Planckton

Planckton

Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Goeppertmayerium?

Nun müssen sie sich endlich entscheiden, die Physiker um Sigurd Hofmann vom Forschungszentrum GSI in Darmstadt Wixhausen. Denn nun bekamen sie ein...

Nun müssen sie sich endlich entscheiden, die Physiker um Sigurd Hofmann vom Forschungszentrum GSI in Darmstadt Wixhausen. Denn nun bekamen sie ein langersehntes Schreiben, das sie auffordert, dem Element 112 einen Namen zu geben.

Denn die ersten Kerne dieses Elements traten 1996 in dem Darmstädter Labor ins Dasein. Daß Hofmann und seine Kollegen ihr Baby erst jetzt taufen dürfen, liegt daran, daß man bei der zuständigen International Union of Pure and Applied Chemistry (Iupac)  schon schlechte Erfahrungen mit voreiligen Elementtaufen gemacht hat: Ende der 1950er Jahre hatten amerikanische Forscher dem Element 102 den Namen „Nobelium“ geben dürfen. Später stellte sich raus, daß die Amerikaner das Element aufgrund von Fehlmessungen nur synthetisiert zu haben glaubten und in Wahrheit ihre russischen Konkurrenten 1966 die ersten waren – und das mitten im kalten Krieg! Der Zwist um die Benennung superschwerer synthetischer Elemente, der daraufhin entbrannte, dauerte länger als der politische Ost-West-Konflikt. Erst 1997 konnte er beigelegt werden. Und seither ist man bei der Iupac pingelig

Aber nun ist es offiziell: die Wiege von Nummer 112 steht in Südhessen, und jetzt muß die dort bereits seit 1997 andauernde Namenssuche endlich zu einem Ergebnis kommen. Immerhin hat Hoffmann jetzt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erfreulich klar gemacht, daß 112 nach den ebenfalls an der GSI entdeckten Elementen Hassium und Darmstadtium nicht ebenfalls seine geographische Heimat ehren wird. Das Wixhausium bleibt uns mithin erspart. 

Hofmanns zweite interessante Bemerkung in dem Interview war, daß der Name nicht schon einmal inoffiziell für ein Element verwendet worden sein darf. Das wirft „Hahnium“ endgülig aus dem Rennen. Otto Hahn, der Mitentdecker der Kernspaltung, war vor 1997 vom Westen als Namenspatron für Element 105 vorgeschlagen worden und später noch mal für 108 im Gespräch gewesen. Daß Hahn jetzt endgültig leer ausgeht, darf jeder, dem danach ist, als späte Rache der Geschichte verbuchen: Hahn hatte die Entdeckung der Kernspaltung 1939 ohne seine Kollegin Lise Meitner veröffentlicht – die vor den Nazis hatte fliehen müssen – und den Chemie-Nobelpreis 1944 dafür alleine eingeheimst. Dafür gibt es längst ein Meitnerium.

Nun läßt Hofmann durchblicken, daß er für Element 112 wieder gerne eine Frau als Namenspatin sähe. Das allerdings lässt den Stern der anderen Namen, die durch die Gerüchteküche geistern, doch ziemlich sinken: Heisenbergium, Diracium, Planckium, Bequerelium – und leider auch das Paulium, dessen prospektiver Namenspate, Wolfgang Pauli, der Autor dieser Zeilen besonders gerne zur Ehre des Periodensystems erhoben sähe. 

Doch ist die Erhöhung der Frauenquote im Elementarreich ein echtes Problem. Denn wird nach Personen getauft, sollte es jemand sein, der oder die sich um Kernforschung in hervorragender Weise verdient gemacht hat. Und es ist gewiß nicht die Schuld der Frauen, daß sie in der Kernphysik des 20. Jahrhunderts so unterrepräsentiert sind, daß die bekanntesten Gestalten, Lise Meitner und Marie Curie, schon ein Element haben.

Natürlich gab es noch mehr Kernphysikerinnen. Da wäre etwa Berta Karlik, der 1943 der Nachweis des natürlichen Vorkommens von Astat gelang, eine stupende experimentalwissenschaftliche Leistung, wenn man bedenkt, daß die gesamte Erdkruste hochgerechnet nur 25 Gramm dieses instabilen Elements enthält. Allerdings kann man Karlik nicht für das Astat ehren, ohne ihre Mitarbeiterin Gertrud Bernert zu nennen. Aber Karlikbernertium, sorry, das geht nicht.

Dann gibt da Ida Noddack. Sie ist nicht nur Mitentdeckerin den Rheniums, sondern hatte auch – und das bereits 1934 – die Möglichkeit der Kernspaltung erwogen, was unbeachtet bleib (zum Glück, möchte man im Hinblick auf 1939-45 sagen). Die Nichtachtung lag vielleicht auch daran, daß eine andere Elemententdeckung Noddacks, die von Nummer 43, als Irrtum angesehen wurde, nachdem die künstliche Synthese des Technetiums, wie Element 43 schließlich hieß, erwiesen hatte, daß dieses Element instabil ist. 1961 wurde es dann doch in Spuren in der Natur gefunden. Ob Noddack diese Spuren mit ihrer Methode hätte nachweisen können, ist allerdings umstritten. Ein anderes Problem mit Noddackium wäre, daß es Idas Ehemann Walter gleich mitehren würde, mit dem zusammen sie das Rhenium und vielleicht auch das spätere Technetium entdeckte. Aber das war ja nun nicht Sinn der Sache.

Nun gibt es aber eine Physikerin, die definitiv zu den ganz großen der Kernforschung gehört und in der Gesellschaft der Namenpaten des Einsteiniums, Bohriums und Rutherfordiums gewiß keine Minderwertigkeitskomplexe zu fürchten hätte: Maria Goeppert-Mayer hat nicht nur den Nobelpreis, ihre zentrale wissenschaftliche Leistung, die Entdeckung der Schalenstruktur der Atomkerne ist zugleich das Fundament jenes Forschungszweiges, dem sich die Superschwerenelemente überhaupt verdanken. Denn die Atomkernschalen erklären, warum Isotope bestimmter Neutronen- und Protonenzahl besonders stabil sind. Darauf beruhende Rechnungen lassen erwarten, daß Isotope von Elementen noch ein Stück jenseits der 112 wieder relativ stabil sein könnten. Ohne die Aussicht, einmal bei dieser „Insel der Stabilität“ anzulangen, gäbe es wahrscheinlich auch die Forschungsanstrengungen nicht, denen Sigurd Hofmann und die GSI-Truppe nun abermals ihre Taufrechte verdanken. Maria Goeppert-Mayer wäre die ideale Wahl.

Hätte sie nur nicht diesen Doppelnamen! Andererseits: Hätte Maria Goeppert den amerikanischen Physiker Joseph Edward Meyer entweder nicht geheiratet oder die eheliche Namensfrage praktisch gelöst, hätten wir nun vielleicht bald entweder ein Goeppertium oder ein Mayerium, was beides auch nicht wirklich gut klingt. Außerdem haben wir uns ja auch schon an das Darmstadtium und das Roentgenium gewöhnt, fast jedenfalls. Nach diesen Namenvergaben ist Klangästhetik wirklich kein Argument mehr, Goeppert-Mayer ihr Element zu verweigern.

Das einzig wirklich Bedenkliche an einem Element Goeppertmayerium wäre daher eher die Gefahr, daß danach unter prospektiven Eheleuten (und das gilt für Männer wie Frauen) Doppelnamen wieder stärker Konjunktur bekämen, weil man sich mit Maria Goeppert-Mayer in einer Liga dünkt.