Netzwirtschaft

Linkedin: Das Netzwerk, das der Börse besser gefällt als Facebook

Jeff Weiner hat tröstende Worte für Facebook. Wenn es nach dem Vorstandsvorsitzenden des amerikanischen Karrierenetzwerks Linkedin geht, hat es wenig zu bedeuten, ob ein Unternehmen einen guten Start an der Börse erwischt oder nicht. Bei einem Interview auf der Technologiekonferenz „D: All Things Digital” in Kalifornien zog Weiner vor wenigen Tagen Parallelen zu einer Ehe: Sicher, es mag am Hochzeitstag regnen, und man mag auch sich lange an das schlechte Wetter erinnern. Aber das sage noch längst nichts darüber aus, ob es am Ende eine gute oder eine schlechte Ehe wird. Reid Hoffman, Mitgründer und Verwaltungsratsvorsitzender des Unternehmens, meinte gar, er beschäftige sich allgemein wenig mit dem Börsengeschehen und schaue sich den Aktienkurs von Linkedin nur einmal im Monat an.

Die beiden haben freilich leicht reden. Denn Linkedin blickt bislang auf eine weitaus glanzvollere Börsenkarriere zurück als Facebook. Der Aktienkurs von Facebook ist seit dem Börsengang am 18. Mai gegenüber dem Ausgabepreis von 38 Dollar um mehr als 25 Prozent abgerutscht, am Freitag schloss er bei bei 27,72 Dollar. Linkedin kam fast auf den Tag genau ein Jahr vor Facebook mit einem regelrechten Kursfeuerwerk an die Börse. Im Vorfeld seiner damaligen Börsenpremiere erhöhte Linkedin – ebenso wie nun Facebook – seine Preisspanne deutlich, am ersten Handelstag verdoppelte sich der Kurs im Vergleich zum Ausgabepreis von 45 Dollar auf 94 Dollar. Der Linkedin-Kurs unterlag seither einigen Schwankungen, mal rutschte er unter 60 Dollar, mal lag er bei mehr als 115 Dollar. Im Moment notiert er um 91,50 Dollar, also in etwa auf dem Niveau des ersten Tages. Die negative Stimmung im Zusammenhang mit der Facebook-Börsenpremiere hat nur begrenzt auf Linkedin abgefärbt: Die Linkedin-Aktie hat seit dem 18. Mai an Wert verloren, aber nicht annähernd so viel wie Facebook.

Besonders bemerkenswert ist, dass Linkedin sich deutlich besser geschlagen hat als andere, viel höher eingeschätzte Internet-Börsengänge aus dem vergangenen Jahr. Die Rabattplattform Groupon und der Online-Spielenanbieter Zynga liegen mit ihren Aktienkursen heute deutlich unter den jeweiligen Ausgabepreisen und mit der Marktkapitalisierung hinter Linkedin. Der Börsenwert von Linkedin beträgt heute rund 9,5 Milliarden Dollar, Groupon kommt auf 6,3 Milliarden Dollar und Zynga auf 4,4 Milliarden Dollar.

Und während Facebook derzeit von vielen Seiten Prügel einstecken muss, bekommt Linkedin Applaus aus der Finanzszene: Analyst Mark Mahaney von der Citigroup stufte die Linkedin-Aktie in dieser Woche auf „Kaufen” hoch und setzte sein Kursziel auf 125 Dollar.

Es mag auf den ersten Blick etwas überraschen, dass die Börse derzeit Linkedin so viel mehr Wohlwollen entgegenbringt als Facebook – schließlich fallen beide Unternehmen in die Kategorie der Online-Netzwerke. Aber Linkedin hat als Karriereplattform nicht nur eine sehr spezifischere Ausrichtung als Facebook, auch das Geschäftsmodell ist ausgereifter. Facebook macht zwar insgesamt deutlich mehr Umsatz als Linkedin, aber das Unternehmen steckt noch in der Experimentierphase, wie aus der gigantischen Nutzergemeinde von mehr als 900 Millionen Mitgliedern am besten Kapital zu schlagen ist. Facebook hat eine Reihe verschiedener Werbeformate eingeführt, aber es fehlt noch die zündende Idee. Werbung ist die mit weitem Abstand wichtigste Einnahmequelle für Facebook und steht für mehr als 80 Prozent des Umsatzes. Der Rest entfällt auf Provisionen, die das Unternehmen zum Beispiel einstreicht, wenn der Partner Zynga in seinen Spielen auf der Facebook-Plattform virtuelle Güter verkauft.

Linkedin hat drei Umsatzsäulen: Werbung ist eine von ihnen, aber mit einem Anteil von zuletzt rund einem Viertel bei weitem nicht die größte. Mehr als die Hälfte des Umsatzes macht Linkedin mit Personalbeschaffungslösungen für Unternehmen. Darunter fallen kostenpflichtige Stellenangebote oder Instrumente, um auf der Seite nach geeigneten Kandidaten für eine Position zu suchen. Rund 20 Prozent des Umsatzes kommt direkt von Mitgliedern, die für Premium-Abonnements bezahlen. Alle drei Säulen schafften im ersten Quartal dieses Jahres deutliches Wachstum. Insgesamt konnte Linkedin in dem Zeitraum seinen Umsatz auf 188 Millionen Dollar mehr als verdoppeln. Es war das siebte Quartal in Folge mit einem Umsatzwachstum von mehr als 100 Prozent. Der Nettogewinn betrug 5 Millionen Dollar.

So dynamisch das Wachstum ist: Die Börsenbewertung von Linkedin ist nach traditionellen Maßstäben wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis atemberaubend hoch, sogar um ein Vielfaches höher als bei Facebook. Im Aktienkurs von Linkedin steckt somit viel Zukunftsphantasie: eine Wette, dass das Unternehmen sein Geschäft enorm ausweiten kann.

Das ist auch die Absicht von Vorstandschef Weiner, wie er auf der Konferenz sagte. Nach seiner Vorstellung soll Linkedin in Zukunft mehr sein als eine Adresse, um einen Job zu finden oder zu vergeben. Er will Linkedin zu einer Plattform für alle möglichen Formen der Geschäftsanbahnung machen, etwa um Investoren zu finden oder potentielle Kunden. Weiner grenzte sich dabei auch klar von Facebook ab: „Bei Linkedin geht es nicht darum, sich die Zeit zu vertreiben, sondern Zeit zu sparen.”

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