Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Facebook: Der Masterplan des Mark Z

| 33 Lesermeinungen

Ein großer Schritt von Facebook - eigentlich die wichtigste Änderung seit Jahren. Das Teilen von Medieninhalten - und zwar auf der Facebook-Seite und per Buttons eigentlich auf jeder Website - wird deutlich erleichtert und damit angetrieben. Auch wenn sich die Medien nach Apple von einer weiteren Plattform anhängig machen, wird der zusätzliche Traffic wie ein Magnet auf sie wirken. Nachdem Facebook bereits die Kommunikation weitgehend auf seine Seite gezogen hat, soll nun der Medienkonsum folgen. Zuckerberg hat 800 Millionen Argumente auf seiner Seite.

Facebook hat auf seiner Entwicklerkonferenz f8 in San Francisco drei wesentliche Neuerungen verkündet, die Facebook – das ist die wesentliche Botschaft – in eine Medienplattform verwandeln sollen. Das ist der Versuch, nach der Kommunikation auch die Information und die Unterhaltung auf die Facebook-Seite zu ziehen. Aber die eigentliche Revolution liegt in der Möglichkeit, dass die Nutzer ihre Vorlieben oder Handlungen mit Hilfe strukturierter Daten beschreiben können. „Mark Z hat das sematische Web angekündigt, ohne es so zu nennen“, twitterte Esther Dyson. Das ist so genial, dass es erst auf den zweiten Blick auffällt. „Die beste Strategie eines Technologie-Unternehmen, die es je gab“, sagte Salesforce-CEO Marc Benioff direkt nach der f8 zu Zuckerberg, weiß David Kirkpatrick. Das Problem: Diese Neuerungen sind für die Werbekunden gemacht, nicht für die Nutzer. Und die wehren sich jetzt.

Aber die Neuigkeiten der Reihe nach:

Timeline

Aus den bisher eher langweiligen Profilseiten werden optisch ganz nette Bilderstrecken, auf denen die Nutzer ihr gesamtes „Leben“ darstellen können – zumindest in der Facebook Sprachregelung. Dazu gehören neben den Fotos auch Karten mit den Orten, an denen man gewesen ist, welche neuen Freunde man gewonnen hat, künftig wohl auch, welche Musik man gehört und welche Film man gesehen hat. „Alle wichtigen Geschichten Deines Lebens auf Deiner Seite“, sagte Mark Zuckerberg dazu. Wer es mag, kann nun also sein ganzes „digitales Leben“ auf Facebook hinterlegen. Muss man aber nicht mögen. Hier das Video dazu:

Medienplattform

„Media is a social industry“, sagte Zuckerberg. Was er damit meint: Im neuen Ticker können Nutzer sehen, welche Musik ihre Freunde gerade hören, welche Filme sie sehen, welche Nachrichten sie lesen und welche Spiele sie spielen. Ein Klick auf den Eintrag im Ticker genügt, um die passende App mit Musik, Film, Nachrichten oder Spielen zu starten. Facebook wird damit zur Distributionsplattform für die Musik-, Film- und Nachrichtenindustrie. Zum Start sind Anbieter wie Yahoo News, das Wall Street Journal, die Washington Post oder der Guardian dabei. Musik kommt unter anderem von Spotify, Filme von Netflix. „Der Guardian denkt neu darüber nach, wie Menschen ihre Nachrichten mit der Integration in Facebook konsumieren. Sie haben es nun leichter, relevante Nachrichten mit Hilfe ihrer Freunde zu entdecken“, sagt Christian Hernandez, der für Plattform-Partnerschaften auf Facebook verantwortlich ist. Für den Guardian liegt das Motiv in zwei Dingen: Stammleser mit Inhalten versorgen und neue Leser ansprechen, die über die Empfehlungen ihrer Freunde vielleicht erstmal in Kontakt mit Inhalten des Guardian kommen, sagt Meg Pickard vom Guardian.

Das Ganze erinnert etwas a Bild zu: Facebook: Der Masterplan des Mark Zn Facebook Beacon, das Facebook nach kräftigen Nutzerprotesten allerdings wieder eingestellt hat. Per Beacon sollten die Nutzer ihren Freunden mitteilen, welche Produkte sie gerade auf Drittseiten gekauft haben. Das wollten die Nutzer damals nicht haben.  Aber dies ist wieder ein Schritt in diese Richtung, zwar nur für Musik, Filme, Nachrichten und Spiele, aber weitere Produkte könnten noch kommen. Dann werden Empfehlungen auf Facebook als Kriterium für den E- oder besser F-Commerce an Gewicht gewinnen.

Ungeklärt ist bisher, wie es mit den Rechten für Deutschland aussieht. Deutsche App-Partner standen nicht auf der Liste, aber das kann sich bis zum Start in Deutschland noch ändern.  Zum Start wird es in Deutschland aber wohl nur die Nachrichten geben. Auch ob das Bezahlen für Filme oder Musik per Facebook Credits möglich oder geplant ist, sagte Zuckerberg nicht. Aber das ist zu erwarten, wenn Facebook als Vertriebsplattform für die digitalen Inhalte mit Apple mithalten will. Das Ziel: „Die Menschen werden mehr Musik kaufen, wenn sie mehr entdecken“, sagte Spotify-Gründer Daniel Ek.

Open Graph

Künftig können Nutzer ihren Freunden im Ticker mitteilen, dass sie zum Beispiel ein Buch gelesen, einen Film geschaut oder eine Nachricht in einer der Apps gesehen haben. Die Übertragung der Information, einen Artikel gelesen oder ein Musikstück gehört zu haben, geschieht automatisch. Ein Klick ist nicht mehr nötig, wenn die Nutzer diesen Automatismus zuvor aktiviert haben. Hierin steckt großes Potential: Facebook erhält auf diese Weise eine große Menge strukturierter, maschinenlesbarer Daten über die Vorlieben der Menschen. Je mehr dieser Verben eingeführt werden, desto größer wird der Datenschatz, den Facebook erhält. „Mark Z announces semantic web without actually naming it“, twitterte @EstherDyson. Das ist der Punkt: Während viele Forscher sich noch den Kopf zerbrechen, wie aus dem unstrukturierten Web ein semantisches Web wird, dessen Inhalte von Maschinen verstanden werden, lässt Mark Zuckerberg seine Nutzer diese maschinenlesbaren Daten selbst erstellen. Diese können dann von den Facebook-Maschinen verarbeitet werden. Das Ergebnis: Facebook kennt die Vorlieben seiner Nutzer künftig noch viel besser, weil sie nicht nur auf den Profilangaben beruhen, sondern auf den eigenen und zudem strukturierten Angaben der Nutzer. Facebook verbindet künftig nicht nur Menschen miteinander, sondern Menschen mit Musik, mit Filmen, mit Spielen und sicher bald auch mit Produkten aller Art, für die es sicher bald Apps geben wird. Und an dieser Stelle wird es aus wirtschaftlicher Sicht richtig interessant: Facebook kann Bit für Bit die Vorlieben seiner Nutzer erkennen, was sie mögen, lesen, sehen, spielen, essen, künftig auch kaufen oder suchen. Das Ergebnis ist die Möglichkeit der perfekten Zuschneidung von Werbung und E-Commerce-Angeboten. Wenn die Nutzer tatsächlich mitmachen, könnte Facebook sogar besser als Google werden, denn eine Suchmaschine ist nur der Navigator, während Facebook die Destination ist, auf der die Menschen sich aufhalten. In den Apps der Medienunternehmen kann Werbung dann exakt an den Bedürfnissen der Nutzer ausgerichtet werden – denn Facebook kennt sie ja. Also werden viele Unternehmen sich auf die Plattform drängeln, um ihre Apps an den Mann zu bekommen. Dagegen regt sich der Widerstand der Nutzer, denen nach und nach die Kontrolle über ihre Daten entgleitet.

Facebook wird also die Spinne im Netz – ob die deutschen Datenschützer das wollen oder nicht. Die Nutzer müssen entscheiden, ob sie mitmachen wollen.

Fazit

Ein großer Schritt von Facebook – eigentlich die wichtigste Änderung seit Jahren. Das Teilen von Medieninhalten wird deutlich erleichtert und damit angetrieben. Auch wenn sich die Medien nach Apple von einer weiteren Plattform abhängig machen, wird der zusätzliche Traffic wie ein Magnet auf sie wirken. Nachdem Facebook bereits die Kommunikation weitgehend auf seine Seite gezogen hat, soll nun der Medienkonsum folgen. Die Einführung der „Verben“ wird Facebook eine Menge strukturierter Daten über das Verhalten und die Wünsche der Nutzer bringen. Diese Daten sind erstmals von Maschinen lesbar und entsprechend präzise lassen sich Vorhersagen über das Nutzerverhalten machen. Damit der Plan aufgeht, müssen nur noch die Nutzer mitmachen – die aber – nicht nur in Deutschland – viele Änderungen kritisch sehen. Die App-Entwickler werden kommen. Zuckerberg hat für seinen Masterplan 800 Millionen Argumente auf seiner Seite. Und Google+ sieht plötzlich ziemlich alt aus. 

Links:

Foto AFP

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33 Lesermeinungen

  1. The Big Brothe is watching...
    The Big Brothe is watching you.

  2. Wer gibt die Kredite, wer...
    Wer gibt die Kredite, wer zahlt, wenn die Rechnung nicht aufgeht?
    Die 800 Mio Facebook-User, oder werden diese Schulden wieder vom gemeinen
    Steuerzahler geschultert?

  3. <p>Also irgendwo hört´s...
    Also irgendwo hört´s doch dann mal auf oder? Wer das mag, dass jedes Tun, jeder Ort an dem man sich befindet, mit wem man gerade spricht oder welche Musik man sich anhört, AUTOMATISCH ohne Klick veröffentlicht wird – bitte! Aber da sind wir dem gläsernen Menschen (der wir sowieso schon so gut wie sind) absolut nahe! Ich hoffe, dass die neuen Funktionen wenigstens so eingestellt werden, dass man sie aktivieren muss, um sie zu nutzen und nicht umgekehrt!

  4. Die Privacy der...
    Die Privacy der Facebook-Nutzer ist mir ziemlich egal. Nicht egal ist mir, wer für
    die Kosten dieser virtuellen Netzkultur mit bezahlt.
    Schließlich hat die derzeitige virtuelle Schuldenkrise die virtuelle Finanzindustrie
    nicht alleine hergestellt, dazu brauchte sie schon die virtuelle Medienindustrie.
    .
    Meinetwegen dürfen die Facebook-Nutzer die Schulden gerne übernehmen.

  5. <p>Nun ja, wem es Spaß macht....
    Nun ja, wem es Spaß macht. Für meinen Teil: ich freue mich witzige oder kluge Bemerkungen von Bekannten zu hören – meinetwegen auch zum Tatort.
    Aber
    nichts nervt mich mehr als „xyz guckt Dornenvögel“, „abc ist in Düsseldorf Airport“ und „mnn findet Lindenstraße gut“ etc
    aber man muss es ja nicht nutzen und schon gar nicht regelmässig

  6. <p>Facebook ist halt ein...
    Facebook ist halt ein Unternehmen und will die Nutzer im übertragenen Sinne auf den Strich schicken damit Geld in die Kasssen von Facebook fließt.

  7. Wollt Ihr die totale...
    Wollt Ihr die totale Abhängigkeit? Im virtuellen Sportpalast brüllen 800 Millionen Glasmenschen:
    Jaaaaaa. Facebook befiehl! Wir folgen,

  8. Toller Beitrag.
    Ich habe auch...

    Toller Beitrag.
    Ich habe auch Einen… Du solltest Dich mit ihm einmal beschäftigen und das Potential erkennen, denn niemand muss sich auf sein Glück verlassen, wenn er eigene Fähigkeiten einsetzen kann.
    Glück ist ein nicht zu berechnender Faktor. Mit dem Einbau eines Features (Ceno) ist es gelungen, den Faktor Glück in Geschwindigkeit umzuwandeln. Und somit in eine Fähigkeit. Wenn es mir also möglich ist, aufgrund meiner Fähigkeiten (Schnelligkeit) aus 10,- unglaubliche 5.000,- zu machen, ist das ein absolut überschaubares Risiko.
    Nimm Dir zwei Minuten Zeit, um das System verstehen. Nur weil das Ganze noch relativ neu und unbekannt ist, ist es noch lange keine Abzocke, denn das Projekt wird notariell beaufsichtigt.
    So entstehen auf dem Markt der Internetlotterien völlig neue Möglichkeiten.
    Mein Name ist Programm

  9. Zuckerbergs baby und junkfood...
    Zuckerbergs baby und junkfood – Niemand braucht Müll.

  10. Facebook ist und bleibt der...
    Facebook ist und bleibt der letzte Dreck.

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