#Nilsläuft

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Mit mir erlebst du Höhenflüge und Alltagsläufe. Ich gebe dir Trainingstipps und Wettkampftricks.

So schafft man einen Extremlauf, über 320 Kilometer!

Ein Extremlauf ist für die meisten Läufer unerreichbar. Aber stimmt das wirklich? Ich meine: Nein, das kann jeder schaffen. Man muss nur ein paar Dinge beachten.

Extremlauf auf dem Rheinsteig
Eine Teilnehmerin des WiBoLT beim Klettern

Eigentlich wollte ich eine detaillierte Beschreibung des Wiesbaden-Bonn-Landschaftrail (WiBoLT) schreiben. Das ist ein 320-Kilometerlauf auf dem Rheinsteig. Aber statt alle Erlebnisse des Laufs zu erzählen, kam ich ins Überlegen. Wenn ich auf einer Party über einen Extremlauf wie den WiBoLT angesprochen werde oder meine Kollegen und Kolleginnen auf das Thema kommen, staunen erst alle, und dann werden mir fast immer Fragen gestellt: Wie lange hast du dafür Zeit? Schläft man zwischendurch? Wer macht da so mit? Am Schluss möchten aber alle wissen, wie man so etwas schafft. Die Antworten sind oft banal. Im Falle des WiBoLT: 320 Kilometer, 12000 Höhenmeter, alles auf dem Rheinsteig, einem deutschen Wanderweg. Nonstop. Drei, vier Stunden Schlaf wenn es gut läuft, irgendwo, wo es gerade möglich ist. Insgesamt bis zu 90 Stunden Zeit. In diesen Situationen frage ich mich, ob ich schon abgestumpft bin oder ob so etwas jeder schaffen könnte. Ich glaube, es kann jeder. Aber wie?

Mit Genuss

Wie ich bereits andeutete, sind die Antworten auf die kleinen Fragen banal, ein solcher Lauf ist aber ein komplexes Problem. Hier kommen sehr viele Faktoren zusammen und der Ausgang ist ungewiss. Und das ist bereits die erste Weisheit. Niemand weiß, ob er das Ziel erreicht. Das Glück dabei ist, weder Neulinge noch Experten wissen das. Also gelten gleiche Chancen für alle. Wenn ich nicht weiß, ob ich ankommen, kann ich die Zeit bis dahin auch genießen. So war es auch beim WiBolT. Viele waren schon früh aus dem Rennen ausgestiegen. Es war heiß und die Strapazen des ersten Tages war auch den Favoriten zu viel. Oft waren es Magenprobleme, manchmal auch die Erkenntnis chancenlos zu sein gegen die Distanz, das Hoch-und-runter, Hitze und Schlafmangel. Hatte ich also nur Glück, noch im Rennen zu sein? Nein, ich glaube es war der Genuss am Rennen und Offenheit gegenüber und den Widrigkeiten, die passieren können. Ich wollte laufen und hatte dafür Geld bezahlt. Mir war die Zeit egal. Ich setzte mich nie unter Druck und genoss den Weg. Ja, ich genoss sogar die Müdigkeit und den Hunger. Wann bekommt man so etwas schon geboten? Man könnte es auch positive Denkmuster (Mindset) nennen, denn ich wusste, was möglich war, wenn das Positive überwiegt. Und am Ende kamen nicht die sportlichsten 30 Teilnehmer ins Ziel, sondern die mit der richtigen Einstellung.

Mit Trainingsspaß

Jetzt könnte man sagen, ja, du trainierst bestimmt viel und kannst deswegen viel entspannter ins Rennen gehen. Das kann nicht jeder. Ja. Ich trainiere, aber weniger als Du denkst und ohne Plan. Trainingspläne habe ich mittlerweile verbannt. Außerdem trainiere ich nach Lust und Laune. Und das kann theoretisch jeder. Da fällt schon mal eine Trainingseinheit aus, wenn ich keine Lust habe. Andersherum, kommt auch mal eine dazu, wenn es passt. Das liest sich komisch, weil viele den Ansatz gelernt haben: Viel hilft viel. Oder, je länger die Strecke, desto härter müssen wir trainieren. Das kannst Du auch gern machen, aber am Ende gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis gegen Spaß beim Training. Im Gegenteil. Wer keinen Spaß am Training empfindet, wird solche Ziele nicht erreichen. Das soll nicht heißen, den Körper nicht auf die Belastung vorzubereiten, nein. Das ist wichtig und sollte jedem Sportler bewusst sein. Aber die Qualität des Trainings ist wichtig. Einen Marathon kann man noch erzwingen, einen Extremlauf nicht. Auch beim WiBolT kann man das erleben. Das sind Leute dabei, die viel trainieren und welche, die wenig trainieren. Egal welchen Ansatz man verfolgt, der Spaß, Herausforderungen anzunehmen, darf nicht auf der Strecke bleibe.

Mit Flexibilität

Bei allem Spaß. Viele Läufer haben Schmerzen, Hunger oder Durst. Es passieren unvorhergesehene Dinge. Rucksackriemen reissen, man stürzt, oder läuft sich einen Wolf. Dann ist guter Rat teuer. Wer jetzt keinen starren Plan verfolgt, sondern flexibel handeln kann, bleibt im Rennen. Das setzt natürlich Planung voraus. Aber nicht eine solche, die bis ins Detail jeden Schritt festlegt und bei der geringsten Abweichung zusammenfällt, sondern eine möglichst flexible. Eine Planung, die Möglichkeiten bietet. Das geht bei der Ausrüstung los und hört beim Menschen auf. Für die Ausrüstung heißt das, Dinge zu kombinieren, die Möglichkeiten eröffnen. Wichtig ist dabei, die eigenen Erwartungen auszublenden. Nicht: Es wird bestimmt nicht regnen, deswegen lasse ich die Regenjacke zu hause. Sondern: Eine Regenjacke eröffnet mir die Möglichkeit, bei Regen trocken, aber auch bei Wind und Kälte warm zu bleiben, deswegen nehme ich sie mit. Ein anderes Beispiel. Ein Wasserfilter, ähnlich einem dicken Strohhalm, mit dem ich aus jeder Pfütze trinken kann, eröffnet mir mehr Möglichkeiten, als eine gefüllte Wasserflasche. Ohne Wasserflasche habe ich aber keine Reserve. In Kombination decke ich mit beiden Dingen fast alle Eventualitäten ab. Also kombiniere ich beides, anstatt zu erwarten, dass für Wasser schon gesorgt ist.

Das gleiche gilt für unsere Fertigkeiten. Wer vorbereitet ist auf Situationen, die an der Motivation zerren, wird sie eher bestehen. Was passiert mit mir und wie reagiere ich? Wer sich kennt und beispielsweise Entspannungstechniken beherrscht, findet schnell zurück in die Motivation. Auch Erfahrungen spielen hier eine große Rolle. Ein weiteres Beispiel für eine Fertigkeit: Orientierung kann man der Elektronik überlassen oder lernen mit anderen Hilfsmittel zu navigieren. Karte, Kompass, Sonne oder Sterne können uns helfen, unsere Position zu bestimmen auch ohne Batterien. Wir müssen nur die Fähigkeit dazu haben. Solche Fertigkeiten eröffnen uns Möglichkeiten.

Mit Gemeinschaftsinn

Während auf den meisten Kurzstrecken das Ziel ist, möglichst schnell zu sein und die beste Zeit herauszuholen, beobachtet man bei Ultraläufen das Gegenteil. Meisten sieht man sich eben zweimal. Es ist respektvoller. Hier gibt es zwar auch Individualisten, der Gemeinschaftssinn überwiegt aber. Man läuft nachts gerne mal in Grüppchen, teilt das letzte Käsebrot oder macht sich gegenseitig Mut. Es wird miteinander gesprochen und geschwiegen, sich geholfen und Musik gehört. Im Ziel wird übrigens oft gefeiert, auch wenn die Partys recht kurz ausfallen.

Mit Zeit

Oft ist es dieser Faktor, der alles beeinflusst, oder? Keine Zeit? Kein Extremlauf! Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht alles haben können, auch nicht im Informationszeitalter. Und jeder, der bereit ist, Zeit für die zu investieren, wird scheitern. Man kann fast alles schaffen, wenn man genug Zeit hat. 320 Kilometer in 90 Stunden ist für die meisten utopisch. Aber wie sieht es in zehn Jahren aus? Mit 10 Jahren Zeit für Training und Vorbereitung? Ist das nicht machbar? Es liegt also eher an der Bereitschaft, es auch zu tun und nicht an der Streckenlänge. Und deswegen ist es die Zeit, die den Ausschlag gibt, einen Extremlauf zu schaffen, aber auch die Bereitschaft diese Zeit zu nutzen.

Mit Mut

Ich gebe zu, dass bestimmt noch mehr Faktoren zum Gelingen gehören, denn es wäre zu einfach ein komplexes Konstrukt wie einen Extremlauf in seine Teile zu zerlegen. Aber es sollte ja auch ein provokanter Text werden. Und ich finde jeder hat die gleichen Chancen, es zu schaffen. Dazu braucht es jedoch Mut. Ausreden wie: „Ich kann das nicht, mein Knie ist kaputt“, „ „ „Nee, keine Zeit“ oder „Das ist doch lebensgefährlich“ höre ich ständig. Aber wer bitteschön hat es denn bisher probiert? Die wenigsten. Aber nicht, weil die Ausreden stimmen, sondern weil sie keinen Mut haben. Man muss nicht mal bis zum äußersten gehen und 320 Kilometer laufen, aber kurz innehalten und sich fragen, ob man es nicht wirklich schaffen könnte, wird doch möglich sein. Einfach einen kurzen Augenblick offen sein für Neues. Und wer es wagt, wird mit viel mehr belohnt als mit einem Finishershirt oder einem Preis. Es geht um mehr als das. Es geht um Glück und darum, das Unmögliche zu schaffen. Nichts Geringeres als das.

So, und wer jetzt trotzdem den Erlebnisbericht WiBoLT lesen möchte, kann das unter dem folgenden Link tun. Oder einfach im Browser auf zurück klicken und den Artikel WiBoLT – Erlebnisse auf 320 Kilometern aufrufen.

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