Netzwirtschaft

Eine ganze Industrie findet keine Antwort auf Apple

Die Welt der Computer ist in Bewegung wie lange nicht. Ob es sich um moderne Smartphones, Tabletcomputer oder die klassischen Rechner unter den Schreibtischen handelt – selten zuvor haben sich Gewichte und Marktanteile so schnell verschoben, sind aus Gewinnern quasi über Nacht Verlierer geworden. Selten zuvor hat es aber ein Unternehmen wie Apple gegeben, das für eine solche tektonische Plattenverschiebung in gleich mehreren Hardware-Märkten allein verantwortlich war. Gemessen am Anteil an den verkauften Geräten liegt der Apfel-Konzern jetzt auf Platz 1 in der Smartphone-Welt, auf Rang 2 in der Computer-Welt und belegt Rang 4 in der Handy-Welt. Noch demütigender für die Konkurrenz: Apple hat im zweiten Quartal zwar nur 5,6 Prozent aller Handys verkauft, aber damit 66 Prozent der Gewinne aller Handyproduzenten erzielt.

Das Unternehmen von Steve Jobs hat maßgeblichen Anteil daran, dass im finnischen Espoo ein wahrscheinlich ratloser Nokia-Chef Stephen Elop sitzt, der den jähen Niedergang des einst unangefochtenen Marktführers bisher nicht stoppen konnte. Im Gegenteil: Der Absturz hat sich im zweiten Quartal spürbar beschleunigt, denn der Marktanteil der Finnen in der lukrativen Smartphone-Sparte ist um 9 Prozentpunkte gegenüber dem 1. Quartal auf nur noch 15 Prozent gesunken, hat das Marktforschungsunternehmen Strategy Analytics gemessen. In den Quartalen zuvor hatte das Unternehmen, das diese internetfähigen Handys einst erfunden und vor vier Jahren noch zwei Drittel des Marktes beherrschte, jeweils „nur” 5 Prozentpunkte verloren. „Die große Geschichte ist, dass es einen klaren, nichtsaisonalen Rückgang in der Performance von Nokia und RIM gab”, sagt Horace Dediu vom Marktforschungsunternehmen Asymco. Nokias Niedergang habe sich derart beschleunigt, dass Apple und Samsung an den Finnen vorbeigezogen seien. HTC werde im kommenden Quartal wahrscheinlich RIM überholen und vielleicht sogar auch gleich Nokia. „Es ist sehr klar, dass das Blackberry-Betriebssystem und die Nokia-Plattform Symbian zu einer Last geworden sind”, sagt Dediu. Sein Fazit: Die Zeit der Vielfalt auf dem Smartphone-Markt ist vorbei. Künftig teilen sich Apple und die Android-Fraktion, zu der Samsung und HTC gehören, den Markt auf.

Bleibt Nokias Fallgeschwindigkeit so hoch, wird das Unternehmen zum Jahresende auf dem Smartphone-Markt faktisch keine Rolle mehr spielen. Dann könnten die neuen Geräte mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone 7 fast schon zu spät kommen, zumal Microsoft mit seinem Betriebssystem auch im zweiten Quartal keine nennenswerten Marktanteile gewonnen hat. Für beide Konzerne schwindet die Hoffnung, mit den beiden tonangebenden Unternehmen Apple und Google (als Produzent des marktführenden Betriebssystem Android) mithalten zu können. Doch es ist nicht nur Apple allein, das Nokia in den Abgrund zieht. Auch Samsung oder HTC, die primär auf das Google-Betriebssystem Android setzen, haben ihre Anteile in den vergangenen zwölf Monaten kräftig ausgebaut.

Für Nokia kann es nur ein schwacher Trost sein, dass Apple auch im Computergeschäft den Markt von hinten aufrollt. Innerhalb eines Jahres hat das Unternehmen die Konkurrenten Dell und Lenovo überholt und weist jetzt den zweitgrößten Marktanteil auf. Der Erfolg ist vorwiegend dem iPad zu verdanken, mit dem Apple rund drei Viertel des schnell wachsenden Tabletmarktes beherrscht. Der Anteil der Tabletcomputer am gesamten Computermarkt ist in den vergangenen zwölf Monaten von 4 auf 14 Prozent gestiegen – und das Potential scheint noch lange nicht ausgeschöpft zu sein. Wurden im vergangenen Jahr knapp 18 Millionen Tabletcomputer verkauft, könnten es nach Schätzung von Maynard UM von der Schweizer Bank UBS in diesem Jahr schon 60 Millionen und im kommenden Jahr sogar 90 Millionen sein. Davon sollen 53 Millionen auf Apple entfallen, während der zweitgrößte Anbieter Samsung nur 7 Millionen Geräte absetzen kann. „Alle Android-Tablets von Herstellern wie Samsung, Acer, Asus, Motorola oder andere haben im zweiten Quartal zwar einen Marktanteil von 30 Prozent erreicht. Aber keiner dieser Hersteller hat bisher ein Blockbuster-Gerät auf den Markt gebracht, das mit dem iPad mithalten kann”, sagt Neil Mawston von Strategy Analytics. Andere Betriebssysteme, zum Beispiel von Research in Motion (RIM) oder das WebOS von Hewlett-Packard, scheinen auch im Tabletmarkt gegen Apple und Android keinen Stich zu bekommen – zumal sich die App-Entwickler auf Apple und Android konzentrieren und damit die Attraktivität dieser Systeme stetig steigern. Nach Schätzungen von UBS-Analyst Um wird Apple auch im kommenden Jahr den Tabletmarkt mit mehr als 50 Prozent Marktanteil beherrschen. Mit Spannung wird erwartet, ob der Online-Händler Amazon seinen angekündigten Tabletcomputer zu einem echten iPad-Rivalen ausbauen kann. Die Messlatte liegt aber hoch, denn schon im Herbst könnte Apple das iPad 3 auf den Markt bringen, das wohl mit dem vom iPhone 4 bekannten Retina-Display bestückt sein wird. Für den Herbst wird auch schon das iPhone 5 erwartet, das im Smartphone-Markt einen neuen Standard setzen könnte.

Treiber der Änderungen ist die Verlagerung der Computerleistung von stationären auf mobile Geräte. Nach einer Studie des Beratungsunternehmens Accenture surfen inzwischen 28 Prozent der Deutschen mobil im Internet – gegenüber dem vergangenen Jahr ein Anstieg um 11 Prozentpunkte, was sieben Millionen Menschen entspricht, die relativ gleichmäßig verteilt in allen Altersgruppen zu finden sind. Auch die Intensität der Nutzung ist in den vergangenen zwölf Monaten kräftig gestiegen: 58 Prozent der mobilen Surfer sind täglich im Netz unterwegs, hat Accenture mit einer Befragung von mehr als 4000 Verbrauchern im deutschsprachigen Raum herausgefunden.

Die häufigsten Anwendungen sind E-Mails, Wetterinformationen, Wegbeschreibungen, Nachrichten und die Suche nach Reiseverbindungen. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Während bei den jungen Menschen zwischen 14 und 19 Jahren die sozialen Netzwerke am häufigsten mobil genutzt werden, dominiert bei den Älteren die E-Mail. Diese Nutzer setzen auch viel häufiger Nachrichten-Apps ein als die Jungen. Der Schwerpunkt des App-Einsatzes liegt auf privaten Feldern. Geschäftsanwendungen werden dagegen kaum genutzt, haben die Accenture-Marktforscher erfahren. Ähnlich ist die Aufteilung bei den Tabletcomputern, die ebenfalls vorwiegend für private Zwecke eingesetzt werden.

Das mobile Internet schafft neue Möglichkeiten für die Werbung, die den aktuellen Aufenthaltsort berücksichtigt. Allerdings lehnt die Mehrheit der Nutzer Werbung auf ihrem Smartphone strikt ab. Sonderangebote von Geschäften oder Restaurants in der Nähe finden allerdings eine deutlich größere Akzeptanz. Viele Start-ups entwickeln gerade Geschäftsmodelle, um mit mobilen Anwendungen mehr Kunden zum stationären Handel zu lotsen. „Wir sind Freunde des Handels”, sagt Georg von Waldenfels, dessen Unternehmen Loxideals Gutscheine für Lebensmittel und Drogerieprodukte digitalisiert.

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