Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Steht der Papst auf die goldenen Gene?

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Kommt jetzt die Wende in der Grünen Gentechnik? Der Goldene Reis ist angeblich das Trojanische Pferd einer unmoralischen Gentechnik-Lobby. Allerdings scheint der Vatikan da inzwischen ganz anderer Ansicht.

Ist das die Ruhe vor dem Sturm? In wenigen Wochen könnte, wenn nicht noch eine höchstrichterliche Anordnung dies verhindert, eine neue Ära der Grünen Revolution beginnen.  Ende Januar könnte es tatsächlich zur  ersten Zulassung für den „Goldenen Reis“ auf den Philippinen kommen. Das goldfarbene Korn, das dank komplexer gentechnischer Veränderungen das Provitamin A – den „Karottenfarbstoff“ Beta-Karotin – enthält, ist seit mehr als zehn Jahren das Feindbild Nummer eins der Gentechnik-Gegner.  Jeder weiß: Wenn der Goldene Reis tatsächlich eingeführt, angebaut, verspeist und zum Retter vor dem tödlichen  Vitamin-A-Mangel  in den ärmsten Regionen der Welt wird, dann haben die radikalen Kritiker der Grünen Gentechnik nicht nur ein moralisches Argumentationsproblem, sie müssten die  größte Niederlage in ihrem Kampf gegen  die Ausbreitung der Biotechnik in der Welt einstecken. Und nicht nur Patrick Moore, der Ex-Mitbegründer von Greenpeace, der inzwischen zu einem der größten Fürsprecher  des Goldenen Reis mutiert ist, könnte sich die Hände reiben. Wir stehen also mit anderen Worten vor einer Entscheidungsschlacht im Kulturkampf um die Grünen Gentechnik. Doch was liest und hört man? Nichts! Wenig jedenfalls. Als wäre totschweigen  die neue Taktik. Das gilt auch für viele von uns Journalisten.

© AFPGoldener Reis: Das Provitamin A ( Beta-Karotin) verleiht den Körnern die Farbe.

Am Montag dieser Woche war einer der Schöpfer und Spender (denn die Biopatente für den Goldenen Reis wurden für Kleinbauern und Selbstversorger in der Dritten Welt lizenzfrei gestellt) nach Berlin gekommen, um über die jüngste Entwicklung zu berichten. Vieles, was Ingo Potrykus zu sagen hatte,  war neu, manches fast schon sensationell. Der Genforscher, der in Kürze seinen achtzigsten Geburtstag feiert, klang nach langer Zeit wieder zuversichtlich. Aber selbst die Aussicht, dass vielleicht bald eine der spannendsten und hoffnungsvollsten Ernährungsstudien der Geschichte auf den Philippinen und danach  in Bangladesch beginnen könnte,  dass die medizinische Situation von Menschen in den ärmsten Erteilen womöglich schlagartig mit ein paar Becher Reis am Tag verbessert werden könnte, all das war für die populärsten Medien nicht sensationell oder politisch wichtig genug.  Potrykus wurde auch weder vom „Morgenmagazin“ eingeladen noch von einem anderen Fernsehsender in der Hauptstadt. Wenn nicht alles täuscht, dann hat das zum einen damit zu tun, dass Potrykus auf Bitten des gentechnikfreundlichen „Forum grüne Vernunft“  nach Berlin gekommen war, zum anderen aber vielleicht auch damit, dass ja wohl nicht sein kann, was nicht sein darf: Eine Erfolgsgeschichte mit dem unpopulären Thema Genfood? Positives über gentechnisch veränderte Lebensmittel?  Wehe uns!

Deshalb also hier gerne mal doppelt gemoppelt zur Gentechnik: Im Anschluss folgt der Artikel aus der „Natur und Wissenschaft“-Beilage“der FAZ und  am Ende etwas Bonusmaterial, das nach der Vatikan-Ente von vor drei Jahren besonders interessant ist. Am 29.11.2010 wurde von Gentechnikfreunden mit Zitierungen aus einem Papier der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften die Überschrift gezimmert: „Der Vatikan sagt Ja zur Grünen Gentechnik“. Das war nicht nur falsch, weil wissenschaftliche Dokumente nie als offizielle Stellungnahmen  des Vatikans gelten dürfen, sondern auch, weil  der damalige Papst Benedikt XVI diese wohlwollende Haltung inhaltlich strikt abgelehnt hätte. Wie übrigens  auch der neue argentinische Papst Franziskus I  aus Sorge um die ökonomische Abhängigkeit der Kleinbauern von Saatgutkonzernen bisher als ausgesprochener Gentechnik-Kritiker galt.

Und nun also das:

© SERVICIO FOTOGRAFICO O.R., 00120 CITTA DEL VATICANOPapst Franziskus I mit Ingo Potrykus (rechts) im Vatikan.

‚Es gibt Zeugen, und es gibt dieses Foto von einem freudestrahlenden Papst, der ein durchsichtiges Säckchen Reis in beide Hände nimmt. „Er sagte, hiermit ist Ihr Reis gesegnet.“ Ingo Potrykus, der Mitschöpfer des gentechnisch erzeugten „Goldenen Reis“, hatte kaum damit rechnen können. Ein päpstlicher Segen, das war mehr als der emeritierte Molekularbiologe bis dahin für möglich gehalten hatte. Seit Jahren versucht der deutsch-schweizerische Genforscher aus Zürich, der in den neunziger Jahren zusammen mit Peter Beyer aus Freiburg den goldfarbenen Reis entwickelt hatte, den Vatikan für eine klare Haltung zugunsten der Grünen Gentechnik, vor allem aber für sein humanitäres Reisprojekt zu bewegen.  Am sechsten November dann packte er bei einer Begegnung im Vatikan die Gelegenheit beim Schopf. Anlass war ein Kongress der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften über die Auswirkungen von Mangelernährung auf die Hirnentwicklung von Kindern. Ein passendes Thema: Der Goldene Reis produziert, anders als normaler Reis, dank eines biotechnisch erzeugten Stoffwechselwegs und durch Einschleusen zweier Fremdgene das gelblich färbende Beta-Karotin – Vorläufer des Vitamins A. Schwerer Vitamin-A-Mangel lässt Millionen Kinder in Asien und Afrika erblinden, ihr Immunsystem wird geschwächt. Geschätzte 6000 Kinder sterben jeden Tag an den Folgen von Vitamin-A-Mangel – mehr als an Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Für die meisten von ihnen ist Reis, wie für die halbe Menschheit, Grundnahrungsmittel Nummer eins.  Das war der Grund, weshalb Potrykus und Beyer vor einem Vierteljahrhundert ihren Goldenen Reis im Labor zusammen mit dem Reisforschungsinstitut auf den Philippinen kreiert haben. Seit gut zehn Jahren ist die Nutzpflanze bereit für den Anbau. Doch die Forscher hatten die Rechnung ohne ihre Gegner gemacht. Ein weltweites Netzwerk von Gruppen organisierte sich, die nichts unversucht lassen, den Goldenen Reis als Trojanisches Pferd der Gentechniklobby zu diffamieren und die Wissenschaft zum Feind zu erklären. Zuletzt war Anfang August, nachdem in verschiedenen Landesteilen der Philippinen der entscheidende Erprobungsanbau begonnen hatte, eines der Felder kurz vor der Ernte mutwillig zerstört worden. Man spürt: Der Kulturkampf spitzt sich zu. Es geht in die entscheidenden Runden. In wenigen Wochen, Ende Januar, erwartet Potrykus die Zulassung durch die philippinischen Behörden. „Die Daten aus den Erprobungsbauten sind komplett, niemand zweifelt an einer Genehmigung, und wir haben die Unterstützung der Regierung“, sagt Potrykus. Die amerikanische „Helen Keller Foundation“ will die Forscher bei der Einführung in zwei Stufen unterstützen. Zuerst soll es eine begrenzte Zulassung für den Verzehr geben. Während der Erprobungsanbauversuche wurde genug Reis geerntet, der an Familien in verschiedenen Regionen der _Philippinen verteilt werden soll. In der Zeit will man Daten über die Vitamin-A-Versorgung der Kinder sammeln. Anschließend soll auch der Anbau staatlich genehmigt werden, damit sich die Kinder dauerhaft mit Goldenem Reis ernähren.  Ob es dazu kommt, ist allerdings keineswegs klar. Die Gentechnikgegner haben eine Klage vor dem Obersten Gericht der Philippinen noch vor der Verteilung der ersten Reisrationen angekündigt. Und die Opposition organisiert sich auch in anderen zentralen Reisanbauländern. In Indien etwa und in China. In Vietnam wurden zwar schon eigene lokale Goldene-Reissorten entwickelt, das Land fürchtet aber um den Export seiner überschüssigen Reisernten nach Übersee. Bleiben vor allem Bangladesch und Indonesien, wo man ebenfalls seit Jahren mit Geldern der Gates-Foundation die Sortenentwicklung forciert. Auch die akademische Welt hat nach dem Vandalenakt im August reagiert: In einem Online-Aufruf in „Science“ (Bd.341, S. 1320) haben sich Tausende Wissenschaftler hinter Potrykus gestellt. Und auch das überparteiliche, von Privatleuten um den sachsen-anhaltinischen Ex-Wirtschaftsminister Horst Rehberger gegründete „Forum grüne Vernunft“ sammelt mit seiner Online-Petition „Rettet die Kinder“ derzeit Stimmen und Klicks für den Goldenen Reis (hier geht es zur Online-Petition).

© AFPErprobungsanbau am Internationalen Reisforschungsinstitut IRRi auf den Philippinen.

An wenig aber liegt dem Katholiken Potrykus so viel wie an einer Zustimmung des Heiligen Stuhls. Nach dem privaten Segen durch den sonst eher als Gentechnikskeptiker bekannten Papst setzt er jetzt auf mehr „Aufgeschlossenheit“ im Vatikan. Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden, sagt Potrykus, „nimmt inzwischen eine viel neutralere Position ein“, und ihr Vorsitzender, Kardinal Peter Turkson, habe in einer offiziellen Rede Sympathien für ein „Palaver“ nach Art afrikanischer Dorfgemeinschaften angedeutet. Doch eine offizielle Parteinahme in Rom ist kaum denkbar. Das widerspricht den Regeln, Papst-Segen hin oder her.‘

Soweit also mein FAZ-Artikel von diesem Mittwoch. Das versprochene Zusatzmaterial  (außer dem Fotomaterial aus dem Vatikan) bezieht sich auf eine Rede des erwähnten und in der katholischen Meinungsbildung maßgeblichen  Kardinals Peter Turkson, der lange als ausgesprochener Gentechnik-Kritiker galt. Am 17. Oktober diesen Jahres hat er aus Anlass der Verleihung des „World Food Prize“ und zu Ehren von Norman Borlaug, dem Urvater  der Grünen Revolution, an die drei Pioniere der Grünen Gentechnik Marc Montagu, Mary-Dell Chilton und Robert Fraley folgende Passagen vorgelesen: Einleitend ließ Kardinal Turkson mit einem früheren Zitat von Papst Benedikt wissen, dass „die katholische Kirche mit allen ihren Strukturen und Institutionen an ihrer Seite steht“, was für ihn bedeutet, „an der Seite jedes einzelnen, der im guten Glauben versucht, die Probleme des Hungers in der Welt zu lösen“. Unter der Überschrift “Intervenieren durch Modifikation: Die Kirche, die sozialen Doktrin des Katholizismus und die biotechnologische Forschung“ heißt es dann mit Verweis auf den Papst-Vorgänger Benedikts:

There are no a priori limits on the notion of “intervening by modifying”. It does not even preclude actions taken on what may be considered as the most intimate part of living organisms: the genome.

Blessed John Paul II, for example, in a speech to the members of the Pontifical Academy of Sciences, expressed support for genetic research, saying: „It is also to be hoped, with reference to your activities, that the new techniques of modification of the genetic code, in particular cases of genetic or chromosomic diseases, will be a motive of hope for the great number of people affected by those maladies“.  He continued in a similar way about food production, saying: “Finally, I wish to recall, along with the few cases which I have cited that benefit from biological experimentation, the important advantages that come from the increase of food products and from the formation of new vegetal species for the benefit of all, especially people most in need.”

Was Kardinal Turkson also vorgetragen hat, war nicht mehr und nicht weniger eine Sammlung von Argumenten zugunsten der Grünen Gentechnik – jedenfalls solange diese nicht zur Unterjochung der Armen, sondern zur Bekämpfung des Welthungers verwendet wird. Kein Wunder also, dass Ingo Potrykus und die Förderer der Agrarbiotechnik nun Morgenluft wittern. Sollte sich der Wind wirklich drehen? Zeit wär’s! Nach dem jahrelangen Dauergefecht ihrer Gegner ist damit allerdings kaum zu rechnen, jedenfalls nicht bei der großen Mehrheit und nicht von heute auf morgen. Die Fronten im Kulturkampf gegen den biotechnischen Fortschritt sind wie festgemauert.  Sollten die juristische Einwände der Gentechnik-Gegner gegen die Verteilung des Goldenen Reis an Kinder auf den Philippinen ungehört bleiben, werden sie sicher zu ihren bewährten primitiven Waffen greifen. Sie werden weitere Felder zerstören, bösartige Transparente aufhängen  und dies weiterhin als demokratischen Aufstand gegen eine Wirtschaftsmacht verkaufen – Moral hin oder her.


27 Lesermeinungen

  1. Die Armut wird geschönt
    Aus dem Kampf der Inder gegen das Monsantoregime (Mit Gift und Genen/Marie-Monique Robin, https://blog.herold-binsack.eu/2009/06/%E2%80%9Emit-gift-und-genen%E2%80%9C/), wissen wir, dass es vor allem um die Gefahr der Reduzierung der Biodiversität geht, was die Hungerproblematik verstärken dürfte. Im Übrigen wurde das Problem mit der Mangelernährung in dem Moment akut, als die westlichen Kolonialherren den weißen Reis durchsetzten. Den polierten, den um die wichtigen Mineralien und Vitaminen beraubten. Die Armut dort ist also weder „naturbedingt“ (denn der Naturreis machte sie nicht nur satt, sondern auch gesund!), noch liegt sie ausschließlich in der Verantwortung der Völker dort.
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    Wir müssen uns heute fragen, warum es möglich ist, dass ausgerechnet Agrarländer außer Reis nichts auf dem Tisch haben? Gleich ob golden oder weiß glänzend. Warum gibt es keine Karotten und andere Gemüseprodukte, deren Vitamine und Spurenelemente ja die eigentliche Ernährung sein sollten? Reis ist nur Füllmasse. Er macht kurzfristig „satt“. Aber er ernährt nicht. Im Übrigen könnte ich diesen goldenen Reis vermutlich gar nicht essen, selbst wenn ich wollte, da ich auf dieses Betakarotin allergisch reagiere. Und ich denke, dass die allergischen Reaktionen durch dieses Produkt noch mal ansteigen werden.
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    Ja, das ist die Fortsetzung des Kolonialismus. Statt die Armut an den Wurzeln zu bekämpfen, an den politischen und vor allem ökonomischen Verhältnissen, bedingt durch die Abhängigkeit dieser Völker vom Westen, wird die Armut geschönt. Und darin liegt der eigentliche Skandal. Mal völlig unabhängig davon, ob dieser goldene Reis jetzt wirklich so golden ist, wie er glänzt.

  2. Sie können also neben nicht rechnen (s. Beitrag Merten) auch nicht lesen:
    Patents are tools to protect commercial interests and investments, but as the Golden Rice example clearly shows, they are not an impediment to the use and dissemination of a technology among poor people. Apart from being national in scope and limited in time, patent owners can decide to whom to license and under what terms. Notwithstanding the fact that a number of patented technologies were involved in the production of Golden Rice (Kryder et al. 2000), Syngenta Seeds AG was able to negotiate access to all pieces of the puzzle for humanitarian use and to provide the Golden Rice Humanitarian Board with the right to sublicense the technology to breeding institutions in developing countries, free of charge.

    Quelle: https://www.goldenrice.org/Content1-Who/who4_IP.php

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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