Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Hier bestimmt der Kreditnehmer die Zinsen

Kurzzeitkreditvermittler im Internet verlangen oft hohe Gebühren. Ein amerikanischer App-Entwickler lässt die Kunden entscheiden, ob und was sie zahlen wollen.

Wer denkt, dass in den Vereinigten Staaten die Schnellimbisskette McDonald’s allgegenwärtig sei, hat die Rechnung ohne die Branche der Kurzzeitkreditvermittler gemacht. Rund 14 300 McDonald’s-Restaurants waren Ende vergangenen Jahres über Amerika verteilt. Die Zahl der Ausgabestellen für Kleinkredite liegt dagegen nach Expertenschätzungen bei etwas mehr als 20 000. In großen Städten, aber auch auf dem Land locken sie mit Schildern, auf denen meist „Payday Loan“ steht. Arbeitnehmer erhalten dort bis zum nächsten Zahltag ihres Unternehmens einen Vorschuss auf die eigene Lohnabrechnung.

Diese Art der Geldgewährung ist vor allem in den Vereinigten Staaten und Großbritannien verbreitet. Für die meisten Kreditnehmer dort sind die Filialen der Kreditgeber Orte der Hoffnung, doch noch irgendwie bis zum Monatsende über die Runden zu kommen. Für die Gläubiger ist das Ganze ein ziemlich einträgliches Geschäft. Auf das Jahr hochgerechnet erzielen manche Anbieter Zinssätze, die schnell in die dreistelligen Prozentzahlen gehen können.

Nach einer Studie der amerikanischen Notenbank Federal Reserve aus dem vergangenen Jahr verlangen Anbieter für einen Kredit von 100 Dollar Gebühren von 15 bis 30 Dollar. Bei einer Laufzeit von zwei Wochen ergebe sich so eine jährliche Zinsrate von 360 bis 780 Prozent, rechneten die Forscher vor. Auch deshalb sind die Kurzzeitkreditvermittler eine beargwöhnte Industrie. Diesen Vorbehalten versucht jetzt der indischstämmige Internetunternehmer Ram Palaniappan etwas entgegenzusetzen. Sein Unternehmen heißt Activehours. Sein Angebot: Ich gebe euch für die schon von euch geleisteten Arbeitsstunden in einem Monat einen Kredit, und ihr bezahlt dafür, was ihr als fairen Preis erachtet.

Die Kreditvergabe erfolgt bei Palaniappans Unternehmen über eine Smartphone-Anwendung. Vorher überprüft das Unternehmen, ob ein potentieller Kunde überhaupt einen Arbeitsvertrag hat und wie viel Stunden er arbeitet. Hat er in einem bestimmten Zeitraum schon so viel gearbeitet, dass er sich zum Beispiel 100 Dollar leihen könnte, kann er in der App direkt zwischen einer Gebühr von 3,84 Dollar, 5,69 Dollar oder 10,99 Dollar wählen. Oder er gibt: nichts. Weil die Kunden von Activehours ihre Bankkonten mit der Anwendung verbinden, zieht das Unternehmen den geliehenen Betrag wieder ein, sobald das nächste Gehalt auf dem Konto landet. Ob darauf eine Gebühr addiert wird, entscheidet der Kunde selbst.

„Wir sind definitiv ein Unternehmen mit Gewinnabsicht und keine Wohltätigkeitsorganisation“, sagte Palaniappan Anfang Oktober vor einer Gruppe von internationalen Journalisten, die das „Washington Foreign Press Center“ des amerikanischen Außenministeriums nach San Francisco eingeladen hatte. „Unsere Kunden haben ein Gefühl dafür, dass sie etwas für unsere Dienstleistung bezahlen müssen.“ Das sei schon allein deshalb so, weil die Kreditnehmer verstehen würden, dass Activehours andernfalls seinen Dienst wieder einstellen müsste.

Inzwischen habe Activehours „Tausenden von Kreditnehmern“ Geld geliehen. Genauer will der Unternehmer nicht werden. Dabei gibt es klare Regeln: Mehr als 100 Dollar am Tag gewährt Palaniappan nicht. Und auf die Zeit bis zur nächsten Gehaltsabrechnung bezogen verleiht er maximal 250 Dollar an einzelne Personen. Nach seinen Angaben funktioniere das Geschäftsmodell inzwischen so gut, dass sein Unternehmen die laufenden Kosten einspiele. „Manche unserer Kunden bezahlen uns bei jeder Transaktion, manche bei jeder zweiten“, sagt Palanappian. Wie viele gar nichts zahlen, verrät er nicht. Missbräuchliche Nutzung habe es aber noch nicht gegeben. Dennoch müsse mit Konsequenzen rechnen, wer es zu weit treibt. „Unsere Kunden sind aber so überzeugt von dem Modell, dass wir bisher keinen Nutzer sperren mussten.“ Dass der Kunde zahlt, was er für richtig hält, ist kein neues Konzept.

In Berlin gibt es etwa das Weinrestaurant „Weinerei“. Dort zahlen Besucher 2 Euro für ein leeres Glas, trinken, so viel sie wollen – und geben am Ende, was sie wollen. Palaniappan stößt mit Kreditvergabe per App allerdings in ein Geschäft vor, dass unter strenger behördlicher Beobachtung steht. In Großbritannien ist in der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel das Unternehmen Wonga negativ in die Schlagzeilen gerückt. Der umstrittene Internet-Finanzdienstleister hatte vor zwei Wochen 330 000 Kunden die Schulden erlassen müssen und musste dadurch umgerechnet rund 279 Millionen Euro abschreiben. Vorausgegangen war eine Einigung mit der Regulierungsbehörde Financial Conduct Authority. Die Finanzaufsicht hatte das Geschäft des Unternehmens durchleuchtet und herausgefunden, dass Wonga die Kreditwürdigkeit seiner Kunden nicht ausreichend geprüft hatte. Schon im vergangenen November hatte die britische Regierung angekündigt, die Zinsen für Kurzzeitkredite zu deckeln. „Wir wollen die Leute beschützen, die solche Kredite aufnehmen und sicherstellen, dass sie nicht ausgenommen werden“, sagte der Finanzminister George Osborne damals.

Dass Ram Palaniappans Geschäftsmodell den amerikanischen Behörden sauer aufstoßen könnte, ist dagegen bisher eher unwahrscheinlich. Zu seinen Kunden zählen Staatsbedienstete aus Kalifornien, Minnesota oder auch Georgia. Dazu kommen Angestellte des Flugzeugherstellers Boeing, des Technikkonzerns Apple oder der Kaffeehauskette Starbucks. Selbst Bankmitarbeiter nutzen den Dienst, zum Beispiel von der Bank of America oder von Wells Fargo. Das Wachstum des Geschäfts sei so groß, dass er und seine Mitarbeiter kaum hinterherkommen, sagte Palaniappan. Zwischen Juli und Oktober habe sich die Zahl der Unternehmen von 250 auf 1500 vergrößert.

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