Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Anders essen

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Wer heutzutage noch Fett, Kohlenhydrate, Fleisch, Gluten und Laktose isst, scheint zunehmend zu einer Minderheit zu zählen. Ist natürliches Essen bald überholt? Ein Erfahrungsbericht aus der Heimat des Hightech-Foods.

Am Anfang war die Milch. Da geht man als Europäer nichts ahnend in einen amerikanischen Supermarkt, um Milch fürs Morgenmüsli zu kaufen und stellt erst zurück im Gästehaus fest, dass man tatsächlich aus Versehen zur fettfreien „Skim Milk” gegriffen hat. Meine Eltern hatten mir viel von fettreduzierter Magermilch in Nachkriegszeiten erzählt. Mit den traurigen Cornflakes, die mir in der folgenden Woche jeden Morgen in weisslichem Wasser entgegen schwimmen, bekommen diese Schilderungen plötzlich aktuelle Illustration im Hier und Jetzt des Jahres 2014. Entsetzt stelle ich fest, dass die Kalorienangaben auf der Müsli-Packung tatsächlich kalorienarme Skim Milk als Standard-Milch annehmen. Habe ich einen Trend verschlafen?
Die Frage ist rhetorisch. Natürlich habe ich einen Trend verschlafen. Das wurde mir bei einem mehrwöchigen Aufenthalt in Los Angeles endgültig durch die Tatsache klar, dass ich dort anscheinend zum Minderheitenmitglied geworden bin, wenn ich einfach nur normale, 3.5% fetthaltige Milch, von Kühen wie sie in meiner Heimat zuhauf auf jeder Wiese stehen, mit Laktose und ohne Zusatzvitamine suche. Was ich verschlafen habe, ist der Eintritt ins Zeitalter von High Tech Food – und ein wenig schäme ich mich für meine bisherige Naivität, zu denken, ich könne einfach selbst bei normaler Ernährung auf meinen Körper achten und dazu ein bisschen Sport treiben um gesund zu bleiben. Wir sind da heute einfach schon erheblich weiter, als dass wir uns mit intuitiven Bauernweisheiten begnügen müssten.

© National Cancer Institute, Renee Comet (Photographer) 

Der Mensch war ursprünglich laktoseintolerant, genau wie praktisch alle anderen Säugetiere, die Milch nach ihrem Babyalter nicht mehr anrühren. Zum Abbau von Laktose wird das laktosespaltende Enzym Laktase benötigt, das mit zunehmendem Alter immer weniger produziert wird. Bei ungenügender Laktaseproduktion gelangt unverarbeiteter Milchzucker in den Dickdarm und führt zu einer Fülle höchst unangenehmer Symptome wie Bauchkrämpfen, Durchfall und Erbrechen. Dass ein Großteil der Bevölkerung in Europa, Nordamerika, Australien und Ostafrika auch noch im Erwachsenenalter genügend Laktase produziert um problemlos Laktose aufzunehmen, liegt an genetischen Mutationen, die in den letzten Jahrtausenden in Milchwirtschaft betreibenden menschlichen Populationen aufgetreten sind. Eine im Januar 2014 veröffentlichte Studie der Universität Zürich konnte anhand von DNA Analysen nachweisen, dass bereits vor tausend Jahren in der mittelalterlichen Stadt Dalheim die Laktoseverträglichkeit dem heutigen Niveau (71 – 80 Prozent) entsprach. Die ersten Anzeichen von Laktosetoleranz wurden bei Bauern bzw. Sammlern und Jägern in Spanien und Skandinavien schon etwa 3000 v. Chr. gefunden, allerdings zu einem sehr viel geringeren Maße als heute (27 Prozent bzw. 5 Prozent). Angesichts der hohen Rate von Laktoseverträglichkeit unter Europäern und den von Europäern abstammenden Populationen entstand erst im Zuge internationaler Nahrungskampagnen ein Bewusstsein darüber, dass ein Großteil der Weltbevölkerung laktoseintolerant im Sinne einer gestörten Laktoseverarbeitung ist. Inwiefern eine solche gestörte Laktoseverarbeitung aber tatsächlich zu den typischen Symptomen der Laktoseunverträglichkeit führt, ist individuell verschieden. Da durch die tägliche Aufnahme von Milchprodukten der Körper auf einfache Weise mit wichtigen Nährstoffen wie z.B. Calcium, Magnesium und Kalium versorgt werden kann, widmet sich heute eine wachsende Industrie der Entwicklung laktosefreier Milchprodukte. Ob eine laktosefreie Ernährung auch für laktosetolerante Menschen einen Gesundheitsvorteil bietet, ist umstritten.

© S. Anderl 

Die Freundin meines besten Freundes hat Geburtstag und ich frage nach möglichen Wünschen. “Vegane Bio Produkte aus den USA. Trockenprodukte, so Riegel und so. Glutenfrei und ohne Laktose.” Ich frage etwas ungläubig nach, ob gesunde Ernährung heutzutage tatsächlich heißt, vegane Trockenprodukte aus den USA zu importieren. “Klar, wie in der Forschung sind die dort aufgeschlossener und schneller.” Nun gut. Ich setze Biosupermärkte auf meine Liste der lokal zu besuchenden Sehenswürdigkeiten.

Ein weiterer international boomender Markt mit starkem Wachstumspotential ist die glutenfreie Nahrung. Gluten ist ein natürlicher Kleber, der in einigen Getreidearten vorkommt und zum Beispiel dafür sorgt, dass Teigprodukte ihre Form erhalten. Etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet an Zöliakie, einer Erkrankung, die zu einer chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut aufgrund einer Überempfindlichkeit gegenüber Gluten führt. Noch weniger Menschen weisen eine Weizenallergie auf, die bei Verzehr von Weizen verschiedene typische Allergiereaktionen wie Atemnot oder Erbrechen nach sich zieht. Bei einigen Prozent der Bevölkerung liegt eine Glutensensitivität vor, die im Vergleich zur Zöliakie in ihrer Entstehung noch relativ wenig verstanden ist und anhand der Ausschlussdiagnose von Zöliakie und Weizenallergie diagnostiziert wird. Glutenfreie Produkte haben traditionell eine grobe oder trockene Textur und können nicht lange gelagert werden. Fader Geschmack wurde in den Anfängen der Produktion glutenfreier Nahrung oft durch erhöhten Zuckergehalt ausgeglichen. Durch den Einsatz anderer Mehle wie z.B. aus Reis oder Hülsenfrüchten konnten derartige Defizite mittlerweile ausgeglichen werden und Produkte erzeugt werden, die in ihren Eigenschaften denen von Weizenmehlprodukten ähneln.

© S. Anderl 

Schon lange habe ich mich gefragt, warum es eigentlich keine fettfreien Kartoffelchips gibt, das wäre doch DIE Marktlücke. Die Antwort: Es gibt fettfreie Kartoffelchips. Natürlich konnten die fortschrittlichen Amerikaner auch diese Hürde bereits meistern. Glücklich kaufe ich eine Dose fettfreie Pringles und eine Flasche Cola Zero. Die fettfreien Chips schmecken genauso wie normale Chips und sind sogar mit Vitaminen angereichert. Das ganze funktioniert laut Verpackung mit “Olestra”. Ich googel das und erfahre, dass Olestra die Aufnahme von Vitaminen verhindert. Naja, dafür gibt es ja die Zusatzvitamine. Aber auch sonst sollte man wohl nicht so viel davon essen, sonst bekommt man Verdauungsstörungen. Mäuse, die mit Olestra statt mit Fett gefüttert wurden, haben angeblich letztendlich mehr an Gewicht zugenommen als die Fett-Mäuse. Ich bin verunsichert und kaufe das nächste Mal wieder Chips mit normalem Fett ohne Vitamine.

Olestra schaffte es 2010 auf die Liste der 50 schlimmsten Erfindungen aufgestellt durch das Time Magazine, da es nicht nur die Vitaminaufnahme des Körpers blockiert, sondern auch zu Blähungen, Bauchkrämpfen und Durchfall führen kann. Außerdem konnten verschiedene Studien nachweisen, dass Olestra den Abbau von Carotinoiden veranlasst, was möglicherweise langfristig zu einem erhöhten Risiko von Altersblindheit und Krebs führen könnte. Als Nahrungszusatz wurde Olestra in den Vereinigten Staaten 1996 von der Food and Drug Administration genehmigt, während gleichzeitig vom U.S. Department of Health & Human Services und dem U.S. Department of Agriculture zu verstärktem Verzehr von Carotinoid-reichen Früchten und Gemüse aufgerufen wurde, um Krebs und chronischen Krankheiten vorzubeugen. In Deutschland ist Olestra nicht zugelassen.

© S. Anderl 

Auf dem Weg durch die sengende kalifornische Nachmittagssonne. Die beiden Bioläden, die meine Kollegen mir genannt hatten, liegen nicht wirklich auf meinem Weg. Außerdem habe ich grade Fastfood gekauft, das bald gegessen werden will. Da sehe ich auf einmal auf der anderen Straßenseite einen schicken Eckladen, “Vitamins since 1977”, mit allerlei Dosen und Packungen im Schaufenster. Ich komme ins Grübeln: Wie war ich eigentlich nochmal auf Bioladen gekommen? Neueste amerikanische Nahrungstechnologie war die Ansage gewesen, ist das nicht eher das Gegenteil von Bio? In jedem Fall: Vitamine – das ist mein Laden! Kurz zögere ich, mit einer Fastfood-Tüte diese heiligen Ernährungshalllen zu betreten, was sich etwa so anfühlt wie in zu freizügiger Sommerkleidung in eine Kirche zu gehen, habe aber keine andere Wahl. Nicht nur die Schaufenster, auch der Laden ist gefüllt mit Dosen und Schachteln – Proteinnahrung, Energiedrinks… ich schlendere unschlüssig durch die sauber und fortschrittlich wirkenden Regalreihen und bleibe schließlich fasziniert vor einer Dose „bee pollen“ stehen – „one of nature’s most perfect foods“. Wie kommt es, dass ich davon noch nie gehört habe? Zwar definitiv nicht vegan, aber vielleicht gluten free? Ist es das, was ich suche?

Meine Unschlüssigkeit fällt auf, ein Verkäufer eilt heran und fragt, ob er mir helfen könne, während ich mir einbilde, dass er streng meine Fastfood-Tüte scannt. “Ich bin aus Deutschland”, sage ich entschuldigend, “und suche technologisch-hochwertiges Essen, am besten vegan und gluten- und laktosefrei, wobei laktosefrei glaube ich optional ist.” “Soll ich erstmal erzählen, was das hier für ein Laden ist?” Ja bitte. “Also, diesen Laden gibt es schon seit 1977 und seitdem verkaufen wir hochwertige Nahrungsergänzungsmittel für Menschen mit speziellen Diäten und Bedürfnissen.” Er erzählt noch sehr viel mehr über diese verschiedenen Diäten und Unverträglichkeiten und Zusatzsubstanzen, das sich mir leider nicht einprägt, bis schließlich das Wort “Riegel” fällt. Genau: Riegel – “Gibt es hier laktosefreie Trockenriegel?”

© S. Anderl 

Er geleitet mich zu einem bis zur Decke reichenden Doppelregal, gefüllt mit Schoko-Nuss-Keks-etc-Riegeln. Ich schrecke intuitiv zurück angesichts all der ungesunden Verpackungsabbildungen. “Das sieht nicht wirklich gesund aus mit der ganzen Schokolade!” „Die kann man aber zum Gewichtsmanagement nehmen, da stehen genau die Kalorienangaben aufgelistet.” Ich bin beruhigt. Und gerate in eine gewisse Euphorie als ich sehe, was diese Riegel sonst noch alles können: Fast alle sind glutenfrei und/oder vegan und/oder sojafrei und/oder kalt verarbeitet und/oder ohne Konservierungsstoffe und/oder enthalten hochqualitatives Protein und/oder langsam-verbrennende Kohlenhydrate, gesunde Fette und Ballaststoffe. Der Verkäufer macht mich darauf aufmerksam, dass ich eine Kategorie übersehen habe: Es gibt sogar Gewichtsverlust-Schokoriegel, die glutenfrei und kosher sind. “Kosher heisst, dass die Riegel bei der Herstellung in besonderer Weise gesegnet werden.” “Also kein Unterschied in den Inhaltsstoffen, sondern nur in der Herstellung?” “Ja genau.” Absolutely incredible. Dann entdecke ich noch die veganen Riegel, die nicht nur gut zu Tieren sind, sondern auch zu Kindern: “For every bar you buy we give a nutrition pack to a child in need.” Sehen zwar nicht sehr attraktiv aus, sondern wie alt und feucht gewordenes Vollkornbrot, aber mir leuchtet ein, dass es keinen Sinn macht, Tiere zu schützen, aber Kindern nicht zu helfen. Ich nehme eine Auswahl von Riegeln, die alle Bedürfnisse, politischen und religiösen Einstellungen abzudecken scheinen. An der Kasse stehen teure, kleine Fläschchen. “Und was ist das?” “Das ist Energie.” “Cool.” “Das ist nur was für Leute, die viel Sport treiben.” Na gut, in die Kategorie werde ich anscheinend nicht gesteckt. Pure Energie zu kaufen klingt ohnehin gefährlich, ich belasse es bei den Riegeln.

Zurück in Frankreich. Ich sitze vor glutenhaltigem, knusprigen Weißmehl-Baguette und einer Auswahl von nicht-veganem, größtenteils laktosehaltigem Käse. Franzosen essen halt noch genau die gleiche altmodische Nahrung wie ihre Vorfahren vor hundert Jahren. Was will man machen, die Franzosen sind stur. Dafür rennen sie hier mit Mountainbikes auf dem Rücken die Berge hoch und gehen fünfmal pro Woche ins Fitnessstudio. Oberflächlich gesehen könnte man sogar denken, dass die Leute hier auf den Straßen im Mittel schlanker und gesünder wirken als in Amerika. Aber nach vier Wochen Techno-Food lässt man sich von solcher Oberflächlichkeit ja gottseidank nicht mehr blenden.


21 Lesermeinungen

  1. Pingback: High-Tech-Food? Hilfe beim Abnehmen? | Lyndas Blog

  2. Pingback: Schmausepost vom 30. Mai 2014 - Newsletter | Schmausepost

  3. Wir wollen Klarheit!
    Ist es wirklich zu viel verlangt? Butter, die nach Butter schmeckt, o h n e Beta-Carotin, ohne Vitamin-D-Anreicherung, ohne Farbanstrich. Einfacher Joghurt aus Vollmilch ohne Frucht(abfall-) Produkte und mit Unmengen Zucker bzw. Süßstoffen aufgepeppt. Fleisch o h n e Farbstoffe, blass und grau, aber mit Fettmaserung wie in Frankreich, für alle, die nur etwas Essen können, was ihnen vorher in die Augen schauen konnte. Geflügel m i t Kopf und Fuß, Fisch, Austern und Hummer f r i s c h aus dem Bassin, mit Flossen und Anhangsgebilden.

    Vernünftiges, n i c h t biologisch-adynamisch- verschrumpeltes Gemüse und Obst, auch die selteneren Sorten, nicht nur für Vegetarier/Veganer. Die ganze Kartoffel-, Reis- und Nudelvielfalt, frisches Suppengrün und k e i n e Fertiggerichte mit einer halben Chemiefabrik darin versteckt, das wär’s doch.

    Milchpackungen, auf denen ehrlich geschrieben steht: „Ja, wir haben diese Milch Kühen gestohlen, die damit eigentlich ihre süßen Kälbchen großziehen wollten“. Und Eier, auf denen neben dem Datum und dem Tatort, wann und wo sie den Legehennen geklaut wurden, auch vermerkt ist: „Entschuldigung, aber wir wollten verhindern, dass zu viele Eier ausgebrütet und Küken schlüpfen könnten“.

    Nein! Stattdessen schlucken wir Laktase-Pillen vor Laktose-haltigen Mahlzeiten und dem Original-Latte-Macchiato, wenn wir nicht gerade einen laktosefreien Cappuchino mit glutenfreien Grissini oder Amarettini genießen wollen.

    Wir fordern wieder richtige Schokolade o h n e Allergie auslösende Nuss-Rückstände, wir verlangen „Leberkäse“ m i t Leber drin, wir suchen Rauch-, Benzol- und Emissions-freie Grillkohle aus nachwachsenden, ökologisch unbedenklichen Rohstoffen und erwarten Elektroautos mit gigantischer Reichweite, Höchstgeschwindigkeit, Komfort, Beschleunigungsvermögen, Rennwagen-Outfit und integrierten Fahrrad-Gepäckträgern.

    Woher der Strom kommt, wie giftig und Ressourcen-verbrauchend die Akkumulatoren sind? Ist doch Conchita Wurst? Fruktosefreies Obst- und Gemüse, morgens Bircher-Müsli o h n e Getreide-Spelzen, und einen Fair-Trade-Kaffee, der auch noch gut schmeckt und nur ganz kurze Transportwege hinter sich hat.

    Dazu noch ewige Sonne, blühende Landschaften, fußläufig direkten Strand- und Nordseezugang im Ruhrgebiet und im Harz das Matterhorn.

    Aber oh Schreck, da muss ich doch trotz Cola light, Coke-Zero und High-Energy-Drinks nicht freischwebend abgehoben, sondern kurz eingenickt sein und alles nur geträumt haben.
    MfG aus Dortmund

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