Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Journalismus und Gene

In der vergangenen Woche habe ich mit einigem Befremden den Weg einer Meldung um die Welt verfolgt. Los ging es mit einer Pressemeldung der University of...

In der vergangenen Woche habe ich mit einigem Befremden den Weg einer Meldung um die Welt verfolgt. Los ging es mit einer Pressemeldung der University of Newcastle am 11. Dezember. Corry Gellatly, Forscher an obiger Universität, habe bei der Analyse von 927 Stammbäumen herausgefunden, dass Männer von ihren Eltern eine Tendenz erben, mehr Söhne oder mehr Töchter zu zeugen. So weit, so gut. Leider geht es weiter, und da war wohl jemand in der Presseabteilung noch nicht ganz wach: Allein mit diesem Ergebnis könne erklärt werden, warum nach den Weltkriegen deutlich mehr Jungen als Mädchen geboren wurden. „Da die Chancen für Männer mit mehr Söhnen größer waren, wenigstens einen Sohn lebend aus dem Krieg zurückkehren zu sehen, hatten diese Söhne eine höhere Wahrscheinlichkeit, selber Söhne zu bekommen, da sie diese Tendenz von ihren Vätern geerbt hatten“, heißt es in der Pressemitteilung. „Männer mit mehr Töchtern dagegen können ihren einzigen Sohn im Krieg verloren haben, und diese Söhne hätten mit höherer Wahrscheinlichkeit Töchter gezeugt.“ Schon grammatikalisch-semantisch ist diese Formulierung auch im englischen Original ziemlich unglücklich. Dass das Argument auch noch falsch ist, macht die Sache nicht besser, aber dazu später mehr.

Noch am selben Tag schrieb BBC News: „The Evolutionary Biology study could clear up a long-standing mystery – a flood of boy babies after World War I.“ Die Flut von Jungen mag bei seinerzeit 105.8 Jungen auf 100 Mädchen in England und Wales noch angehen, wobei anzumerken ist, dass im ersten Halbjahr 2007 in Deutschland laut dem Bundesamt für Statistik durchschnittlich 106 Jungen auf 100 Mädchen kamen, und auch England und Wales bringen es heute auf einen Wert von 105.7 (nachzulesen beim Office for national statistics). Jedoch ist es tatsächlich so, dass die Quote Anfang des vergangenen Jahrhunderts niedriger lag und um 1920 herum kurzzeitig sprunghaft anstieg. Nur leider kann die – übrigens laut dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie keinesfalls neue – Vererbungsthese nicht so einfach zur Erklärung dieser Schwankungen beitragen. Das kann man sich leicht überlegen. In die Barbarei des ersten Weltkrieges wurden meines wissens insgesamt rund 60 Millionen Soldaten geschickt, von denen etwa 9.7 Millionen nicht zurückkehrten. Dass Krieg im Allgemeinen und der erste Weltkrieg im Besonderen eine grausame Angelegenheit ist, muss wohl nicht weiter erläutert werden. Aber vielleicht nochmals kurz zur Klärung: Man wird nicht erst nach der Zahl seiner Brüder gefragt, bevor man stirbt. Wenn also ein bestimmter Prozentsatz der Soldaten das „Gen für Söhne“ trägt, wird das unter den Überlebenden wohl nicht wesentlich anders sein.

Corry Gellatlys Erklärung des Weltkriegseffekts ist allein darauf zurückzuführen, dass seinen Simulationen die Annahme zugrunde liegt, aus jeder Familie werde grundsätzlich nur ein Sohn eingezogen, was natürlich Männer mit vielen Brüdern massiv begünstigt. Man muss jedoch kein Historiker sein, um zu ahnen, dass es etwas anders war, ein Blick auf die Zahlen genügt. Gellatly kann man zugute halten, dass er in seinem Artikel die Einfachheit der Annahmen einräumt. Außerdem ist er nicht, wie vielerorts behauptet, der Leiter einer Forschergruppe, sondern nur ein Doktorand, der die Arbeit im Alleingang gemacht hat. Dafür ist es eine respektable Leistung. Die Lektüre dieses Artikels oder ein Anruf bei der University of Newcastle, wo bereitwillig und freundlich Auskunft erteilt wird, waren jedoch anscheinend kaum jemandem die Mühe wert. Nach einer Woche hatten unzählige Medien die schwache Pressemitteilung voneinander abgeschrieben. Nachdem sie hierzulande in diversen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften zu lesen war, schaffte es die Nachricht vom gelösten Rätsel um den Jungenboom bis ins Zentralorgan der Kommunistischen Partei von Vietnam, Nhan Dan. Auch auf chinesischen und schwedischen Zeitungsseiten war sie noch zu finden.

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