Netzwirtschaft

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Lieferheld schluckt Pizza.de

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Der Kauf des Urgesteins durch den Newcomer bedeutet die nächste Konsolidierung im Markt für Essensbestellplattformen.

Im Januar vergangenen Jahres sah der Chef der Essensbestellplattform Lieferheld noch viel Raum auf dem wachsenden deutschen Markt für die Plattformen, über die Konsumenten Essen lokaler Lieferdienste im Internet ordern können. Es werde Platz für mehrere Anbieter geben, sagte Niklas Östberg damals im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Am Ende wird es einen Gewinner geben und bis zu zwei weitere Anbieter.“

Nun hat Östbergs Plattform Lieferheld aus eigener Kraft einen großen Schritt dahin gemacht, sich den Siegertitel auf diesem umkämpften Markt zu sichern. Wie Lieferheld am Donnerstag mitteilte, kauft dessen Muttergesellschaft Delivery Hero den Konkurrenten Pizza.de aus Braunschweig. Ein Newcomer schluckt damit den Oldie der Branche, die ihr Geld mit der Vermittlung von Lieferdiensten an hungrige Kunden verdient und dafür am Umsatz der Restaurants beteiligt wird. Während Pizza.de schon seit 2007 am Markt ist und als Marktführer gilt, ist Lieferheld erst rund drei Jahre alt. Es handele sich um einen vollständigen Barkauf, teilte Lieferheld mit. Über den Preis haben die beiden Unternehmen Stillschweigen vereinbart. In der Branche wird aber über einen hohen zwei- bis niedrigen dreistelligen Millionenbetrag spekuliert.

Wie viel Umsatz die einzelnen Unternehmen machen, äußern diese nicht. Nach Angaben aus dem Bundesanzeiger wirtschaftete Pizza.de 2011 und 2012 aber profitabel. Die Lieferheld GmbH, die hiesige Tochtergesellschaft der auf 14 Märkten agierenden Delivery Hero Holding GmbH, wies in den selben Jahren Fehlbeträge in Höhe von 6 Millionen Euro und rund 11 Millionen Euro aus. Allerdings ist Lieferheld gut finanziert und hat seit Anfang des Jahres umgerechnet rund 138 Millionen Euro an neuen Finanzmitteln von Investoren erhalten.

Die Marke Pizza.de wird im Zuge der Übernahme nicht vom Markt verschwinden. Beide Plattformen werden parallel weiter geführt, heißt es in einer Mitteilung. Trotzdem gibt es auch beim Braunschweiger Anbieter Veränderungen: Der Mitgeschäftsführer und Mitgründer Jochen Grote werde auf eigenen Wunsch das Unternehmen verlassen. Der Lieferheld-Chef Östberg werde künftig mit der bisherigen zweiten Geschäftsführerin Sybille Steinbach die Geschäfte von Pizza.de leiten. Obwohl Lieferheld mit der Übernahme Synergieeffekte heben will, bringt sie für die rund 200 Pizza.de-Mitarbeiter in Braunschweig laut Aussagen eines Lieferheld-Sprechers vorerst keine Einschnitte. Es handele sich um reine Wachstumssynergieen. Derzeit habe Lieferheld Dutzende offene Stellen und suche dringend Fachleute.

Die Übernahme ist ein weiteres deutliches Zeichen für die Konsolidierung des Marktes für Lieferdienstvermittlung gegen Umsatzbeteiligung. Erst im April war aus dem Vierkampf der großen Anbieter ein Dreikampf geworden. Damals hatte das niederländische Unternehmen Takeaway.com, das hierzulande unter dem Angebot Lieferservice.de aktiv ist, den Wettbewerber Lieferando übernommen. Auch damals gab es keine Angaben zum Kaufpreis, in der Branche war aber von mindestens 50 Millionen Euro die Rede gewesen. So scheint sich nach dem Zusammenschluss von Lieferheld und Pizza.de nun die Prophezeiung von Niklas Östberg aus dem vergangenen Jahr zu bewahrheiten. Auch wenn alle Marken weiter aktiv sind, stehen dahinter jetzt nur noch zwei Anbieter: Lieferheld und Lieferservice.de.