Planckton

Planckton

Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Fohlen-Brandzeichen im Bundesrat: In den neuen Tierschutzdebatten geht es um archaische, aber lange geduldete Methoden

| 1 Lesermeinung

Die siebenendige Elchschaufel kennzeichnet den Trakehner, das geschwungene "H" mit Pferdeköpfen den Hannoveraner, das gekrönte "O" den Oldenburger: Seit...

Die siebenendige Elchschaufel kennzeichnet den Trakehner, das geschwungene „H“ mit Pferdeköpfen den Hannoveraner, das gekrönte „O“ den Oldenburger: Seit mehreren Jahrhunderten gilt das Zeichen, das Fohlen auf den Hinterschenkel gebrannt wird, als Schutz gegen Roßtäuscher und Nachweis von Herkunft, Rasse und Identität eines Pferdes. Entweder sehr heiße oder sehr kalte Eisen werden dafür verwendet, die Verbrennungen oder Erfrierungen nach sich ziehen. Am heutigen Freitag entscheidet der Bundesrat auf Antrag des Landes Rheinland-Pfalz darüber, ob die Tradition tierschutzwidrig ist und daher abgeschafft werden muss. Die Antragsteller argumentieren, dass die Methode bei den Tieren erhebliche Schmerzen und Leiden verursacht, die nicht erforderlich sind. Seit 1. Juli vergangenen Jahres müsse ohnehin jedes Fohlen europaweit mit einem Chip gekennzeichnet werden. In Dänemark etwa ist der Schenkelbrand deshalb schon seit 1. März 2010 verboten.

Bild zu: Fohlen-Brandzeichen im Bundesrat: In den neuen Tierschutzdebatten geht es um archaische, aber lange geduldete Methoden

Trakehner Brand (Bild: trakehner-thueringen.de) 

Ein Verbot findet auch in Deutschland viele Befürworter. „Völlig unsinnig und überflüssig ist diese Brandmarkung der Fohlen als Hannoveraner, Oldenburger oder Holsteiner“, sagt etwa Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Sie werde nur noch „aus traditionellen Gründen und wegen züchterischer Eitelkeiten“ beibehalten.

Auch der Bundesverband Praktizierender Tierärzte hält den Brand nur noch für ein Marketinginstrument der Zuchtverbände – der Brand funktioniere ähnlich wie Markenembleme auf Kleidung. Die Fohlen erlitten bei der Prozedur Verbrennungen dritten Grades. Sie seien danach verstört, ihr Saug- und Spielverhalten sei nachhaltig beeinträchtigt. Sie hätten wochenlang Schmerzen. Der Verband beruft sich auf eine aktuelle Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz und bezeichnet den Schenkelbrand als „archaische Praxis“. Es gibt allerdings auch Stimmen, die nicht auf die Brände der Zuchtverbände verzichten möchten. „Verbandsbrände sind überaus wichtige Markenzeichen“, sagt etwa Friedrich-Otto Ripke, der niedersächsische Staatssekretär des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung. Einen Chip könne „weder das bloße Auge noch die Fernsehkamera erkennen.“ Die Brände nicht mehr vorzunehmen, bedeute „unverantwortliche finanzielle und vermarktungstechnische Konsequenzen“ und den „Verlust eines einmaligen Kulturgutes“. 

Unabhängig davon, wie die Abstimmung zum Thema ausgehen wird: Dass Brandzeichen in die öffentliche Diskussion geholt werden, zeigt, wohin sich die Tierschutzdebatte gegenwärtig bewegt. Nach Jahren, in denen ein offensichliches Leid angeprangert wurde, das jeder auf Fotos erkennen konnte – Tiere auf Pelzfarmen und in Legebatterien -, hinterfragt man nun alte Methoden, die lange unbeachtet blieben. Vorgänge, die teilweise nur Insidern bekannt waren, werden nun an die Öffentlichkeit geholt, auch von diesen Insidern selbst, zum Beispiel Agrarwissenschaftlern und Tierärzten. Häufig stehen Routinemaßnahmen, meist Amputationen ohne Schmerzmittel, im Zentrum der neuen Debatten. Es begann Anfang der Nullerjahre mit der Diskussion über die Kastration von männlichen Ferkeln ohne Betäubung. Erst nur unter Wissenschaftlern ein Thema, gibt es mittlerweile Arbeitsgruppen der EU zur Ferkelkastration, ganze Länder (Niederlande, die Schweiz) haben sich auch ohne europaweit geltendes Gesetz selbst dazu verpflichtet, Ferkel vor der schmerzhaften OP zu betäuben, Fast-Food-Ketten weigern sich, noch Fleisch von unbetäubt kastrierten Schweinen zu verwenden. Das neue EU-Projekt ALCASDE geht wieder einen Schritt weiter: Es untersucht Alternativen zur Ferkelkastration und befasst sich außerdem schon mit einer weiteren Problematik: dem schmerzhaften Enthornen von Rindern. Die Hörner der Rinder werden entfernt, weil sie sich damit gegenseitig verletzen können, wenn nicht genug Platz vorhanden ist. Milchkühe mit Hörnern haben einen größeren „Individualabstand“: Sie brauchen breitere Stallgänge, um einander ausweichen zu können, und somit größere Ställe.


1 Lesermeinung

  1. Ist die Kaltmethode wirklich...
    Ist die Kaltmethode wirklich so schmerzhaft ?
    Was die Kaltmethode betrifft, darf ja jeder gegebenenfalls, dass per Drogeriespray gegen Warzen an sich selber ausprobieren…daher frage ich mich ob das wirklich so schmerzhaft wäre. Wobei es natürlich auch auf die Einwirkdauer ankommen würde.

Kommentare sind deaktiviert.