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Mein Weg zum Ironman – Radfahren

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In Frankfurt findet alljährlich der Ironman statt. Dabei werden tausende Triathleten viele Stunden schwimmen, Rad fahren und laufen. Beim Radfahren erlebte ich ein Wechselbad der Gefühle und Glück, das nicht jedem Teilnehmer widerfährt.

Radfahren beim Ironman
Nils beim Ironman in Frankfurt auf dem Rad

In der Wechselzone nahm ich mir Zeit. Neoprenanzug ausziehen, Gel essen, Füße abspülen (kleine Flasche Wasser einpacken), abtrocknen und Vaseline an alle wichtigen Stellen schmieren. Sonnencreme auftragen, Klamotten anziehen und fertig. Den Ablauf hatte ich schon im Training drauf. Schon stöckelte ich auf meinen Radschuhen los, mit dem Helm auf dem Kopf. Viele Räder standen nicht mehr in den Ständern, aber ich war trotzdem gut drauf. Das lag auch an meinen Unterstützern, die ich nun jubelnd an einem Zaun sehen konnte. Was für ein Glück. Wir sprachen nur kurz über das eben ereldigte Schwimmen. Schon klickten die Schuhe in die Pedale und ich trat an.

Endlich hatte ich Zeit, etwas zu Essen und zu trinken und zum Sammeln der Gedanken. Ich lies es langsam angehen auf den zehn Kilometern bis Frankfurt, überholte aber bereits ein paar Mitstreiter. Ein Sportkamerad gab mir den Tipp, eine Flasche mit einem kohlenhydratreichen Sportgetränk aufs Rad mitzunehmen und einen Energieriegel an den Rahmen zu kleben. Dadurch konnte ich schon vor dem ersten offiziellen Verpflegungspunkt essen und trinken. Unter der Anfeuerung der Leute ging es weiter – die Frankfurter Fans gaben alles. Aber ich wusste, dass nun die ersten Hügel warteten und die Zuschauerdichte dünner werden würde. Das Hinauffahren der Hügel außerhalb Frankfurts schafft man mit dem Auto problemlos. Mit einem Rennrad kann es schon mal in den Waden weh tun. Langsam hochschrauben und nicht den Helden spielen – das war meine Taktik und siehe da, sie ging auf. Aber ich wusste, dass es in der zweiten Runde noch schwerer sein würde.

Jäh wurde ich aus den Gedanken an die zweite Runde gerissen, da hörte ich ein komisches Geräusch. Pfft, pfft, pfft, pfft…oh nein! Das Hinterrad lies Luft in regelmäßigen Schüben, und schon fuhr ich auf der Felge. Mitten auf der gesperrten Landstraße, irgendwo im Nirgendwo hatte ich einen Platten. Mein Notfallplan: Rad ausbauen, Reifenheber ansetzen, Mantel abnehmen, Schlauch raus, neuen Schlauch ansetzen, irgendwie reinfummeln, ein Bisschen Luft rein, wieder fummeln, Mantel festmachen, Luft aufpumpen, pumpen, pumpen.

Etwa 10 Minuten dauerte dieser Stop und ich war einigermaßen stolz, keine Panik bekommen zu haben. Im Training hatte ich nie platte Reifen, aber regelmäßig Trockenübungen gemacht – zum Glück. Ölverschmiert aber glücklich setzte ich meine Fahrt fort, nicht ohne ein leichtes Schlagen im Reifen zu bemerken. Hmm…wird sich schon legen, dachte ich. Aber das tat es nicht. Ein paar Kilometer weiter entschloss ich mich den Reifen nochmal abzunehmen, um nachzusehen. War er verdreht? Sah eigentlich alles gut aus, bis auf den Reifendruck, den ich mit meiner Handluftpumpe nicht besser hinbekam. Über mir ratterte ein Hubschrauber, der das Profifeld ankündigte. Wo dieser ist, ist der Führende nicht weit. Und schon schoss ein Tross aus Motorrädern und Autos an mir vorbei. Einer von denen musste Jan Frodeno sein, der Favorit dieses Ironman.

Radfahren beim Ironman
Nils beim Ironman in Frankfurt auf dem Rad

Als ich den Reifen wieder einbauen wollte, fuhr auch das auf der Strecke eingesetzte Technikteam vorbei, hielt an und die beiden Mechaniker kamen mir mit einer Standpumpe entgegen. Ich war überrascht, denn ich dachte, die helfen nur den Profis. Mit flinken Griffen packten sie den Reifen, pumpten und waren schon wieder auf den Weg zu ihrem Auto – eingespielt wie ein Sondereinsatzkommando. Ich rief noch „danke“ hinterher und machte mich meinerseits auf den Weg. Ich hatte wieder Luft, aber mein Zeitpuffer schmolz dahin. Den Zeitverlust musste ich irgendwie wettmachen. Dem Besenwagen wollte ich schließlich nicht begegnen. Also gab ich Gas, nicht wissend, dass mir derselbe Reifen noch mehr Schwierigkeiten machen würde.

Ein Ironman ist nichts für schwache Beine, aber für schwache Nerven schon gar nicht. Mit ausreichend Luft im Reifen schoss ich über die Strecke – aber nur gefühlt. Natürlich waren viele Mitfahrer schneller als ich und bereits auf der zweiten Runde. Aber das vermieste mir nicht die Laune. Die Dörfer durch die wir fuhren waren voller applaudierender Menschen. Meine Beine fühlten sich gut an und die Ess-Strategie ging auf. Jede halbe Stunde ein Energie-Gel (eine Art Zuckergelee) und alle paar Minuten etwas Sportgetränk. Wasser gab es nur zum Nachspülen oder über den Kopf, zum Kühlen. An den Verpflegungsposten ging es dann immer so: Reste aus der Wasserflasche überm Kopf ausschütten, wegwerfen. Natürlich zielgenau in einen Container, nicht in die Pampa. Zweite leere Flasche hinterher. Gels greifen. Neue Flaschen greifen, weiterfahren. 

So ging es bis Frankfurt. Die erste Runde war überraschendeweise fast zu Ende? Super. Schon schoss ich auf einer langen Gerade Richtung Skyline, übersah fast ein paar Freunde, die mich anfeuerten. Ein kurzes Gespräch, dann weiter. Noch mehr Freunde am Straßenrand. Noch ein kurzer Stopp. Wieder weiter in die Stadt. Den Jubel der Menschen genießen und die Kurve zur zweiten Runde. Volle Kraft voraus! Ich zischte ab und dann zischte es unter mir. Da war er wieder, der platte Reifen. Ich stand auf einer langen, öden Ausfallstraße. Hier war kein Jubel mehr, keine Leute. Wenn ich den Reifen so schnell wechseln würde, wie meine Stimmung gerade wechselte, dann könnte es schnell gehen. Tat es aber nicht. 

Am Ende wusste ich nicht, wie lange ich dort gestanden habe. Ich war nur froh, einen zweiten Ersatzschlauch dabei gehabt zu haben. Damit war aber auch mein letzter Rettungsanker verbraucht. Daran wollte ich aber nicht denken. Man darf sich nicht von negativen Gedanken leiten lassen. Das schien auch gut zu klappen. Den nächsten Platten hatte dann auch nicht ich, sondern ein Vordermann, der winkend am Straßenrand stand. „I need help. Now!“, rief er eindringlich, nachdem ein weiterer Mitstreiter einfach weiter gefahren war. Ein schickes Rad hatte er ja, nur hatte er wohl nie gelernt, wie man die Reifen wechselt. Erst bekam er den Schlauch nicht heraus und dann setzte er eine Druckluftpatrone, die den Reifen im Nu aufpumpt, falsch an. Pfft…und leer und der Reifen immer noch platt. Schon fiel sein Blick auf meine Luftpumpe und mein Blick auf die Uhr. „Los Junge, mach hin“, dachte ich. Endlich konnte ich weiter. Wenn ich meine Geschwindigkeit halten konnte, würde ich die Wechselzone zwanzig Minuten vor der Zeitgrenze erreichen. Das war zu machen, aber es durfte nichts mehr passieren.

Radfahren beim Ironman
Nils beim Ironman in Frankfurt auf dem Rad

Auf der Strecke war nun nichts mehr los. Die Streckenposten bereiteten sich auf den Feierabend vor und einige Athleten saßen ausgelaugt am Straßenrand. Sie hatten aufgegeben. Meine Laune war immer noch gut, als ein Auto zu mir aufschloss. „Alles in Ordnung?“, fragte der Beifahrer. „Ja, zwei platte Reifen, aber okay“, sagte ich. „Gut, aber leider müssen wir dich jetzt aus dem Rennen nehmen.“ Ich begriff nicht, fragte ob das schon der Besenwagen sei. „Ja. Du kannst mit uns nach Frankfurt zurückfahren oder jetzt auf direktem Weg zurück.“ In meinem Kopf ratterte es. Was sollte ich jetzt machen? Aufhören und meinen Leuten an der Laufstrecke sagen, dass wir nach Hause gehen können? Nixda! Mein Ziel war die Strecke, nicht die Zeit. Ironman muss man auch im Kopf sein. Also fuhr ich mit abgedeckter Startnummer und endgültig disqualifiziert weiter, darauf bestand der Offizielle und brauste davon.

Aber nur bis zum nächsten Athleten, dann wurde er wieder langsamer und es verging etwas Zeit, bis der nächste Radler disqialifiziert war. Mittlerweile hatte ich aufgeschlossen und den Besenwagen sogar wieder überholt. Sollte das bei jedem einzelnen Athleten passieren, hatte ich eine Chance auf der gesperrten Strecke weiter vor dem Besenwagen zu fahren und die Verpflegungsposten zu nutzen. Jetzt hieß es: alles oder nichts. Wieder überholte mich der Besenwagen, dann war ich wieder vorn. Das Spiel wiederholte sich mehrmals. Ich heizte durch die Orte und unterdrückte jede Art von Schmerz und schlechten Gedanken — ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. Nur nicht so enden wie die, die rechts und links am Straßenrand lagen. Das gab es natürlich auch. Aufgeben ist okay, wenn es gute Gründe gibt. Soweit war ich aber noch nicht. Immer weiter, immer weiter! 

Irgendwo nahe eines Vorortes vor Frankfurt schloss der Besenwagen wieder zu mir auf. Mann, war der hartnäckig! Oder war ich einfach zu langsam? Vielleicht waren die positiven Gedanken auch nur ein hartnäckiger Irrglaube. Ich schaute nicht rüber, wollte nicht wieder zurückfallen und trat nochmal in die Pedale. „Ich weiß zwar nicht was mit dir los ist, aber ich nehme die Disqualifikation zurück“, hörte ich von der Seite. Dann noch irgendwas von einer Korrektur im System, die später wirksam werden würde und dass ich auf jeden Fall wieder in der Wertung wäre.

War das möglich? Natürlich überkam mich eine riesen Freude. War das geil! Ich war wieder dabei. Gleichzeitig stellte ich mir vor, wie meine Frau und alle anderen Unterstützer im Livetracker lesen mussten, dass ich raus war. In meinem Hals bildete sich ein Kloß. Meinte der das mit System? Und waren jetzt alle auf dem Nachhauseweg, während ich meine zweite Chance bekam? Das durfte einfach nicht sein. Ich musste noch schneller fahren.

Mehr im nächsten Teil.


2 Lesermeinungen

  1. Dabeisein ist alles
    Herzlichen Dank für die tollen Gefühle, denn so ist es richtig ?

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