Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Kann Kuhmilch krank machen?

Vor genau einem Jahr, am 5. Juni 2008, beendeten die deutschen Bauern ihren Milch-Lieferstopp, den sie aus Protest gegen die gesunkenen Milchpreise begonnen...

Vor genau einem Jahr, am 5. Juni 2008, beendeten die deutschen Bauern ihren Milch-Lieferstopp, den sie aus Protest gegen die gesunkenen Milchpreise begonnen hatten. Mittlerweile protestieren die Milchbauern schon seit Wochen erneut. Milch wird in unzähligen Presseerklärungen des Bauernverbandes als hochwertiges Lebensmittel gepriesen, Landwirtinnen traten vor dem Bundeskanzleramt in den Hungerstreik, um ein Gespräch mit Angela Merkel zu erzwingen, Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner war bei „Beckmann“ zu Gast. Mitten in diese Diskussion platzt das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) jetzt mit einer kühlen Warnung vor dem weißen Lebensmittel: Kinder, die mit ihren Schulklassen zu Unterrichtszwecken Bauernhöfe besichtigen, können schwer krank werden, wenn sie dort unerhitzte Milch aus dem Tank probieren, heißt es lapidar. 

Tatsächlich erhält das BfR über das bundesweite Erfassungssystem für Lebensmittel, die an Ausbrüchen beteiligt sind (BELA), immer wieder Informationen über Krankheitsfälle, die nach Rohmilchverzehr auf Bauernhöfen aufgetreten sind. Vor allem Campylobacter- und EHEC-Bakterien sind die Auslöser. Beide Erreger sind im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent – insbesondere wenn man ihren Bekanntheitsgrad mit dem von Salmonellen vergleicht. Doch auch sie rufen heftige Durchfallerkrankungen hervor. Und: Bei beiden Erkrankungen kann es zu schwersten Komplikationen kommen.

Campylobacter jejuni ist ein korkenzieherförmiges Bakterium, das sich im Darm vieler warmblütiger Tiere findet – auch beim Rind. Der Mensch steckt sich über mit Kot kontaminierte, unzureichend erhitzte oder durchgegarte tierische Lebensmittel an – vor allem Rohmilch und Geflügelfleisch. Anders als bei anderen Bakterien reichen schon 500 Keime für eine Infektion aus. Jährlich werden in Deutschland mehr als 50.000 Campylobacteriose-Fälle gemeldet. Kleine Kinder unter fünf Jahren sind besonders betroffen. Eine seltene Komplikation ist das Guillain-Barré-Syndrom: Die Betroffenen zeigen etwa ein bis drei Wochen nach der Darmerkrankung neurologische Störungen, vor allem Lähmungen und Ausfälle der Muskelreflexe. In Einzelfällen kann die Krankheit über eine Atemlähmung zum Tod führen. Allerdings tritt das Guillain-Barré-Syndrom nur sehr vereinzelt auf. In einer schwedischen Studie an 3265 Campylobacter-Erkrankten konnte ein Fall mit der neurologischen Komplikation festgestellt werden. 

Die Abkürzung „EHEC“ steht für „Enterohämorrhagische Escherichia coli“. Es handelt sich um bestimmte Stämme des Darmbakteriums Escherichia coli (E. coli), die beim Menschen blutigen Durchfall auslösen. Überträgertier ist in den meisten Fällen das Rind, dessen Fleisch bei der Schlachtung mit Darminhalt kontaminiert werden kann. Die EHEC-Infektion wurde Anfang der achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten unter dem Namen „Hamburger Disease“ bekannt, Auslöser einer Krankheitswelle waren nicht ganz durchgebratene Hamburger gewesen. Säuglinge, Kleinkinder und alte Menschen sind die Risikogruppen. Besonders gefährlich ist eine Folgeerkrankung: das Hämolytisch-Urämische Syndrom (HUS), das zu Nierenversagen führt. In 50 Prozent aller HUS-Fälle kommt es zu bleibenden schweren Schäden, in bis zu 10 Prozent aller HUS-Fälle sterben die Patienten. Mehr als die Hälfte der EHEC-Infektionen betrifft Kinder unter fünf Jahren.

Weltweit treten immer wieder Infektionen durch den Verzehr von Rohmilch auf – und auch durch Produkte aus Rohmilch, zum Beispiel Rohmilchkäse. So erkrankten etwa im Jahr 2000 in Sachsen-Anhalt 31 Menschen an einer Campylobacter-Infektion, nachdem sie Rohmilch getrunken hatten. Ein Jahr darauf waren es 75 Menschen in Wisconsin in den Vereinigten Staaten. In Ohio wurde 2003 ein Salmonelloseausbruch durch Rohmilch nachgewiesen. Wenn Fachleute für Lebensmittelhygiene Milchproben von Höfen untersuchen, fanden sich in den vergangenen Jahren beachtliche Keimzahlen. So wurden in einer im Jahr 2000 publizierten Berliner Untersuchung immerhin in 10 Prozent der Proben von „Milch ab-Hof“ Listerien nachgewiesen, in fast 50 Prozent Staphylokokken, in 8 Prozent Bacillus cereus und in 81 Prozent E. coli. Listerien können insbesondere bei Schwangeren zu Fehl- und Totgeburten führen, Staphylokokken können Atemwegs- und Harnwegsinfektionen auslösen. Bacillus cereus führt zu Erbrechen, E.coli zu Durchfällen. 

Das BfR warnt jetzt vor allem vor Campylobacter- und EHEC-Infektionen, gibt aber zu bedenken, dass man sich durch Rohmilch auch Salmonellose, Listeriose und Q-Fieber zuziehen kann. Es bleibt die Frage, warum die Abgabe von Milch direkt aus dem Kuhstall überhaupt erlaubt ist. Die Antwort lautet: Sie ist es überhaupt nicht. Die Abgabe von Rohmilch an Verbraucher ist in Deutschland grundsätzlich verboten. Eine Ausnahme bilden Betriebe, die von der zuständigen Behörde die Genehmigung bekommen haben, Rohmilch unter der Bezeichnung „Vorzugsmilch“ abzugeben – vorausgesetzt, die rechtlichen Anforderungen werden erfüllt. Dazu zählen beispielsweise monatliche mikrobiologische Kontrollen. Die strengen Vorgaben haben dazu geführt, dass nur etwa 80 Betriebe in Deutschland Vorzugsmilch verkaufen. Milcherzeugende Betriebe dürfen außerdem „Rohmilch ab Hof“ an Verbraucher abgeben, wenn sie die Abgabe den Behörden gemeldet haben. An der Abgabestelle muss der deutliche Hinweis „Rohmilch, vor dem Verzehr abkochen“ angebracht sein.

Die Milch, die man in der Kühltheke findet, ist nicht mehr roh – sie ist pasteurisiert. Bei der Pasteurisierung wird Milch für eine Dauer von 30 bis 40 Sekunden auf 72 bis 75 °C erhitzt und danach wieder abgekühlt. Alle Krankheitserreger außer dem Milzbranderreger Bacillus anthracis werden dabei abgetötet. Allerdings geht auch ein gewisser Anteil der Vitamine in der Milch verloren: Ungefähr fünf Prozent des Vitamins B1, bis zu zehn Prozent des Vitamins B12 und bis zu 25 Prozent vom Vitamin C. 

Wegen der Vitaminverluste war die Pasteurisierung lange Zeit umstritten. Sie ist in Deutschland erst seit 1947 vorgeschrieben, wurde aber bereits seit der Jahrhundertwende immer wieder diskutiert. Anlass war die Rinder-Tuberkulose, die über Milch und Milchprodukte viele Menschen infizierte; vor allem Kinder hatten eine ungünstige Prognose. In den zwanziger Jahren führte man zehn Prozent aller menschlichen Tuberkulosefälle auf die Rinder-Tuberkulose zurück. 1923 wurde in Proben von Berliner Markenmilch ein Verseuchungsgrad von bis zu 61 Prozent mit dem Tuberkuloseerreger Mycobacterium bovis festgestellt. Zwischen 1928 und 1952 starben jährlich etwa 1000 Menschen an Rinder-Tuberkulose. Und noch 1950 waren in Deutschland mehr als 50 Prozent der Milchkuhbestände infiziert.

Das Wissen über Risiken, die von rohen tierischen Lebensmitteln ausgehen, ist im Zuge moderner Produktionsmethoden und der industriellen Tierhaltung immer weiter in Vergessenheit geraten. Lediglich besondere Risikogruppen wie immungeschwächte Krebs- oder Aids-Patienten und Schwangere entwickeln gezwungenermaßen noch ein Gespür dafür, welches Krankheitspotential in so harmlos wirkenden, gängigen Lebensmitteln wie Mettwurst, weichgekochtem Ei oder Gorgonzola stecken kann. Oder eben in Milch frisch aus dem Tank.