Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Jahrmarkt in Chicago (4): Preisgekrönt und doch gefeuert

Die amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) ehrt jedes Jahr die besten Wissenschaftsjournalisten. Das Fazit in diesem Jahr: Qualität schützt vor Entlassung nicht.

Wer in Chicago beim Kauf einer Postkarte und eines billigen T-Shirts nicht mit Kreditkarte zahlt, ruft Zweifler auf den Plan: Der Zehn-Dollar-Schein wird geprüft, als habe man heute schon Dutzende falscher Banknoten aus dem Verkehr gezogen. Wären die Amerikaner doch nur immer so skeptisch. Glaubt man dem vernichtenden Urteil vieler Experten bei der AAAS-Jahrestagung in Chicago, dann täte das nämlich vor allem dem wissenschaftlichen Verständnis in der Bevölkerung gut.

Allerdings gäbe es dann wohl auch manch spannende Geschichte weniger zu erzählen. Das sagt zumindest Joseph McMaster, einer der Preisträger des “Science Journalism Award”, den die AAAS gestern bei ihrer Jahrestagung vergab. Gemeinsam mit seinem Kollegen Gary Johnstone produzierte er einen Film mit dem Titel „Judgment Day: Intelligent Design on Trial” (dt. etwa „Der jüngste Tag: Kreationismus vor Gericht”). Er müsse sich bei den Kreationisten bedanken, so McMaster, „ohne euch hätten wir nie solch einen packenden Film machen können”.

Die Debatte über Evolution im Schulunterricht spielt nach wie vor eine große Rolle in amerikanischen Wissenschaftsredaktionen. Ein einfaches Rezept für den Umgang damit hat David Perlman vom San Francisco Chronicle gefunden, der von der AAAS für sein Lebenswerk geehrt wurde: „Wenn solche Leute anrufen und mir ihre abstrusen Theorien verkaufen wollen, antworte ich immer, dass bei uns selbstverständlich die Religionsredaktion dieses Thema abdeckt.” Die Lacher hatte er auf seiner Seite. Perlman, nach eigener Aussage als “Wissenschafts-Analphabet” aufgewachsen und deshalb seit nunmehr 30 Jahren in einem intensiven Dauerfortbildungsprogramm „on the job”, schien dankbar, rechtzeitig vor Online-Trend und Redaktionsverschlankungen in den Ruhestand zu gehen. „Ich bin ein Papier-Typ”, sagte er. Etliche seiner Mitpreisträger haben nicht diese Wahl, und das Fazit aus ihren Dankesreden war düster: Qualität schützt vor Entlassung nicht.

Kara Platoni, deren Report „Ist da jemand?” im East Bay Express als bestes Stück in einer Lokalzeitung ausgezeichnet wurde, ist inzwischen aus Sparzwang entlassen, und auch Terry McDermott, bis vor kurzem festangestellter Reporter der L.A. Times, berichtete von den sechs Redakteuren, die seine nun preisgekrönte Serie über das menschliche Erinnerungsvermögen betreut hatten: „Der erste setzte mich drauf an, der zweite  zog mich wieder ab, der dritte schickte mich erneut los, der vierte redigierte die Geschichte zu Tode, dem fünften gelang es, sie zu retten. Der sechste wiederum war es, der mir die Kündigung aussprach.” Die besten Wissenschaftsjournalisten ehrte die AAAS im festlichen Art Institute von Chicago, wo zeitgleich eine Ausstellung über Edvard Munch eröffnet wurde. Einen Schrei löste McDermott mit seiner Botschaft allerdings nicht aus, sondern vielmehr schallendes Gelächter – Galgenhumor in Zeiten, in denen zum Beispiel CNN seine komplette Wissenschaftsredaktion entlässt. Auch Daniel Grossmann, für die Dokumentation „Meltdown: Inside Out” von der AAAS bereits zum dritten Mal als bester Radioreporter ausgezeichnet, konnte sich einen Witz über das Auskommen als freier Hörfunkautor nicht verkneifen: „Ich würde ja aufhören, mich für diese Preise zu bewerben, um anderen auch eine Chance zu geben. Dummerweise machen sie aber inzwischen einen Großteil meines Einkommens aus.”

Bei allem Zynismus, die in Chicago ausgezeichneten Beiträge inspirieren mit frischem Stil und ungewöhnlichen Einstiegen wie diesem von Terry McDermott in seinem Text über unser Erinnerungsvermögen und Demenz:

Als ich das erste Mal mit dem Neurowissenschaftler Gary Lynch sprach, verlief unser Gespräch ungefähr so:

Ich: Ich würde gerne Zeit in Ihrem Labor verbringen, wo es vor allem um Erinnerung geht. Ich will erklären, wie Erinnerung funktioniert und woran sie scheitert und warum, und die Laborarbeit zur Illustration verwenden, warum wir wissen, was wir wissen.

Lynch: “Sie sind willkommen. Das ist ein günstiger Moment.”

Ich: “Warum?”

Lynch: “Because we’re about to nail this mother to the door” (dt. “weil wir diese Sache jetzt wirklich aufklären werden”)

Ermutigende Beispiele gibt es zuhauf. Dennoch ist auf der AAAS-Konferenz von einer ausgemachten Krise des Wissenschaftsjournalismus die Rede. So geriet ein kurzes Treffen, auf dem lediglich die Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten im Juni in London vorgestellt werden sollte, kurzerhand zum Krisengipfel. Einer der Appelle, vorgetragen von der Harvard-Expertin Christine Russell, galt der Nachahmung eines neuen Modells bei der New York Times: Dort bilden Wissenschaftsjournalisten seit Mitte Januar interdisziplinäre Teams mit Politik-, Wirtschafts- und Lokalredakteuren, um besser über Umweltthemen berichten zu können. Russell dazu: Als Wissenschaftsreporter müssen Sie sich die politischen Komponenten von Umweltthemen erschließen, sonst verlieren Sie zunehmend an Relevanz.” Und an die Adresse der Redaktionen: „Lange, tiefgründige Recherche wie diese hier müssen möglich bleiben.”

Recherchen wie die von John Carey etwa, der die Jury in der Kategorie „Magazin-Story” deshalb am meisten überzeugte, weil er „vermeintliches Allerweltswissen vorsichtig dekonstruiert” habe. Er stellte in der Zeitschrift „Business Week” die Frage, ob Cholesterinmedikamente wirklich eine Wirkung entfalten. Seine Ergebnis: Sie wirken nur bei Hochrisikogruppen, sind ansonsten überbewertet. Carey, in seiner Redaktion auch heute noch fest im Sattel, wollte ursprünglich die Wirksamkeit einer ganzen Palette von Medikamenten unter die Lupe nehmen. Dass der Redakteur ihn ausgerechnet auf das angeblich cholesterin-senkende Mittel Lipitor ansetzte, hatte einen einfachen Grund: Er nahm es selbst seit längerem ein, und war neugierig.