Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Email-Philologie bei Klimaforschern

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Wir geben es ja zu: es gehört sich eigentlich nicht, in anderer Leute Post zu lesen. Aber nun stehen sie doch so schön im Internet, die Emails aus dem...

Wir geben es ja zu: es gehört sich eigentlich nicht, in anderer Leute Post zu lesen. Aber nun stehen sie doch so schön im Internet, die Emails aus dem gehackten Mailserver der Climate Research Unit (CRU) der University of East Anglia. Von einem besonders fleißigen unter den sogenannten Klimaskeptiker wurden sie noch dazu nach Datum geordnet und mit einer bequemer Suchfunktion versehen (nein wir geben den Link hier nicht an – da müßt ihr schon selber googeln, Leute).  

Da konnten wir einfach nicht widerstehen. Vor allem interessierten uns Emails aus der Zeit zwischen Januar und September 2004, als ein Fachartikel der Geesthachter Klimastatistiker Hans von Storch, Eduardo Zorita und seiner Kollegen bei der Zeitschrift „Science“ in der Begutachtung war. Dort wurde damals eine berühmte Arbeit über die sogenannte „Hockeyschläger-Kurve“ des amerikanischen Paläoklimatologen Michael Mann, der mit dem CRU-Forscher Phil Jones zusammenarbeitet, methodisch kritisiert (genaueres hier). Wäre es da nicht interessant zu erfahren, wie diese Arbeit in Jones‘ Netzwerk aufgenommen wurden?

Nun, die Frage blieb zu großen Teilen unbeantwortet. Denn die CRU-Emails scheinen extrem lückenhaft zu sein. Das muß nicht daran liegen, daß Jones und seine Kollegen potentiell problematische Nachrichten immer rechtzeitig gelöscht haben (der Ton in so macher Email, die stehen blieb, spricht eher dagegen) oder, daß die hackenden Klimaskeptiker das brisanteste Material noch zurückhalten, um es vor der Klimakonferenz in Kopenhagen gezielt freizusetzen. Was sie bisher an Verfänglichem zu finden glaubten, zeugt jedenfalls von wenig Kenntnis der Sache oder auch nur branchenüblicher Sprachgebräuche (etwa der Vokabel „Trick“). Getreu der Regel, auf keinen Fall etwas mit einer Verschwörung zu erklären, was nicht auch durch alltägliches Chaos erklärt werden kann, lässt uns daher die Erfahrung mit unserem eigenen Email-Archivierungssystem eher vermuten, daß es Jones so gegangen sein mag wie vielen anderen, deren Quota plötzlich überschritten sind und die darauf mit hastigem Verschieben von Dateien reagieren: immer mal wieder verschwinden ganze Monate der wertvollen Korrespondenz im elektronischen Nirvana.

Sub specie aeternitatis aber ist nicht lustig. Denn wie sollen spätere Wissenschaftshistoriker da je aufklären können, wie es nun wirklich zuging bei den Klimaforschern im beginnenden 20. Jahrhundert? Briefe schreibt heute doch niemand mehr, Telephonate hört vielleicht die CIA ab, aber manche Erfolgsbilanz dieser Organisation aus jüngster Zeit lassen doch sehr daran zweifeln, ob die mit ihren Archvierungssystemen besser klarkommen als Jo User mit seinen .pst-files.

Klar, so manchen Klimaforscher wäre es bestimmt lieber, die Historiker des Jahres 2100 bekämen nur die IPCC-Reports zu lesen, oder Dokumente wie die „Copenhangen Diagnosis“ 2009, mit denen eine Gruppe zum Teil sehr prominenter Klimaforscher die Öffentlichkeit jetzt vor der großen Konferenz in der dänischen Hauptstadt noch einmal die Dringlichkeit einer Senkung der CO2-Emissionen vor Augen führen. Doch gerade das letztgenannte Dokument ist kein Verlaufsprotokoll der Klimadebatte. Es ist noch nicht mal ein Ergebnisprotokoll, was man schon daran sieht, daß das Werk den Politikern gleich einen (und nur einen) Weg aus der Klimamisere empfiehlt: nämlich den einer nach Nation festgelegten Budgetierung der gerade noch zur Freisetzung freigebbaren CO2-Menge. Diesen Vorschlag hatte unlängst der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ unter dem Vorsitz des Potsdamer Klimaforschers und „Diagnosis“-Mitautors Hans Joachim Schellnhuber vorgestellt.

Die „Copenhagen Diagnosis“ wird damit vielleicht einmal wichtig für die Zeithistoriker, aber sicher nicht für die Wissenschaftsgeschichte. Warum, das lässt sich zumindest auf Seite 45 besichtigen, auf dem Michael Manns Hockeyschläger prangt. Er erscheint allerdings nicht mehr alleine – und es wird auch zugegeben, daß Mann’s Kurve kritisiert worden war. Allein, daß sich der Mann’sche Hockeyschläger, wie im Text zu lesen, von anderen Arbeiten wie einem Gutachten des amerikanischen National Reseach Council bestätigt habe, darüber gibt es durchaus auch andere Ansichten.

Tatsächlich irritiert ein wenig, daß die Science-Studie von Storch, Zorita und Kollegen nicht zitiert wird. Kann ja sein, daß den Autoren der „Copenhagen Dagnosis“ (zu denen Mike Mann zählt) diese Studie für die Öffentlichkeit zu schwierig dünkt – oder daß sie sie noch immer für falsch oder belanglos halten. Aber warum, bitteschön, erwähnen sie dann das berüchtigten Paper von Soon und Baliunas von 2003, was durch ein Versagen des Review-Prozesses im Journal Climate Research erschien (siehe dazu z.B  hier) sowie die Arbeiten von McIntyre und McKitrick von 2003 und 2005, die sonst nur von Klimaskeptikern (von denen aber ständig) zitiert werden? Wer die Klimaszene in jenen Jahren beobachtet hat, weiß, daß diese Artikel damals schon als wissenschaftlich unbrauchbar galten. 

Hier werden also uralte Strohpuppen geprügelt. Eine wirklich interessante Debatte innerhalb der seriösen klimawissenschaftlichen Community selbst meint man verschweigen zu müssen, um nur ja nicht als die streitende Expertengruppe zu erscheinen, die man in Wahrheit natürlich immer ist. Das mag taktisch angezeigt sein – zumal dann, wenn man nicht nur als Forscher sprechen will, dem es um die Fakten geht, sondern auch im Sinne einer bevorzugten Lösung der Klimafrage politisch wirksam werden will. Aber es bleibt eine Finte – ein Trick in des Wortes weniger neutraler Bedeutung.

Die Historiker der Zukunft, die das klimawissenschaftliche Geschehen aus solchen Texten wie der „Copenhagen Diagnosis“ beziehungsweise der dort zitierten Auswahl an Fachliteratur rekonstruieren müssen, sind also nicht zu beneiden. Daher seien alle Forscher hiermit aufgefordert: denkt an die Nachwelt und hebt eure Email auf! Paßt auf, wenn Ihr sie archiviert, damit nicht die Hälfte dabei verloren geht und speichert sie in Formaten, bei denen die Paläoinformatiker der Zukunft noch eine Chance haben. Aber lasst sie Euch auch nicht unbedingt vorzeitig klauen. Wenn andere als historisch interessierte Kreise damit, wie jetzt geschehen, Schindluder treiben und das dann selektiv und – horribile dictu – in Zeitungsarchiven Spuren hinterlässt, wird die Verwirrung später nur noch größer.


9 Lesermeinungen

  1. Die Fakten im Fall...
    Die Fakten im Fall „Climategate“ sind eindeutig: Die „gefährliche Erderwärmung“ mußte herbeigefälscht werden, die Manipulationen sollten der Öffentlichkeit unter allen Umständen verheimlicht werden, die Original-Meßreihen seit 1960 sind „verlorengegangen“, mißliebige, aber hochkarätige Fachleute wir Prof. Patrick Michaels von der Univ. of Virginia sollten mit miesesten Tricks ausgeschaltet werden.
    Ihre Ausführungen zu diesem Skandal, wie auch zu weiteren „Hockeystick“-Fälschung durch Mann, sind einseitig: die Arbeiten von McIntyre und McKitrick z.B. haben den Betrug mit dieser Kurve klar belegt (es kam immer Erwärmung heraus, egal, welche welche Werte eingegeben wurden). Die Weigerung Manns, seine Berechnungsgrundlagen zu Verfügung zu stellen, erwähnen Sie nicht.
    Was die Vokabel „trick“ angeht, so lachen die englischen Muttersprachler über den Versuch, ihnen das Wort als harmlos schmackhaft zu machen – schon gar nicht in dem dortigen skandalösen Zusammenhang. Siehe dazu einfach den mathematischen „trick“ beim „Hockeystick. Dort kann jeder sehen, was Mann & Co. unter einem „trick“ verstehen.

  2. Die Politisierung der...
    Die Politisierung der Wissenschaft
    Die Kernforscher der 70er und 80er Jahre blieben eisern bei Ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen. Kein Einziger Kernforscher konnte/kann ein ungelöstes Endlagerproblem erkennen. Gewaltige Atomkatastrophen vermochten sie gleichfalls nicht zu erblicken. Mit der Ökoreligion wurden zunächst paralell zur konventionellen Wissenschaft Ökoinstitute gegründet die die gewünschten Erkenntnisse an die Medien weitergaben und mittlerweile Allgemeingut sind. Die Kerntechnische Forschung wurde zerschlagen. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Kernforscher im Ruhestand.
    In den 90er Jahren konnte ich bei Besuchen in Deutschen Instituten erleben wie Umwelt/Ökobilanzen entstehen. Ein Teil der Wissenschaftler hatte noch Bauchschmerzen die gewünschten Ergebnisse zu erzeugen.
    .
    Die Wissenschaft hat sich fortentwickelt. Nachdem was man zu den Energiethemen lesen kann wundern mich die Inhalte der gehackten Mails zur Klimakatastrophe nicht. Selektion der Fakten, Optimierung der Ergebnisse, Unterdrückung unerwünschter Stimmen sind normal. Die Wissenschaft wird wie im Mittelalter Hilfsmittel der Herrschaft.
    Schaut mal in meine Energieseiten hinein.
    Vandale

  3. Klimaforscher Eduardo Zorita,...
    Klimaforscher Eduardo Zorita, November 2009:
    „Why I think that Michael Mann, Phil Jones and Stefan Rahmstorf should be barred from the IPCC process .
    Short answer: because the scientific assessments in which they may take part are not credible anymore.“ Längere Antwort auf Hans von Storchs Seite:
    coast.gkss.de/staff/storch/

  4. Eduardo Zorita erklärt doch...
    Eduardo Zorita erklärt doch mittlerweile auf seiner Homepage, wieviel Druck in der Gruppe des IPCC ausgedrückt wurde. Er spricht von subtiler Erpressung. Noch nicht gelesen?

  5. Der Artikel ist entweder nicht...
    Der Artikel ist entweder nicht recherchiert, oder bewußt verdreht. Bessere Infos:
    https://www.klassentrottel.de/spezial-klimawandel.htm

  6. Gähn...was für ein...
    Gähn…was für ein halbherziger, schlecht recherchierter Artikel. Und wieso die Verzögerung?
    Egal es gibt ja gottseidank noch andere Quellen, die zum Thema mehr Informationen bieten…

  7. Ein strakes Stück! Einfach...
    Ein strakes Stück! Einfach über MM herzuziehen daß sie „als wissenschaftlich unbrauchbar“ gälten wiederholt nur was Mann/Jones etc immer sagen! Es gibt schon einen Unterschied zwischen McIntyre und Rush Limbaugh.
    Wenn man die E-Mails liest sieht man ja, daß er mit seinen Analysen Jones et.al in Panik versetzt hat und sie seine Arbeit ernstgenommen haben.
    Selber denken und selber informieren, Herr Rauchhaupt!

  8. Das Thema heißt Klimaschutz,...
    Das Thema heißt Klimaschutz, aber die Diskussion dreht sich nahezu ausschließlich um Geld. 50 Milliarden will die EU-Kommission unter dem Titel Klimaschutz, über 100 Milliarden sollen es dann im Zusammenhang mit dem Klima-Gipfel sein. Ein Narr, der Schlechtes dabei denkt?

  9. Ein etwas mutigerer Kommentar...
    Ein etwas mutigerer Kommentar mit klaren Aussagen zu den gehackten Dokumenten der Regierungsklimaforscher wäre sehr wünschenswert gewesen.
    Ich fände es großartig wenn ein Kommentator der mit den Geschehnissen vertraut ist und die Mails gelesen hat einen Kommentar abgeben würde.
    Vandale

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