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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Masern, der PSA-Test und Japans Schulsystem: Wissenschaftsjournalisten unter sich

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Eine "Kultur des Wissenschaftsjournalismus" wolle man entwickeln, hieß es im Grußwort von Pallab Ghosh, dem Wissenschaftskorrespondenten der BBC News, zur...

Eine „Kultur des Wissenschaftsjournalismus“ wolle man entwickeln, hieß es im Grußwort von Pallab Ghosh, dem Wissenschaftskorrespondenten der BBC News, zur „World Conference of Science Journalists“ (WCSJ), die vom 30. Juni bis zum 2. Juli in London stattfand. Fünf Tage in den Kongressräumen in Westminster, um eine neue Kultur zu entwickeln, das scheint nicht viel – selbst wenn man die abendlichen Empfänge mitzählt, während derer die Wissenschaftsjournalisten im Foyer des Naturhistorischen Museums neben dem Diplodocus-Skelett plauderten. Doch die Kultur, die Gosh meint, musste nicht aus dem Nichts entstehen: Wissenschaftsjournalisten aus aller Welt, die sich seit langem als eigene Spezies innerhalb des Journalismus betrachten, haben schon vor Jahren damit begonnen, sich zu organisieren und ihre Arbeit zu definieren. Im Jahr 2002 wurde die „World Federation of Science Journalists“ (WFSJ) gegründet, Ausrichterin der Weltkonferenz in London. Allerdings gab es schon vorher, seit mehr als 40 Jahren, einen internationalen Zusammenschluss einzelner Wissenschaftsautoren und -journalisten: die „International Science Writers Association“. Noch länger existieren nationale Verbände; in Deutschland etwa die TELI, eine Journalistenvereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik, die 1929 gegründet wurde. Seit zwei Jahrzehnten gibt es außerdem die Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK) als Berufsverband der deutschen Wissenschaftsjournalisten. „In den 80er Jahren wurde ein lang gehegter Wunsch, eine Vereinigung von Wissenschaftsjournalisten zu gründen, immer konkreter“, erinnerte sich Gründungsmitglied Jean Pütz aus Anlass des 20-jährigen Bestehens. „Vordem führten wissenschaftlich-technische Inhalte in den Publikumsmedien eher ein Schattendasein.“ Das Entscheidungsjahr für die Gründung des Verbandes, erfährt man auf der WPK-Website, sei 1986 gewesen: Tschernobyl, der Chemie-Unfall in der Firma Sandoz in Basel, die Aids-Diskussion – die Öffentlichkeit verlangte nach umfassender Aufklärung und Interpretation dieser Ereignisse und Phänomene auch im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Bedeutung.

Pallab Ghosh, der nicht nur für BBC News über Wissenschaft berichtet, sondern auch Präsident der World Federation ist, bewertet die Rolle der Wissenschaftsjournalisten ähnlich: Eine Kultur der Wissenschaftsjournalisten zu etablieren, schreibt er, das bedeute, einen eigenen Blick auf die sich wandelnden Entwicklungen der Wissenschaft zu haben, die die Gesellschaft herausfordern – nicht einfach nur die Sichtweise von renommierten Wissenschaftlern oder besorgten Reportern weiterzugeben.

Will man einen solchen Wissenschaftsjournalismus, dann ist investigative Recherche unumgänglich. Und so lag denn auch ein Schwerpunkt der Konferenz in London auf dem investigativen Wissenschaftsjournalismus. Ganz sicher ist man sich nicht, wie weit verbreitet investigative Methoden im Wissenschaftsjournalismus sind: „Investigative Science Reporting: Does it exist?“ lautete der vorsichtige Titel einer zentralen Veranstaltung zum Thema. Doch konnten an dieser Stelle immerhin mehrere Wissenschaftsskandale vorgestellt werden, die durch Journalisten an die Öffentlichkeit gebracht worden waren. Ein besonders spektakulärer Fall ist die Kontroverse um den MMR-Impfstoff, der eingesetzt wird, um gegen Masern, Mumps und Röteln zu schützen. Ende der neunziger Jahre hatte eine Gruppe um den Arzt Andrew Wakefield einen Bericht in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht, in dem ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen autistischen Symptomen und Darmstörungen bei zwölf Kindern und einer zuvor erfolgten MMR-Impfung. Dem Journalisten Brian Deer von der „Sunday Times“ gelang es aufzudecken, dass Wakefield Gelder von Anwälten erhalten hatte, die Verbindungen zwischen Autismus und dem MMR-Impfstoff suchten. Wakefield soll außerdem Eltern der betroffenen Kinder angerufen und instruiert haben, bevor sie ins Krankenhaus zu Untersuchungen fuhren, bei denen entsprechende Symptome festgestellt wurden. Der „Lancet“-Artikel hatte fatale Folgen: Die Masernfälle in England stiegen von 56 im Jahr 1998 auf 1348 zehn Jahre später; zwei Kinder starben an der Krankheit. 

Investigativ wird eine Recherche oft dort, wo naturwissenschaftliche und medizinische Trends und Themen weit in die Gesellschaft hineinreichen. In London stellten sich dem Publikum „four science journalists who changed the world“. Alle vier sind bekannt geworden, weil sie überhaupt erst darauf hinwiesen, wie einzelne Aspekte von Naturwissenschaften und Medizin die Entwicklung der Gesellschaft beeinflussen. So erhielt Yukiko Motomura 2006 in Japan den Titel „Science Journalist of the Year“. Jahrelang hat sie in Artikeln und Büchern demonstriert, dass die japanische Gesellschaft in zwei Gruppen zerfällt: Diejenigen mit naturwissenschaftlicher Bildung und Ausbildung, und diejenigen, die ein geisteswissenschaftlicher Hintergrund prägt. Letztere, sagte Motomura in London, halten noch immer sämtliche Schlüsselpositionen im Land. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen sei fundamental, weil japanische Schüler sich schon mit 16 Jahren entscheiden müssen, ob sie in der Schule geistes- oder naturwissenschaftliche Fächer wählen. „Diejenigen, die sich für die Geisteswissenschaften entscheiden, hören für den Rest ihres Lebens auf, etwas über Naturwissenschaften zu lernen“, sagte Motomura, die seit 1989 für „The Mainichi Newspapers“ arbeitet, die älteste Zeitung Japans.

So wie Yukiko Motomura haben viele Wissenschaftsjournalisten ihr ganz eigenes Thema, etwa Shannon Brownlee, die ebenfalls eingeladen war. Sie hat sich auf Analysen des amerikanischen Gesundheitssystems spezialisiert und schreibt unter anderem für „The New York Times“, „Time“ und „The Washington Post“. Ihr vorrangiges Thema ist „unnecessary care“: Vorsorgeuntersuchungen und andere Sicherheitsmaßnahmen, die nicht nützen, sondern schaden. „Die Hälfte der Dinge, die Ärzte in den Vereinigten Staaten tun, basieren auf nicht valider, schlechter Wissenschaft“, sagte Brownlee. „Vieles davon ist nicht besser als ein Aderlass und beruht lediglich auf Propaganda.“ Brownlee schrieb in der Vergangenheit etwa über den PSA-Test zur Erkennung von Prostatatumoren und über Todesfälle durch unerwünschte Wechselwirkungen zwischen Medikamenten. Allerdings, gibt sie zu, verstünden viele Menschen den Sinn ihrer Arbeit nicht, weil sie in dem Gefühl lebten, gar nicht genug Vorsorgemaßnahmen und Sicherheitsleinen bekommen zu können.

Über die WCSJ in London wurde in deutschsprachigen Medien bisher wenig berichtet. Mehrere Beiträge lieferte SciBlog, eine Plattform für Wissenschaftskommunikation in Österreich.


1 Lesermeinung

  1. <p>Schöne anschauliche...
    Schöne anschauliche Beispiele für investigativen Journalismus. A propos enttarnen: Investigativer Wissenschafsjournalismus fängt m. M. nach viel früher an und braucht gar nicht den großen Skandal: Zum Beispiel, indem man das so genannte „Kunstsperma“ aus Newcastle eben nicht kommuniziert, wie man es gerne sehen würde oder wie man es dem Publikum am besten verkauft – als Kunstsperma eben -, sondern indem man das Paper genau liest, die fehlenden Funktionsnachweise erkennt und dann gnadelos die Grenzen dieser umgewandelten Stammzellen mitteilt und einordnet. Damit verliert die Geschichte sicher beträchtlich an Popularität, viele Geschichten, die das zunehmend professionelle Wissenschafts-PR forciert, schrumpfen so dahin, aber was soll´s. Wer anderes im Mediengeschäft als der Wissenschaftsjournalist sollte die Kompetenz haben, solche Defizite (z.B. in der Originalliteratur) zu „erforschen“ und enttarnen. Leider ist es weniger sexy, Geschichten mit Fakten herunter- als mit Phantasie hochzukochen. Investigativer Journalismus, so gesehen, wäre schlichter Leserservice. Zugegebenermaßen auch intellektuelle Maloche: aufwändige Recherche mit schwierigem Resultat bei mäßiger Anerkennung. Aber auch eine wirklich gute Tat, für jeden Tag.

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