Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wider den digitalen Maoimus

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Auf der Website der New York Times steht heute dieser Artikel, in dem der Journalist John Tierney das neue Buch des Informatikers, Musikers und...

Auf der Website der New York Times steht heute dieser Artikel, in dem der Journalist John Tierney das neue Buch des Informatikers, Musikers und Virtual-Reality-Propheten Jaron Lanier rezensiert. „You Are Not a Gadget“ (etwa: „Du bist kein Gerät“)  heißt es und laut Tierney ist es eine wütende Abrechnung mit der Situation, in die uns das Internet heute zu bringen droht oder schon gebracht hat – und zwar genau dadurch, daß es das Versprechen einlöst, für die es einst so gepriesen wurde: alle Barrieren für den Austausch von Informationen einzureißen. Lanier attackiere die „Mantras der ‚offenen Kultur‘ und daß ‚Information frei sein wolle‘ und beschuldigt diesen Freiheitsgedanken, eine zutiefst problematische soziale Dynamik in Gang gesetzt zu haben, welche direkt in eine Ideologie münde, in der die kreative Arbeit des Einzelnen nichts, das weltweite digitale Kollektiv aber alles zähle, einen „digitalen Maoismus“.

Das Bemerkenswerte ist, daß diese Kritik nun von jemandem wie Lanier kommt, der einst selber den freien Informationsfluß predigte, und von jemandem wie dem erklärten Libertarier Tierney verbreitet wird, welcher dieser Idee nach eigenem bekunden ebenfalls anhing. Beide klagen sie nun darüber, daß die neue Freiheitsmöglichkeiten nun das Unrechtsbewusstsein erodieren (etwa beim Kopieren von Musiktiteln) oder ein Anspruchsdenken zementieren, das  zum Beispiel auf einen kostenlosen Zugang zu journalistischen Produkten pocht und gegen das innerhalb des bestehenden Systems kaum noch ein Kraut gewachsen zu sein scheint.

Sicher haben Lanier und Tierney recht: über kurz oder lang wird man nicht um so etwas wie ein universelles Micropayment-System nicht herumkommen: wenn jedem Internetnutzer beim Surfen bei jedem Mausklick, der ihm die Früchte anderer Leute Arbeit auf den Bildschirm zaubert, automatisch Zehntelcent-Beträge abgeknöpft würden, dann wird er das verschmerzen, wenn ihm nur klar wird, daß etwa der journalistische Teil des Internets ohne solche Maßnahmen bald aussähe wie alles früher oder später aussieht, was rein werbefinanziert ist, wie RTL oder Fox News nämlich. Das Problem dabei ist aber, daß man bei der Reform des Internetwesens so ganz nach der reinen Marktwirtschaft nicht wird verfahren können. Es gibt nun einmal teure Inhalte, die aber immer vergleichsweise selten nachgefragt sind – die Erzeugnisse des Wissenschaftssystem etwa -, die einer zivilisierten, gar kultivierten Gesellschaft (eine Wissensgesellschaft gar) einfach zur Verfügung stehen müssen. In der vordigitalen Welt waren solche Dinge öffentlich subventioniert, in Form von Bibliotheken, Theatern, Museen. Dieses System ist absolut elitär: wenige (Wissenschaftler zumeist) bestimmen den Wert, aber alle zahlen dafür. Trotzdem wird das auch im Internetzeitalter – und damit im Internet – so bleiben müssen.    


2 Lesermeinungen

  1. So muss es natürlich heißen:...
    So muss es natürlich heißen: „Der „digitale Maoismus“ – und als solcher Begriff liegt er ironischerweise der Wahrheit sogar näher, als er ob dessen polemischen Verpackung vermutlich gewünscht war -, ist kein Phänomen, das dem Subjekt eigen wäre, denn er rekuriert nicht auf das Bewusstsein, sondern auf das Sein, das gesellschaftliche.“

  2. Die Barbarisierung der...
    Die Barbarisierung der prekären Eigentümerrechte
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    Mag sein, dass man als Betroffener nur diese Seite, nämlich die des individuellen Verlustes, zu erkennen vermag, doch ist es eben so einfach nicht. Der „digitale Maoismus“ – und als solcher Begriff liegt er ironischerweise der Wahrheit sogar näher, als er ob dessen polemischen Verpackung vermutlich gewünscht war -, ist kein Phänomen, das dem Subjekt eigen wäre, denn er rekuriert auf das Bewusstsein, sondern des Seins, des gesellschaftlichen. Der Kapitalismus selber hat die gesellschaftliche Produktion an Gütern und Dienstleistungen – und auch an Wissen, ja Wissen, auch das ist nunmehr gesellschaftlich, nicht mehr individuell konnotiert -, so weit voran getrieben, all diesbezügliches auf ein Niveau gebracht, dass es nunmehr nicht mehr nur kaum noch möglich ist, auf diesem einmal erreichten Niveau Güter und Wissen so zu produzieren, dass sie diese Produktivkräfte gar ignorierten, sondern auch, dass das individuelle vom gesellschaftlichen nicht mehr zu trennen, der Privateigentümer von den Massen (den Konsumenten, wie den übrigen Marktteilnehmern) nicht mehr zu scheiden ist. Ganz einfache Frage: wer will heute noch wissen, ob eine Idee von ihm stammt, wenn er diese – oder Bausteine derselbigen – täglich in irgendwelchen digitalen Medien zu sehen, zu hören, bekommt?
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    Nein, nicht esoterisch, ist eine solche Verbindung, doch nicht weniger holistisch, als solche aber gesellschaftlich, nämlich vermittelt über die Sphäre der Produktion von Gütern, Dienstleistungen, Wissen, Kultur – und Medien. – Die reaktionärste Idee wäre nun die, die Wirkung der Medien – analog der Klassengesellschaft im Bildungssystem gar, zu begrenzen, damit die Massen daran nicht mehr teilhaben könnten. Würde das geschehen, würde die Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit zurück in die Steinzeit katapultiert!
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    Der Mensch ist längst dort angekommen, wo der Sozialismus noch vor 150 Jahren hoffte, ihn mittels der sozialen Revolution hin zu befördern, dies allerdings ohne dabei frei zu sein, frei von den kapitalistischen Verkehrsformen, den Eigentumsformen, der Ausbeutung, der Profite für die einen, und dem Elend für die anderen. Gesellschaftlich hoch entwickelt ist er – der Mensch, das Subjekt, aber er ist nach wie vor ein „automatisches Subjekt“, ein sich selbst entfremdeter Mensch. Wie sehr, das sehen wir gerade an diesem Artikel. Der Sozialismus hat also noch eine reale Option!
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    Wenn nicht, wird er als ökonomische Tendenz, als Zwangsjacke der Moderne, als nicht hintergehbare Entwicklungsform des Kapitals, als Barbarei daherkommen. Und natürlich werden all die prekären Einkommen, wie die prekären Eigentumsrechte auch, als erste dann barbarisiert (siehe auch: https://blog.herold-binsack.eu/?p=687).
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    Die Verkehrsformen sind es, die längst obsolet sind, nicht die gesellschaftlichen Produktivkräfte, denn letztere meutern schon unter den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, dessen Produktionsweise wie auch Eigentümerrechte, Eigentümerrechte die geltend zu machen, überlebensnotwendig sein können, das ist unbestritten, aber eben nur innerhalb einer solchen Gesellschaft. Und je mehr wir uns dagegen stemmen, den „Sozialismus“ (den „Maoismus“) also verteufeln, desto sicherer wird uns der Teufel heimholen – als Beelzebub, nämlich des Kapitals.

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