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Obamas atemberaubendes Debüt vor dem Kongress

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Sänger, Schauspieler, Tänzer, Sportstars, Artisten aller Arten müsste eigentlich der blanke Neid packen. Wann, wo wird einer von ihnen je derart begeistert...

Sänger, Schauspieler, Tänzer, Sportstars, Artisten aller Arten müsste eigentlich der blanke Neid packen. Wann, wo wird einer von ihnen je derart begeistert gefeiert wie der amerikanische Präsident, wenn er seinen Auftritt vor beiden Kammern des Kongresses hinlegt?

Ovationen in Orkanstärke, sobald der Ruf erschallt: Madam Speaker, the President of the United States!

  Bild zu: Obamas atemberaubendes Debüt vor dem Kongress

Dann ein Dacapo, sobald er nach endlosem Händeschütteln und Schulterklopfen und Wangenküssen das Podium erreicht.

Dann das Dacapo des Dacopo, sobald ihn der Sprecher oder, wie jetzt geschehen, die Sprecherin des Repräsentantenhauses noch einmal willkommen heißt.

Auch während der Rede gehören frenetische Beifallskundgebungen zum Washingtoner Ritual. Selbst Präsidenten, die nicht mehr so richtig in der Gunst des Volkes und seiner Vertreter stehen, kommen allzu grundsätzlich in den Genuss eines Empfangs, der freundlich und meist sogar überschwenglich ist.

Bei Präsident Obamas Vorgänger, von dem im Laufe acht peinvoller Jahre nicht einmal mehr ein Anschein von Glanz und Gloria übriggeblieben war, bildeten die Ovationen zuletzt einen seltsamen Kontrast zu seinem Ruf und Ansehen.

Der jetzige Präsident kann dagegen, wie jüngste Umfragen es belegen, auf eine erstaunlich große Zustimmung seiner Landsleute bauen. Er durfte deshalb mit viel Begeisterung rechnen, obwohl das, was er da zu tun hatte, nicht offiziell als State of the Union Address angekündigt war. Damit muss er sich bis zum nächsten Jahr gedulden. Sein Thema aber war doch nichts anderes als die Lage der Nation oder, wie er es jetzt sogleich präzisierte, die Lage der Wirtschaft. Wie die aussieht, weiß indes jeder. Was war also vom Präsidenten zu bewerkstelligen?

Erstens: Seine Landsleute für seinen Rettungsplan zu erwärmen.

Zweitens: Ihnen Mut zu machen, auch wenn die Welt um sie herum zusammenkracht.

Obama war in Hochform. Das Team seiner Redenschreiber auch. Es stimmte einfach alles. Der Ton der Rede, der ernst war, aber doch Raum ließ für entspannte rhetorische Schlenker. Der direkte, offene, energische, klar verständliche Aufruf an seine Landsleute, die Krise als Herausforderung zu begreifen und zu meistern. Und die Zusicherung, dass sie zu meistern ist.

Was Wunder, dass zumindest seine Parteigenossen strahlten und hingerissen applaudierten. Die Republikaner wollten diesmal keine Spielverderber sein, nahmen aber gern die Gelegenheit wahr, der Rede eine Gegenrede folgen zu lassen. Hätten sie’s lieber lassen sollen? Fast jeder Gegenredner steht an diesem Abend auf verlorenem Posten. Ohne jauchzendes Publikum. Ohne präsidiale Aura. Dabei hatten sich die Republikaner viel vorgenommen. Wohl um zu beweisen, dass sie besser als ihr Ruf sind und keineswegs als Club reicher weißer alter Männer gelten wollen, schickten sie sozusagen ihren Obama vor die Kamera: Bobby Jindal, den dunkelhäutigen Gouverneur von Louisiana.

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Unglücklicherweise hatte Jindal sich den Singsang eines Märchenonkels zugelegt. Schlimmer noch war, wie er sich beim Geschichtenerzählen verzettelte, statt ein echtes Gegenprogramm vorzustellen. Keine Rede, ein Debakel.

Nach Jindals lauer Erwiderung war der Fernsehabend freilich noch nicht gelaufen. Irgendwie sollte es dann erst richtig losgehen. Obamas Rede war, televisionär betrachtet, ja nur der Auslöser von Redelawinen, die bis spät in die Nacht durch die zahllosen Talkrunden donnerten.

Sogar bei Fox News, dem stramm konservativen Nachrichtensender, war die Rede von einem Naturereignis. Jindal, so die einhellige Meinung, hatte keine Chance. Der Haupteinwand von rechts außen: Wer soll das alles bezahlen?

Bei MSNBC, dem Gegenteil von Fox, freuten sich alle über eine völlig neue Dynamik. Michael Beschloss, nicht nur Historiker, sondern presidential historian, beschwor zum Vergleich Roosevelt  herauf. Und auch seine Kollegin Doris Kearns Goodwin fühlte sich an FDR erinnert, der seine fireside chats ebenso deutlich und direkt aufs amerikanische Volk zugeschnitten habe. JFK und ein Echo seines Appells, der Nation zu dienen, meinte sie auch in Obamas Rede zu vernehmen. Ihr Resümee: Wenn er tatsächlich wahr macht, was er ankündigt, könnten wir gerade einen historischen Abend miterlebt haben.

Bei PBS, dem nichtkommerziellen Sender, hatte Charlie Rose eine illustre Runde von Intellektuellen versammelt, unter ihnen Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Der die Rede großartig fand. Nur ein paar Details hätte er auch noch gern gehört.

Egal von welcher politischen Seite aus betrachtet, war Obamas Debüt vor dem Kongress atemberaubend. Aber einen Patzer gab es doch. CNN machte seine Zuschauer umgehend darauf aufmerksam, dass das Automobil nicht, wie ihr Präsident es behauptet hatte, von Amerikanern erfunden wurde. Ihnen soll in Deutschland ein Mister Benz zuvorgekommen sein.


1 Lesermeinung

  1. Tja, wir hatten unseren...
    Tja, wir hatten unseren Medienkanzler, jetzt haben die Amerikaner ihren Pop-Präsidenten. Und obwohl man bei unvoreingenommener Betrachtung durchaus feststellen könnte, daß auch Obama der Schwerkraft unterliegt, scheint der Hype ungebrochen. Dabei ist ein derartiger Personenkult eigentlich in Demokratien unbekannt, er erinnert an Kim Il Sung, Mao, an Stalin und Führergeburtstag. Damit will ich Obama diesen Diktatoren durchaus nicht gleichsetzen, aber etwas mulmig ist mir doch bei so viel irrationaler Begeisterung, bei der, wie Sie so schön schreiben, selbst »Sänger, Schauspieler, Tänzer, Sportstars, Artisten aller Arten der blanke Neid packen« müßte.

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