Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Die neue Lust auf soziale Netzwerke

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Facebook verdient gut, Twitter geht an die Börse - das Geschäft mit der Vernetzung scheint einträglich zu sein. Auch andere Online-Netzwerke wecken die Fantasien der Geldgeber, darunter eins aus Deutschland.

Wenn nicht noch etwas dazwischenkommt, wird am nächsten Donnerstag in der altehrwürdigen New Yorker Stock Exchange ein blauer Vogel schweben. Unter dem Vogel, dem Logo des Kurznachrichtendiensts Twitter, werden führende Manager und andere wichtige Mitarbeiter des Internetunternehmens stehen und klatschen, während eine Glocke laut und ausdauernd den jüngsten Börsengang eines sozialen Netzwerks einläutet.

Der gegen Ende der Woche erwartete Twitter-Börsengang, mit dem das Unternehmen umgerechnet mehr als 8 Milliarden Euro erlösen will, steht dabei sinnbildlich für ein wiedererwachtes Interesse von Investoren an sozialen Netzwerken. Internetunternehmen, die dafür sorgen, dass Menschen miteinander kommunizieren, Dinge oder Erlebnisse teilen oder sich virtuell verbinden, sind nicht nur bei Nutzern beliebt. Die Lust der Geldgeber ist groß, an dem geschäftlichen Erfolg von Netzwerk-Anbietern und Börsengängen wie denen von Facebook oder Twitter zu verdienen.

Die Anziehungskraft schlägt sich auch in den jüngsten Finanzierungsrunden für Anbieter der digitalen Vernetzung nieder, die aus den Vereinigten Staaten stammen, dem Mutterland der sozialen Netzwerke. In Amerika hat gleich eine ganze Reihe von Netzwerken in der jüngeren Vergangenheit Millionenbeträge eingesammelt. Sie erreichen inzwischen hochgerechnete Unternehmenswerte, die mehrere Milliarden Euro groß sind.

So vermeldete die Internet-Pinnwand Pinterest kürzlich den Einstieg neuer Investoren, die insgesamt umgerechnet 163 Millionen Euro mitbringen. Viel Geld für ein Unternehmen, das digitale Heftzwecken anbietet: Auf Pinterest können angemeldete Nutzer Fotos einstellen und mit anderen teilen. Dass darunter auch Produktabbildungen sein können, die Betrachter gleich zum nächsten Online-Händler bringen können, macht das Netzwerk für Geldgeber interessant. Über Provisionen für das Weiterleiten von Nutzern zu Händlern und über Werbeeinblendungen ließe sich vortrefflich Geld verdienen. Obwohl Pinterest diesen Beweis erst noch erbringen muss, ist das Netzwerk inzwischen mit rund 2,8 Milliarden Euro bewertet, im Februar waren es noch 1,8 Milliarden Euro.

Von solchen Größen ist das amerikanische Portal Nextdoor zwar noch weit entfernt. Doch hat das soziale Netzwerk für Nachbarschaften in der vergangenen Woche 44 Millionen Euro erhalten, die von den Investmentgesellschaften Kleiner Perkins Caufield & Byers (KPCB) und Tiger Global Managment stammen. KPCB ist alles andere als ein unbekannter Investor in der amerikanischen Technikbranche, zu seinem Portfolio zählen unter anderen Google, Facebook oder Amazon. Nextdoor ist damit nach nur zwei Jahren im Geschäft laut Informationen der „Financial Times“ rund 370 Millionen Euro wert.

Auch hier dürfte die Hoffnung auf künftige Werbeerlöse der große Treiber sein. In den virtuellen Kiez-Gemeinschaften können Nachbarn Seiten einrichten, um sich kennenzulernen, mit Rat oder Tat zu unterstützen – oder sogar um durch Nachbarschaftswachen die Kriminalität in ihren Wohngegenden zu senken, wie das Unternehmen in einer Selbstbeschreibung verspricht. Je mehr Menschen sich auf solchen Seiten tummeln, desto mehr dürften sie für lokale Werbekunden interessant werden. In den Vereinigten Staaten nutzen laut Nextdoor bislang 22 500 Nachbarschaften das Netzwerk aktiv, was etwa jeder siebten Wohngegend im Land entspricht. Im vergangenen Jahr sei die Nutzung um 400 Prozent angestiegen. Mit der neuen Finanzierung soll nun die internationale Expansion vorangetrieben werden, sagt eine Sprecherin.

Weniger klar auf der Hand liegen dagegen die Erlösmöglichkeiten von Snapchat, einem Fotoversendenetzwerk, in dem sich die Bilder der Nutzer nach kurzer Zeit selbst löschen. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser virtuellen Vergänglichkeit erfreut sich das Netzwerk vor allem unter jungen Menschen wachsender Beliebtheit. Die empfinden es nach mehreren amerikanischen Studien vermehrt als Last, dauernd auf Netzwerken wie Facebook zu sein, in denen die dort eingestellten Inhalte dazu noch relativ beharrlich bleiben. Erst im Juni hatte Snapchat 44 Millionen Euro frisches Geld erhalten, nun gibt es Gerüchte, dass eine neue Finanzierungsrunde kurz bevorsteht, die den Wert des Netzwerks auf rund 2,6 Milliarden Euro taxieren würde.

In Snapchat und Nextdoor investiert ist auch das amerikanische Beteiligungsunternehmen Benchmark Capital, das Anteile an Twitter hält. Einer der Benchmark-Partner ist Matt Cohler, der einer der ersten Mitarbeiter und Anteilseigner von Facebook war. Cohler hat seiner Beteiligungsgesellschaft auch ein Investment in ein deutsches Netzwerk empfohlen: das Berliner Unternehmen Researchgate, einem „Facebook für Wissenschaftler“, wie Cohler in der vergangenen Woche auf der Technologiekonferenz Techcrunch Disrupt Europe in Berlin umschrieb.

Dort zeigte er sich auch vom Erfolg von Internetunternehmen überzeugt, deren Geschäftsgrundlage auf dem Netzwerk-Effekt basiert. Der besagt, dass sich der Nutzen eines virtuellen Netzwerks vergrößert, je mehr Menschen daran teilnehmen. Zugleich nimmt aber auch die Abhängigkeit der Mitglieder vom Netzwerk zu, weil es immer teurer wird, nicht dabei zu sein. Daher ist Cohler auch überzeugt, dass Researchgate irgendwann finanziell erfolgreich sein wird. „Wenn ein Unternehmen ein Netzwerk-Geschäftsmodell richtig aufbaut, dann wird alles andere folgen.“ Auch das Geldverdienen.


1 Lesermeinung

  1. Ja, das liebe Geld...
    deswegen bin ich auch für das kostenlose, transparente, soziale Netzwerk der Vernunft…
    der Gewinn für alle wäre immens…:-)

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