Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Sie nennt es “Scheißegal-Gen”

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Die Piratin Marina Weisband hadert mit dem "Scheißegal-Gen", das man als erfolgreicher Politiker heute braucht. Ist ein Parlament ohne Scheißegal-Gen überhaupt denkbar? Wir haben nachgeforscht.

Erstmal drüber schlafen ist in solchen Fällen nie verkehrt. Das habe ich getan und entschieden: Doch, dem politischen „Scheißegal-Gen“ von Marina Weisband muss nachgegangen werden. Kurz zum Hintergrund: Zwei Anrufer hatten gestern Nachmittag nach der Lektüre des auszugsweisen FAZ-Vorabdrucks von Marina Weisbands Buch „Wir nennen es Politik“ ordentlich Dampf abgelassen und mir als Wissenschaftsredakteur mächtig ins Gewissen geredet. Nichts konnte sie besänftigen, weder das gewinnende Lächeln der jungen Piratin oben auf der Zeitungsseite, noch der beschwichtigende Hinweis, dass Frau Weisband die erkenntnistheoretische Tragweite ihrer gen-deterministischen Wendung sicher nicht voll erkannt habe, vielleicht sogar gerade wegen ihres Psychologie-Studiums als Ironie verstanden haben mochte. Die Geniritis ist als Sprachphänomen ja ohnehin in unserer Gesellschaft virulent. Nichts half. “Scheißegal-Gen” sei ein dümmlicher Kampfbegriff, meinte der eine, und ein Missbrauch der Wissenschaften. Zu seicht für eine angehende Psychologin, meinte der andere, und zudem diskriminierend für unsere Politiker, die es dann wohl mehrheitlich nur dank ihres sogenannten „Scheißegal-Gens“ im Bundestag aushielten.

© FAZ ArchivDer FAZ-Vorabdruck des Buches “Wir nennen es Politik”

Da stecken natürlich mindestens genau so viele Unterstellungen drin wie in der Gen-Vokabel, die Marina Weisband in ihrem Text zweimal verwendet. Unentschieden also könnte man sagen, gedankenlos hier wie dort. Da nun allerdings die prominente Frau Weisband dem Begriff in der zweiten Verwendung ihres Scheißegal-Gens fast schon philosophische Züge zuschreibt und mindestens implizit jedenfalls die Wiederaufnahme ihrer politische Karriere an die Erlangung eines Scheißegal-Gens knüpft, halte ich eine wissenschaftliche Recherche unterm Strich dann doch für gerechtfertigt.

Auf diesen Satz der Piratenhoffnung also kommt es an:

„In der Ferne habe ich die Vorstellung einer Gesellschaft, in der es kein „Scheißegal-Gen“ braucht, um Politik zu machen.“

Für alle, die den FAZ-Auszug aus ihrem frühen politischen Vermächtnis noch nicht gelesen haben (das Buch ist ab dem 12. März digital herunterzuladen), dafür aber vielleicht das Portrait in der aktuellen „Zeit“ irgendwie spannend fanden, sei es gesagt: Marina Weisband hat nie behauptet, dass Politikern alles scheißegal sei. Was sie meint, was sie eigentlich vermisst und letztlich für ihr Scheitern als Spitzenfrau der Piratenpartei mitverantwortlich macht, ist die Abwesenheit einer ganz besonderen Eigenschaft, die es erfolgreichen, sprich: standhaften Politikern, ermöglicht, sich „ein dickes Fell zuzulegen“. So haben es ihr ein paar wohlmeinende Freunde zugeflüstert. Marina Weisband formuliert es so, als sei dieses Persönlichkeitsmerkmal genetisch fest verankert. Oder jedenfalls genetisch stark beeinflusst. Und das muss man ihr schon zugute halten: Aus wissenschaftlicher Perspektive ist das erst einmal eine zulässige, ja spannende These.

Machen wir uns also auf die Suche nach dem Scheißegal-Gen. Der Anfang ist schnell gemacht. Das menschliche Genom mit seinen etwas mehr als 20.000 Genen ist nämlich in internationalen Datenbanken wie dem National Center for Biotechnology Information für jeden zugänglich. Leider ist da bisher noch kein DW-Gen („Damn whatever gene“) hinterlegt. Allerdings muss man auch wissen, dass die Sequenz des Humangenoms zwar einigermaßen vollständig entziffert und viele Gene sogar einen anschaulichen englischen Titel bekommen haben, dass aber keineswegs alle Gene vollständig verstanden oder auch nur die Funktionen aller Sequenzen entschlüsselt sind. Bei Merkmalen wie der geforderten Scheißegal-Haltung muss man da von vorne herein Abstriche machen. Denn das beschriebene Verhalten, das von standhaften Politikern gefordert wird, gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit zu jenen menschlichen Eigenschaften, die den Phänotyp – also die reale Ausprägung im jeweiligen Individuum – mindestens dem Zusammenwirken mehrerer unterschiedlicher Gene verdanken. Marina Weisband hat da neurogenetisch gesehen also schon mal die Fünfe grade sein lassen. Sei’s drum.

Welches also, so ist nun weiter zu fragen, sind die Bestandteile jenes Gen-Netzwerks, das in der Summe seiner Einzelgenwirkungen die Fähigkeit verleiht, sich ein dickes Fell zuzulegen. Formuliert man es so, stößt man in der Literatur auf einen Anglizismus, der fremd und doch irgendwie sympathisch vertraut wirkt: Resilienz.

© Mount Sinai School of MedicineDie Kreisläufe von Bedrohtheit und Belohnung im Gehirn.

Psychische Widerstandsfähigkeit könnte man es im Medizinjargon übersetzen. Auch emotionale Standhaftigkeit trifft es sicher ganz gut. Und hier nun kommen wir in den öffentlichen Gendatenbanken schnell weiter. Denn die Resilienzforschung ist schon gut und gerne fünfzig Jahre alt und damit fast genauso alt wie die Genforschung selbst. Da hat sich einiges, sagen wir es psychologisch, aufgestaut. Als besonders hilfreich erweist sich ein Übersichtsartikel aus „Nature Reviews Neuroscience“ von Adriana Feder, Eric Nestler und Dennis Charney von der Mount Sinai School of Medicine in New York. Sie ordnen Resilienz folgendermaßen ein: Sie sei „verbunden mit der Eigenschaft, Stress-Situationen als weniger bedrohlich wahrzunehmen und adaptive Strategien zu entwickeln, die es ermöglichen mit Bedrohungen fertig zu werden“. Die Suche nach Studienergebnissen wird dann etwas komplizierter. Um es vorweg zu nehmen: Das Scheißegal-Gen, von dem die Weisband die politische Szene bereinigt wissen will, erweist sich als ein Musterbeispiel für die Kleinkariertheit der Evolution.

Warum auch einfach, wenn es kompliziert geht? Das ist die Essenz der Höherentwicklung in der Stufenleiter unseres Stammbaums. Dabei sah es anfangs in der Resilienzforschung noch ganz gut aus: Das 5-HTT-Gen auf Chromosom 17 war bis vor ein paar Jahren beinahe der einige heiße Kandidat. Aus der Information des Gens wird in den Nervenzellen ein Membranprotein hergestellt, das den Nervenbotenstoff Serotonin in die Zelle wieder aufnimmt. Ein Serotonin-Transporter-Protein. Serotonin ist als Stimmungsmacher lange bekannt. Im Angstzentrum des Gehirns, der Amygdala, ist seine Wirkung besonders fatal. Wird in den Nervenzellen dort zu wenig von dem Serotinin-Transporter hergestellt, bleibt buchstäblich zu viel Serotonin zwischen den Zellen liegen, das Signal bleibt aktiv. Eine Depression droht. Der Punkt ist, dass es von diesem 5-HTT-Gen tatsächlich so etwas wie eine Scheißegal-Variante gibt: In dieser Ausführung ist die Gensequenz um 44 Bausteine länger als in der Kurzversion.

Die Langversion produziert mehr der wichtigen Serotonin-Transporter-Moleküle in den Hirnzellen und verleiht so dem Träger das dicke Fell. Die Sensibleren dagegen tragen mindestens eine Kurzversion. Was die populationsgenetischeVerteilung angeht, sind immerhin ein Drittel der Menschen in den Hirnzellen ausschließlich mit der Scheißegal-Genvariante ausgestattet, etwa die Hälfte hat im doppelten Chromosomensatz der Zellen mindestens eine Scheißegal-Variante, und ein Sechstel ungefähr muss sich mit zwei unangenehmen Kurzversionen herum plagen. Marina Weisband könnte dazu gehören.

Allerdings ist die Sache mittlerweile etwas komplizierter geworden. Denn die Genforschung hat nach der Entdeckung des 5-HTT nicht aufgehört, in den Gehirnen der resilienten Seelen weiter zu graben. Und so ist man auf das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH), das im Hypothalamus die Stresshormproduktion ankurbelt und bei Überproduktion die Sensibilität steigert, schließlich das Neuropeptid Y, das seinerseits bei Überproduktion die Seele stabilisiert. Die Wissenschaftler meinen deshalb, dass ein gesundes Gleichgewicht zwischen CRH und Neuropeptid Y die Resilienz – oder sagen wir: die postulierte Scheißegal-Haltung – fördert. Das anzustrebende psychische Gleichgewicht kennt die Medizinforschung unter dem Begriff Allostase. Sie wird als besondere psychische Anpassungsleistung betrachtet, die angeblich auch zum Beispiel vor einem Burnout zu schützen vermag.

Wer jetzt denkt, damit sind die Kandidatengene für Dickfellträger eingekreist, hat sich geirrt. Immer mehr Scheißegal-Konstellationen im Gehirn sind in den vergangenen jahren aufgetaucht. Mal war das Noradrenalin im Visier, dann wieder bestimmte Varianten der Catechol-O-Methyltransferase (COMT), schließlich auch der Wachstumsfaktor BDNF. Und zum guten Schluss hat man herausgefunden, dass verschiedene Gensequenzen wie jenes NGFI, das mit dem Nervenwachstumsfaktor in Verbindung steht, in der embryonalen Entwicklung durch den vorgeburtlichen Stress oder durch traumatisierende Erfahrungen chemisch so manipuliert – epigenetisch verändert – werden kann, dass der betreffende Mensch mitunter sein Leben lang nicht mehr die Scheißegal-Haltung einnehmen kann – so sehr ihm vielleicht seine 5-HTT-Resilienzvariante hätte verhelfen können.

© PubMedDer Code für emotionale Widerstandskraft? Dies ist die Basenabfolge (Sequenz) des 5-HTT-Gens.

Ergo: Da ist schon mächtig viel im Fluß in den Dickfell-Arealen des Gehirns, nichts ist wirklich determiniert. Die verlockende Ein-Gen-Empowerment-These von Marina Weisband jedenfalls ist so, wie sich das aktuell wissenschaftlich darstellt, definitiv nicht in der Psychologie, sondern höchstens an der Piratenbar vertretbar. Und was bedeutet das nun für den politisch-anthropogenen Traum der Fünfundzwanzigjährigen und für die Hoffnungen der vielen anderen auf ein Comeback der „Süßen“, wie sie sich selber bezeichnet? Immerhin gilt: Kybernetisch gesehen ist nicht nur der bedauerliche Verlust des „Scheißegal-Gens“ möglich, sondern offensichtlich auch die sorgsam geplante Stimulation desselben. Es muss nur psychotherapeutisch gehegt und gepflegt werden. Und braucht also Zeit. Ob sie sich die nimmt? Im „Spiegel“ hat sie die Leser wissen lassen: „Ich plane nicht über den Sommer hinaus.“


21 Lesermeinungen

  1. Jeeves3 sagt:

    ... bitte nicht mehr ...
    Wenn ich nochmal die Allerwelts-D’ppen-Floskel “irgendwie spannend” lese, explodiere ich !

  2. odysseus_8 sagt:

    Ein guter Artikel
    Ich denke, so sollte man da rangehen.

    Die Dame macht einen lockeren Eindruck und ist immer gut für eine positive Außenwirkung der Partei.

    Letztendlich werden die Damen in der Politik genauso scheitern wie in den elektrotechnischen Studiengängen. Bestimmte Gehinaktivitäten lassen sich nur durch erhblichen Aufwand dem männlichen Denken anpassen.

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