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Ironman – Pleiten, Pech und Gewinner

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Der Ironman in Frankfurt ist ein Traum für Triathleten. Doch an diesem Tag liegen Licht und Schatten nah beieinander. Jeder erlebt hier seine eigene Geschichte, wie Amateur Matthias.

Teilnehmer beim Ironman 2019 in Frankfurt
Teilnehmer beim Ironman 2019 in Frankfurt

Wenn vom Start des Ironman gesprochen wird, fällt unwillkürlich das Wort Gänsehaut. Das kommt hauptsächlich von der Stimmung am Strand des Langener Waldsees, mehr als vom Frieren der Sportler, die in den ersten Sonnenstrahlen des Tages warten. Letztes Jahr hatte ich selbst diese Gänsehaut. Als Teilnehmer beim Ironman. Nun stehe ich hier als Zuschauer und Unterstützer.

Startschuss

Ich sehe einen der Favoriten, Jan Frodeno, der sich auf sein Rennen vorbereitet, während Matthias in 100 Meter Entfernung das gleiche macht. Im Gegensatz zu Jan wird Matthias allerdings nicht 8 Stunden, sondern peilt etwas mehr als 12 Stunden an. Matthias ist 54 und es ist sein vierter Ironman. Diese Unterschiede machen den Ironman aus. Hier treffen Normalos auf Profis, in einer tollen Kulisse, mit einem tollen Publikum.
Die Profis starten etwas früher als die übrigen Teilnehmer, aber alle mit einem Countdown. 3, 2, 1….Bumm.

Matthias beim Start des Ironman
Matthias beim Start des Ironman

Matthias steigt ins Wasser. „Ich werde viel Brustschwimmen, weil ich wegen des Neoprenverbots keine gute Wasserlage habe“, sagt er und meint, dass es untersagt ist, einen Neoprenanzug anzuziehen. Das Wasser ist zu warm, es droht Überhitzung. Ohne Anzug hat man aber auch weniger Auftrieb, was mehr Kraft beim Schwimmen kostet. Das Wasser sprudelt unter den Armschlägen der 3000 Schwimmer.

Nach knapp zwei Stunden steigt Matthias aufs Rad. Nach dem Schwimmen ist meistens noch nichts entschieden. Hier kann man keine Zeit gutmachen. Auf dem Rad sieht es schon anders aus. Das weiß auch Sebastian Kienle, der eine Aufholjagd auf Jan Frodeno startet. Selbst mit einem am See eingetretenen Glassplitter im Fuß lässt er nicht von Frodeno ab. Weltmeister Patrick Lange hat einen platten Reifen und verliert viel Zeit. Auch das ist der Ironman.

Pleiten, Pech und Pannen für die einen. Ein perfektes Rennen für die anderen. Licht und Schatten liegen nah beieinander beim Ironman. Bei den Frauen läuft Skye Mönch als erste auf dem Römer ein, während die lange führende Sarah True in einem Sanitätszelt behandelt wird. 900 Meter vorm Ziel torkelte sie dermaßen vor Schwäche, dass sie behandelt werden musste. Das Rennen war damit für sie zu Ende. Später wird die sagen, dass sie sich nicht mehr richtig an die letzte ihrer Runden erinnern könne.

Siegerehrung

Als die Sieger auf dem Frankfurter Römer geehrt werden (Frodeno, Kienle, Löschke), hat Matthias noch 30 km Rad fahren, bei 35 Grad, vor sich. Er sieht die Skyline Frankfurts, die zum Greifen nah ist, und doch noch eine Stunde entfernt. Das ist Matthias egal. Er weiß, wie er Ironman wird. Er weiß, wie es ist die Kilometer abzureißen, während die Zuschauer schon langsam nach Hause gehen. Aber ein harter Kern ist immer da. Einige Zuschauer begleiten auch die letzten Läufer noch ins Ziel. Meistens sind es Freunde und Bekannte, die mit ihren Lieben fiebern, sie auch im Training unterstützen.

3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und 42 Kilometer laufen, für diesen sogenannten längsten Tag, muss man trainieren, viel trainieren. Das kostet Freizeit. Matthias hat trainiert, aber nun stimmt etwas nicht. Für zehn Minuten steht seine Markierung im Livetracker still. In der App kann man die Athleten virtuell verfolgen. Die Markierung setzt sich wieder in Bewegung, aber langsamer als zuvor.

Vielleicht hat er auch einen Platten, wie Patrick Lange? Der gibt mittlerweile ein Interview im Fernsehen. Er bedankt sich auch nochmal bei den Helfern, es sind rund 3000. Sie reichen Wasser, Eis oder Früchte an die angehenden Ironman und Ironwoman. Die Männer sind aber klar in der Überzahl. Die meisten von ihnen gehen jetzt nur noch. Nur die Fitten joggen. Es wir noch heißer und so mancher sieht den Traum, rechtzeitig auf dem Römer anzukommen in trübem Licht.

Hochs und Tiefs

Auch das ist der Ironman. In einem Moment noch jubelt man und ist hochmotiviert, im anderen ist man am Boden zerstört und will nicht mehr weiter. So geht es auch Matthias, nach zehn Kilometern auf der Laufstrecke. Wir sehen uns. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass es bald kühler wird, es vielleicht besser wird mit seinen Krämpfen im Oberschenkel. Manchmal klappt so etwas und man kommt raus aus den negativen Gedanken. Matthias läuft weiter. Andere gehen nur noch oder stehen sogar. Da hilft auch kein positives Denkmuster. Jetzt wird auf die Zähne gebissen.

Im Ziel kommen unterdessen immer mehr Eiserne an. Die meisten jubeln andere sind stumm. Da ist sie wieder, die Gänsehaut. Bei den Läufern und bei den Zuschauern. Das Publikum feiert seine Helden und Heldinnen. Unbeschreiblich sind die letzen Meter laufen. Ein Tunnel aus Jubel und Glück, mit der Ziellinie am Ende. Und dann bekomme ich eine Nachricht: Matthias hat aufgehört. Es wären noch 30 Kilometer zu laufen gewesen, mit stärker werdenden Krämpfen im Bein.

Dieses Mal hat es nicht gereicht. Aber schließlich durfte er schon dreimal die Ziellinie überqueren. Er ist schon ein Ironman und das kann ihm niemand mehr nehmen.


2 Lesermeinungen

  1. Für Pferde gibt es beim Distanzreiten,
    wenn auch unzureichende, Gesudheitskontrollen während des Rennens. „Angeschlagene“ Boxer werden, spätestens wenn sie sich nicht mehr verteidigen können, vom Ringrichter aus dem Kampf genommen. Der Mythos vom Finishen und das außergewöhnliche Trainigsniveau lassen Triathlonatlethen immer wieder Gefahr laufen, die eigenen gesundheitlichen Grenzen zu ignorieren. In diesem Falle muß es für die Rennleitung die Möglichkeit geben, gefährdete Sportler aus dem Rennen zu nehmen. Möglicherweise sollten Gesundheitsprüfungen nach dem Radfahren und/oder zur Hälfte der Marathondistanz obligatorisch werden. Wenn alle Konkurrenten bei der gleichen Distanz für 3 oder 4 Minuten das Rennen unterbrechen müssen, wird der Einfluß auf den Rennverlauf unwesentlich bleiben.

    • Hallo Ulrich, Vorsicht ist immer die Mutter der Porzellankiste. Aber, ich bin der Meinung, dass bei einer Veranstaltung wie dem Ironman solche Kontrollen nicht stattfinden müssen. Klar, die Bilder im TV (die die meisten auf dem bequemen Sofa gesehen haben) auf denen Sarah True torkelnd zu sehen ist, sind für Außenstehende befremdend. Dennoch ist die Situation auch nicht dramatischer gewesen, als sie war. Der menschliche Körper hat viele Schutzmechanismen und es ist schon sehr schwer sich mit Sport umzubringen, Unfälle und Krankheiten mal ausgeklammert. Sarah True war bald nach ihrem Kollaps aus wieder auf dem Damm.
      Es würde meiner Meinung nach nichts gewonnen, wenn eine solche Untersuchung (die auch nur oberflächlich sein könnte) für jeden Athleten vorgeschrieben wird. Das hätte Sarah True auch nicht geholfen und es würde auch anderen nicht helfen, die sich selbst überschätzen. Das passiert eben. Was wir nicht gesehen haben, waren die, die freiwillig aufgegeben haben. Was aber noch wichtiger ist: es sind viel mehr Athleten auch ins Ziel gekommen. Wir reden hier nicht von einem Himmelfahrtskommando, sondern von Sport. Der findet eben oft draußen statt, man schwitzt, ist dreckig, manchmal geht man an die Grenzen. Aber es ist noch immer besser als sich zu Hause einzusperren und im Sitzen zu sterben.

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