Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Der klügste und der dümmste Hund: Über den Intelligenzbegriff der Tierzüchter

Das Interessante ist ja: Wenn man längere Zeit mit Menschen zu tun hat, die mit Tieren zu tun haben, dann bemerkt man irgendwann, dass das, was, bezogen auf...

Das Interessante ist ja: Wenn man längere Zeit mit Menschen zu tun hat, die mit Tieren zu tun haben, dann bemerkt man irgendwann, dass das, was, bezogen auf Menschen, tabuisiert wird, hier Teil des ganz normalen alltäglichen Small Talk ist. Zum Beispiel: Über Schönheit zu sprechen, über Begabung, über Hierarchie – und auch über Intelligenz. So gibt es etwa Leute, die für sich in Anspruch nehmen, ein „gutes Pferd“ auf Anhieb erkennen zu können, im Gewühl eines Pferdemarktes oder, ganz melodramatisch, im Wartestall des Roßschlächters. Diese Fähigkeit macht sie ungemein stolz, sie fühlen sich dadurch unabhängig. Kennt man die Szene, in der sich diese Leute bewegen, ist das verständlich: Sollten sie tatsächlich über den Röntgenblick des Talentscouts verfügen, dann macht sie das unabhängig von den Ahnentafeln der sündhaft teuren professionellen Pferdezucht. Oder, um es mit den Worten eines Freundes von mir zu sagen, der Tierarzt für Pferde ist: „Es gibt viele gute Reiter in Deutschland, aber nicht viele gute Pferde. Und wenn eins mal richtig gut ist, dann bekommst du das erst ab einer halben Million.“ Schön also, wenn man den künftigen Champion auch zerzaust und abgehalftert in einer Scheune im Nirgendwo erkennt.

Was ein „gutes Pferd“ ausmacht, das ist nicht ganz leicht in Worte zu fassen. Nachdem ich nun ein paar Menschen in meinem Leben getroffen habe, die entweder behaupten, ein „gutes Pferd“ erkennen zu können, oder aber, ein solches zufällig zu besitzen, würde ich sagen, dass diese Leute in einem guten Pferd so etwas erkennen wie Geist. Was ist Geist bei einem Pferd? Wohl dasselbe wie bei allen Lebewesen: Sensibilität, Gelehrigkeit, Motivation, Intelligenz. Unter Pferdeleuten gibt es ein weiteres ganz wichtiges Kriterium: „Klar im Kopf“. Dieses Lob wird beinahe mit Ehrfurcht ausgesprochen, etwas Vorteilhafteres kann man über ein Pferd kaum sagen. Es heißt so viel wie, dass das Pferd keine psychischen Erkrankungen hat, vor allem keine, die mit Wahnvorstellungen einhergehen. 

Bildungswege, auch die von Pferden, sind allerdings verschlungen. So kommt es durchaus vor, dass aus einem „guten Pferd“ nichts Anständiges wird. Oder aber, dass auf einen guten Start ein steiler Absturz folgt. Oder auch, dass Misserfolge den Weg eines Pferdes pflastern, bis schließlich doch der große Durchbruch kommt. Meine Freundin D. etwa besitzt ein Pferd wie aus dem Märchen: Riesengroß, schneeweiß, sanft wie ein Kätzchen. Dreijährig gewann das Pferd ein Nachwuchschampionat. Danach kamen eine Menge Reiter, doch niemand war mit dem Pferd erfolgreich. Meine Freundin D. kaufte das Pferd schließlich viele Jahre später für den Schlachtpreis, 500 Euro. D. sagt, seitdem sie das Pferd besitzt, kämen in den Pferdeställen, in denen das Pferd lebt, immer wieder Menschen auf sie zu, die sich für das Pferd interessieren. Das sind Leute, die ein „gutes Pferd“ auf Anhieb erkennen können. Sie wollen etwas aus D.s Pferd machen. Dann reiten sie D.s Pferd, aber nach einiger Zeit geben sie auf. D. sagt, dass ihr Pferd sehr intelligent und gelehrig sei, dass es Ehrgeiz habe, Anmut und eine schnelle Auffassungsgabe. Aber sobald der Reiter auch ehrgeizig und zielstrebig sei, sobald man etwas von dem Pferd verlange, werde es konfus. Es dekompensiere dann.

So kann es gehen mit der Intelligenz. Sie ist kein Garant für den Erfolg. Ohne sie steht man aber auch ganz schön blöd da. Deshalb bemühen sich Menschen, die Tiere züchten, die einem Leistungsvergleich standhalten sollen, immer darum, Anlagen für Intelligenz zu erkennen. Die Genetik ist also ein großes Thema. Pferdezüchter jonglieren mit Stammbäumen und tüfteln „Anpaarungen“ verschiedener „Blutlinien“ aus, die ihnen erfolgversprechend erscheinen. Es ist eine Wissenschaft für sich. Züchter von Jagdhunden schließen Hunde von der Zucht aus, die sich als nicht „passioniert“ erweisen, also nur unter Schwierigkeiten Fährte aufnehmen, zum falschen Zeitpunkt bellen oder das erlegte Wildschwein im dichten Wald gar nicht finden können.

Und in der Hundezucht geht man auch noch weiter: Seit den neunziger Jahren existiert eine vielzitierte Rangliste, die die Hunderassen der Welt nach ihrer Intelligenz ordnet – von Platz 1 bis Platz 79. Autor ist der kanadische Psychologe Stanley Coren. Für seine Liste legt er die sogenannte Gehorsams- und Arbeitsintelligenz zugrunde: Es geht dabei um die Frage, nach wie vielen Wiederholungen ein Hund neue Befehle versteht und, wenn er sie einmal verinnerlicht hat, wie lange er braucht, um auf Befehle zu reagieren. Wichtig ist auch, dass die Hunde dabei nicht nur ihrem Besitzer gehorchen, sondern auch anderen Menschen, selbst wenn die wenig Erfahrung mit Hunden haben. Coren veröffentlichte die Liste in seinem Buch „Die Intelligenz der Hunde“, das 1994 erschien. Er beschreibt darin, dass er Hunderte von Richtern bei Hunde-Gehorsamkeitswettbewerben interviewte, bevor er die Rangfolge festlegte. 

Platz eins von Corens Rangliste belegt der Border Collie, ein Hütehund aus dem schottisch-englischen Grenzland. Auf dem letzten Platz landete der Afghanische Windhund. Die Bildzeitung zeigte schon mehrfach auf der Titelseite „Die 10 klügsten Hunderassen“ mit Hinweis auf Stanley Coren, immer wieder ein Hingucker, vor allem, wenn es mit Bildern der wuscheligen Top Ten illustriert wird: Nach dem Border Collie kommen der Pudel, der Deutsche Schäferhund, der Golden Retriever, der Dobermann, der Shetland Sheepdog, der Labrador Retriever, der Papillon, der Rottweiler und der Australische Schäferhund. Die zehn am unteren Ende: Basset, Mastiff, Beagle, Pekinese, Bloodhound, Barsoi, Chow Chow, Bulldogge, Basenji und der Afghanische Windhund. Stanley Coren beschreibt in einem langen Kapitel, was die einzelnen Gruppen (superschlaue, überdurchschnittlich schlaue, mittelschlaue, eher dümmere, noch viel dümmere, ganz dumme Hunde) charakterisiert. Über die zehn dümmsten heißt es da entnervt: „Sie neigen dazu, in weniger als 25 Prozent der Fälle auf den ersten Befehl zu reagieren. Manchmal wenden sie sich sogar von ihren Hundeführern ab, als ignorierten sie Befehle…Und wenn sie reagieren, geschieht es oft recht langsam. Dann gewinnt man den Eindruck, als wären sie unsicher oder unzufrieden mit dem, was von ihnen erwartet wird…Wenn man sie von der Leine lässt, werden sie unzuverlässig…Selbst sehr fähige Ausbilder können gelegentlich…verzweifeln, wenn sie mit diesen Hunden arbeiten.“ Allerdings gebe es immer Ausnahmen, schreibt Coren und schildert einen Staffordshire Bullterrier (Platz 49 der Rangliste), der glänzende Leistungen bei Hundewettbewerben zeigte – „durch richtige Ausbildung und behutsame Behandlung“.

Auch Pferdezüchter erzählen gern, dass man sich nie vollständig auf Ranglisten, altbewährte Zuchtrezepte und ausgeklügelte Anpaarungsmethoden verlassen sollte, weil Intelligenz eben nicht planbar ist. Stattdessen interessiert man sich für die Ausnahmen – eben jene „guten Pferde“, die aus dem Nichts kommen: Zufallskäufe ohne Papiere, Fohlen, deren Vater niemand kennt, eingefangene Mustangs. Und die gewinnen dann die Olympiade oder ein großes Rennen. Ganze Romane sind darüber geschrieben worden. Pferdezüchter beschwören diese Mythen immer wieder. Es ist, als ob sie eigentlich ganz gern von ihrer Tüftelei mit den Blutlinien befreit werden wollen und stattdessen auf ihn warten: den Champion ohne Ahnentafel. Equus novus sozusagen.