Netzwirtschaft

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Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche. Wie sie sich auf Menschen und Märkte auswirkt, beleuchtet das Netzwirtschaft-Blog auf FAZ.NET.

Bestellplattform Delivery Hero schluckt nächsten Konkurrenten

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Mit Blick auf die geographische Ausdehnung ist das Kalkül von Essensbestellplattformen im Internet klar. Wer auf seiner Internetseite die meisten Restaurants versammelt, über die Kunden dann gegen Provision ihr Essen online bestellen, der hat höhere Chancen, auch die meisten Besteller zu gewinnen. Vielfalt ist Pflicht, und in den Anfangstagen der Branche entstand sie meist durch Überzeugungskraft (und manchmal auch durch Abschreiben bei der Konkurrenz). Die Plattformen schickten Mitarbeiter zu Restaurantbetreibern oder Essenslieferdiensten, um sie zum Mitmachen auf ihren Internetseiten zu bewegen. Inzwischen sind manche Marktteilnehmer aber so gut mit Investorengeld ausgestattet, dass sie auf Einkaufstour gehen können. Entsprechend kommt es immer häufiger zu Zusammenschlüssen.

Eine der wohl größten Fusionen der Branche hat nun die Berliner Bestellplattform Delivery Hero verkündet, die in Deutschland unter der Marke Lieferheld firmiert. Für umgerechnet rund 529 Millionen Euro kauft das in Berlin ansässige Unternehmen den türkischen Konkurrenten Yemeksepeti. Mit Blick auf das Alter ist Yemeksepeti ein Urgestein der Branche. Das Unternehmen wurde schon 2001 gegründet und vermittelt außer in der Türkei auch noch in Griechenland oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten Restaurants an hungrige Kunden. Nach eigenen Angaben bestellen im Monat mehr als 3 Millionen Menschen über das Angebot des Unternehmens. Zudem sei das Geschäft profitabel und wachse jährlich um rund 60 Prozent, hieß es in einer Mitteilung. Den Kauf von Yemeksepeti bezahlt Delivery Hero zum Teil in bar, zum Teil über einen Aktientausch. Der Mitgründer und bisherige Geschäftsführer des türkischen Unternehmens, Nevzat Aydin, werde weiter verantwortlich bleiben und zudem als Berater des Aufsichtsrats von Delivery Hero fungieren.

Dessen Geschäftsführer, Niklas Östberg, sieht Yemeksepeti als führend an, was das Alter der Kunden und ihre Bestellfrequenz betrifft. „Die Kundenkohorten und Wiederbestellraten gehören zu den besten weltweit und sind den üblichen Vergleichsgrößen weit überlegen“, ließ sich Östberg in der Mitteilung zitieren. „Unsere Position als Marktführer im Nahen Osten, einer Region mit enormem Wachstumspotenzial, ist jetzt noch stärker geworden.“

Tatsächlich ist es nicht der erste Schritt von Delivery Hero in die Region. Im März gab das Unternehmen bekannt, die kuwaitische Plattform Talabat zu übernehmen und in seine Plattformfamilie zu integrieren. Talabat agiert vornehmlich in Staaten der arabischen Halbinsel und gehörte zuvor der Berliner Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet, die auch an Delivery Hero mit rund 40 Prozent beteiligt ist. Delivery Hero sorgt aber nicht nur in fernen Ländern für eine Konsolidierung des Markts. So hatte das Unternehmen im vergangenen August den deutschen Wettbewerber Pizza.de gekauft. Über den Kaufpreis war damals Stillschweigen vereinbart worden.


1 Lesermeinung

  1. Delivery Hero ist ein gutes Beispiel für den Trend einiger Dienstleistungen
    zu Konzentrationen, letztlich zu natürlichen Monopolen. Aus Sicht eines Kunden gibt es Bedarf für genau einen Vermittler. Denn der Kunde möchte zuerst essen und nicht zwischen verschiedenen Essensvermittlern auswählen, sondern zwischen vielen Essensangeboten bei genau einem Anbieter (simple Bequemlicheitsgründe). Das gilt auch für viele andere Bereiche, in denen im Laufe der Zeit fast zwangsläufig natürliche Monopole entstehen werden.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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