Netzwirtschaft

Erst Filmstudios, jetzt Videospiele: Die kuriosen Nebenprojekte von Amazon

Amazon.com ist eine Macht im Online-Handel. Das Unternehmen lockt seine Kunden mit einem riesigen Sortiment, Kampfpreisen und schneller Lieferung. Das hat Erfolg und beschert Amazon hohe Wachstumsraten – zum Leidwesen vieler traditioneller Einzelhändler, zu denen die Kunden manchmal nur noch kommen, um sich Ware anzusehen, die sie dann hinterher bei Amazon bestellen.

Neben dem Internethandel hat Amazon in den vergangenen Jahren seinen Aktionsradius erheblich ausgeweitet. Manche Dinge sind verwandt mit dem Kerngeschäft, andere etwas abseitiger. Mit „Amazon Web Services” bietet der Konzern Computerkapazitäten in seinen Rechenzentren an und hilft Unternehmen damit bei der Verlagerung ihrer Informationstechnologie in die „Cloud”. Dies ist ein signifikantes Geschäft für Amazon und dürfte Schätzungen zufolge jährliche Umsätze in Milliarden-Dollar-Höhe bringen – das Unternehmen selbst macht dazu keine konkreten Angaben. Dann gibt es natürlich die Hardware-Aktivitäten von Amazon, erst mit dem digitalen Lesegerät Kindle, dann mit dem Tablet Kindle Fire und Spekulationen zufolge vielleicht auch bald mit einem eigenen Smartphone. Wie bei den Cloud-Dienstleistungen hüllt sich Amazon auch hier in Schweigen, was Umsätze betrifft, und sagt lediglich, der Kindle Fire sei das meistverkaufte Produkt auf seiner Internetseite.

In dieser Woche hat Amazon sich wieder einmal auf ein neues Feld gewagt, und es ist einer der kurioseren Vorstöße. Amazon geht jetzt unter die Entwickler von Videospielen und hat dazu ein eigenes Studio („Amazon Game Studios”) ins Leben gerufen. Und wie um zu unterstreichen, dass es eine ernst gemeinte Initiative ist, in die nennenswerte Ressourcen fließen sollen, schrieb Amazon in einer Mitteilung: „Wir stellen ein!” – gefolgt von einer Email-Adresse für die Kontaktaufnahme.

Amazon dringt mit der Offensive in das Revier des Online-Spielespezialisten Zynga ein. Das neue Amazon-Studio will interaktive Online-Spiele produzieren, sogenannte „Social Games”, für die auch Zynga mit Titeln wie „Farmville” oder „Cityville” bekannt ist. Das erste Spiel mit dem Namen „Living Classics” hat Amazon schon veröffentlicht, es ist kostenlos und kann auf der Plattform des sozialen Netzwerks Facebook gespielt werden – so wie das auch bei den Zynga-Spielen mehrheitlich der Fall ist.

Die Initiative von Amazon kommt just zu einer Zeit, in der das Geschäftspotential von Social Games zunehmend in Frage gestellt wird. Dafür sorgte vor allem Zynga vor ein paar Wochen mit einem katastrophalen Quartalsbericht, der den Aktienkurs des erst im Dezember an die Börse gegangenen Unternehmens hat abstürzen lassen. Zynga macht den größten Teil seiner Umsätze mit dem Verkauf von virtuellen Gütern innerhalb seiner Gratisspiele. Die schwachen Zahlen und eine dramatisch korrigierte Gewinnprognose haben nun die Frage aufgeworfen, ob den Spielern womöglich die Lust daran vergeht, Geld für real nicht existierende Dinge auszugeben.

Vielleicht spekuliert Amazon aber mit seinem Vorstoß auch gar nicht auf gigantische Einnahmen mit virtuellen Gütern. Analysten sehen den Sinn eher darin, dass Amazon mehr eigene und womöglich exklusive Inhalte haben will, die dann Geräte wie den Kindle Fire oder das etwaige kommende Smartphone attraktiver machen könnten.

Es ist nicht die erste Initiative von Amazon, eigene Inhalte zu entwickeln. So hat das Unternehmen vor knapp zwei Jahren ein eigenes Filmstudio ins Leben gerufen. „Amazon Studios” ermuntert Filmemacher und Autoren, Rohversionen von Filmen oder auch Drehbücher einzureichen. Die Idee von Amazon ist es, aus diesem Pool die Projekte mit dem größten Publikumspotential auszuwählen und zu realisieren. „Wir freuen uns darauf, Kassenschlager zu entwickeln,” sagte der für die Amazon-Filmstudios verantwortliche Roy Price bei der Vorstellung. Nach jüngsten Angaben sind mittlerweile 16 Filmprojekte in der Entwicklung. Im Mai kündigten die Studios an, neben Filmen künftig auch Serien zu produzieren, zunächst Komödien und Kinderprogramme. Diese Serien sind dann aber nicht fürs Fernsehen gedacht, sondern für den Streamingdienst „Amazon Instant Video”. Bei diesem Angebot konkurriert Amazon mit dem amerikanischen Unternehmen Netflix, das ebenfalls verstärkt auf exklusive und selbst produzierte Serien setzt.

Eine andere Offensive bewegt sich näher an den Wurzeln von Amazon als Online-Buchhändler. So hat das Unternehmen einen eigenen Verlag und versucht zunehmend aggressiv, prominente Autoren unter Vertrag zu nehmen. Dazu heuerte Amazon im vergangenen Jahr den Branchenveteranen Laurence Kirshbaum an, der früher die Buchsparte des Medienkonzerns Time Warner führte. Amazon gelang es zum Beispiel, den Schauspieler James Franco oder den in Amerika sehr bekannten Motivationsguru Timothy Ferriss als Autoren für den Verlag zu gewinnen.

Wie sich all diese Aktivitäten in den Umsätzen oder den Kosten des umtriebigen Konzerns niederschlagen, ist für Außenstehende kaum zu durchschauen. Denn Amazon gibt seine Geschäftszahlen nur in sehr aggregierter Form preis. Kein Zweifel besteht aber daran, dass Amazon gewillt ist, viel Geld in seine Geschäfte zu pumpen. Amazon ist berühmt für seine Investitionsfreude und nimmt dabei auch gerne magere Gewinne in Kauf. So war es auch im jüngsten Quartal, als Amazon bei einem Umsatz von 12,8 Milliarden Dollar gerade einmal einen Nettogewinn von 7 Millionen Dollar auswies.

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