Netzwirtschaft

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Amazon macht Vielbesteller zu Dauerschauern

| 5 Lesermeinungen

Der Onlinehändler ergänzt sein Vielbestellerprogramm Prime in Deutschland um Film- und Serienstreaming über das Internet. Der Schritt wirft ein Schlaglicht auf eine Branche in Bewegung.

Manchmal enthalten Aussagen von Internetunternehmen Anleihen an die Biologie. Da ist dann vom Ökosystem die Rede, womit Unternehmen wie Apple, Google, Facebook oder Amazon den von ihnen selbst angebotenen Mix aus Geräten, Anwendungen oder Dienstleistungen meinen. Das Ziel der Unternehmen  ist es dabei, die Kunden erst in diese Lebensräume zu locken, um sie dann darin so lange wie möglich zu halten – und Geld an ihnen zu verdienen.

In der neusten Mitteilung des Versandhändlers Amazon in Deutschland taucht das Wort nicht auf, dennoch lässt sich die Ankündigung von diesem Freitag als Erweiterung des hauseigenen Ökosystems lesen. Vom nächsten Mittwoch an macht Amazon hierzulande die Mitglieder seines kostenpflichtigen Schnellversandprogramms „Prime“ standardmäßig zu potentiellen Dauerschauern. Unter dem Namen „Prime Instant Video“ erhalten sie Zugang zum bisherigen Streaming-Angebot der Amazon-Onlinevideothek Lovefilm. Mehr als 12.000 Filme oder Fernsehserienepisoden können Prime-Mitglieder nun über das Internet abrufen. Wer sich neu für das Programm entscheidet, zahlt für die Mitgliedschaft 49 Euro jährlich, allerdings gewährt Amazon bis zum Start am 26. Februar einen Rabatt und bietet das Programm zum bisherigen Prime-Preis von 29 Euro an.

Für bestehende Prime-Kunden kostet die Dienstleistung bis zum Ende der Laufzeit ihrer jeweiligen Jahresverträge keinen Aufpreis. Danach schlägt auch für sie die höheren Kosten zu Buche – und zwar unabhängig davon, ob sie Videos und Filme schauen oder nicht. Abzusehen ist jetzt schon, dass einige Prime-Kunden mit der Preiserhöhung nicht einverstanden sein werden, und dem Dienst womöglich den Rücken kehren. Das Kalkül von Amazon ist aber offensichtlich, sie mit der Streaming-Erweiterung durch neu gewonnene Kunden zu ersetzen.

Prime hat Amazon schon 2007 in Deutschland eingeführt. Zunächst beinhaltete das Kundenbindungsprogramm für Vielbesteller lediglich die kostenfreie Lieferung am nächsten Tag. Vor zwei Jahren fügte der Onlinehändler eine Leihbücherei für Nutzer des Amazon-Tablets Kindle hinzu. Nun kommt die Streaming-Funktion hinzu, durch die sich übrigens auch die Online-Videothek Lovefilm verändern wird. Bisher hatten Nutzer dieses Dienstes je nach Abo-Art die Möglichkeit, Videos in Echtzeit abzurufen und sich DVDs nach Hause schicken zu lassen. Künftig wird sich Lovefilm auf die physische Filmleihe beschränken, wie Amazon-Deutschland-Geschäftsführer Ralf Kleber sagt. „Unser Filmportal hat sich gut entwickelt. Und die Erfahrung mit Prime Instant Video in den Vereinigten Staaten zeigt uns, dass sich die Prime-Mitgliedschaft gut mit dem Streaming-Angebot ergänzt“, sagte Kleber. „Wir sind sicher, dass damit Prime noch attraktiver für unsere Kunden wird.“ Zu Fragen, wie viele Menschen Prime bisher rund um den Globus oder in Deutschland nutzen, macht er keine Angaben.

Was die Finanzierung betrifft, betritt der Onlinehändler mit der nun angekündigten Veränderung gewohnte Pfade. Zu vermuten ist, dass trotz der Preiserhöhung für den erweiterten Prime-Dienst Amazon das Streaming subventioniert. Der in Deutschland seit gut einem Jahr aktive Streaming-Konkurrent Watchever lässt sich sein Jahresabo für rund 13.000 Filme und Serienepisoden mehr als 107 Euro kosten – mehr als doppelt so viel wie Amazon. „Unser Vorteil ist es, nicht mit einem Angebot den kompletten Gewinn erwirtschaften zu müssen“, sagt Kleber zu der Frage nach einer Quersubventionierung durch andere Angebote. Die Ankündigung des Unternehmens vom Januar, den Prime-Preis in den Vereinigten Staaten um 20 bis 40 Dollar anheben zu wollen, lässt darauf schließen, dass der Onlinehändler dort Prime bisher zu günstig angeboten hat. Damals begründete Amazon die geplanten Preiserhöhungen allerdings mit gestiegenen Transportkosten.

Prime Instant Video ist aber auch noch vor einem anderen Hintergrund interessant. Der deutsche Markt für Videostreaming könnte in diesem Jahr noch gewaltig in Bewegung kommen, wenn sich Gerüchte bewahrheiten, dass der amerikanische Anbieter Netflix in Deutschland startet. In manchen Stellenausschreibungen sucht das Unternehmen schon explizit nach Mitarbeitern mit Deutschkenntnissen.

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5 Lesermeinungen

  1. Videos. Bald auch Lebensmittel
    wurde gestern berichtet. Waschmaschinen, Ladegeräte …. der Buchhändler als Rund-um-Versorger.

    Und die Gewinne gehen in die USA.

    Nachdenklichkeit wird kein Merkmal von Prime-Mitgliedern sein.

  2. Der Nachteil an Watchever und wahrscheinlich aufgrund der Filmrechte auch bei anderen
    Anbietern ist das Filme durchaus auch wieder aus dem Programm verschwinden. Ist dann nicht schön, wenn man eine Serie sieht und diese kurz vor der letzten Episode wieder aus dem Programm genommen wird. Dafür läuft Watchever pro Kunde auf fünf Geräten und ist damit als „Gemeinschaftsantenne“ gut geeignet was die Kosten senken kann.

  3. Wie früher die Rabattmarken .
    Darin kann ich keine Katastrophe erkennen .

    Das Thema amazon besteht doch eher darin, dass jemand eine gute, dem Konsumenten bequeme Idee hatte, die konsequent und mit viel Kapital ausbaute, und früheren Verkaufskanälen, die nicht immer kundenfreundlich und beweglich waren, das Wasser abgegraben hat .
    Dass mit der Behandlung und Bezahlung der Mitarbeiter etwas im Argen liegt, ist schlecht, aber nicht typisch amazon, sondern typisch ‚heute‘ .

  4. Watchever, Netflix und amazon instant video: auch zukünftig hat der Tag nur 24 Stunden.
    Ganz zu schweigen von der davon verfügbaren Freizeit.
    Ich finde nur den Komfort und die hoffentlich große Auswahl interessant. Wegen der neuen Angebote werde ich nicht mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen.

  5. Originalversionen
    Was mich bisher von der Nutzung eines Video-Streaming Anbieters abhält, ist die Tatsache, dass es kaum Filme in der Originalversion gibt. Hat wohl lizenzrechtliche Gründe. Aber schon eine verquere Situation, dass die Technik längst unabhängig von Ländergrenzen ist und doch so viel nationale Beschränkungen das Internet blockieren.

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