Pekinger Bekanntmachungen

Der Schmetterlingstraum

Bild zu: Der Schmetterlingstraum

 

Dieses Bild macht die Angestellten im „Ullens Center for Contemporary Art“ im Pekinger Kunstviertel „798″ ganz verrückt. Oder vielmehr weniger das Bild selbst als die sirrenden, sirenenhaften Klänge, die zu dem Video, dem das Bild entnommen ist, tagaus, tagein gespielt werden. Von früh bis spät wiegen diese Kinder mit geschlossenen Augen, offenbar in einem Schulbus, ihre Köpfe im Takt dieser somnambulen Musik. Gegenüber ist eine Ausstellung über Dior und die chinesische Kunst zu sehen, etwas Reales also, mit dem man etwas anfangen kann und das jeder an diesem Ort erwartet. Um so nervenzehrender diese ganz und gar uneindeutige, etwas unheimliche Installation, deren Töne sich im Gehirn festsetzen wie eine dunkle Erinnerung, der Abdruck eines aufwühlenden Traums, dessen genauen Ablauf man vergessen hat.

Die Installation heißt „I hate Assumption“ und stammt von dem taiwanischen Künstler Tseng Yu-chen, der dieses Jahr den Nachwuchspreis der von dem Schweizer Unternehmer Ulli Sigg initiierten „Chinese Contemporary Art Awards“ gewonnen hat. Deshalb darf dieses Bild überhaupt hier sein, denn Siggs belgischer Mäzenatenkollege Guy Ullens stellt einige Werke der Preisträger bis 21. Dezember in seinen Event-Hallen aus. Und so sieht man nun in einen Traum hinein, einen Kindheitstraum, in dem eigenartigerweise alle, die darin vorkommen, ihrerseits träumen. Eine endlose Spirale. Diese Kinder sind in der ganz realen Umgebung des Schulbusses auf eine seltsame Weise gegenwärtig und ungegenwärtig zugleich, sie sind da und mit ihrem Inneren ganz irgendwo anders. Wann ist man denn real da, wann man selbst? In der physischen oder in der seelischen Präsenz? Was macht die Kontinuität eines Menschen aus? Kann das Bewußtsein, das seinerseits Bewußtseinsbilder, Traumgesichter erinnert, überhaupt eine Gewähr dieser Kontinuität sein? Und was ist mit dem Bewußtsein der Menschen neben mir? 

Die bedrängende Präsenz dieses Videos hebt all die entgegengesetzten Antworten auf diese Fragen in sich auf und hält sie in der Schwebe. Ist es möglicherweise kein Zufall, daß eine solche Art, mit den Fragen umzugehen, von einem Künstler gerade aus dieser Weltgegend stammt? Vor fast zweieinhalbtausend Jahren hatte ein Philosoph aus derselben Weltgegend, Meister Zhuang (Zhuangzi), diesen Traum über das träumende Ich, der später sehr berühmt wurde:

„Einst träumte Zhuang Zhou, ein Schmetterling zu sein, der glücklich und beschwingt umherflatterte. Dabei wußte er nicht, daß er Zhuang Zhou war. Plötzlich wurde er wach – und war ganz eindeutig Zhuang Zhou. Nun wußte er nicht, ob er Zhuang Zhou war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder ob er ein Schmetterling war, der träumte, er sei Zhuang Zhou.“

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