Pekinger Bekanntmachungen

Göttliche Komödie 2009

Bild zu: Göttliche Komödie 2009

„Diskussion mit Dante über die Göttliche Komödie“.

So heißt das Bild, das in der Pekinger Zeitschrift „Shou Qi Zhi Chuang“ (Das Fenster der Automobilindustrie der Hauptstadt) den Übersichtskalender für das Jahr 2009 illustriert. Im Original ist das Gemälde 2,60 Meter hoch und sechs Meter breit.

Seine drei Schöpfer, die Maler Dai Dudo, Li Tiezi und Zhang Anjun, stehen in der rechten oberen Ecke neben Dante und schauen auf ein von etwa hundert Personen dicht bevölkertes Pandämonium herab. 

Das Gemälde zeichnet sich durch eine gewisse Indifferenz aus. Anders als bei Dante sind Gute und Böse nicht in verschiedenen Sphären voneinander getrennt, und auch sonst gibt es keinerlei Sortierungen: Maler und Massenmörder, Heilige und Revolutionäre, Boxer und Philosophen ganz unterschiedlicher Gegenden und Zeiten sitzen vielmehr einträchtig nebeneinander und schauen sich über die Schulter. Am zentralen roten Tisch sitzt Mao neben Abraham Lincoln; weitere Gesprächsgruppen in dieser Runde sind Marx und Engels sowie Stalin und Sokrates. Mit starrem Blick gen Himmel, vor sich eine Schreibmaschine, kippt währenddessen der klassische chinesische Dichter Li Bai hintüber. 

Das Hauptkriterium für die Auswahl der Figuren scheint ihr ikonischer Status, die Zugehörigkeit zum chinesischen Populärbewußtsein, zu sein. So folgt dieses Welttheater von der griechischen Antike bis zur Atombombe und George W. Bush einer weitgehend westlichen Dramaturgie, zwischen deren Helden sich aber dann außer vereinzelten Dritte-Welt-Vertretern wie Gandhi oder Nelson Mandela auch zahlreiche Chinesen mischen: der brave Soldat Lei Feng ebenso wie der Hürdenläufer Liu Xiang, Deng Xiaoping und Konfuzius genauso wie der Erste Kaiser. Dem Blick dieser Commedia Sinica steht, ebenso grenzen- wie richtungslos, alles gleichzeitig zur Verfügung.

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