Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wissenschaftsjournalismus als Herausforderung

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Viele Medien sind voll von fehlerhaften Meldungen aus der Wissenschaft. Gleichzeitig informieren Wissenschaftler heute selbst über aktuelle Forschung. Wird der Wissenschaftsjournalismus überflüssig gemacht?

In diesen Tagen, da der althergebrachte, traditionelle Journalismus seinen Todeskampf bestreitet (oder doch nur mit einem grippalen Infekt danieder liegt?), wird gerne spekuliert wie sie denn auszusehen hätte, die konkrete Form eines zukunftsfähigen Journalismus. Mich als Astrophysikerin beschäftigt natürlich primär die Frage nach der Zukunft des Wissenschaftsjournalismus. Genau genommen saß ich vor einem Monat in der französischen Sommersonne und folgte gedanklich der Frage, warum man eigentlich noch Wissenschaftsjournalismus braucht. Aus den Webauftritten der Forschungsinstitute und den Blogs von Wissenschaftlern bekommt man heute schließlich viel schneller und präziser Informationen zum Stand der aktuellen Forschung (und ja: es gibt tatsächlich auch Wissenschaftler, die ähnlich gut schreiben können wie Journalisten). Wenn es im Journalismus heute nur noch um Plakativität, Breitenwirkung und Entertainment zulasten inhaltlicher Richtigkeit geht, wenn es nur noch darum geht, möglichst schnell die brisanteste Story einzufangen und “Quote zu machen”, während die größeren, übergeordneten Fragen im Kontext von Wissenschaft gar nicht mehr berührt werden – dann klingt das für mich nach der falschen Behandlungsstrategie für einen sehr labilen Patienten.

Matthias Müller von Blumencron hat nun den zwanzigsten Geburtstag des Online-Journalismus in der letzten Woche zum Anlass genommen, über die Zukunft des Journalismus nachzudenken und ein Plädoyer für einen erneuerten Idealismus zu halten. Den Herausforderungen, die das Internet für den etablierten Journalismus gebracht hat, solle mit einem journalistischen Feuer aus Exzellenz, opulenter Präsentation und stetem Austausch mit dem Leser begegnet werden. Dem kann man wohl uneingeschränkt zustimmen und sich insbesondere über den leider nicht mehr selbstverständlichen Vorsatz der Exzellenz freuen. Die Frage ist allerdings, ob mit dieser Faustformel bereits für alle Ressorts alles gesagt ist, oder ob hier nicht noch weiter differenziert werden muss.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/20-jahre-online-journalismus-13148307.html

Wenn man sich den spezifischen Fall des Wissenschaftsjournalismus anschaut, lohnt es sich, die Situation zunächst jenseits der Onlinewelt aufzurollen: auch für den Wissenschaftsjournalismus beginnt die “Informationsschwemme”, mit der Blumencron Neil Postman zitiert, bereits offline. Die Wissenschaft ist heute zu einem schier unfassbaren Unternehmen geworden. Aus den wissenschaftlichen Instituten fluten tagtäglich Unmengen von Veröffentlichungen. Allein im Bereich der Astrophysik umfasst die täglich aktualisierte Liste neuer Publikationen zwischen fünfzig und hundert Einträge, die man als gut informierter Astrophysiker jeden Morgen durchschauen sollte. Und es ist kein Ende in Sicht. Im Gegenteil, das Wachstum der Wissenschaft scheint sich immer weiter zu beschleunigen.

Die erste quantitative Analyse dazu wurde 1961 von Derek J. de Solla Price veröffentlicht. Auf der Grundlage der Anzahl wissenschaftlicher Zeitschriften zwischen 1650 und 1950 sowie später der Zahl wissenschaftlicher Inhaltsangaben in entsprechenden Kompendien zwischen 1907 und 1960 ermittelte er ein exponentielles Wachstum von Wissenschaft mit einer Verdoppelung der Zahl von Journalen alle 10-15 Jahre. In einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten Studie wurde diese Aussage von Wissenschaftlern vom Max Planck Institut in München und der ETH Zürich noch einmal mit verbesserten statistischen Methoden geprüft. Untersucht wurde nun die Wachstumsrate von Wissenschaft gemessen an der Zahl zitierter Referenzen pro Veröffentlichungsjahr in Publikationen der Jahre 1980 bis 2012, wobei die Referenzen bis in die Mitte des 16ten Jahrhunderts zurückverfolgt wurden. Das exponentielle Wachstum konnte bestätigt werden. Gleichzeitig ermittelte die Studie drei verschiedene Phasen, in denen sich die Wachstumsraten jeweils verdoppelt haben: 1% bis zum Einsetzen der industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts (Verdopplung alle 150 Jahre), 2-3% bis zur Zeit zwischen den Weltkriegen und schließlich 8-9% bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Wissenschaftliche Output verdoppelt sich demnach heute etwa alle 9 Jahre.

© arXiv:1402.4578Wachstum der jährlich zitierten wissenschaftlichen Referenzen. Aus: Bornmann und Mutz 2014, arXiv:1402.4578

Wenn dieses Ergebnis auch bedeuten würde, dass sich unser Wissen entsprechend verhält, wir also immer schneller immer schlauer würden, wäre das natürlich wunderbar. Tatsächlich ist dieser Schluss aber nicht unbedingt gerechtfertigt. Da wissenschaftlicher Erfolg heute größtenteils an der Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen gemessen wird und Wissenschaftler damit unter starkem Publikationsdruck stehen, liegt der Verdacht nahe, dass die Zahl von Publikationen zumindest teilweise künstlich hochgeschraubt wird. Gleichzeitig hat die Tatsache, dass immer mehr Journale sich open-access Publikationen von den Autoren bezahlen lassen, auch ein Interesse auf Seiten der Verleger geschaffen, möglichst viel zu veröffentlichen. Vor diesem Hintergrund forderte Timo Hannay, Geschäftsführer von Digital Science, in der letzten Woche im Blog des britischen Guardian, die Sintflut wissenschaftlicher Forschung endlich zu stoppen, indem das Konzept wissenschaftlichen Publizierens grundsätzlich überdacht werden solle. Nicht mehr die Anzahl der Paper solle Kriterium für wissenschaftlichen Erfolg sein, sondern vielmehr die Qualität der Forschung im Sinne von deren Wirkung auf die wissenschaftliche Gemeinschaft.

Dass sich an der Situation bald etwas ändern wird, scheint indes wenig wahrscheinlich, zu träge erscheint der Wissenschaftsbetrieb und zu festgefahren dessen Strukturen. Man muss sich also mit dem Problem wohl erst einmal arrangieren. Für Wissenschaftler ist das bereits schwierig genug. Es wird immer zeitaufwändiger, sich auf einem breiten Feld verschiedener Themen am Puls aktueller Forschung zu bewegen. Gefragt ist hier die Fähigkeit, einschätzen zu können, welche Forschungsergebnisse wirklich bahnbrechend sind und welche eher die Wiederholung von schon Bekanntem darstellen. Aber nicht nur Wissenschaftler müssen und wollen auf dem neusten Stand der Forschung sein, auch die Öffentlichkeit interessiert sich natürlich für den Fortgang wissenschaftlicher Erkenntnis. Was für den Wissenschaftler bereits Herausforderung ist, stellt für den externen Beobachter von Wissenschaft ohne Hilfestellung eine hohe Hürde dar und dies nicht nur für den Laien, sondern oft auch für die eigentlichen Vermittler, die Wissenschaftsjournalisten. Während noch vor gar nicht allzu langer Zeit einfach wissenschaftsjournalistisch aufbereitet werden konnte, was in den namhaften Journals veröffentlicht wurde, muss heute radikal ausgewählt werden, da die Anzahl von Veröffentlichungen für die Eins-zu-eins-Berichterstattung zu groß geworden ist. Das Fundament einer solchen Auswahl kann schwerlich anderes als ein fundiertes wissenschaftliches Fachwissen sein. Sofern das bei Wissenschaftsjournalisten nicht mehr vorliegt, müssen aber andere Strategien gefunden werden.

https://www.theguardian.com/higher-education-network/blog/2014/aug/05/why-we-should-publish-less-scientific-research?CMP=twt_gu

Vor dem Hintergrund dieses Problems kommt nun die Online-Welt als vermeintliche Hilfe, denn heute kommunizieren die wissenschaftlichen Institutionen in großem Maße und zunehmend professionell selbst in Pressemitteilungen und durch Öffentlichkeitsarbeit, die direkt durch die Wissenschaftler selbst geleistet wird (siehe Blog “Wissenschaft mit Friends und Followern”). Wer sich regelmäßig auf den PR-Seiten wissenschaftlicher Institute umsieht, bekommt bereits einen kondensierten Eindruck von dem, was sich im jeweiligen Forschungsfeld tut. Dieser Auswahlservice wird von vielen Wissenschaftsressorts dankbar aufgenommen. Es ist durchaus erschreckend, wie oft wissenschaftliche PR-Meldungen schon mehr oder weniger wörtlich journalistisch übernommen werden. Sofern dies zur gängigen Praxis wird, macht sich der Wissenschaftsjournalismus offensichtlich selbst überflüssig und lenkt die Leser früher oder später direkt auf die Seiten der wissenschaftlichen Institute und bloggenden Wissenschaftler. Die mögliche Strategie, in dieser Situation verstärkt auf “Entertainment” und “Sensation” zu setzen, erscheint ebenfalls kurzsichtig, da dies Stilmittel sind, die auch immer mehr von den PR-Stellen selbst genutzt werden.

Sofern der Wissenschaftsjournalismus seine Rolle als zuverlässiger, objektiver, kritischer Beurteiler von Wissenschaft aufgibt und die Leser in die vielfältige Welt der wissenschaftlichen Online-Berichterstattung ausschwärmen lässt, wird nun das Auswahlproblem wiederum für den Leser relevant, der nun selbst vor der Aufgabe steht, die Natur der gewählten Informationsquelle in Bezug auf Verlässlichkeit und Interessengeleitetheit einzuschätzen. Dean Burnett hat in seinem Guardian Blog vor einigen Tagen den Vorschlag erörtert, ein Klassifikationssystem für wissenschaftliche Nachrichten einzuführen, analog zur Klassifikation von Kinofilmen des British Board of Film Classification, durch die der potentielle Zuschauer schon im Vorfeld darauf eingestimmt wird, welchen Inhalt er zu erwarten hat.

Mögliche Kategorien könnten hierbei laut Burnett sein: “Schuhanzieher – enthält den Versuch Wissenschaft in kruder Weise mit aktuellen Themen zu verbinden” um vor Autoren zu warnen, die nicht wissen, wie sie auf plausible Weise Leser für ein bestimmtes Thema interessieren können, “Wilde Extrapolation – Artikel, der nur eine schwache Verbindung zu tatsächlicher Forschung hat” für Artikel die in falscher Art und Weise die Konsequenzen spezifischer Forschung zu verallgemeinern versuchen, “Provokativer Titel – Der Text des Artikels passt vermutlich nicht zum Titel”, für ein Phänomen das insbesondere im Online-Journalismus bestens bekannt ist, oder auch “Aufgewärmte PR – der Artikel ist größtenteils eine wiederaufgewärmte Pressemitteilung”.

Es ist interessant, an dieser Stelle auf von Blumencrons Analyse zurückzukommen. Von Blumencron verweist auf das Netz als “Meinungsschleuder” und die daraus resultierende Anforderung an den Qualitätsjournalismus, sich in dieser Soundscape des lauten Informations- und Meinungsrauschens noch Gehör zu verschaffen. Der Wissenschaftsjournalismus scheint es hier auf den ersten Blick etwas besser zu haben. Zwar gibt es solches Meinungsrauschen in Bezug auf die Wissenschaft natürlich auch, zum Beispiel zu Fragen der Klimaforschung, der Medizinethik oder der Anwendung neuer Technologien. Wenn man sich die Diskussionen zur Wissenschaft im Netz ansieht, merkt man aber, dass ein großes öffentliches Interesse dem wirklichen, meinungsunabhängigen Verständnis wissenschaftlicher Erkenntnisse gilt, für das anerkanntermaßen Expertenwissen notwendig ist. Wer sich für Wissenschaft interessiert, interessiert sich in der Regel nicht für irgendwelche Meinungsströme, sondern für seriöse, belastbare Informationen, die nicht ohne ein tiefes Verständnis wissenschaftlicher Forschung geliefert werden können. Um solche seriösen Informationsquellen identifizieren zu können, könnte das von Burnett vorgeschlagene Klassifikationssystem (in einer weniger satirischen Version) eine Hilfe darstellen. Die Frage ist allerdings, wer ein solches Klassifikationssystem, so nützlich es auch sein mag, etablieren könnte.

https://www.theguardian.com/science/brain-flapping/2014/sep/10/wild-extrapolation-classification-system-science-media-scepticism?CMP=soc_568

Burnett selbst scheint als Urheber eines solchen Klassifikationssystems die Wissenschaftler vor Augen zu haben. In den Kommentaren wird ebenfalls deutlich, dass den Wissenschaftsjournalisten die dafür notwendige Urteilskraft nicht unbedingt zugetraut wird. Hier wird das Dilemma des Wissenschaftsjournalismus deutlich: im Fall der Wissenschaft ist es vergleichsweise einfach, sich im Meer der Meinungen Gehör zu verschaffen, da das Themenfeld aufgrund seiner anerkanntermaßen hohen fachlichen Einstiegshöhe in besonderem Maße nach Experten verlangt. Gleichzeitig gibt es diese Experten aber schon, und das sind erstmal nicht die Wissenschaftsjournalisten, sondern die Wissenschaftler, die neuerdings nicht mehr davor zurückschrecken, auch selbst immer stärker und immer vielfältiger mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Anders als beispielsweise Politiker erscheinen Wissenschaftler ausserdem weit weniger verdächtig, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren zu wollen, sofern sie, wie in vielen Blogs üblich, nicht von eigenen Forschungsergebnissen berichten. Sofern der Wissenschaftsjournalismus sich immer noch lediglich in der Rolle des Vermittlers, des Erklärers und Übersetzers sieht, wird er daher von den immer professioneller kommunizierenden Wissenschaftlern überflüssig gemacht. Wenn er aber versucht, in die Rolle des wissenschaftlich inspirierten Spaß-Animateurs auszuweichen, bekommt er Konkurrenz von immer schriller agierenden PR-Abteilungen.

Es gibt allerdings einen Bereich, der dem Wissenschaftsjournalismus nicht so schnell streitig gemacht werden würde, und das ist der Bereich der kritisch-einordnenden Meta-Perspektive auf Wissenschaft. Wenn der Wissenschaftsjournalismus es schaffen kann, größere Zusammenhänge aufzuzeigen, neue Sichtweisen zu eröffnen, Reichweiten von Ergebnissen einzuschätzen, die Wissenschaft als eine Unternehmung im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, könnte er sich einen unabhängigen Expertenstatus sichern. Denn eine solche übergeordnete Perspektive geht im immer spezialisierter agierenden Wissenschaftsbetrieb zunehmend verloren, während den PR-Abteilungen dafür die nötige Unabhängigkeit fehlt. Idealistisches Ziel wäre es, mit solch einem Journalismus ein Klassifikationssystem, wie im Guardian angeregt, für wissenschaftsjournalistische Artikel weitgehend überflüssig zu machen. Eine solche Position einzunehmen, erfordert eine solide wissenschaftliche Grundausbildung, methodisches Verständnis und hohe intellektuelle Flexibilität. All dies ist aber notwendig, wenn es darum geht, den Leser davon zu überzeugen dass man so etwas wie Wissenschaftsjournalismus braucht. Oder mit von Blumencrons Worten: wenn man möchte, dass der Leser dem Wissenschaftsjournalisten vertraut, weil er ihm vertrauen kann.