist ein Ergebnis eines intensiven Prozesses mit vielen Tests. Dass einzelne Elemente wie der Newsfeed von anderen Netzwerken entwickelt und zu einer Art Standard geworden sind, sollte uns nicht davon abhalten, damit zu arbeiten und sie für den beruflichen Kontext zu erschließen. 

Foto: Xing

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