Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

In der Klinik oder Ein Schrei nach Würde

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Eine Schülerin interessiert sich für Medizin. Sie macht ein Praktikum in einem Krankenhaus. Und kommt erschüttert und voller Zweifel zurück in die Schule. Die Begegnung mit der Zwei-Klassen-Medizin. Ein Gastbeitrag von Lara Jung.

“Der Patient  – degradiert zum würdelosen Objekt?” In der Frage stecken gleich drei schwerwiegende Anklagen: Herabsetzung, Entwürdigung, Entmenschlichung. Wenn eine  Siebzehnjährige, die in der Schule fest entschlossen das Projekt Medizinstudium angeht,  diese Frage nach zwei Wochen Praktikum in einer deutschen Klinik im Titel ihres Praktikumsberichts stellt, dann ist das mehr als ein Aufschrei. Es ist ein Protest. Es ist ihre Sicht.  Aber es ist auch ein trauriges Stück Wirklichkeit. In den letzten Tagen haben wir Statistiken, Stimmen und Fakten von Insidern des Gesundheitssystems dazu lesen können. Möglich, dass auch das ein Aufschrei war. Vielleicht ein Druckmittel in den politischen Verhandlungen der künftigen Koalitionspartnern. Wie auch immer, wenn wir lesen, dass die Hälfte der deutschen Krankenhäuser durch Ökonomisierungsdruck, politische Fehlsteuerung und personelles Mißmanagement ums Überleben kämpft, ist das für die Zukunft der medizinischen Versorgung ein Desaster und betrifft uns alle. Die “Vergreisung überfordert die deutschen Kliniken”, unter diesem Titel ist jetzt die Studie “Klinikmanagement – Fokus Personal” nach einer telefonischen Befragung unter 100 Geschäftsführern und Direktoren  in deutschen Krankenhäusern vorgestellt worden. Der Anteil der Zuversichtlichen schrumpft rapide. Und weil wir in allen Betrachtungen zum Gesundheitssystem wie auch in dem aktuellen Koalitionspoker um die künftige Gesundheitspolitik wieder und wieder von Zahlen erschlagen werden, halte ich es für besonders wichtig, eine Stimme aus dem Innenleben des Krankenhausalltags zu hören. Wir werden also nachfolgend den aufrüttelnden Praktikumsbericht (inklusive Fotos) meiner Tochter veröffentlichen, die sich zwei Wochen in der Klinik auf der anderen Straßenseite ihrer Schule engagiert hat – einem der zentralen Krankenhäuser in der ländlichen Gegend des Westerwaldkreises. (jom)

 

Der Patient  –  degradiert zum würdelosen Objekt?

Von Lara Jung

Jeder Mensch ist sterblich. Jeder Mensch benötigt die Hilfe eines anderen, wenn er unfähig ist, sich selber zu verarzten – jeder Mensch ist ein Patient. Ein Patient, der dem Wissen und den Fähigkeiten eines Arztes und des Pflegepersonals ausgeliefert ist. Ein Patient, dessen Leben und dessen Möglichkeiten, auf seine Rechte zurückzugreifen, und dessen Menschsein abhängig sind von den Entscheidungen anderer.

© Lara JungWohlgeordnet und ruhig: Präpariert für Privatpatienten

Viele Schüler berichten nach einem Klinikpraktikum von inspirierenden und einflussreichen Erfahrungen, die sie gemacht haben. Der Kontakt zu Menschen mit gesundheitlichen oder sozialen Problemen soll die Sichtweise auf viele Dinge ändern. Das sind auch die Gründe, sogar Voraussetzungen, für das Absolvieren eines Sozialpraktikums im 12. Schuljahr am Martin-Butzer-Gymnasium Dierdorf. Um den ,,Sinn’’ dieses Praktikums nicht zu verfehlen, suchte ich also eine den Voraussetzungen entsprechende Einrichtung für mein Praktikum und entschied mich für das Evangelische und Johanniter Krankenhaus in Dierdorf.

Während meines Praktikums erlebte ich dann, dass meine Erkenntnis tatsächlich bereichert  wurde – jedoch nicht vorwiegend durch positive Erfahrungen. Ich erlebte, dass alle Menschen Patienten sind, aber Patienten nicht gleich Menschen.

Patienten haben alle eines gemeinsam: Sie sind Teil ein und derselben Geschichte. Der Story über Leben und Tod, aber auch über Erfolge und Niederlagen, über Gesundwerden und Krankbleiben.  Diese Geschichte setzt sich immer jeweils aus den Erfahrungen und Gefühlen der einzelnen Patienten zusammen. Im Rahmen meines Sozialpraktikums war ich Teil der ,,Einzelstory’’ jedes einzelnen Patienten auf unserer Station. Durch meine Tätigkeiten knüpfte ich Kontakt sowohl mit älteren, als auch mit jüngeren Patienten. Ich unterhielt mich mit hoffnungsvollen Patienten wie auch mit verzweifelten Patienten, die in manchen Momenten jegliche Hoffnung verloren schienen und sich den Tod herbei wünschten.

© Lara JungSpeisekarten für Kassenpatienten (links) und Privatpatienten (rechts)

Die Vergangenheit und eine durch Krankheit sich ändernde, ungewisse Zukunft mussten von den Patienten verarbeitet und von den Pflegekräften und den Ärzten verstanden werden. Als Arzt und auch als Pflegekraft musste man darauf bedacht sein, weder zu tief, noch zu oberflächlich in die ,,Einzelstory’’ einzugreifen,  und auch darauf, das Abhängigkeitsverhältnis nciht auszunutzen. Der Mensch als Gesellschaftstier steht immer in Abhängigkeit zu anderen Menschen, doch die Beziehung zwischen Pfleger und Patient ist ein Beispiel für ein völlig unausgeglichenes Abhängigkeitsverhältnis, in dem der Patient dem Pfleger buchstäblich ausgeliefert ist.

Die Entscheidungen des Pflegepersonals und der Ärzte haben großen Einfluss auf das Leben des Patienten. Geht es um Leben oder Tod, bestimmen sie über Menschsein und Tod und über das Erhalten der menschlichen Würde, die meiner Meinung nach durch die Freiheit eines lebenden Menschen gekennzeichnet ist.  Diese prekäre Situation kann schnell in stressiger Umgebung vergessen oder bewusst ignoriert werden. Die Unterbesetzung der Krankenstationen führt dazu, dass viele solcher stressiger Situationen zustande kommen. Eine eigentlich gutmütige Pflegerin auf meiner Station beispielsweise konnte nicht gut mit Stress umgehen und lies ihren resultierenden Ärger gerne bei Patienten aus, die sich teilweise grundlos anschrien und verunsichern ließen. Auch wenn die Krankenschwester dies nicht böswillig tat, hatte sie kein Recht zu solch entwürdigender Behandlung, und noch mehr hatten die Patienten das Recht, sich gegen so etwas zu wiedersetzen.

Solche Vorfälle erlebte ich öfters. Es ist nicht nur so, dass das Pflegepersonal und die Ärzte die Würde der Patienten durch Insensibilität verletzen. Vielmehr lassen die Patienten oft ihre Würde auch verletzen, ohne etwas dagegen zu tun, weil sie sich über ihre Beeinträchtigung definieren und selber degradieren. Dann wird die Krankheit plötzlich der ganze Lebensinhalt, und die Würde ist abhängig von dem derzeitigen Gesundheitsstatus. Die Abhängigkeit zum Behandelnden – der einzigen Person, die den  Gesundheitsstatus beeinflussen kann – wird größer.

Die Krankheit, die lediglich ein Teil ihrer Story ist, wird zur identitätsstiftenden Geschichte der Patienten. Diese beiderseitige Entwürdigung, vom Pflegepersonal als auch vom Patienten selbst, impliziert, dass der Patient oftmals  weder von sich selbst noch von anderen als ein Wesen mit Würde angesehen wird; als ein Subjekt das Mitbestimmungsrecht hat. Vielmehr wird der Patient zum Objekt degradiert, das repariert werden muss.

© Lara Jung 

Während meines Praktikums erlebte ich, dass zwar alle Menschen Patienten sind,  aber Patienten nicht gleich Patienten: Das Dierdorfer Krankenhaus verfügt über drei Krankenstationen: D1, D2, und D3. Diese Bezeichnungen verweisen auf den ersten Blick nicht auf bedeutende Unterschiede, doch sobald man die unterschiedlichen Stationen betritt und näher kennen lernt, wird klar der Eindruck einer Zweiklassengesellschaft vermittelt. Etwa so: D1 auf der einen Seite, D2 und D3 auf der anderen Seite.  Privatpatienten auf der einen, gesetzlich Versicherte auf der anderen Seite.

Nur wenn die Belegung von D2 oder D3 mit gesetzlich versicherten Patienten ausgeschöpft ist,  gelangen diese ebenfalls auf D1, werden allerdings anders behandelt als die dort untergebrachten Privatpatienten. Diese haben durch die zusätzlichen finanziellen Leistungen Privilegien, die auch die medizinische Behandlung miteinbeziehen. Die Unterschiede zwischen 1. und 2. Klasse prallen teilweise in einem Zimmer aufeinander. Das geht über unterschiedliche Speisekarten, den Zugang zu Handtüchern und elektronisch bedienbaren Betten bis hin zu unterschiedlich teuren und demnach qualitativ hochwertigen Medikamenten und ärztlicher Behandlung. Der sieht den Assistenzarzt oder eben mal einen Oberarzt, der andere den Chefarzt mit einer ganzen Schar von Assistenzärzten.

Diese unterschiedliche Behandlung wurde mir am ersten Tag mehrfach eindrücklich erläutert, genauso wie die besondere Ordnung und Sauberkeit der D1 im Vergleich zu den anderen Stationen. D1 ist eine überaus geordnete Station mit 11 Zimmern, 19 Betten, höchstens Zweibettzimmern und Musik im Flur sowie auf dem Stationszimmer. Die Station D2 verfügt über 30 Betten, oftmals in Dreibettzimmern , welche die meiste Zeit voll belegt sind. Die Krankenpfleger/Innen sind teilweise überfordert, es kommt zu einem Durcheinander mit Hektik und einer unerträglichen Geräuschkulisse

Die 2-Klassen-Medizin – ein heiß diskutiertes Thema, dessen Auswirkungen mir erst jetzt vollständig bewusst geworden sind.  Der Patient als Objekt unterscheidet sich auch in seiner Qualität. Bei der “Reparatur” sind das “Made in China”-Fabrikat  mit niedrigen Herstellungskosten und Ersatzteilen aus Kupfer vom “Made in Germany”-Fabrikat mit hohen Herstellungskosten und Ersatzteile aus Gold zu unterscheiden. Und auch wenn dieser Vergleich hart erscheint, so ist er nicht einmal annähernd so hart wie die Realität –  oder das was Realität für jeden von uns werden könnte.

Die Würde, durch die jeder Mensch gleichermaßen ausgezeichnet ist, sollte Maßstab jeglichen Handels sein. Ein möglichst gesundes Leben ist die Existenzgrundlage eines jeden Menschen; Leben ist die Voraussetzung dafür,  Rechte beanspruchen zu können, um die menschliche Würde in aller Freiheit zu leben. ,,Gesundheit als höchstes Lebensgut”, wie das Krankenhaus es selber in seinem Leitbild niedergeschrieben hat, sollte also nicht abhängig davon sein, wie vermögend eine Person ist. Da jeder Mensch gleichermaßen würdig ist, ist es doch nur logisch, dass jeder Mensch eine bestmögliche Behandlung erhält. Wenn man in dieser existenzsichernden Behandlung Unterscheidungen macht, dann kategorisiert man die Menschen in würdig und würdiger. Und um kategorisieren zu können, versucht man die Menschenwürde auf Indikatoren wie Vermögen einzugrenzen. So ,,tastet’’ man meiner Meinung nach tatsächlich die eigentlich unantastbare Würde eines Menschen an.

© Lara Jung 

Der Patient wird also von unserem Gesundheitssystem – und vermittelt durch die Pflegekräfte – zum Objekt mit bestimmter Herstellungsqualität degradiert. Und in seiner Unsicherheit unterstützt er diesen Prozess größtenteils noch selbst.

Diese Verletzungen der Würde auf beiden Seiten bedingen sich gegenseitig. Die Einen machen es, weil die Anderen es mit sich machen lassen. Die Anderen lassen es mit sich machen, weil ihnen offenbar nicht bewusst ist, dass sie als Patienten auch Menschen sind – Subjekte mit Würde und eigentlich ausgestattet mit der Fähigkeit, für diese in irgendeiner Art zu kämpfen.

Den Kreislauf gilt es zu durchbrechen. Was nutzen uns Grundwerte, wenn wir sie nicht leben? Was nutzen uns Grundrechte, wenn wir sie nicht beanspruchen? Was nutzt es uns, wenn wir in der Schule von Aufklärung reden, aber zu bequem sind,  Worten Taten folgen zu lassen? Richtig: Nichts!


19 Lesermeinungen

  1. Huckeltown sagt:

    Gesundheit ist unser höchstes Gut!
    Für mich stimmt im Gesundheitswesen so einiges nicht und daß wo Gesundheit unser höchstes Gut ist und das Wohl des Menschen an erster Stelle stehen sollte. Postboten waren schon als Klinikleiter/Arzt unterwegs – hier sind Background-Checks gefragt, um sicherzustellen, dass nur qualifizierte Ärzte auf die Menschheit losgelassen werden. Wir haben einen Numerus Clausus, ausländische Ärzte haben den nicht – erhalten aber dennoch die Möglichkeit hier in Deutschland zu praktizieren. Also ist der Numerus Clausus überhaupt noch zeitgemäß? Zählt nicht die Leidenschaft und Interesse am Heilen von Menschen? Bezahlung dürfte bei Ärzten kein Thema sein, die sollten sich voll auf Heilung konzentrieren und dass sie dafür adequat entlohnt werden sollte selbstverständlich sein. Regelmässige, internationale Schulungen während der Arbeitszeit sollte selbstverständlich sein von der Kasse und nicht den Firmen bezahlt. Bewertungen der Ärzte gemäß Teilnahme an den Fortbildungsmaßnahmen und Bewertungen von Patienten. Das könnte auch als Bonus-System dienen. Heilung der Patienten und zufriedene Patienten muss die Motivation sein, nicht die Anzahl der Operationen.

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