Netzwirtschaft

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Stabilität für eine Zeitraffer-Branche? Bankengruppe VTB investiert in russischen E-Commerce

Der Umsatz auf dem russischen Markt für E-Commerce soll sich bis 2015 mehr als verdoppeln, schätzen Analysten. Doch das Marktwachstum verläuft oft noch unstrukturiert. Nun hat sich die russische Bankengruppe VTB mit 18 Millionen Dollar am Inkubator Fast Lane Ventures beteiligt, an dem auch der deutsche Wagniskapitalgeber Eventure Capital Partners einen Anteil hält. Dessen Geschäftsführer hofft, dass sich die Kontinuität für Start-Up-Investitionen in Russland erhöht.

Wenn Andreas Haug über den russischen E-Commerce-Markt spricht, verwendet der Geschäftsführer des deutschen Wagniskapitalgebers Eventure Capital Partners das Wort „Zeitraffer“: Anders als etwa in Deutschland, würden viele Start-Ups in Russland das Stadium „stationärer Handel“ einfach überspringen, um direkt in den elektronischen Handel einzusteigen. Zum Beispiel die Outdoor- und Sportplattform Heverest.ru, in der Haug und Eventure über eine Beteiligung am russischen Inkubator Fast Lane Ventures investiert sind: Wo in Deutschland Multiabsatzkanal-Anbieter wie Sport Scheck oder Globetrotter mit einem Filialnetz im Rücken online gestartet sind, ist das Internet der einzige Ort, an dem ein Kunde Heverest aufsuchen kann.

Die Geschwindigkeit, mit dem russische Internet-Unternehmen wachsen, könnte in Zukunft noch zunehmen. Denn die Wagniskapitalgesellschaft Fast Lane Ventures hat seit Ende vergangener Woche einen neuen, mächtigen Partner: VTB Capital, nach eigenen Angaben der zweitgrößte Finanzdienstleister Russlands. Für 18 Millionen Dollar habe der Investmentzweig der russischen VTB Bankengruppe einen „niedrigen zweistelligen Prozentsatz“ an Fast Lane gekauft, berichtet Andreas Haug im Gespräch mit dem F.A.Z.-Netzwirtschaft-Blog.

In einer Mitteilung zeigte sich der Chef für Wagniskapitalgeschäfte bei VTB Capital, Aidar Kalijew, zuversichtlich über die Möglichkeiten, die mit der Investition verbunden sind. Der russische Internetmarkt sei zwar die Nummer eins in Europa, ließ sich Kalijew zitieren, jedoch sei der Grad des Wettbewerbs in vielen Segmenten niedrig. „Dieser Mangel bedeutet, dass wir neue Trends setzen können und die Marktführerschaft in neuen Geschäftsfeldern erobern können.“ Die Beteiligung an Fast Lane Ventures öffne ein „Fenster der Möglichkeiten“, um in der Sphäre des Internetkonsums zu reüssieren.

Andreas Haug von Eventure erhofft sich ebenfalls einen Schub für den russischen Internetmarkt: „Bis dato haben osteuropäische Märkte immer noch häufig das Manko, dass sich ausländische Investoren zurückhalten“, sagt Haug. Es herrschten mitunter immer noch viele Vorurteile vor. Durch die Kooperation mit einem international anerkannten Bankhaus gewinne man nun ein „anderes Standing und eine breitere Akzeptanz – gerade bei Venture Capital Firmen aus den Vereinigten Staaten“.

Die Partnerschaft zielt vor allem auf den immer noch wachsenden Markt für elektronischen Handel. Im Jahr 2010 setzte die russische E-Commerce-Branche 8 Milliarden Dollar um, schätzt die Investmentbank GP Bullhound; bis zum Jahr 2015 könnte der Umsatz auf 20 Milliarden Dollar steigen und sich mithin mehr als verdoppeln. Die Partnerschaft mit der VTB könne im E-Commerce-Markt beispielsweise dazu dienen, die Finanzierungsform „Venture Debt“ häufiger einzusetzen, sagt Haug. Vor allem junge Unternehmen, die Konsumgüter oder Modeartikel verkaufen, können sich so zu günstigen Konditionen finanzieren, um die vor dem Verkaufsstart notwendigen Waren überhaupt erst anschaffen zu können.

Darüber hinaus werde Fast Lane Ventures aber seinen Investitionsfokus in Russland beibehalten und neben dem E-Commerce auch auf Felder wie Soziale Medien oder Cloudcomputing richten, also die Auslagerung großer Datenbestände in die sogenannte Datenwolke. Haug kann sich auch vorstellen, das bisher vernachlässigte Segment mobile payment auf dem russischen Markt nun anzugehen. Die Partnerschaft mit der VTB könne auch helfen, dass die von Fast Lane Ventures unterstützten jungen Internetunternehmen Nachfolgeinvestoren finden. Ideenreiche Unternehmer gebe es viele in Russland, sagt Haug, aber oft fehle noch das nötige Kapital, um in strukturierter Form zu investieren. „Mit einem Partner wie VTB gelingt es, mehr Kontinuität bei Investitionen zu gewährleisten.“ Im besten Fall entsteht so ein bisschen mehr Stabilität in einer Branche im Zeitraffer-Modus.