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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Mehr von Dr. Mertens: Fiktion und Wirklichkeit der Zootiermedizin

Durchschnittlich 6,4 Millionen Zuschauer haben sich seit Oktober dienstags abends nach der Tagesschau "Tierärztin Dr. Mertens" im Ersten...

Durchschnittlich 6,4 Millionen Zuschauer haben sich seit Oktober dienstags abends nach der Tagesschau „Tierärztin Dr. Mertens“ im Ersten angesehen. Die dritte Staffel der Familienserie „lag im Hinblick auf die Zuschauerzahl an der Spitze der bisher gezeigten Episoden“, teilt die ARD mit. Die Serie verdrängte Ende Oktober sogar das ZDF-Filmporträt über Helmut Kohl: 2,8 Millionen Menschen schalteten den „Mann aus der Pfalz“ ein – aber 6,3 Millionen wollten zeitgleich sehen, was „Tierärztin Dr. Mertens“ im Leipziger Zoo erlebt.

„Tierärztin Dr. Mertens“ knüpft damit an die Erfolge dokumentarischer Zoo-Sendereihen wie „Pinguin, Löwe & Co.“ oder „Menschen, Tiere und Doktoren“ an. Kameras begleiteten in den vergangenen Jahren in fast allen größeren deutschen Zoos den Alltag von Tierärzten und Pflegern. Die ARD entwickelte mit der Serie „Tierärztin Dr. Mertens“ ein fiktionales Format, das nicht minder erfolgreich ist. In dieser Woche lief nun die vorerst letzte Folge. Ein harmloses Familienvergnügen: Da ist die grundsympathische Hauptfigur, daneben deren alterndes Elternpaar, dazugehörig ein Vater, der zuvor auf demselben Posten (Zootierarzt in Leipzig) tätig war, eine intrigante Gegnerin, eine pubertierende Tochter, ein unfairer Vorgesetzter, ein Kinderarzt als Ehemann und als Hintergrund die Stadt Leipzig, die als geschichtsloses Idyll abfotografiert wird. Der Beruf Zootierarzt ist Teil der Kulisse – ebensogut könnte die Handlung rund um eine Rechtsanwältin, Richterin oder Landärztin gruppiert sein. Die Tätigkeit im Zoo sorgt lediglich für ein bisschen exotisches Kolorit, wenn ein Pinguinküken per Hand aufgezogen wird oder ein Lama auf den OP-Tisch muss.

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Szene aus „Tierärztin Dr. Mertens“ mit Elisabeth Lanz in der Titelrolle

Der Beruf des Zooveterinärs als Hülle, die beliebig zu füllen ist – mehr bleibt nicht. Dabei befindet sich der Beruf tiefgreifend im Wandel – nicht zuletzt durch die Doku-Serien und fiktionalen Reihen, die schon jahrzehntelang die Massen vor die Bildschirme ziehen. Im Westen Deutschlands erlaubte seit den fünfziger Jahren die Reihe „Ein Platz für Tiere“ von Bernhard Grzimek einen Blick auf Wildtiere in Zoos, im Osten wurde der Direktor des Tierparks Berlin, Heinrich Dathe, unter anderem durch die Sendung „Tierparkteletreff“ bekannt. Das Fernsehen machte den Beruf nicht nur sehr populär und motivierte junge Leute für ein Tiermedizinstudium – es beeinflusste auch die Kriterien, nach denen Zoos heute ihre Tierärzte auswählen müssen. Eine eigene Doku beschert dem Zoo steigende Besucherzahlen, und die Fernsehteams entscheiden sich gern für Zoos mit telegenen Tierärzten. Wichtig sei es vor allem, dass die Veterinäre verbal geschickt seien und sich vor der Kamera flüssig ausdrücken könnten, heißt es auf Nachfrage bei einem Produktionsteam.

Dabei gibt es bis heute in ganz Deutschland nur 25 Stellen für festangestellte Zootierärzte. Der Berufszweig ist jung. Der erste Tierarzt, der überhaupt in einem deutschen Zoo gearbeitet hat, hieß Theodor Leisering. Er nahm seine Arbeit 1846 in Berlin auf. Allerdings führte er keine medizinischen Behandlungen durch, sondern war vor allem für wissenschaftliche Beobachtungen zuständig. Noch mehr als hundert Jahre sollte es dauern, bis überhaupt daran zu denken war, Zootiere wirksam zu behandeln. Erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts kamen Betäubungsmittel auf den Markt, die intramuskulär wirkten, so dass man sie aus der Entfernung mit dem Blasrohr oder einem Narkosegewehr abschießen konnte, ohne dem wachen Tier nahe kommen zu müssen. Dadurch wurde es überhaupt erst möglich, Wildtieren Blut abzunehmen, sie zu operieren oder zu impfen, so dass sich ein größeres Aufgabengebiet für Tierärzte in Zoos entwickeln konnte. Ein Klassiker unter diesen Narkotika ist Etorphin, ein äußerst potentes Morphin, mit dem auch große Wildtiere immobilisiert werden können. Es ist so wirksam, dass der Zootierarzt Gummihandschuhe tragen muss, wenn er mit dem Mittel hantiert: Allein wenn Etorphin auf die bloße Haut tropft, kann es eine Atemdepression bewirken. Wer sich versehentlich mit der Spritze eine kleine Menge injiziert, kann daran so schnell sterben, dass beim Einsatz von Etorphin immer ein Helfer bereitstehen muss, der im Ernstfall dem Zooveterinär das Gegenmittel Naloxon spritzt. 

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Die „echte“ Zootierärztin in Leipzig, Sandra Langguth, mit einem Betäubungs-Blasrohr

Etorphin wurde 1963 entwickelt, und in den darauf folgenden Jahrzehnten probierten Zootiermediziner eine Vielzahl anderer Narkotika und Kombinationen von Betäubungsmitteln aus, mit denen Wildtiere immobilisiert werden können, ohne dass es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen, Ersticken oder unkontrollierbaren Stürzen kommt. Bekannt wurde unter anderem die „Hellabrunner Mischung“, ein Mix aus Xylazin und Ketamin, entwickelt im Tierpark Hellabrunn in München.

Die meisten Zoos werden heute immer noch ambulant von Veterinären betreut, die nebenher in eigener Praxis oder als Angestellte Hunde und Katzen behandeln. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hat es solche nebenamtlichen Tierärzte in Zoos gegeben. Im Berliner Zoo, dem ältesten Deutschlands, wurde bereits 1936 ein Tierkrankenhaus gebaut. Der damalige Zootierarzt empfing aber zusätzlich am Nachmittag Hunde und Katzen aus den umliegenden Stadtvierteln als Patienten, weil die Arbeit im Zoo den Tag noch nicht ausfüllte – noch gab es zu wenig Behandlungsmöglichkeiten.     

Heute wollen so viele Studierende Zootierarzt werden, dass das Fachblatt „Journal of Veterinary Medical Education“ dem Thema vor einiger Zeit eine ganze Ausgabe widmete. „Durchhaltevermögen, Hingabe und Leidenschaft“ benötigten Studierende, die diesen umkämpften Berufsweg einschlagen wollen, schreibt darin ein amerikanischer Hochschullehrer. Wer heute während des Tiermedizinstudiums einen Praktikumsplatz im Zoo möchte, muss sich mit einem Falkner-Schein oder bereits absolvierten Wildtier-Handling-Kursen schmücken, um eine Chance zu haben. Wer nach dem Examen Aussichten auf eine Stelle als Zootierarzt haben will, sollte Erfahrungen sammeln – zum Beispiel über eine Promotion -, die für Zoos unverzichtbar sind: Wer sich etwa mit Fortpflanzung bei bedrohten und dennoch populären Tierarten auskennt und dem Zoo so ein Elefanten- oder Gorillababy ermöglicht, der steigert damit die Besucherzahlen. Beim Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin (IZW) wollen allerdings inzwischen mehr Studierende und Berufsanfänger promoviert werden oder an Kursen und Summer Schools teilnehmen, als die Einrichtung Plätze zur Verfügung stellen kann. Die IZW-Mitarbeiter halten mittlerweile Vorlesungen vor Schulklassen mit dem Ziel, das verklärte Bild vom Zootierarztberuf wieder etwas zurechtzurücken.

Der Andrang hat inzwischen wirtschaftliche Konsequenzen für alle, die das Berufsfeld wählen: „Wenn man mit Zootieren arbeiten möchte, ist es gängig, dass man erst mal überhaupt kein Gehalt bekommt, während man Berufserfahrung sammelt. Dann geht man eben nachts putzen“, sagt die Sprecherin der Bundestierärztekammer, Sabine Merz, im Gespräch mit der FAZ. Sie hat selbst den Titel „Fachtierärztin für Zootiere“ erworben. Welche Kenntnisse man für diesen Titel nachweisen muss, ist beispielsweise der Weiterbildungsordnung der Landestierärztekammer Hessen zu entnehmen. 

Die ARD hat jedenfalls noch genug Gelegenheit, „Tierärztin Dr. Mertens“ mehr Realitätsnähe zu verleihen. Eine vierte Staffel werde es in jedem Fall geben, teilt ein ARD-Sprecher mit. Ein bisschen warten muss man darauf noch: Der Sendetermin wird nicht vor Mitte 2011 sein.