Netzwirtschaft

“Wir sind im Mittelalter, wenn wir an Computer denken”

Vishal Sikka hat als Entwicklungschef die Geschicke von SAP mitbestimmt. Seit drei Jahren leitet er Infosys, einen der größten IT-Konzerne der Welt. Doch seine Mission liegt woanders.

Um den Antrieb von Vishal Sikka zu verstehen, dem Chef des indischen IT-Dienstleisters Infosys, hilft es, seiner Frau Vandana zuzuhören. Sie sagt: “Computerwissenschaft ist die neue Alphabetisierung.” Und liefert gleich ein paar Zahlen mit: Im finsteren Mittelalter habe der Anteil der Menschen, die lesen und schreiben konnten, bei knapp 6 Prozent gelegen. Heute könnte weniger als 1 Prozent der Weltbevölkerung programmieren. Vishal Sikka sagt deshalb: “Das ist ein großes Problem. Wir sind im Mittelalter, wenn wir an Computer denken.” Solch eine Aussage mag auf den ersten Blick verwundern, arbeitet der 50 Jahre alte Manager mehr als sein halbes Leben mit Computern, er steht einem der größten IT-Konzerne der Welt vor, mit gut 10 Milliarden Dollar Umsatz.

Sikkas Kampf für mehr Programmierer liegt aber nicht nur in der Infosys-Stiftung begründet, die seine Frau leitet und die schon Kindern Computerwissenschaft nahebringen will. Der gebürtige Inder, der inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, will nämlich in den kommenden Jahren 10 000 amerikanische Computerwissenschaftler einstellen. “Denn unsere Art zu arbeiten, verändert sich fundamental”, sagt Sikka im Gespräch mit dieser Zeitung. Neue Ideen und Arbeitsweisen verlangten nach mehr Zusammenarbeit. “Die ganze Welt digitalisiert sich, und wir haben zu wenig Leute dafür.” Deshalb investiert Sikka auch in Universitäten. Jeder, der als Programmierer bei ihm in Indien zu arbeiten anfängt, durchläuft vorher ein dreimonatiges Training an der konzerneigenen Universität und wird in Programmiersprachen geschult.

Auch Infosys experimentiert mit selbstfahrenden Autos

Zur Präsentation der letzten Quartalszahlen ist Sikka in einem autonom fahrenden Golfcart gerollt. Zwar steigt Infosys nicht in die Produktion autonom fahrender Systeme ein, wie der Manager versichert, jedoch sollten seine Mitarbeiter verstehen, wie die Technik funktioniert, weshalb er sie so ein Gefährt hat entwickeln lassen. Sikka sagt, dass er eine innovative Kultur schaffen will: “Wenn wir die richtigen Fähigkeiten erlernen, müssen wir keine Angst haben, dass uns Maschinen die Arbeit wegnehmen. Sondern können mit ihrer Hilfe unserer Fähigkeiten verstärken.” Stattdessen lebten wir immer noch in einer Zeit, in der Unternehmertum als etwas gesehen werde, das nur wenige tun. “Dabei können wir eine Kultur des Unternehmertums schaffen, wenn wir nur die richtige Infrastruktur dafür bauen.”

Deshalb will Sikka auch nicht die einfache Erklärung dafür gelten lassen, warum das indische Unternehmen, das für die Auslagerung von Software bekannt ist und vor allem Inder beschäftigt, nun plötzlich auf Amerikaner setzt. Unternehmen wie Infosys stehen nämlich in den Vereinigten Staaten immens unter Druck. Präsident Donald Trump hatte angekündigt, die Regelungen für die sogenannten H-1B-Visa zu überarbeiten. Diese Papiere brauchen ausländische Arbeiter, um in Amerika arbeiten zu dürfen. Voraussetzung war bisher eine Mindestqualifikation und ein Mindesteinkommen.

Allein Infosys beschäftigt fast 13 000 Menschen mit H-1B-Visa in den Vereinigten Staaten, der Konkurrent TCS rund 11 000. Durch die Neuregelung der H-1B-Visaregeln würde der Mindestlohn in Zukunft bei 130 000 Dollar liegen, was mehr als einer Verdoppelung von derzeit 60 000 Dollar entspricht. “Wir halten uns natürlich an alle Visa-Vorgaben. Aber sie sind nicht der Treiber für das, was wir gerade tun”, sagt Sikka. Schon vor drei Jahren, als er neu anfing als Chef von Infosys, habe er mehr als 2000 amerikanische Informatiker eingestellt.

Von SAP zu Infosys

Sikka war früher Entwicklungsvorstand von SAP, der erste überhaupt in dem Unternehmen. Unter seiner Führung wurden große Teile der Hana genannten Entwicklungsplattform ausgetüftelt, die noch heute immens wichtig für SAP ist. Sikka wurde zeitweise nachgesagt, er könne der nächste Chef des deutschen Softwareunternehmens werden. Nach dem Wechsel von Jim Hagemann Snabe in den Aufsichtsrat wurde jedoch Bill McDermott alleiniger Chef, Sikka wechselte 2014 zu Infosys. Zu Snabe und auch SAP-Gründer Hasso Plattner verbindet ihn aber heute noch ein freundschaftliches Verhältnis. Manchmal, wenn er in Deutschland ist, was häufig als Zwischenstopp auf dem Weg von Palo Alto nach Bangalore der Fall ist, trifft er sich mit den alten Kollegen. Manch einen hat er abgeworben.

Sikka ist einer, der zwar Sakko trägt, aber ein T-Shirt statt Hemd darunter. Und er ist einer, der auch die Aufregung um Künstliche Intelligenz (KI) eher locker sieht. Das mag damit zusammenhängen, dass er in dem Thema promoviert hat. Gelernt hat er von John McCarthy, der als Vater der KI gilt, ein zweiter wichtiger Forscher in dem Feld, Marvin Minsky, schrieb Sikkas Empfehlungsschreiben. Heute sitzt der Infosys-Chef als Beirat im KI-Kreis des Weltwirtschaftsforums. “In den letzten Jahren gab es einige Durchbrüche in der KI, doch noch ist sie sehr primitiv”, sagt Sikka. Computer seien gut darin, Katzen auf Bildern zu erkennen, oder ein Gesicht aus einer Menge zu identifizieren. “Aber der leichteste Weg, ein autonomes Auto auszutricksen, ist derzeit, ein Foto von einem Kind in die Heckscheibe des voranfahrenden Autos zu kleben”, sagt Sikka und lacht. Es sei noch ein langer Weg. “Aber ich bin hoffnungsvoll.”

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