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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Eisig warm: Immer noch Zweifel am Klimawandel?

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Was wir sicher ahnen und was wir einigermaßen zu wissen glauben íst ja speziell in der Klimaforschung eine ausgesprochen schwierige, reizvolle...

Was wir sicher ahnen und was wir einigermaßen zu wissen glauben íst ja speziell in der Klimaforschung eine ausgesprochen schwierige, reizvolle Unterscheidung – und eine nie versiegende Quelle für produktive Zweifel.

Nehmen wir zwei neue Veröffentlichungen aus „Nature” und eine Umfrage aus „EOS”, der interdisziplinären Zeitschrift der American Geophysical Union:

 Die eine „Nature”-Publikation dürfte vielen Klimatologen als ein lange gesuchtes und entsprechendes sehnsüchtig erwartetes „missing link” in ihrer Argumentationskette vorkommen. Es geht um die Erwärmung der Antarktis und damit des größten Eis- und Süßwasserreservoirs auf unserem Planeten. Es geht also um viel.  Immer wieder stand die Behauptung im Raum, gestützt allerdings auch von Messdaten, dass es insbesondere auf dem riesigen Teil der Ostantarktis keineswegs wärmer geworden sei. Auf der Antarktischen Halbinsel am äußersten Zipfel der Westantarktis, gut, da ist die massive Erwärmung im letzten halben Jahrhundert längst unübersehbar. Aber schon was das westantarktische Eisschild angeht, hatte man da so seine Zweifel – wohlgemerkt auch unter IPCC-konformen Polarforschern. Andere freilich ahnten schon, dass die bisher ausgewerteten spärlichen Wetterdaten wenig repräsentativ und die theoretischen Erklärungsmodelle empirisch eher schwach unterfüttert sind.

Eine Gruppe amerikanischer Forscher um Drew Shindell vom Nasa Goddard Institute for Space Studies und Eric Steig  vom National Center for Atmospheric Research in Boulder hat diesse ahnungsvollen Kollegen nun in ihrer Erwärmungstheorie bestärkt. Das Team hat die für die letzten fünfzig Jahre verfügbaren Wetterdaten von rund hundert Stationen – und zwar dank neuer statistischer Modelle mehr als bislang verwendet – mit Satellitendaten kombiniert und rechnerisch Interpolationen über die weiten, unberührten Eiswüsten der Ost- und Westantarktis vornegommen. Eine geschickte Rekonstruktion   mit neuer Software. Das Ergebnis jedenfalls war, dass es über nahezu der gesamten Antarktis eine spürbare Erwärmung gegeben haben muss: um durchschnittlich ein halbes Grad. Die Westantarktis um 0,17° (plusminus 0,06°) pro Dekade, die Antarktische Halbinsel um 0,11° (plusmius 0,04°) und die Ostantarktis um 0,10° (plusminus 0,07). Man sieht die Streuung im Osten des Kontinents ist am größten. Tatsächlich hat man dort im südlichen Herbst zwar einen Abkühlungstrend – zumal über einen Zehnjahres-Zeitraum – gefunden. Aber vor allem die stärkere Erwärmung im Wnter und Frühling überkompensieren das über die gesamte Zeit seit 1957 gesehen. Ein Erklärungsmodell wird auch gleich mitgeliefert: Regionale Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation, die die Meereisbedckung gravierend verändern und damit auch Albedo und Temperatur. Wahrscheinlich bleibt dennoch, dass auch diese Interpolation nicht das letzte Wort zum Erwärmungstrends in der Antarktis sein wird.

Bild zu: Eisig warm: Immer noch Zweifel am Klimawandel?Erwärmungstrend seit 1957. Grafik E. Steig

 

Das Schmelzen der südlichen Eiskappe und damit die Ahnungen zum Meeresspiegelanstieg, ja auch die  Horrorszenarien, dürften also wieder stärker Thema werden.

 

In der anderen „Nature”-Publikation, aus der Feder von A.T. Stine und I.Y. Fung von der University of California, wird gezeigt, dass die Verschiebung der Jahreszeiten – statistisch – aufgrund der Erderwärmung deutlich erkennbar wird: Frühlingsbeginn und Herbstende sind um durchschnittlich 1,7 Tage nach vorne verschoben. Außerdem hat sich die Amplitude zwischen kalten Winter- und warmen Sommertemperaturen  verkleinert, mit anderen Worten: Es ist milder geworden. Das ist grundsätzlich nichts Neues, die Erwärmung im Winter (und hier vor allem die erhöhten Nachttemperaturen) auf der Nordhalbkugel ist längst identifiziert, und gefühlt haben wir das allenthalben (auch wenn die sibirischen Ausreißer vor ein paar Tagen da sicher die Überzeugungskraft des Arguments schmälern). Nur waren viele älteren Datenreihen einigen eben entweder  immer noch zu reginal gestreut oder nicht lang genug. Bei allen statistischen Abweichungen – bekannt sind etwa Amplitudenerhöhungen durch die Häufung extrem warmer Sommer im Westen Europas – fügt sich die neue Statistik jedenfalls ein in das Bild, das man sich vom „Global Change” macht.

Keineswegs einfügen lassen sich die Ergebnisse allerdings offenbar in das Bild, das man sich inzwischen so allgemein von Klimamodellen macht. Denn beim Vergleich der Beobachtungsdaten mit den Ergebnissen und Prognosen kaum eines der zwölf (auch vom Weltklimarat IPCC genutzten) Computermodelle hat  offenbar die Phasenverschiebung reproduzieren können. Ein „bestürzendes” Resultat, kommentierte das David Thomson, Mathematiker und Statistiker an der Queen’s University in Kingston, Ontario. Man muss allerdings dazu sagen, dass Thomson auch zugibt, mit den gekoppelten numerischen Klimamodellen bisher keinerlei Erfahrungen zu haben.

 

Und damit wären wir schon bei der „EOS”-Umfrage. (leider nur PM hier, ohne Abstract) Denn die will eben genau dieses zeigen: Je mehr die Leute sich mit Klima, Klimodellen und Erderwärmung beschäftigen, desto mehr sind sie auch vom anthropogenen Klimawandel überzeugt. Es ist ja nicht die erste Umfrage zu diesem Komplex, Hans von Storch vom GKSS in Geesthacht hat schon einige ausführliche (und kontrovers diskutierte) Befragungen vorgelegt; seine letzte Großerhebung ist im Okotber 2008 erst abgeschlossen worden.  Aber die EOS-Umfrage von Peter Doran und Maggie Kendall Zimmermann aus Chikago   hat offensichtlich deutlich mehr Rücklauf, was ganz einfach daran liegt, dass sie sich auf neun knappe Fragen beschränkt. Der Frageboden, verschickt Ende vergangenen Jahres an gut zehntausend Fachleuten, die mehr oder weniger mit der Klimaforschung beschäftigten und in der Adressdatei des American Geophysical Institutes gelistet sind. Neunzig Prozent sind demnach Amerikaner, wneiger als vier Prozent Europäer. Aus den 3146 Antworten hat man herauslesen können, was man längst ahnte (s.u. Grafik): 97 Prozent derer, die sich schon länger aktiv und intensiv mit der Klimaforschung beschäftigen,  glauben dran, dass der Mensch in das Klimageschehen eingreift und die globale Erwärmung mit verursacht. Je weniger sich allerdings die Wissenschaftler mit dem eigentlichen Problem des Klimawandels beschäftigen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer Zustimmung: Unter den Rohstoffgeologen und Meteorologen glauben „nur” 47 beziehungsweise 64 Prozent an den menschlichen Einfluss. Die öffentliche Meinung in Amerika, erhoben vor einem dreiviertel Jahr von Gallup, liegt irgendwo dazwischen: bei gut 58 Prozent.

Bild zu: Eisig warm: Immer noch Zweifel am Klimawandel?

 

Was wieder zeigt:

Die „Klima-Skeptiker”-Debatten sind zwar nahezu nichtexistent in den innersten Fachzirkeln, wie das die Medienkritiker unter den Klimatologen korrekt behaupten. Aber die Überzeugungskraft ihrer wissenschaftlichen Argumente hat den viel größeren Kreis – und keineswegs nur das Laienpublikum – außerhalb dieses Kerns entweder nicht erreicht oder nicht überzeugt. Geahnt haben wir das schon. Und unsere journalistsichen Schlüsse daraus gezogen. Nur sind halt nicht alle richtig glücklich damit. Sollte aber das Ziel einer Berichterstattung – übrigens ebenso wie das Ziel solcher Umfragen auch – etwa sein, dass der Wissenschaftsbetrieb als zweifelsfreier, gleichgeschalteter Diskussionsraum dargestellt wird? Das wäre glatte Zensur und Unterschlagung von Informationen. Noch unglücklicher wäre das Bild einer quasi ferngesteuerten Konsensmaschine. Das wäre dann doch höchst verdächtig. Und der Wahrheitsfindung höchst abträglich.    

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Postscriptum:

Auf dem Realclimate Blog haben einige an der Antarktis-Studie beteiligte Autoren Klarstellungen vorgenommen und interessante Links zu weiteren Papers eingestellt, die sich jeweils auf das Projekt und andere Antarktis-Veröffentlichungen beziehen. Könnte manchen interessieren, der über die ja letzten Endes doch eingeschränkte Aussagekraft mehr wissen will.

   


14 Lesermeinungen

  1. besso sagt:

    Die Durchschnittsemperatur ist...
    Die Durchschnittsemperatur ist in den vergangenen 50 Jahren also angeblich um 0,5 Grad
    gestiegen. Sie beträgt damit nicht mehr -55 Grad sondern -54,5 Grad.
    Und wenn es so weiter geht (nichts spricht dafür!) wird die Temperatur in weiteren 50 Jahren auf schweißtreibende -54 Grad hochgeschnellt sein…
    Der dazu passende O-Ton des Autors: “Das Schmelzen der südlichen Eiskappe und damit die Ahnungen zum Meeresspiegelanstieg, ja auch die Horrorszenarien, dürften also wieder stärker Thema werden”
    Alles klar, Müller-Jung – große Klasse! Echt super!
    Muß man eigentlich eine Schule besucht haben um in der FAZ veröffentlichen zu können? Oder reicht es aus dem Hintern des IPCC geschlüpft zu sein?

  2. khaproperty sagt:

    Mehr als Meinungen zum...
    Mehr als Meinungen zum menschlichen Einfluß gibt es nicht. Also laßt uns Vorbereitungen treffen, mit den anstehenden Folgen irgendwie fertig zu werden. Leider ist zu diesem praktischen Teil kaum etwas zu vernehmen.

  3. Karneades sagt:

    Die Gletscher gaben auch...
    Die Gletscher gaben auch früher keine Ruhe
    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2008, Nr. 7, S. N1
    Bohrproben aus der Antarktis belegen unruhige Zeiten in der Klimageschichte des Südkontinents
    Die Klimageschichte der Antarktis war in den vergangenen 15 Millionen Jahren weitaus wechselhafter, als man bisher angenommen hat. Mindestens sechzigmal ist es in dieser Zeit zu erheblichen Vorstößen und Rückzügen des Eises auf dem tiefgefrorenen Südkontinent gekommen. Zu diesem Schluss gelangt jetzt eine internationale Forschergruppe nach der Auswertung von Gesteinsproben, die aus den Meeressedimenten unter dem mit Schelfeis bedeckten Ross-Meer erbohrt worden sind. Bei zwei Bohrungen wurden dabei Sedimentkerne mit einer Länge von insgesamt mehr als zwei Kilometern ans Tageslicht gefördert. …”
    ‘Antarktis 21.4.08 FAZ: Kälterekord lässt Eisdecke wachsen.
    Eine Expedition lässt aufatmen: Die Tiefsee der Antarktis ist nach jahrelanger Erwärmung wieder kälter geworden. Dies teilte das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) am Montag als Ergebnis einer zehnwöchigen Expedition des Forschungsschiffes „Polarstern“ im Südlichen Ozean mit. Gleichzeitig zeigten Satellitenaufnahmen die höchste Ausdehnung der Eisdecke im antarktischen Sommer seit Aufzeichnungsbeginn.
    Ob es eine Trendwende oder ein Ausreißer ist, sollen weitere Untersuchungen zeigen. Das 58-köpfige Team der „Polarstern“-Expedition untersuchte gut zehn Wochen lang Meeresströmungen sowie die Temperatur-, Salzgehalts- und Spurenstoffverteilung im Meerwasser der Antarktis. „Seit Ende der 80er Jahre ist bei solchen Untersuchungen festgestellt worden, dass es in der Tiefsee immer wärmer geworden ist“, sagte Expeditionsleiter Eberhard Fahrbach der AP und fügte hinzu. „Jetzt ist der Trend gebrochen.“ ‘
    “Vor zehntausend Jahren nimmt der Frühling seinen Anfang. Die glitzernde Eiskappe, die Skandinavien bedeckt, schmilzt wie Schnee in der Sonne … Jetzt herrscht Hochsommer. Wir Menschen haben uns zu einer erfolgreichen, allerdings sorgenvollen Art entwickelt. Das Klima ist so gut wie stabil, aber wir fürchten uns trotzdem davor, daß es in hundert Jahren ein Grad wärmer sein wird. Der Meeresspiegel steigt kaum noch, aber wir benehmen uns, als seien wir in Lebensgefahr … Wir sorgen uns um die Artenvielfalt der Pflanzen und Tiere um uns herum, obwohl die noch nie so groß war wie heute. …” SAL. KROONENBERG, DER LANGE ZYKLUS, DIE ERDE IN 10000 JAHREN, wb 2008, S. 7-11, KROONENBERG lehrt Geologie an der TU Delft

  4. Krintler sagt:

    Da flüchtet sich nun der...
    Da flüchtet sich nun der Schreiber Joachim Müller-Jung in die Frage, mit welchen Mehrheiten, welche Arten von wissenschaftlicher oder nichtwissenschaftlicher Spezies die Klimawandel als anthropogen ansehen und welche nicht. Gerade die Formulierung, ich zitiere: „Die „Klima-Skeptiker”-Debatten sind zwar nahezu nichtexistent in den innersten Fachzirkeln, wie das die Medienkritiker unter den Klimatologen korrekt behaupten.“ zeigt wo das Problem liegt; nämlich dass gerade einem aus Geldern der Steuerzahler finanziertem solchem inneren Zirkel von Brotgelehrten mit ihrer Neigung zur Produktion von wissenschaftlicher Inzuchtergebnissen seitens der „Nichtklimatologen“ und Laien schärfstens auf die Finger zu sehen ist. Die Kontrolle der Wissenschaft ist aber den das Geld der Steuerzahler freigiebig vergebenden Politikern schon längst nicht nur entglitten, sondern es besteht auch nicht mehr der Wille, sie zu kontrollieren. Hinzu kommt die fatale Neigung der den Zeitgeist bestimmenden gesellschaftlichen Kräfte wissenschaftliche Ergebnisse dann als richtig und für alle als gültige Wahrheit anzusehen, wenn sie von einer wie auch immer gearteten „wissenschaftlichen“ Mehrheit als Konsens behauptet wird, und so wie jetzt mit dem anthropogenen Klimawandel alle Menschen den politische uns teuren Entscheidungen aus diesem „Konsensen“ zu unterwerfen, womit gleichzeitig solche Ergebnisse in den Zustand von Dogmen und Tabus erhoben werden.
    Aber!!!!! nach welchen Kriterien soll eine immer kontroverse Wissenschaft beurteilt und kontrolliert werden und wer soll befugt sein, die Bewertungen vorzunehmen? Letztlich ist das eine Unmöglichkeit auch deshalb, weil die wissenschaftlichen Wahrheiten von heute die Irrtümer von morgen sind. Die Folgerung kann nur sein: Totaler Rückzug des Staates aus der beamteten Wissenschaft mit der Beendigung aller Wissenschaftssubventionen! Literatur dazu: Paul Feyerabend „Erkenntnis für freie Menschen“ und „Wider den Methodenzwang“. Vorher wäre es vielleicht nicht schlecht, sich mit dem von Karl Popper formulierten, aber schon von Kant vorgedachten, kritischen Rationalismus zu beschäftigen. Danach sind nur diejenigen Ergebnisse von Wissenschaft als wissenschaftlich anzuerkennen, die ihre jederzeitige Falsifizierungen (Verwerfung) ermöglichen. Jede Art von statistische Erhebungen, Berechungsmodelle und Interpretationen erfüllen aber nicht dieses an eine Wissenschaft zu stellende entscheidende Kriterium. Leider ist diese Vorgehensweise inzwischen fast in der gesamtem Wissenschaft gang und gäbe, besonders in dem, was sich Medizinwissenschaft nennt, die schon lange nicht mehr nach den Ursachen von Krankheiten fragt, sondern aus Erhebungen und Statistiken ihre fragwürdigen Wahrheiten verkündet.

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