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Pekinger Bekanntmachungen

Bilder und Zeichen aus Chinas öffentlichem Raum

Verdunsten

Eben hat jemand mit Wasser diese Schriftzeichen auf die Steinplatten des Madian-Parks am nördlichen Dritten Ring gemalt. Jetzt ist er gegangen, und nicht...

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Eben hat jemand mit Wasser diese Schriftzeichen auf die Steinplatten des Madian-Parks am nördlichen Dritten Ring gemalt. Jetzt ist er gegangen, und nicht lange wird es dauern, bis die Zeichen verdunstet sind. Es handelt sich um vier Zeilen (gelesen von rechts oben nach links unten) des Dichters Li Bai aus dem achten Jahrhundert (Tang-Dynastie). In den Pekinger Parks werden den ganzen Tag über solche Gedichte mit großer Kunstfertigkeit auf den Boden geschrieben, und oft sind die Kalligraphen von einem sachverständigen Publikum umringt, das mit anerkennenden Kommentaren nicht spart.

Das Erstaunliche an dieser Art Kunst ist, daß sie von vornherein aufs Verschwinden angelegt ist. Kaum ist das Bild auf dem Boden, ist es auch schon nicht mehr zu erkennen; und anders als bei Performances in der zeitgenössischen West-Kunst hält auch kein Video die Aktion für Markt und Nachwelt fest. Mit Wasser zu kalligraphieren, ist reine Gegenwart. Es scheint allein auf den Vollzug des Schreibens anzukommen, nicht auf ein statisches, dauerhaftes Werk. Die Schönheit liegt in der flüssigen Bewegung des Schreibenden mindestens ebensosehr wie in der Gestalt des Resultats und der Struktur der Zeichen selbst. „Beim Ausführen der Kalligraphie“, schreibt Chen Tingyou, „verwendet man die Kraft der Finger, des Handgelenks und des Arms, gleichzeitig müssen die Hüfte und die Beine entsprechend mitarbeiten. Wenn man steht, bewegt sich der ganze Körper. Man atmet tiefer, das Blut kreist schneller, die inneren Organe werden ganz von selbst gekräftigt, man fühlt sich vergnügt wie nie zuvor.“

Es scheint sich bei der Wasser-Kalligraphie im Madian-Park also um eine Kunst zu handeln, die das Leben weniger bannt als verströmt, die ebenso entgrenzt wie konzentriert. Alles nur eine flüchtige Bewegung, des Körpers, des Kopfes, der Kultur. Das Gedicht, das auf den Steinplatten gerade noch steht, geht in ungefährer deutscher Übersetzung so:

„Li Bai hat ein Boot bestiegen und wird sich gleich auf die Reise machen.

Da hört er am Ufer plötzlich ein Singen im Takt der Schritte.

Der Pfirsichblütenteich ist tausend Chi tief,

Aber nicht so tief wie das Gefühl, daß Wang Lun zu meinem Abschied kommt.“

Wie zahllose andere alte chinesische Gedichte handelt auch dieses, das Li Bai für seinen Freund Wang Lun geschrieben hat, vom Abschied. So kommt es, daß das, was die Bedingung seiner Vergegenwärtigung ausmacht, auch sein Thema ist: die Zeit.