Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Kritik der reinen Physik(6): Die Verschiedenheit von grau und bunt

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Angenommen, wir hätten eine perfekte physikalische Theorie über die Welt. Über die kleinsten und größten Strukturen, über alle physikalischen Gesetze und...

Angenommen, wir hätten eine perfekte physikalische Theorie über die Welt. Über die kleinsten und größten Strukturen, über alle physikalischen Gesetze und Eigenschaften. Würden wir dann über eine Beschreibung verfügen, die alles einfangen kann, was es in der Welt gibt? Braucht man letztendlich nichts anderes als Physik, um die Welt zu verstehen? Kann man insbesondere das menschliche Gehirn als eine, zugegebenermaßen sehr komplexe, Ansammlung von wechselwirkenden Molekülen verstehen? Der australische Philosoph Frank Jackson hat sich im Kontext dieser Fragen 1982 ein Gedankenexperiment ausgedacht, um zu zeigen, dass es mehr gibt als das, was in physikalischen Theorien thematisiert werden kann. Dabei beruft er sich auf Mary, eine fiktive Farbwissenschaftlerin, die eingeschlossen in einem farblosen Raum wohnt. Obwohl Mary in einer schwarz-weißen Welt lebt, lernt sie alles, was man theoretisch über Farben wissen kann. Sie kennt sich mit der Logik der Farbbeschreibungen aus und weiß alles über elektromagnetische Wellen und die neurophysiologische Erzeugung von Farbreizen im menschlichen Gehirn.

Die Frage, die Jackson stellt, ist nun: lernt Mary über ihr vollständiges Wissen hinaus etwas Neues, wenn sie eines Tages ihren schwarz-weißen Raum verlässt und das erste Mal Farben sieht? Gibt es etwas, das sie nicht anhand von Theorien, sondern allein durch wirkliche Erfahrung lernen kann? Gibt es eine besondere Erfahrungsqualität, die wir nicht im Rahmen einer quantitativ angelegten, naturwissenschaftlichen Theorie einzufangen vermögen, das heißt ein  charakteristisches „Wie-es-sich-anfühlt”, das anhand wechselwirkender Moleküle nicht verstanden werden kann?

Philosophen lieben es, sich absurde Geschichten auszudenken. Sie erfinden Gedankenexperimente, um in einer Art Gedanken-TÜV unser Alltagsverständnis in Extremsituationen auf seine Gültigkeit hin zu prüfen. In philosophischen Debatten trifft man auf exotische Wesen wie Sumpfmänner (Könnte ein mit mir in jeder Zelle identischer Sumpfmann-Klon dasselbe denken wie ich?), auf seltsame Orte wie die Zwillingserde (Wie verhalten sich die Dinge auf einer Klon-Erde, auf der es nur XYZ statt Wasser gibt?) und eben auch auf Mary, die in einem schwarz-weißen Raum lebende Farbwissenschaftlerin. Offensichtlich ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass einem eines Tages der eigene Sumpfmann-Klon über den Weg läuft oder Astronomen die Zwillingserde entdecken. Umso erstaunlicher war es neulich, herauszufinden, dass eine meiner Kolleginnen ähnliches erfahren hat, wie Mary in Jacksons Gedankenexperiment.

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Ruxandras Büro ist im lichtgeschützten Keller zu finden. Foto: S. Anderl

In Ruxandra Tomas Welt gab es, genau wie in Marys Raum, lange Zeit überhaupt keine Farben. Sie ist farbenblind und leidet an einer Variante der Achromatopsie. Die Farb-Rezeptoren, die Zapfen in der Netzhaut ihrer Augen, sind nicht normal entwickelt und existieren lediglich als Rudimente. Ruxandra lebt daher im Wesentlichen in einer Welt aus Grautönen. Hinzu kommt, dass ihre Sehschärfe stark eingeschränkt ist, da die Hell-Dunkel-Rezeptoren, die Stäbchen, im Vergleich zu den Zapfen im zentralen Gesichtsfeld weniger dicht angeordnet sind. Da die Stäbchen normalerweise für das Sehen in der Dämmerung zuständig sind, sind diese bei Tageslicht außerdem so überreizt, dass die ohnehin schwache Sehkraft fast völlig zurückgeht. In der Mitte der Netzhaut, dem Bereich des schärfsten Sehens, befinden sich bei Normalsichtigen lediglich Zapfen. Bei Achromaten ist diese Stelle entsprechend außer Funktion. Dieser Defekt führt zum Augenzittern, dem Auftreten von sehr schnellen Augenbewegungen. Eine solche Form vollständiger Farbenblindheit tritt extrem selten auf. In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge nur ca. 3000 Fälle dieser angeborenen, genetisch bedingten Störung.

 

Um Ruxandra in ihrem Büro zu treffen, muss man sich in den Keller begeben. Während andere Kollegen diesen Arbeitsplatz als Zumutung empfinden würden, sitzt Ruxandra freiwillig dort, wo sie kaum einen Sonnenstrahl fürchten muss. Selbst im gedämpften Kellerlicht trägt sie oft noch eine getönte Brille. Eine Sehstörung wurde bei ihr bereits festgestellt, als sie wenige Monate alt war, doch die Unfähigkeit, Farben zu sehen, wurde erst bemerkt, als ihre Eltern erfolglos mit dem Versuch blieben, ihr die Farbwörter beizubringen. Ärzte machten daraufhin Tests und stellten fest, dass sie die meisten der in den ihr vorgelegten Farbmustern versteckten Zahlen nicht sehen konnte. Die Diagnose blieb dennoch lange unklar. In ihrer Familie gab es bisher keine anderen Fälle von Farbenblindheit, obwohl die neueste Diagnose davon ausgeht, dass ihr Defekt genetisch ist. Ihre Kindheit in Rumänien war durch ihre Behinderung starken Beschränkungen unterworfen, doch gleichzeitig führte die Farbenblindheit Ruxandra zu ihrer späteren Leidenschaft: „Als Kind habe ich auf dem Land gelebt, ohne eine gute Brille zu besitzen. Deshalb konnte ich tagsüber fast nichts sehen, wenn ich draußen herumgelaufen bin. Es ist sogar vorgekommen, dass ich nicht einmal meine Mutter erkannt habe, weil ich lediglich Umrisse sehen konnte. Tagsüber war ich quasi blind, aber nachts nach Sonnenuntergang war ich sehr glücklich, weil ich etwas sehen konnte. Auf diese Weise habe ich die Sterne entdeckt. Ich sah den Vollmond aufsteigen und den Sonnenuntergang. Ich denke, das ist der Grund, warum ich jetzt Astronomie studiere. Meine direkte Umgebung konnte ich nicht sehen, aber dafür die Sterne.”

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Wahrnehmung eines Normalsichtigen im Vergleich zur simulierten Wahrnehmung eines Achromatopsie-Patienten unter Berücksichtigung von Farbenblindheit, Blendung und geringer Sehschärfe, Quelle: Olav Hagemann, Achromatopsie-Selbsthilfe, (Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/legalcode)

 

Im Teenageralter geschah plötzlich etwas Seltsames: Ruxandra spielte an einem sonnigen Tag mit dem Spielzeug ihres kleinen Cousins und versuchte, trotz ihrer Lichtempfindlichkeit entspannt mit geöffneten Augen zu schauen. Auf einmal bemerkte sie, dass einiges Spielzeug das Licht anders reflektierte, als sie es gewohnt war. Sie fragte nach, was sie da sähe, und hörte, dass diese Gegenstände rot seien. Daraufhin konnte sie diese Erfahrung in günstigen Umständen auch bei roten Ampeln, Autos oder Sonnenuntergängen hervorrufen. Aber selbst heute muss sie noch manchmal nachfragen, was sie gerade sieht, wenn sie diese besondere Art der Wahrnehmung erfährt, auch wenn sie mittlerweile weiß, dass sie neben Rot auch Gelb und Orange sehen kann, sofern die Farben sehr leuchtend und intensiv sind. Die Fähigkeit, Rot, Gelb und Orange zu sehen, kam für Ruxandra völlig überraschend: „Für mich war diese Erfahrung etwas völlig Neues. Ich dachte: Oh mein Gott, was ist das?”

Interessanterweise assoziiert Ruxandra mit den Farben, die sie zu sehen vermag, keinerlei Prädikate, wie zum Beispiel „Rot ist eine warme Farbe.” Sie erklärt dies mit fehlenden Vergleichsmöglichkeiten, da sie außer den untereinander sehr ähnlichen Farben Rot, Orange und Gelb keine Farben sehen kann. Die einzige Bedeutung, die sie einem „warmen” Rot abgewinnen kann, ist, dass sie Rot mag, weil sie mag, was sie fühlt, wenn sie etwas Rotes wahrnimmt. Neben fehlenden Vergleichsfarben könnte vielleicht eine andere Erklärung sein, dass sie wenig Kontextwissen in Bezug auf Farben besitzt, da ihre Farberfahrungen nur in sehr singulären und besonderen Umständen auftreten. Feuer erscheint für sie beispielsweise nicht rot, sondern weiß. Einen physikalisch warmen, roten Gegenstand hat sie noch nie gesehen.

Ruxandra spricht immer wieder von dem „besonderen Gefühl”, das sie hat und genießt, wenn sie Farben sieht. Deshalb ist es auch ein großer Traum von ihr, dass die Medizin eines Tages einmal in der Lage sein könnte, ihr zu einer Erfahrung von Grün oder Blau zu verhelfen: Sie würde gerne erfahren, wie es sich anfühlt, Blau und Grün zu sehen. In ihrem Alltag ist die Unfähigkeit, Farben zu erkennen, alleine kein besonderes Problem, in bestimmten Situationen führt ihre Farbenblindheit sogar dazu, dass sie Formen besser und schneller wahrnimmt als Normalsichtige. Sie ist es gewöhnt, in einer weitgehend farblosen Welt zu leben und leidet sehr viel stärker unter ihrer schlechten Sehkraft als darunter, dass sie fast alles in Grauschattierung wahrnimmt. Es ist vor allem die Neugier auf unbekannte Farberfahrungen die sie manchmal traurig macht. Als Astronomin würde sie insbesondere gerne einmal den so „grünen Blitz” sehen, ein seltenes Phänomen, das manchmal beim Sonnenauf- und -untergang zu beobachten ist.

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 Die farbliche Schönheit eines Sonnenuntergangs. Foto: Tim Schrabback

 

An dieser Stelle drängt sich der Bezug zu einem anderen philosophischen Gedankenexperiment auf: Thomas Nagel veröffentlichte 1974 den Aufsatz „What is it like to be a bat?” und beschreibt darin, dass wir nie wissen werden, wie es sich für eine Fledermaus anfühlt, ihre Umgebung per Echolot wahrzunehmen – egal wie groß unser theoretisches Wissen über die Mechanismen der Echolotwahrnehmung auch sein mag. Ähnlich geht es Ruxandra beispielsweise mit der Farbe Grün. Obwohl sie als Physikerin viel über Wellenlängen weiß, hat sie keinerlei Anhaltspunkte, wie es sein könnte, Grün wahrzunehmen.  Alles was sie weiß, ist, dass beispielsweise Gras und Blätter grün sind. Selbst moderne Geräte, die Farbenblinden helfen sollen, Farben wahrzunehmen, indem Farben in Töne umgewandelt werden, können daran offensichtlich nichts ändern, dass die Erfahrungsqualität unzugänglich bleibt.

In einer anderen Hinsicht wäre Ruxandra an einem solchen Gerät aber durchaus interessiert, nämlich um besser beobachten zu können, wie Farben im Leben ihrer Mitmenschen zum Einsatz kommen: „Mich würde interessieren, warum Menschen Kleidung in bestimmten Farben tragen, denn Farben haben diese psychologische Bedeutung. Bei Tieren sind Farben in der Paarungszeit sehr wichtig, um Partner anzulocken. Ich frage mich, ob dies bei Menschen ähnlich funktioniert.” 

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Inverse Weltsicht: Während Katzen nicht in der Lage sind, Rot wahrzunehmen, ist Rot, zusammen mit verwandten Farbtönen, die einzige Farbe, die Ruxandra unter günstigen Bedingungen zu sehen vermag. Foto: R. Toma

Man mag zu Frank Jacksons Gedankenexperiment und der Frage, ob es mehr in der Welt gibt als das physikalisch Beschreibbare, stehen wie man möchte. Da die Philosophie im Kern keine empirische Wissenschaft ist, kann das Gespräch mit einer Farbenblinden, die gelernt hat, Rot zu sehen, keine Antworten auf die Frage nach dem Zutreffen eines physikalistischen Weltbildes liefern. Stattdessen fördert es eine mindestens genauso spannende andere philosophische Frage zutage: Was sind Farben? Lediglich kodierte Information über unsere Umgebung? Etwas, das notwendig mit einem ganz bestimmten Sich-Anfühlen zusammenhängt? Wenn ja, ist dieses Sich-Anfühlen für alle farbsichtigen Menschen gleich? Was ist der Einfluss von Farben auf uns und unsere Kultur?

Eines kann man von Ruxandra, verbunden mit Jacksons Mary, vielleicht trotzdem lernen. Sofern man Jacksons Gedankenexperiment so umdeutet, dass Mary deshalb in einer Schwarz-Weiß-Welt lebt, weil sie farbenblind ist, würde ihr die theoretische Farbwissenschaft  in all ihren Details wahrscheinlich relativ egal sein. Stattdessen scheint es sehr viel wahrscheinlicher, dass eine farbenblinde Mary Astronomin geworden wäre.


13 Lesermeinungen

  1. Die Haut umgrenzt die...
    Die Haut umgrenzt die Bedeutung bisher befriedigend. Blosse Wortspielerei? BeiLeibe nein. Was steckt in dieser Umgrenzung drinn? Jeweils ein ICH, wenn es ein Mensch ist. Banal, schimpfen Sie, was soll das, fragen Sie? Was Macht die Umgrenzung mit Innen? Ohh, die Macht, ja was Macht sie denn mit uns? Haut Macht Uns, Macht sie das gut? Wie fabulierte George Lucas: “Die Macht ist mit Uns” Ist sie das? Irgendwie steckt sie überall drinn, in Jeder Haut. In aller Politik, in jeder Familie, in jeder Disziplin. Für eine Tiefenbetrachtung Ihrer Macht genügt Heute noch ein schneller Klick: https://wortwahl.blogspot.com/2011/08/macht.html. Denn Morgen schon, hat die Macht vielleicht keine Macht mehr, dann ist sie nur noch Oberflächlichkeit. Oder?

  2. Devin08 sagt:

    <p>Vom Geschehen zur...
    Vom Geschehen zur Erscheinung, Philosophie statt Agnostizismus
    .
    Zum Verhältnis von Bedeutung und Wahrheit empfehle ich Zizeks Werk „Die Parallaxe“. So sehr die Differenz bei der Betrachtung der Dinge entstehen mag, liegt sie bereits dennoch schon in den Dingen selber. Erst in der parallaktischen Verschiebung (hin zur Erscheinung der Dinge) werden die Differenzen, als beider „Lücken“, solchermaßen dann gedoppelt, als Erscheinung, die sich da „aus den Lücken quält“ (Zizek) im hegelschen Sinne aufgehoben – als doppelte Negation. Dialektisch gesprochen: Die Identität von Wahrheit und Bedeutung (von Objekt und Subjekt) wird hergestellt und sofort wieder gelöscht. Ein Prozess der niemals abgeschlossen sein wird, ermöglicht keine absolute Identität. Nur so würde ich auch Derrida recht geben. Nicht eben in dem Sinne, dass Bedeutung und Wahrheit niemals zusammenfallen würden. Andernfalls wäre die Epistemologie eine Pseudowissenschaft, pseudophilosophisch.
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    So stellt der postmoderne Versuch die Bedeutung der Wahrheit gegen zu stellen (analog der Trennung von Sprachphilosophie und Epistemologie) den ersten Schritt dar hin zu einem nicht humanen geistigen Wesen (strickt zu unterscheiden von der Möglichkeit eines posthumanen Wesens, als einen biologischen Mutanten quasi, die allerdings technisch einherginge mit den Versuchen eben um das nicht-humane Wesen; im ersten Fall wären wir das Subjekt im letzten das Objekt, blog.herold-binsack.eu).
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    Ich hebe das hervor um der„Bedeutung“ der Debatte wegen. Wovon reden wir? Sind wir uns eigentlich im Klaren darüber, dass wir jenem nicht-humanen Wesen das Wort reden, wenn wir gewissen Sprachphilosophen all zu sehr auf den Leim gehen?
    Zur Sache hier: Die Philosophie ist keine Metawissenschaft, sondern im besten Falle eine den anderen Wissenschaften zuarbeitende. Parallel gilt dies für die „Sprachphilosophie“. Sie ist entweder Teil der Philosophie, oder sie wäre Teil einer wissenschaftlichen Tendenz hin zu einem neuen eben nicht-mehr-humanen geistigen Wesen. Diese Auseinanderentwicklung wird allerdings durch einen möglicherweise falschen Gegensatz begünstigt: Hier (konservativer) Naturalismus dort (fortschrittlicher) Realismus. Ein Realismus, der sich darin begründet, dass er Intelligenz mit dem Verstand des Informatikers zu begreifen sucht, bleibt im Kern im Naturalismus verhangen und/oder dem Glauben an Gott. (Der Agnostizismus ist daher die Kehrseite des Naturalismus.) Dass der Intelligenz eine Art gesellschaftliche Konvention voraus zu gehen hat, bleibt hier unbelichtet. Aber es bleibt darüber hinaus ungeklärt, wie es dazu kommt, dass ein Wesen in diese Welt tritt, dass dieser Welt erst zur ihrer (Selbst-)Erscheinung verhilft.
    .
    Wir müssen uns darüber einig sein, was Intelligenz überhaupt ist. Ist es bereits das, was auch kluge Vögel können, nämlich den Nahrungskonkurrenten gezielt täuschen, oder ist es das Werk einer ganzen Gesellschaft, welche das Geschäft der Täuschung beherrscht und daraus die (wissenschaftliche) Kategorie der Täuschung entwickelt. Also selbst wenn der Vogel sprechen könnte, behaupte ich, wäre ihm der Schritt von 1 zu 2 verwehrt. Solange nämlich, als dass er sich nicht im Mitvogel als Mitsubjekt wahrnimmt (was den Konkurrenten nicht ausschließt). Die Fähigkeit sich wieder zu erkennen, ist für mich der Schlüssel zum humanen. Gehen wir da runter, dann schaffen wir eine Art tierische Intelligenz, gehen wir darüber, dann greifen wir nach „Gott“. Und beide Versuche verlaufen nach strickt naturalistischen Mustern. Im ersten Fall kopieren wir die Natur, im zweiten unsere Hirngespinste.
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    Was wir nämlich nicht mehr begreifen, ist der Grund für ein Objekt, das sich sein Subjekt schuf. Der Grund also für ein kosmisches Geschehen, das zur Erscheinung wurde. Zur Welterscheinung. Diese Frage, so sehr sie auch eine philosophische ist, muss sich auch der Naturwissenschaftler stellen. (Sie ist längst nicht mehr nur eine philosophische.) Weil sonst sein Bild von dieser Welt nicht vollständig sein kann (oder er diese „Vollständigkeit“ an den Gottesglauben delegiert, nach dem Motto: des Menschen Horizont ist immer beschränkt). Ich erwarte von den damit befassten Wissenschaften, dass sie eine Erklärung dafür geben, wie es zu Spiegelneuronen kommt, die ein (sich-selbst) Wiedererkennen erst möglich machen (vor jeder gesellschaftlichen Konvention, oder natürlich auch, die Möglichkeit besteht rein theoretisch: in Folge jener gesellschaftlichen Konvention) oder eine Erklärung, dass sie diesbezüglich überfordert sind. Vielleicht öffnet Letzteres das Tor für eine Wissenschaft, die sich dann ernsthaft damit befasst. Aber auch hierbei wäre die Philosophie nur eine zuarbeitende Disziplin.
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    Und eine Philosophie, die da glaubt, sie könne sich frei von den übrigen Wissenschaften bewegen, ist ein Hirngespinst. Und sie ist entweder Scharlatanerie (Esoterik/Glaube) oder/und ein bedeutender wissenschaftlicher Fehlgriff. Und eine Physik, die sich da unabhängig wähnt, von der Philosophie, verfällt dem Agnostizismus.

  3. Sehr geehrter john_adams, ich...
    Sehr geehrter john_adams, ich vermute, Sie spielen in Ihrem Kommentar auf Wittgenstein-inspirierte Nagel-Kritiker wie zum Beispiel Peter Hacker an. Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass die Philosophie des Geistes insbesondere im Lichte des “linguistic turn” oftmals außerordentlich angreifbar argumentiert. Was allerdings keineswegs ein Argument für einen Physikalismus (oder lieber “Naturalismus”?) ergibt, ganz im Gegenteil. Gerade auch aus einer sprachphilosophischen Perspektive habe ich persönlich noch kein wirklich überzeugendes Konzept einer Naturalisierung von Intentionalität gesehen, das mit dem Problem der Umgrenzung von Bedeutung befriedigend umgehen könnte.

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