#Nilsläuft

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Mein Weg zum Ironman – Marathon

Ironman Frankfurt. Dabei werden tausende Triathleten viele Stunden schwimmen, Rad fahren und laufen. Die letzte Etappe des Ironman war meine Belohnung für alle Strapazen und ein Traum für jeden Triathleten.

Das Ziel des Ironman Frankfurt auf dem Römer
Das Ziel des Ironman Frankfurt auf dem Römer

Mit dem neu entfachten Feuer der Ironman-Leidenschaft, die die Rückname der Disqualifikation brachte, trat ich die letzten Male in die Pedale, sprang ab und lief in die Wechselzone am Main. Fahrrad abstellen, Beutel suchen, schon saß ich im Wechselzelt, in dem nicht mehr viel los war. Aber nur kurz, schließlich musste ich doch Zeit gut machen. War überhaupt noch jemand da, den ich kannte? Oder waren alle schon zu Hause nach meinem vermeintlichen Aus? Würde ich es bis 22 Uhr ins Ziel schaffen? 

Sind sie noch da?

Mit einem Energiegel im Mund trabte ich behutsam an und merkte, wie gut es lief. Keine „Gummibeine“, über die viele Triathleten nach dem Radfahren klagen. Ich lief schneller und flog geradezu auf die Strecke, vorbei am Frankfurter Römer, auf dem die Hölle los war. Hier würde ich hoffentlich auch in ein paar Stunden abbiegen dürfen. Aber erst, wenn ich alle Armbänder – für jede Runde eins – eingesammelt hatte. Viermal am Main rauf und runter. Einige Mitläufer trugen bereits ein paar der farbigen Armbänder, auf die ich neidisch schielte. Die Profis lagen bestimmt schon im Pool und Jan Frodeno, den ich für den Favoriten hielt, war bestimmt schon längst auf dem Weg nach Hause. 

Schnell lief ich zu der Stelle an der meine Unterstützer stehen wollten, ein kleines Café direkt am Fluss. Tja, da standen viele, aber ich kannte niemanden – Mist! Beide Ufer waren voll mit Menschen, die jubelten, an Verpflegungsstellen Wasser austeilten oder einfach die heiße Sonne genossen. Und dann standen sie da, hundert Meter weiter, meine Frau und Freunde – juhu! Ich wollte anhalten und erzählen was alles los war, aber sie drängten mich zum Weiterlaufen.

Ab Ich lief noch schneller und fand einen flotten Rhythmus. Ein Bisschen Angst mich zu überschätzen hatte ich zwar, aber ich riskierte es. Neben mir gingen die meisten. Schon schnappte ich mir das erste Armband und die Stimmung an der Strecke trieb mich weiter. Mein Ziel war das blaue Band der dritten Runde, ohne Gehpausen machen zu müssen. Und es lief. Scheinbar traf ich genau die richtige Dosis bei Geschwindigkeit, Essen und Trinken. Wieder ging es vorbei am Römer. Ein kurzes Abklatschen mit dem Moderator, der uns am Aufgang zum Römer einheizte. Ich durfte noch nicht abbiegen.

Laufen ist besser als Gehen

Nur wenige überholten mich, aber ich überholte viele. Ich bekam das blaue Band für die vorletzte Runde. Das machte mir Mut, denn ich machte alles richtig. Eigentlich wollte ich ab jetzt gehen und rechnete, wie lange es bis ins Ziel dauern würde. Ich hatte noch etwas Zeit, aber einen Puffer brauchte ich auch. Ich entschied mich gegen eine Gehpause und trabte weiter. Laufen ist besser als Gehen. Gehen ist besser als Stehen. Allerdings war ich vom Hin-und-Her-Überlegen etwas aus der Ruhe und merkte, dass mir übel wurde. Vielleicht lag es auch am reichhaltigen Angebot auf der Strecke. Wasser, Wasser mit Salz, Isodrinks, Cola nahm ich gern und regelmäßig. Aber bei der Hitze ist es für meinen Magen auch nicht immer gut, zu viel zu trinken. Verdauung und Muskeln sind sich dann nicht einig, wer nun mehr Blut braucht. Es half nichts, ich musste wieder laufen.

Und dann bekam ich das vierte Band – rot. Plötzlich ging alles so schnell, ich war auf der Zielgeraden, musste noch über eine Brücke. Eine weiter kurze Übelkeit verdrängte ich. Irgendwelche Gehpausen hatte ich total vergessen. Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Sonne ging schon unter und tauchte die Frankfurter Skyline in tiefrotes Licht. Ich bekam eine Gänsehaut. Das war eine dieser emotionalen Momente, von denen Sportler so schwärmen. Mehr als vierzehn Stunden lagen hinter mir und nun fiel alles von mir ab. Die Gewissheit es zu schaffen, machte mich glücklich. Einfach glücklich. Und dann kam die Abzweigung zum Römerberg in Sicht. Gleich durfte ich hinauf, dorthin, wo die Hölle los war und das Publikum tobte. Jetzt. 

Ziel

Ich lief, schaute in tausend Gesichter, hörte die Musik, spürte die Gänsehaut und jemand rief meinen Namen. „Und hier kommt Nils!“, schepperte es aus den Lautsprechern. War das eine Halluzination? Oder hatte der Moderator vor der Bühne mein Namen auf der Startnummer abgelesen? Der rote Teppich war mein. Cheerleader tanzten, Menschen jubelten und fuchtelten mit Wunderkerzen, ich lief ins Surreale. Das musste eine Halluzination sein, so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Und dann trat ich über die Ziellinie. Nach 14 Stunden und 36 Minuten – gleich würde ich bestimmt vor Erschöpfung umfallen. Ich drehte mich zurück zur Tribüne. Wenn ich schon ohnmächtig werde, dann wenigstens mit einem Lächeln auf den Lippen. Jemand tippte mir auf die Schulter. „Hey Nils, gut gemacht“, sagte jemand hinter mir. Ich drehte mich um und schaute ins Gesicht von Jan Frodeno. War der nicht schon lange zu Hause? In der festen Überzeugung wirklich kurz vor dem Kollaps zu stehen, nahm ich den Mann einfach in den Arm. Wenn ich schon träume, dann kann ich es auch genießen. Tatsächlich war es Jan Frodeno, der es sich nicht nehmen ließ, die letzten Ankömmlinge des Tages zu begrüßen.

Das tat auch Daniela Ryf. Die Schweizerin siegte bei den Frauen. „Gut gemacht“, sagte sie und nahm mich ebenfalls in den Arm. Das konnte doch nicht war sein. Vermutlich lag ich längst auf einer Trage und ein Arzt würde mich gleich wecken. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen sah ich meine Frau und meine Freunde. Das war kein Traum und ich würde nicht umfallen – alles war echt. 

Ironman!