Netzwirtschaft

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Google-Geld für europäische Start-ups

Der Internetkonzern weitet seine Wagniskapitalgesellschaft Google Ventures nach Europa aus. In einem ersten Schritt sollen 100 Millionen Dollar in europäische Unternehmensgründungen fließen.

Es war lange darüber spekuliert worden, dass der Internetkonzern Google mit seinem bisher nur in den Vereinigten Staaten tätigen Wagnisfinanzierer Google Ventures auch nach Europa kommt. Anfang des Monats verdichteten sich schließlich die Hinweise, dass der Start kurz bevor steht. Seit dem späten Mittwochabend ist es nun offiziell: Google will zunächst 100 Millionen Dollar in europäische Unternehmensgründungen investieren. Vier Partner machen sich von London aus auf die Suche nach geeigneten Investitionsmöglichkeiten – beziehungsweise sind sie schon mitten dabei, wie der Google-Venture-Gründer Bill Maris im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Donnerstag sagte. „Wir schauen uns jetzt schon nach geeigneten Unternehmen um“, sagte Maris.

Die vier Google-Venture-Europe-Partner – Eze Vidra, Peter Read, Tom Hulme und Avid Larizadeh –  werden direkt an Maris berichten. Er hatte den Wagnisfinanzierer 2009 für den Suchmaschinenkonzern gegründet. Fünf Jahre später ist für ihn nun die richtige Zeit gekommen, um nach Europa zu gehen. „Es hat etwas gedauert, bis wir Schwung in Amerika Schwung aufgenommen haben“, sagte Maris. „Wir hatten aber stets im Hinterkopf, nach Europa zu gehen. Innovation ist nicht nur auf die Vereinigten Staaten, auf das Silicon Valley oder auf Kalifornien beschränkt.“ Das beweisen laut Maris inzwischen auch international bekannte und erfolgreiche europäische Internetunternehmen wie der Musikstreaming-Anbieter Spotify, der finnische Spieleentwickler Supercell oder die Berliner Gründung Soundcloud.

Dabei sei die anfängliche Investition von 100 Millionen Dollar oder umgerechnet rund 73,4 Millionen Euro nur der Startpunkt. „Die Summe ist nur beschränkt von der Tatsache, wie schnell wir interessante Investitionsmöglichkeiten finden“, sagt Maris. Das zeige auch die Geschichte von Google Ventures in Amerika. Dort war der Wagniskapitalarm des Suchmaschinenkonzerns zum Beispiel in den Thermostate-Hersteller Nest investiert – den er dann gleich an die eigene Muttergesellschaft mitverkaufte.  Zu den rund 250 Engagements zählt aber auch der Limousinenservice Uber, der erst kürzlich zu Protesten unter Taxifahrern gesorgt hatte. Gestartet mit einer ersten Investition in Höhe von 100 Millionen Dollar im Jahr, betreut die amerikanische Wagnisgesellschaft inzwischen Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar – also fast das Dreifache der ursprünglich angedachten Summe. Zudem kann sich Maris auch vorstellen, in der Zukunft auch in andere europäischen Städten Niederlassungen zu gründen. Google Ventures habe in Amerika inzwischen mehrere Standorte, das gleiche könnte auch in Europa passieren.

Der Bundesverband Deutsche Startups begrüßte  das Engagement von Google in Europa. „Es ist kein Geheimnis, dass wir große Defizite haben, was das Angebot an Wagniskapital in Deutschland und Europa betrifft“, sagte Florian Nöll, der Vorsitzende des Verbandes. Auch gebe es bei deutschen Unternehmen und Konzernen immer noch eine gewisse Zurückhaltung, in Gründungen zu investieren. Nöll erhofft sich daher auch eine Signalwirkung von Googles Schritt. „Vielleicht führt das dazu, dass manche Unternehmen ihre Strategie hinterfragen und erkennen, dass Wagnisfinanzierung auch eine Möglichkeit sein kann, um innovativ zu bleiben.“ Auch Jason Whitmire vom Frühphaseninvestor Earlybird heißt das Engagement von Google gut. „Es gibt vor allem für reifere Unternehmen, die weiter wachsen wollen, viel zu wenig Kapital in Europa“, sagte Whitmire, der für Earlybird von München aus Investitionsmöglichkeiten sucht. Außerdem sei ein Vorteil die Erfahrung, die Google als Investor und Unternehmenskäufer mitbringe. Wegen des fehlenden Investitionsgeldes in Europa erwartet Whitmire zumindest in den nächsten zwei bis drei Jahren keine Konkurrenz von Google Ventures in Europe, sondern eine sich gegenseitig befeuernde Zusammenarbeit.  „Das Engagement wird dem Start-up-Ökosystem insgesamt gut tun.“ Vor allem europäische Gründungen, die wegen der mangelnden Anschlussfinanzierung bisher irgendwann ins amerikanische Silicon Valley übersiedelten, hätten so vielleicht die Chance ihr Geschäft von Europa aus weiter auszubauen.

Für Google ist die Wagnisfinanzierung in Europa indes auch ein Weg, die großen Geldbestände bei ausländischen Tochtergesellschaften zumindest ein wenig zu verringern. Amerikanische Technikkonzerne wie Google aber auch Apple müssen sich immer wieder Kritik gefallen lassen, dass sie so Geld im Ausland anhäufen. Google etwa hatte zuletzt 34,5 Milliarden Dollar oder fast 60 Prozent seiner gesamten Barbestände bei ausländischen Tochtergesellschaften verbucht. Bei Apple waren es sogar 132 Milliarden Dollar oder 88 Prozent des Liquiditätspolsters. Kritiker werfen den Konzernen vor, diese Reichtümer im Ausland seien das Ergebnis aggressiver Steuersparmethoden, etwa der Verschiebung von Gewinnen in diverse Steueroasen. Die Unternehmen wiederum haben mitunter keine große Lust, das Geld wieder nach Amerika zurückzubringen. Denn dann müssten sie hohe Steuern zahlen. Auch deshalb hatte Google im Mai in einem Brief an die amerikanische Börsenaufsicht SEC angekündigt, 20 bis 30 Milliarden Dollar für Zukäufe im Ausland ausgeben zu wollen.

Google-Ventures-Manager Maris sieht Google bei der künftigen Wagnisfinanzierung aber vor allem in der Verantwortung für die Start-up-Szene. „Google selbst war einmal ein Start-up und hatte unglaubliches Glück, Investoren zu finden“, sagte Maris. „Wir wollen davon nun etwas zurückgeben.“ Und vielleicht könne dieses Engagement dazu führen, dass das nächste Google aus Europa kommt, sagt Maris.