Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wie vermehrt man Intelligenz?

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Wie viel Dummheit verträgt ein Volk? Bestsellerautoren wie Sarrazin wagen sich immer wieder aufs Glatteis. Dabei wäre die Lösung so einfach: Streicht die Idee, große Intelligenz sei erblich.

Nichts gelernt, das ist das Fazit, das sich aus den ersten Betrachtungen zu Thilo Sarrazins neuem Buch „Wunschdenken“ ziehen lässt. Ein streitbarer Politiker und schräger Intelligenzdeuter geht seinen Weg. Nun ist die Bermerkung ’nichts gelernt‘ zwar für einen Autor, der mit seiner „Verdummungsthese“ seit Jahren die Einwandererdebatte anheizt und sich sogar gelegentlich rhetorisch kunstvoll als pseudowissenschaftliche Höchstinstanz in Intelligenzfragen stilisiert, nicht unbedingt eine Katastrophe. Agitation kann sich rechnen, weiß der Ökonom. Aber Lernunfähigkeit ist auch nicht unbedingt ein Ausweis höchster Intelligenz. Vor allem dann nicht, wenn man ihm die wissenschaftlich leicht nachvollziehbaren Einwände gegen seine Ideen zur „Erblichkeit der Intelligenz“ schon zigfach unter die Nase gerieben hat.

Kamel-Planckton05.05

Vielleicht ist es ja eine Frage der Haltung, wie der Kollege Arno Widmann jüngst in seiner Deutung von Sarrazins Denken nahelegte – einer, vorsichtig ausgedrückt, respektlosen Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Arbeitsweise, ihrer zugegebenerweise unausgegorenen Abgewogenheit in Sachen Intelligenz. Tatsächlich fällt auf, dass speziell wenn es um die Intelligenz des Menschen geht wie bei Sarrazin „die gröbsten Dummheiten als differenzierte Analysen verkauft“ werden. Intelligenz wird auf gefährliche Weise politisiert. Dass das allerdings ausgerechnet für Bestsellerautoren zutrifft, ist natürlich tragisch, denn damit werden die Dummheiten quasi zur Massenware. Udo Ulfkotte und auch Akif Pririncci, der die gesamte muslimische Welt für kognitiv degeneriert hält, während in Europa der Intelligenzquotient seit dem Mittelalter um 30 Prozent gestiegen sei, haben sich ebenso wenig wie Sarrazin um eine aufrichtige und sorgfältige Beschäftigung mit der Intelligenzforschung bemüht. Und so hartnäckig sie sich auch nach den einschlägigen Kritiken dagegen gewehrt haben, falsche „Wahrheiten“ zu korrigieren, so wenig haben scheinbar auch die Klarstellungen von anderen gefruchtet, in denen die gröbsten Fehler korrigiert werden sollten.

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Der Grund ist einfach, und er ist in einem wirklich lohnenswerten, ja verdienstvollen 32-seitigen „Essentials“-Bändchen zusammengefasst, der jetzt im Springer-Verlag unter dem Titel „Erblichkeit der Intelligenz“ erschienen ist. Der Grund für das Versagen der Intelligenz-Kommunikation liegt offensichtlich nämlich in der Intelligenzforschung selbst. „Erblichkeit“ ist ein vollkommen untauglicher, irreführender Begriff, das jetzt endlich korrigiert werden müsse, meinen Karl-Friedrich Fischbach, der Neurogenetiker aus Freiburg, und der Hamburger Redakteur Martin Niggeschmidt. Wenn es etwa heißt, wie bei Sarrazin, Intelligenz sei zu „50 bis 80 Prozent erblich“, also habe eine unterschiedliche Fruchtbarkeit von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz Auswirkungen auf das durchschnittliche Intelligenzniveau der Bevölkerung, dann ist das im Hinblick auf die vermeintliche „Erbdummheit“ von Unterschichten und Einwanderern zu hundert Prozent nichtssagend.

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Wollte man sagen, Gene beeinflussen die Intelligenz, ist das etwas ganz anderes – und ziemlich banal. Wenn man allerdings wissen will, wie stark Gene – und im Falle unterschiedlicher ethnischer Gruppen die verschiedenen Genvarianten – die Intelligenz beeinflussen, wird es ziemlich konfus. Das fängt damit an, dass es sehr viele Gene, und viele mutmaßlich noch unbekannte Gene, sind, welche die Intelligenz beeinflussen. Noch schlimmer: Bei der besagten Intelligenz geht es eigentlich gar nicht um die Intelligenz, die eine Gesellschaft interessiert, sondern um Test-Intelligenz. IQ-Testaufgaben hat man eingeführt, um die „genotypischen Anteile“ von Intelligenzunterschieden messen zu können – so wie man mit der quantitativen Genetik die Milchleistung von Kühen oder die Höhe von Weizen messen will. „Erblichkeit“ – Heritabilität – ist eine statistische Zahl, die beschreiben soll, welche Rolle die Gene bei der Ausprägung von Unterschieden bei ebensolchen messbaren Größen wie IQ-Testergebnissen spielen. Es geht also um die Unterschiede innerhalb einer Gruppe, und zwar bei absolut gleichen Umweltbedingungen. Für die Intelligenzforschung heißt das: Nur wenn alle Schulformen und Lehrmodelle, alle pädagogischen Anstrengungen im Laufe der Kindheit bis zum Erwachsenen gleich sind, ist eine quantitative Ermittlung der „Erblichkeit“ von Test-Intelligenz überhaupt möglich. Solche Werte liegen, wenn überhaupt, allenfalls für Industrieländer vor.

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Den Begriff Erblichkeit würden Fischbach und Niggeschmidt deshalb auch am liebsten durch den viel schärferen, aber leider eben auch sehr technischen Begriff des „gentypischen Varianzanteils“ ersetzt sehen. Es geht darum, welchen Anteil die Gene an den Abweichungen der Eigenschaft Test-Intelligenz – der Varianz eben – innerhalb einer Gruppe haben. Erblich ist auch nicht dasselbe wie „angeboren“. Die beiden Autoren machen das an einem schönen Beispiel klar: „Krabben werden, mit Ausnahme einiger Opfer von Unfällen oder Gewalteinwirkung, allesamt mit acht Beinen geboren. Damit geht die Erblichkeit der Beizahl bei Krabben gegen null – einfach deshalb, weil es keine genotypisch bedingte Varianz gibt.“ Nach dem von Sarrazin und anderen Autoren angenommenen Erblichkeitsmodell gibt Erblichkeit lediglich Auskunft darüber, inwieweit – experimentell überprüft durch IQ-Tests – die Unterschiede zwischen den Individuen einer Gruppe (in einem kontrollierten Experiment) genetisch bedingt sind. Die grob veranschlagten und nach Fischbach und Niggeschmidt durch keine seriösen Studien belegten Zahlen von 50 bis 80 Prozent für die Erblichkeit von Intelligenz sagt also schon mal gar nichts über die genetisch bedingten Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus. Diese an sich banale Feststellung, dass nämlich gar nicht hinreichend aussagekräftige wissenschaftliche Experimente zum Vergleich vorliegen, gipfelt in dem schönen Satz: „Auf freilaufende Menschen in unkontrollierten Umwelten sind die statistischen Modelle der quantitativen Genetik nicht anwendbar.“

Krabbe05.05

Mit anderen Worten: Angaben über Erblichkeit haben selbst innerhalb einer vermeintlich homogenen Gruppe nur begrenzte Aussagekraft. Das wird schnell klar, wenn man sich die IQ-Testergebnisse in zumindest halbwegs erforschten westlichen Gesellschaften ansieht. Die besseren Testergebnisse in oberen Gesellschaftsschichten, die durchschnittlich stets höher sind, müssen nämlich gar nicht durch genetische „Überlegenheit“ begründet sein, sondern sind – was angesichts der Bildungsangebote auch viel plausibler ist – leicht auf die Umwelteinflüsse zurück zu führen. Das ist auch die Erklärung für den Anstieg der gemessenen Test-Intelligenz in Industrieländern. Stichwort „Bildungsexpansion“. Oder wie Fischbach und Niggeschmidt feststellen: „Wir sind nicht begabter als unsere Großeltern und Ur-Großeltern, haben aber bessere Entwicklungschancen.“

Bleibt also die Frage, wozu Erblichkeitsbefunde mit Blick auf die Intelligenz überhaupt gut sein sollen. Weder taugen sie, um durchschnittliche Unterschiede zwischen der einen und der anderen Gruppe zu erklären, noch lassen sie exakte Aussagen zu, wie sich Intelligenz durch Umweltveränderungen – sprich Bildungsangebote – verbessern lässt. Am ehesten sagt sie den beiden Autoren zufolge etwas über „Chancengleichheit“ aus. Eine „Erblichkeit“ von 50 bis 80 Prozent würde demnach bedeuten, dass die Chancen, die die Mitglieder dieser Gruppe haben, ihre Potenziale voll zu entwickeln, relativ gering sind. Vollkommen gleiche Entwicklungschancen wären erst bei einer „Erblichkeit“ von 100 Prozent erreicht – dann nämlich wäre jedes Kind optimal gebildet und nur die Unterschiede in den Genen entscheiden über den Erfolg. Was natürlich komplett theoretisch ist. Denn wie die beiden Autoren sehr prägnant darlegen, Lehrmethoden und Schulformen wirken sich auf jeden Schüler anders aus, weil auch jedes Kind, was Temperament und Lernwilligkeit angeht, eben anders ist. Optimale Bildungsvoraussetzungen für alle sind also pure Theorie – und deshalb wird sich an den unscharfen „Erblichkeits“-Angaben künftig kaum etwas ändern. Man wird so homogene Gruppen, wie für die quantitative Genetik für präzisere Angaben bräuchte, nicht bekommen. Und wenn, wären sie eine kleine, wenige repräsentative Auswahl aus der Bevölkerung.

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Fazit also: Nichts Genaues weiß man nicht. „Man sollte versuchen, jedes Kind seiner eigenen Persönlichkeit entsprechend zu fördern“, dieser alte Satz der Pädagogik ist nach Überzeugung der beiden Autoren auch nach mehr als einem halben Jahrhundert Intelligenzforschung der einzige Befund, der wirklich Gültigkeit beanspruchen darf. Und was heißt das für die „Niedergangsszenarien“, die von den Intelligenzkassandras auf dem Buchmarkt propagiert werden? Die These vom genetischen Niedergang („Dysgenik“) ist für den Genetiker durch keine empirische Erfahrung gedeckt. Vielmehr hat sich das, was Sarrazin unter „kognitiver Intelligenz“ versteht, erfahrungsgemäß dort durchweg weiter entwickelt, wo entsprechende „Umweltfaktoren“ verbessert und Bildungsangebote gefördert wurden. Dumm geborene Menschen bekommen also nicht zwangsläufig dumm geborene Kinder, und kluge Menschen vermehren sich nicht automatisch, wenn sie, wie es das AfD-Grundsatzprogramm nahelegt, dazu aufgefordert werden, mehr Kinder und mehr Klugheit in die Welt zu setzen.


60 Lesermeinungen

  1. Euphemistische Scharlatanerie
    „Dabei wäre die Lösung so einfach: Streicht die Idee, große Intelligenz sei erblich.“

    „Wollte man sagen, Gene beeinflussen die Intelligenz, ist das etwas ganz anderes – und ziemlich banal.“

    Apologetischer Euphemismus. Dass Gene und damit auch die hiermit zusammenhängende Intelligenz zu einem Teil dem Kind von den Eltern mitgegeben wird (vulgo „vererbt“), ist wissenschaftliches Faktum.

    Wie man diese Erkentnis sozialpolitisch beurteilt, bleibt zu diskutieren. Sie zu leugnen ist unanständige Scharlatanerie.

    „Bleibt also die Frage, wozu Erblichkeitsbefunde mit Blick auf die Intelligenz überhaupt gut sein sollen.“

    Wissen ist niemals schlecht. Die Aussage des Autors erinnert mehr an die naturwisenschaftliche Ignoranz religiöser Gemeinschaften als einen Journalisten aus dem Bereich „Natur und Wissenschaft“. Zufall?

    Auf jeden Fall entlarvend.

    • „Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst“, wusste schon Goethe, deshalb müssen sich über Scharlatanerie meinerseits keine Sorgen machen. Sie müssen halt schon genau lesen, und sich nicht selbst vom verkürzten Teaser täuschen lassen. Dann kann jeder sehr schnell merken, dass es um das naturwissenschaftliche Erblichkeitsmodell geht, das hier zur Diskussion stellt. Und dieses Erblichkeitsmodell ist formal aus der quantitativen Genetik hergeleitet (und damit arbeitet die moderne IQ-Forschung weiterhin). Um den Begriff „Erblichkeit“ wird gestritten, weil er nämlich nicht den Umstand beschreibt, was in der Tat banal bleibt: dass nämlich Genprodukte, die von den Eltern (unerändert oder mutiert) geerbt und in Neuronen der Nachkommen exprimiert werden müssen, die kognitiven Leistungen (grob: Intelligenz) beeinflussen. „Erblichkeit“ (Heritabilität) beschreibt halt nun einmal nicht den absoluten Anteil der Gene an der Ausprägung von Intelligenz, sondern sie ist ein Maß für die quantitativen Abweichungen (genetische Varianz) in der Ausprägung der Intelligenzmerkmale. Diese Varianz ändert sich nach der Erblichkeitsformel mit den Umweltbedingungen unter Umständen innerhalb der betrachteten Gruppen beträchtlich. Ich empfehle Ihnen gerne nochmal, die 4,50 Euro zu investieren, denn die schönen Infografiken in dem Springer-Heft erklären die Methodik der quantitativen Genetik sehr klug und einfach.

  2. Erst lesen, dann schreiben
    Man sollte erst einmal Sarrazin lesen, bevor man ihm irgendetwas in den Mund legt.

    • Das ist wohl wahr
      die meisten lehnen ihn schon aus Prinzip ab weil in der Presse immer wieder nur Auszüge aus dem Zusammenhang herausgerissen veröffentlicht werden. Leider habe ich nicht die Möglichkeit ihn zu lesen da ich ihn hier in Fernost nicht bekomme,masse mir aber nicht an über ihn zu urteilen. Urteilen kann man aber ohne mit der Wimper zu zucken über die Politiker die für den Schaden den Herr Sarrazin aufzeigt seit Jahrzehnten Verantwortung tragen und sehenden Auges einen ganzen Kontinent ins Verderben rennen wenn keine Regeln gefunden werden. Damit meine ich nicht die Nichtaufnahme von Flüchtlingen. Aber….Beispiel: Libanon Bürgerkrieg ist seit langem vorbei, dennoch denkt kaum einer der damaligen Kriegsflüchtlinge über eine Rückkehr nach, da es ja in Deutschland so schön ist (auch für einige die mit Drogen, Schutzgeld, Prostitution etc. tätig sind wofür sie in ihrer Heimat wahrscheinlich schon nicht mehr unter den Lebenden weilen würden) und der Erhalt der Sozialleistungen garantiert ist, welcher weitaus höher liegt als das normale Einkommen dort. Ja es stimmt, Deutschland ist reich und hat im Überfluss, das heisst aber noch lange nicht dass man für die Sorgen und Nöte der ganzen Welt aufkommen muss.

  3. Nö, ich schreibe keine Lesermeinung mehr
    Hier wird ja ohnehin nur publiziert, was dem Autor in den Kram passt, auch wenn man gegen nichts in der Etikette verstößt.

  4. Race Differences in Intelligence
    Ich würde gerne wissen, ob der Autor des Artikels einmal Richard Lynn’s „Race Differences in Intelligence“ gelesen hat. Umweltfaktoren können in der Tat die Intelligenz beeinflussen, aber nicht über das ererbte Mass hinaus. Dies wurde mit Studien, in denen Schwarzafrikaner von weißen Angehörigen der Mittelschicht adoptiert wurden, deutlich bewiesen. Schwarze, die unter gleichen Bedingungen wie Weiße aufwachsen, behalten dennoch einen signifikant niedrigeren IQ. Auch Schwarze im Allgemeinen haben in der US einen niedrigeren IQ als Weiße. Nordostasiaten, obwohl im ärmeren China aufgewachsen, haben einen höheren IQ als Weiße, etc etc. Genauso wie man schwarze Haut und Kraushaar erbt, erbt man eben auch viele andere genetische Konfigurationen. Es wäre ein Wunder, wenn sich dies nun auf alle Organe auswirkt, nur nicht auf das Gehirn.

    So ist die Welt nunmal. Die Menschenrassen haben eine unterschiedliche Evolutionsgeschichte, und das wirkt sich so wie bei Hunderassen nicht nur auf das Aussehen, sondern auch auf die Intelligenz aus. Übrigens hat Dr. Lynn sämtliche o.g. Einwände auch schon mal gehört und in seinem Buch betrachtet.

  5. Guter Artikel, aber
    man braucht keine gleichen Umweltbedingungen, um Erblichkeit abzuschätzen. Wobei gleich, z.B., bedeutet: optimale Umweltbedingungen – die individuell ganz verschieden aussehen könnten und müssten, aber für alle im Effekt hinsichtlich der IQ-Entwicklung „gleich gut“ wären, es ginge auch „70% der optimal intelligenzförderlichen Umweltbedingungen für alle“. Dann wäre die beobachtete Varianz des IQ der so geförderten allein auf genetische Ursachen zurückzuführen. Wären ihre Genome hinsichtlich ihrer Verschiedenheit repräsentativ für die Gesamtpopulation, könnte man die Varianz des IQ in ihr aufteilen: Gesamtvarianz= Varianz der Umweltbedingungen + genetische Varianz (hat man oben im Optimalförderungsexperiment bestimmt, als spezielle Gesamtvarianz der Versuchspersonen, zwischen denen die umweltbedingte Varianz – für alle gleich förderlich – wegfällt.)
    Das Experiment ist nicht durchführbar, man geht den umgekehrten Weg: Zwischen eineiigen Zwillingen gibt es keine genetische Varianz, IQ-Unterschiede müssen umweltbedingt sein. Ist die Unterschiedlichkeit der von den Zwillingsgeschwistern erfahrenen Umweltbedingungen repräsentativ für die zu untersuchende Population (schwierig, man kann es mit nach der Geburt getrennten Zwillingen versuchen, aber Adoptionseltern sind womöglich keine heterogene Gruppe, und die Umweltbedingungen wurden zumindest vor der Geburt geteilt) geht es analog zu oben weiter: beobachtete Gesamtvarianz = Umweltdedingte Varianz (die alleinige Varianz bei den Zwillingen) + genetische Varianz. Also: genetische Varianz = Gesamtvarianz – umweltbedingte Varianz. Es wurde schon klar, dass die Erblichkeit des IQ (Anteil der geentischen Varianz an der Gesamtvarianz) nicht fix ist, im ersten Experiment lag sie (umweltbedingt, aber ich will keine Verwirrung stiften) bei 100%.

  6. Alles ist erblich...
    Haarfarbe, Größe, Schädelform, Muskeln und Skelett. Und das über Spezies hinweg. Alles erblich.
    Intelligenz soll also nun die Ausnahme sein – nur weil wir es noch nicht so genau wissen. Komischerweise würde der Autor aber wahrscheinlich doch zustimmen, dass z.B. ein Pferd nie so Intelligent wie ein mensch werden kann und hierfür auch die Gene verantwortlich machen.

    Das wirkliche Fazit ist:
    Wir wissen noch nicht genau wie Intelligenz vererbt wird und wahrscheinlich ist der Intraspezies Unterschied auch nicht so unglaublich groß, sondern das Ergebnis wird durch äußere Gegebenheiten amplifiziert. Aber das Intelligenz erblich ist, ist hochwahrscheinlich.

  7. Bitte mehr davon!
    Leider kenne ich keine richtig knappe Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen aus Psychologie, Biologie und Statistik, die man braucht, um zu verstehen, was mit der „Erblichkeit“ von „Intelligenz“ gemeint ist. Vielleicht geht es so:
    Psychologen konstruieren IQ-Tests, um wichtige kognitive Fähigkeiten zu messen. Das statistische Maß für die Verschiedenheit der Testergebnisse in einer untersuchten Population ist die Varianz. Mit einer Varianzanalyse bestimmt man, welchen Anteil 1. die Verschiedenheit zwischen Gruppen und 2. die Verschiedenheit innerhalb dieser Gruppen an der insgesamt beobachteten Verschiedenheit (in der Population) oder Gesamtvarianz hat.
    Man kann das Verfahren benutzen, um abzuschätzen, welchen Einfluss genetische Unterschiede auf die Intelligenz (was der IQ-Test misst) haben. Ein Pärchen eineiiger Zwillinge ist eine Zweiergruppen, in der es keine genetisch bedingte Verschiedenheit gibt, Intelligenzunterschiede müssen somit auf der Verschiedenheit anderer Einflüsse beruhen, auf der „Umwelt“ (komplementär zu „Gene“, also z.B. auch vorgeburtliche Einflüsse mit einschließend). Nun wachsen Zwillinge in aller Regel in Umwelten auf, die nicht so verschieden sind wie bei zwei zufällig ausgewählten Personen, aber wären sie in ihrer Verschiedenheit repräsentativ (für eine zu untersuchende Population), könnte man die IQ-Varianz der Zwillinge als umweltbedingte Varianz einfach von der Gesamtvarianz des IQ abziehen und übrig bliebe die genetische Varianz. (Man behilft sich, in Adoptionsstudien, mit getrennt aufgewachsenen Zwillingen.)
    Die „Erblichkeit“ des IQ ist nichts weiter als der Anteil der genetischen Varianz an der Gesamtvarianz (genetische Varianz plus umweltbedingte Varianz), ein Quotient mit einem Wert zwischen 0 und 1 oder ein Prozentsatz. Meistens werden Werte von 50% (und mehr) geschätzt. Dieser Wert ist nicht fix: Würde jeder Mensch von Lebensbeginn an die für seine IQ-Entwicklung beste Förderung erhalten, stiege er auf 100%. Bei Kindern von Eltern mit einem hohen sozioökonomischen Status ist die Erblichkeit hoch. Bei Kindern von Eltern mit einem niedrigen sozioökonomischen Status ist der Erblichkeitswert der Intelligenz dagegen niedrig (immerhin lässt auch diese Bedingung Unterschiede zu).

    Eine Informationsgesellschaft mit fairem Wettbewerb würde Intelligenz fördern und belohnen. Heisst das im Umkehrschluss, dass die Erfolgreichen hierzulande Bildung, Einkommen und Vermögen ihrer Intelligenz verdanken? Offenbar sind die Eltern wichtiger: geerbtes Vermögen, die Selbstverständlichkeit von Bildungsentscheidungen etc. Vielleicht haben erfolgreiche Eltern intelligenteren Nachwuchs, weil sie selbst so intelligent sind? Eher nicht: In der nächsten Generation werden die Genvarianten neu gemischt, dabei kommt es zur „Regression zur Mitte“, hochbegabte Eltern haben wahrscheinlich Kinder, die es nicht sind, nichtsdestotrotz haben sich manche Familien Macht und Reichtum über Generationen bewahrt.

    Man muss außerdem nicht befürchten, dass in Deutschland die „Intelligenzgene“ wegen Zuwanderung ausgehen. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass der Großteil der gesamten genetische Vielfalt der Menschheit in jedem isländischen oder nigerianischen Dorf zu finden ist, wogegen Gruppenunterschiede (Genvarianten, die es nur bei manchen Isländern, Nigerianern etc. gibt) dieser Vielfalt nicht so viel hinzufügen. Man sollte stattdessen die Mahnungen von OECD und UNO angesichts der Bildungsbenachteiligung vieler Kinder in Deutschland ernst nehmen.

    • @Benjamin Gann - Genetische Varianz vs. Gesamtvarianz
      Während die umweltbedingten Faktoren bei der Intelligenz beeinflusst werden können, können es die genetischen Faktoren (derzeit noch) nicht. Im Übrigen stellt die genetische Ausstattung ein Liebigsches Fass dar. Mit noch so viel sozialer Anstrengung können Sie die genetischen Faktoren nicht übersteuern, kurz: Sie können nicht aus jedem einen Akademiker und schon gar keinen Nobelpreisträger machen (es sei denn, Sie senken die Anforderungen, was ja derzeit durchaus geschieht – mit fatalen Folgen übrigens). Ich will aber dem Herrn Sarrazin nicht das Wort reden, weil ich denke, dass er aus den biologischen Sachverhalten falsche Schlussfolgerungen zieht. Es ist aus statistischen Gründen so, dass die genetischen Voraussetzungen des IQ einer Population sich verschlechtern, wenn die Personen mit niedrigem IQ sich stärker vermehren als die mit hohem IQ. Das ist in Deutschland schon seit geraumer Zeit (> 100 Jahre) der Fall. Des Weiteren haben Personen mit niedrigem sozialen Status eine wesentlich höhere Reproduktionsrate als Personen mit hohem sozialen Status. Durch die zunehmende vertikale Öffnung der Gesellschaft, insbesondere des Bildungssystems, steigen die Begabten in der Gesellschaft zu einem höheren Status auf. Damit sinkt ihre Reproduktionsrate. Über einen längeren Zeitraum mit mehreren Generationen führt dies zu einer Anreicherung der mehr bzw. weniger Begabten in den entsprechenden sozialen Schichten, wobei wegen der unterschiedlichen Reproduktionsraten auch deren Zahl schrumpft bzw. steigt. Das ist der biologische Grund, warum unsere Gesellschaft immer weniger durchlässig wird: Weil in den unteren Schichten die Begabten für einen bildungsmäßigen Aufstieg ausgehen. Aus diesem biologischen Blickwinkel wäre es sogar förderlich, „frisches Blut“ in die Gesellschaft zu bekommen, ähnlich wie bei den Südseevölkern, denen Kinder von fremden Seeleuten hochwillkommen waren. Wenn man gegen Zuwanderung argumentieren will, muss man schon soziologische Argumente finden.

    • @ Wolfgang Klein
      „Es ist aus statistischen Gründen so, dass die genetischen Voraussetzungen des IQ einer Population sich verschlechtern, wenn die Personen mit niedrigem IQ sich stärker vermehren als die mit hohem IQ.“ Nicht notwendigerweise, denn der höhere IQ könnte auf Umwelteffekten beruhen.
      Ihr Modell ist plausibel, aber ich habe begründete Zweifel, dass es eines unserer Gesellschaft, ihrer Geschichte und Gegenwart, ist.
      Ich habe schon erwähnt, dass bei Kindern von Eltern mit einem niedrigen sozioökonomischen Status ein niedriger Erblichkeitswert des IQ ermittelt wurde. Die Chancen eines Kindes, eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, sind (nach einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung) viermal kleiner, wenn es aus der untersten statt der obersten Schicht kommt – bei gleichen Fähigkeiten (Lesekompetenz etc.).

      Dass die genetische Ausstattung das Potenzial festlegt, heisst nicht, dass
      Genotypen, die mit höheren Fähigkeiten einhergehen, das in jeder möglichen Umwelt tun. (Das Gegenteil ergibt mehr Sinn, im Sinne eines Reservoirs von Anpassungsmöglichkeiten, das unter wechselnden
      Umweltbedingungen evolvierte.) Ein Grund mehr, zu bezweifeln, dass alle Potenziale in unserer Gesellschaft tatsächlich optimal ausgeschöpft werden. Ihre Interpretation geringer Bildungsmobilität halte ich daher für allzu optimistisch.

    • @Benjamin Gann - Erblichkeit von Intelligenz
      Ich kann es in Ermangelung eigener statistischer Daten natürlich nicht beweisen, aber meine Erfahrung mit Adoptivkindern und leiblichen Kindern in meinem persönlichen Umfeld legt als persönliche Erfahrung schon nahe, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. In den beiden Fällen, die ich meine, hat auch ein förderliches Umfeld keinen wirklichen Erfolg gebracht. Im Grunde ist es mir egal, ob politische Scheuklappen bei solchen Themen hier in Deutschland weiter gepflegt werden, weil ich persönlich die Konsequenzen mittelfristig nicht zu tragen habe, im Gegensatz zur deutschen Gesellschaft. Ich denke aber, dass der angelsächsische Sprachraum mit dem Thema sehr viel pragmatischer umgeht.

    • @Wolfgang Klein - Erblichkeit und Eltern-Kind-IQ-Korrelation
      Soviel ich weiß, liegen Sie mit Ihren persönlichen Erfahrungen auf einer Linie mit den Studienergebnissen (findet man auch im Lehrbuch „Psychologie“ von David G. Myers): keine Korrelation der IQ-Werte zwischen Adoptiveltern und ihren erwachsenen Adoptivkindern, dagegen (mit dem Alter zunehmende) deutliche Korrelation bei Adoptivkindern und ihren leiblichen Eltern. Aber zunächst einmal machen die Kinder infolge der Adoption einen IQ-Sprung nach oben. Das widerspricht meiner Kritik nicht.
      Mein Fazit: Man sollte sich früher um Kinder aus den unteren Schichten kümmern, so könnte ein IQ-Test ihr Potenzial genauer und früher erfassen. Dann sollte man die IQ-Tests auch zu Rate ziehen (Mittel- und Oberschichtseltern akzeptieren keine Realschulempfehlung – persönliche Erfahrung), aber nicht zu früh selektieren. Die Begabten würden anschließend von höheren Anforderungen in Schule und Uni profitieren. Im Übrigen werden Kreativität und künstlerische Begabung vernachlässigt, IQ-Tests helfen da wenig. Richard Feynman war gemäß Test als Teenager absurderweise „nicht hochbegabt“ (und wäre es mit seiner Testleistung unter heutigen Teenagern wegen des Flynn-Effekts wohl noch deutlicher).

  8. Richtigstellungen
    Sehr geehrter Herr Müller-Jung,

    Bezüglich Ihres Artikels, den ich mit großem Interesse gelesen habe, möchte ich Sie gerne auf folgende
    Tatsachen hinweisen:

    1) Der IQ Test (es geht offensichtlich um den Stanford-Binet-Test)
    ist keineswegs entwickelt worden, um den genetischen Anteil
    an der „Intelligenz“ zu erforschen. Er wurde vielmehr Ende des 19 Jahrhunderts im Auftrag der französischen Regierung entwickelt, um den zukünftigen Schulerfolg von Kindern abzuschätzen, um Kinder mit Lernstörungen zu identifizieren, denen dann besondere Förderung zu teil wurde.

    2) Somit sind Ergebnisse des IQ-Tests sehr wohl sowohl individuell, als auch gesamtgesellschaftlich in hohem Maße relevant:

    a)Für die in einer modernen Gesellschaft besonders benötigten Tätigkeiten, und zwar: Facharbeiter/Manager/Techniker/Ingenieur/Mediziner/Naturwissenschaftler/Mathematiker existiert wie die Erfahrung zeigt ein gewisser nötiger Mindest-IQ ( z.B. für Mathematiker etwa 130).

    b) Der IQ korreliert negativ mit Gewaltstraftaten.

    c) Der IQ korreliert positiv mit den individuellen Jahreseinkommen.

    d) Der IQ ist ein recht guter Prädiktor des Schulerfolgs, insbesondere für die Fächer Fremdsprachen und Mathematik (weniger für Sport und Kunst).

    e) Der Vergleich des IQ mit den Schulleistungen ist ein gängiges Kriterium, wenn es um die psychiatrische Diagnose „Borderline-Störung“ geht (Leistungen geringer als nach IQ zu erwarten).Der IQ-Test ist somit auch medizinisch wertvoll.

    3) Nochmal: Der IQ-Test misst nicht mehr und nicht weniger als die Wahrscheinlichkeit, mit der jemand ein (nach westlichen!) Kriterien organisiertes Schulsystem erfolgreich durchlaufen kann. Niemand hat je behauptet, dass der IQ-Test soziale skills oder Kreativität misst.

    4) Die Erkenntnis, dass Gene IQ-Test Ergebnisse beeinflussen, ist mitnichten „banal“, sondern Ergebnis wissenschaftlicher Forschung.

    5) Genetische Unterschiede drücken sich nicht nur in Genvarianten, sondern auch in Anzahl der Kopien eines Gens aus („Copy-number“).

    6) Um die Tatsache und die Größenordung der genetischen Beeinflussung eines Merkmals ermitteln zu können, ist es NICHT nötig zu wissen 1. Wieviele Gene beteiligt sind, 2. Wie der Wirkungsmechanismus dieser Gene ist. Siehe Gregor Mendel…

    7) Auch mit 100% er Gleichheit der Lernbedingungen wären Leistungsunterschiede NICHT zu 100% durch Intelligenzunterschiede
    bewirkt, da es noch andere, nicht minder wichtige Leistungsvorraussetzungen gibt, insbesondere die Motivation.

    8) Entgegen Ihrer Behauptung wird seit dem ersten Weltkrieg (IQ-Tests wurden besonders vom US-Militär benutzt u. verfeinert, um Funktionen mit unterschiedlichen intellektuellen Ansprüchen zuzuweisen) das Konstrukt „Intelligenz“ intensiv erforscht. Es existiert eine grosse Masse an IQ-Test Daten bezüglich der vielfältigsten Fragestellungen, und dies natürlich nicht nur in den westlichen Industrieländern, sondern in allen Ländern und für viele ethnische Gruppen.

    9) Der IQ-Test ist selbstverständlich geeignet, neben IQ-Unterschieden innerhalb einer ethnischen Gruppe auch IQ-Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen zu messen. Dabei spielt es keine Rolle, ob oder inwieweit IQ-Ergebnisse genetisch beeinflusst sind !

    10) Sie vermischen die Begriffe „Unterschiede in der Vererbbarkeit (eines Merkmals zwischen Gruppen)“ und „Unterschiede in der Ausprägung (eines Merkmals zwischen Gruppen)“. Das sind aber zwei völlig separate Fragestellungen. Im gegenwärtigen Diskurs geht es wohl um das Letztere.

    11) Verschiedene Länder ergeben verschiedene Durchschnitts IQ, z.B.

    Japan/China/Korea/Taiwan : IQ etwa 105

    Deutschland: IQ etwa 100
    Wir Deutschen sind etwas weniger intelligent als die Japaner.

    Persönliche Anmerkung: Ich finde es vollkommen inakzeptabel, dass Sie in Ihrem Artikel Menschen mit geringeren IQ als „dumm“ abwerten. Dazu gibt es nicht den geringsten Anlass. Auch Menschen mit niedrigem, sogar sehr niedrigen IQ leisten wertvolle Beiträge zur Gesamtgesellschaft, und können auf gewissen Gebieten sogar Überragendes leisten, etwa in der bildenden Kunst und Musik.

  9. Intelligenze hat eine hohen erblichen Teil
    Im lesenswerten Buch „Intelligenz“ von Professor Rost sind alle relevanten Studien zur Erblichkeit aufgearbeitet. Dort findet man 50-80% Erblichkeit. Dass es ein Rauschen gibt ist klar, man kann nicht einfach eine perfekte Kontrollgruppe liefern. Aber mit diesem Problem lebt die Medizin auch. Keiner würde daher die gemessene Wirksamkeit eines Medikaments bezweifeln.
    Dass es eine erbliche Selektion gibt beweist die Menschheit als solches, die bekanntlich vom weniger intelligenten Affen abstammt.
    Dass erbliche Änderungen erstaunlich rasch wirken sieht man bei Namen, z.B. ist ein Mensch mit dem Namen Schmied im Schnitt schwerer als einer mit dem Namen Schneider wie Professor Kunze von der Universität Freiburg gezeigt hat.

  10. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch .....
    …. dass die, die einer bestimmten Gruppe eine höhere Intelligenz zuschreiben, ausnahmslos immer zu dieser Gruppe gehören.

    Man stellte sich vor, man wäre zu dem Ergebnis gekommen, Sarrazin’s „kognitive Intelligenz“ sei bei Mohammedanern höher entwickelt als bei Mitteleuopäern! ;-)

    • Nordafrikanische kognitive Intelligenz
      Sie können eine Übersicht über die weltweiten IQ-Studien in Richard Lynn „Race Differences in Intelligence“ finden. In der Tat sind die Nord- und Zentraleuropäer intelligenter als die Nordafrikaner („Mohammedaner“) und Südasiaten (Indien, Pakistan). Aber die Nordost-Asiaten sind sogar noch schlauer als die weißen Europäer. So sind nunmal die Fakten.

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