Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wie vermehrt man Intelligenz?

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Wie viel Dummheit verträgt ein Volk? Bestsellerautoren wie Sarrazin wagen sich immer wieder aufs Glatteis. Dabei wäre die Lösung so einfach: Streicht die Idee, große Intelligenz sei erblich.

Nichts gelernt, das ist das Fazit, das sich aus den ersten Betrachtungen zu Thilo Sarrazins neuem Buch „Wunschdenken“ ziehen lässt. Ein streitbarer Politiker und schräger Intelligenzdeuter geht seinen Weg. Nun ist die Bermerkung ’nichts gelernt‘ zwar für einen Autor, der mit seiner „Verdummungsthese“ seit Jahren die Einwandererdebatte anheizt und sich sogar gelegentlich rhetorisch kunstvoll als pseudowissenschaftliche Höchstinstanz in Intelligenzfragen stilisiert, nicht unbedingt eine Katastrophe. Agitation kann sich rechnen, weiß der Ökonom. Aber Lernunfähigkeit ist auch nicht unbedingt ein Ausweis höchster Intelligenz. Vor allem dann nicht, wenn man ihm die wissenschaftlich leicht nachvollziehbaren Einwände gegen seine Ideen zur „Erblichkeit der Intelligenz“ schon zigfach unter die Nase gerieben hat.

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Vielleicht ist es ja eine Frage der Haltung, wie der Kollege Arno Widmann jüngst in seiner Deutung von Sarrazins Denken nahelegte – einer, vorsichtig ausgedrückt, respektlosen Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Arbeitsweise, ihrer zugegebenerweise unausgegorenen Abgewogenheit in Sachen Intelligenz. Tatsächlich fällt auf, dass speziell wenn es um die Intelligenz des Menschen geht wie bei Sarrazin „die gröbsten Dummheiten als differenzierte Analysen verkauft“ werden. Intelligenz wird auf gefährliche Weise politisiert. Dass das allerdings ausgerechnet für Bestsellerautoren zutrifft, ist natürlich tragisch, denn damit werden die Dummheiten quasi zur Massenware. Udo Ulfkotte und auch Akif Pririncci, der die gesamte muslimische Welt für kognitiv degeneriert hält, während in Europa der Intelligenzquotient seit dem Mittelalter um 30 Prozent gestiegen sei, haben sich ebenso wenig wie Sarrazin um eine aufrichtige und sorgfältige Beschäftigung mit der Intelligenzforschung bemüht. Und so hartnäckig sie sich auch nach den einschlägigen Kritiken dagegen gewehrt haben, falsche „Wahrheiten“ zu korrigieren, so wenig haben scheinbar auch die Klarstellungen von anderen gefruchtet, in denen die gröbsten Fehler korrigiert werden sollten.

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Der Grund ist einfach, und er ist in einem wirklich lohnenswerten, ja verdienstvollen 32-seitigen „Essentials“-Bändchen zusammengefasst, der jetzt im Springer-Verlag unter dem Titel „Erblichkeit der Intelligenz“ erschienen ist. Der Grund für das Versagen der Intelligenz-Kommunikation liegt offensichtlich nämlich in der Intelligenzforschung selbst. „Erblichkeit“ ist ein vollkommen untauglicher, irreführender Begriff, das jetzt endlich korrigiert werden müsse, meinen Karl-Friedrich Fischbach, der Neurogenetiker aus Freiburg, und der Hamburger Redakteur Martin Niggeschmidt. Wenn es etwa heißt, wie bei Sarrazin, Intelligenz sei zu „50 bis 80 Prozent erblich“, also habe eine unterschiedliche Fruchtbarkeit von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz Auswirkungen auf das durchschnittliche Intelligenzniveau der Bevölkerung, dann ist das im Hinblick auf die vermeintliche „Erbdummheit“ von Unterschichten und Einwanderern zu hundert Prozent nichtssagend.

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Wollte man sagen, Gene beeinflussen die Intelligenz, ist das etwas ganz anderes – und ziemlich banal. Wenn man allerdings wissen will, wie stark Gene – und im Falle unterschiedlicher ethnischer Gruppen die verschiedenen Genvarianten – die Intelligenz beeinflussen, wird es ziemlich konfus. Das fängt damit an, dass es sehr viele Gene, und viele mutmaßlich noch unbekannte Gene, sind, welche die Intelligenz beeinflussen. Noch schlimmer: Bei der besagten Intelligenz geht es eigentlich gar nicht um die Intelligenz, die eine Gesellschaft interessiert, sondern um Test-Intelligenz. IQ-Testaufgaben hat man eingeführt, um die „genotypischen Anteile“ von Intelligenzunterschieden messen zu können – so wie man mit der quantitativen Genetik die Milchleistung von Kühen oder die Höhe von Weizen messen will. „Erblichkeit“ – Heritabilität – ist eine statistische Zahl, die beschreiben soll, welche Rolle die Gene bei der Ausprägung von Unterschieden bei ebensolchen messbaren Größen wie IQ-Testergebnissen spielen. Es geht also um die Unterschiede innerhalb einer Gruppe, und zwar bei absolut gleichen Umweltbedingungen. Für die Intelligenzforschung heißt das: Nur wenn alle Schulformen und Lehrmodelle, alle pädagogischen Anstrengungen im Laufe der Kindheit bis zum Erwachsenen gleich sind, ist eine quantitative Ermittlung der „Erblichkeit“ von Test-Intelligenz überhaupt möglich. Solche Werte liegen, wenn überhaupt, allenfalls für Industrieländer vor.

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Den Begriff Erblichkeit würden Fischbach und Niggeschmidt deshalb auch am liebsten durch den viel schärferen, aber leider eben auch sehr technischen Begriff des „gentypischen Varianzanteils“ ersetzt sehen. Es geht darum, welchen Anteil die Gene an den Abweichungen der Eigenschaft Test-Intelligenz – der Varianz eben – innerhalb einer Gruppe haben. Erblich ist auch nicht dasselbe wie „angeboren“. Die beiden Autoren machen das an einem schönen Beispiel klar: „Krabben werden, mit Ausnahme einiger Opfer von Unfällen oder Gewalteinwirkung, allesamt mit acht Beinen geboren. Damit geht die Erblichkeit der Beizahl bei Krabben gegen null – einfach deshalb, weil es keine genotypisch bedingte Varianz gibt.“ Nach dem von Sarrazin und anderen Autoren angenommenen Erblichkeitsmodell gibt Erblichkeit lediglich Auskunft darüber, inwieweit – experimentell überprüft durch IQ-Tests – die Unterschiede zwischen den Individuen einer Gruppe (in einem kontrollierten Experiment) genetisch bedingt sind. Die grob veranschlagten und nach Fischbach und Niggeschmidt durch keine seriösen Studien belegten Zahlen von 50 bis 80 Prozent für die Erblichkeit von Intelligenz sagt also schon mal gar nichts über die genetisch bedingten Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus. Diese an sich banale Feststellung, dass nämlich gar nicht hinreichend aussagekräftige wissenschaftliche Experimente zum Vergleich vorliegen, gipfelt in dem schönen Satz: „Auf freilaufende Menschen in unkontrollierten Umwelten sind die statistischen Modelle der quantitativen Genetik nicht anwendbar.“

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Mit anderen Worten: Angaben über Erblichkeit haben selbst innerhalb einer vermeintlich homogenen Gruppe nur begrenzte Aussagekraft. Das wird schnell klar, wenn man sich die IQ-Testergebnisse in zumindest halbwegs erforschten westlichen Gesellschaften ansieht. Die besseren Testergebnisse in oberen Gesellschaftsschichten, die durchschnittlich stets höher sind, müssen nämlich gar nicht durch genetische „Überlegenheit“ begründet sein, sondern sind – was angesichts der Bildungsangebote auch viel plausibler ist – leicht auf die Umwelteinflüsse zurück zu führen. Das ist auch die Erklärung für den Anstieg der gemessenen Test-Intelligenz in Industrieländern. Stichwort „Bildungsexpansion“. Oder wie Fischbach und Niggeschmidt feststellen: „Wir sind nicht begabter als unsere Großeltern und Ur-Großeltern, haben aber bessere Entwicklungschancen.“

Bleibt also die Frage, wozu Erblichkeitsbefunde mit Blick auf die Intelligenz überhaupt gut sein sollen. Weder taugen sie, um durchschnittliche Unterschiede zwischen der einen und der anderen Gruppe zu erklären, noch lassen sie exakte Aussagen zu, wie sich Intelligenz durch Umweltveränderungen – sprich Bildungsangebote – verbessern lässt. Am ehesten sagt sie den beiden Autoren zufolge etwas über „Chancengleichheit“ aus. Eine „Erblichkeit“ von 50 bis 80 Prozent würde demnach bedeuten, dass die Chancen, die die Mitglieder dieser Gruppe haben, ihre Potenziale voll zu entwickeln, relativ gering sind. Vollkommen gleiche Entwicklungschancen wären erst bei einer „Erblichkeit“ von 100 Prozent erreicht – dann nämlich wäre jedes Kind optimal gebildet und nur die Unterschiede in den Genen entscheiden über den Erfolg. Was natürlich komplett theoretisch ist. Denn wie die beiden Autoren sehr prägnant darlegen, Lehrmethoden und Schulformen wirken sich auf jeden Schüler anders aus, weil auch jedes Kind, was Temperament und Lernwilligkeit angeht, eben anders ist. Optimale Bildungsvoraussetzungen für alle sind also pure Theorie – und deshalb wird sich an den unscharfen „Erblichkeits“-Angaben künftig kaum etwas ändern. Man wird so homogene Gruppen, wie für die quantitative Genetik für präzisere Angaben bräuchte, nicht bekommen. Und wenn, wären sie eine kleine, wenige repräsentative Auswahl aus der Bevölkerung.

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Fazit also: Nichts Genaues weiß man nicht. „Man sollte versuchen, jedes Kind seiner eigenen Persönlichkeit entsprechend zu fördern“, dieser alte Satz der Pädagogik ist nach Überzeugung der beiden Autoren auch nach mehr als einem halben Jahrhundert Intelligenzforschung der einzige Befund, der wirklich Gültigkeit beanspruchen darf. Und was heißt das für die „Niedergangsszenarien“, die von den Intelligenzkassandras auf dem Buchmarkt propagiert werden? Die These vom genetischen Niedergang („Dysgenik“) ist für den Genetiker durch keine empirische Erfahrung gedeckt. Vielmehr hat sich das, was Sarrazin unter „kognitiver Intelligenz“ versteht, erfahrungsgemäß dort durchweg weiter entwickelt, wo entsprechende „Umweltfaktoren“ verbessert und Bildungsangebote gefördert wurden. Dumm geborene Menschen bekommen also nicht zwangsläufig dumm geborene Kinder, und kluge Menschen vermehren sich nicht automatisch, wenn sie, wie es das AfD-Grundsatzprogramm nahelegt, dazu aufgefordert werden, mehr Kinder und mehr Klugheit in die Welt zu setzen.


60 Lesermeinungen

  1. Liebe FAZ
    Bitte lasst den Autor demnächst darüber schreiben, dass Eigenschaften nicht vererbt werden und die Menschen von Karl Marx persönlich ganz gleich geschaffen werden. Wir brauchen einfach mehr Humor.

  2. Schwarm-Intelligenz vom Ergebnis her denken
    Letztlich bestimmt die kollektive Intelligenz das „Wohlergehen“ des Schwarms. (grösster gemeinsamer Nenner)
    Ausnahme: Stabilisierte Klassen-/ Kastengesellschaften –

    Das Wohlergehen ist an harten Fakten über Lebenserwartung, relativen Wohlstand und Selbstbestimmtheit/persönliche Entwicklungsmöglichkeiten quantifizierbar und vergleichbar.

    Im grossen Massstab (national – ethnisch) kann man für den Homo Sapiens die erfolgreichsten = zuträglichsten Nationen/Kulturen/Ethnien nach zwei Werteparadigmen vergleichen:
    Dem Vorteil für die Evolution der Spezies generell und dem Aufstellungs-Vorteil der Vergleichsgruppen untereinander.

    Historisch betrachtet entwickeln zwei Systeme Entwicklungsvorsprünge und Wohlstandsvorteile:
    1. Ausbeutungssysteme (mit begünstigter privilegierter Minderheit 3-15 % der Population)
    2. Homogene Gesellschaften mit höherer Intelligenz und „Klughheit“ in breiter Populationsbasis (Massen-Allgemeinbildung)

    – eine kritischere Frage der Intelligenzforschung sind die Folgen unterschiedlicher Verwertung von Bildungsangeboten ->

    Bildungsferne müssen auf eine expansive Reproduktionsstrategie setzen, um ihre geringeren Margen aus ihrem persönlich erlangten Bildungsgewinn zu maximieren (quantitatives Wachstum) ad infinitum – während Gruppen mit grösseren erworbenen Bildungsmargen diese in Produktivitätsfortschritte umsetzen können. –

    Die Begünstigung Bildungsferner in ihrer Reproduktionststrategie (z.Zt. im Mittleren Osten inkl. Türkei und Afrika am signifikantesten) muss zur Ausbildungvon Ausbeutungsgesellschaften führen. Nach den Ergebnisse der Massenbildung (in knapp 100 Jahren) scheint es nicht schaffbar die Bildungsmargen so zu erhöhen, dass die Gewinne an Bildungs-/Intelligenzertüchtigten nicht durch die Verbesserung der Reproduktionsmöglichkeiten der Nicht-Ertüchtigbaren aufgezehrt werden.

    Letztlich sind die wohl sinnvollerweise zu stellenden Fragen, 1. ob ein Individuum den Bereich der durchschnittlichen Intelligenz des Schwarms erreichen kann 2. ob diese additive Intelligenz per Saldo eine Steigerung oder Absenkung der Schwarmintelligenz nach sich zieht (über die Masse der Additiven) 3. ob die Ertüchtigung der Additiven effizient ist

    Letztlich sind die investiven Ressourcen des Schwarms besser „angelegt“ die bestehenden Potentiale des Schwarms zu erhöhen, als niedrigere Intelligenz auf Schwarm-Mittel zu ertüchtigen.
    Unabhängig davon, dass der Schwarm sich selbst notwendigerweise kompetitiv durch Weiterentwicklung (Optimierung) bestimmt und somit das laufende Intelligenz-Upgrade signifikanten Ressourcennaufwand innerhalb des bestehenden Schwarms benötigt.

    • Schwarm-Intelligenz vom Ergebnis her denken
      „Letztlich bestimmt die kollektive Intelligenz das „Wohlergehen“ des Schwarms. (grösster gemeinsamer Nenner)“…

      Vielleicht unterscheidet Schwarm-Vernunft-Fähigkeit uns von
      tierischer Schwarmintelligenzfähigkeit. Weil sie humane Empathie beinhaltet.
      Humanes Sein…humanes Vernunftsein…humane „Schwarmvernunft“,
      Schwarm=heit…humane „Vernunft-heit“, „Human-heit“,…
      „Menschheit“ sein…-heit hei“l“t? Der „Geist-Reif-hei“l“t-Weg“?

      Führt die alleinige „Erbfrage-Intelligenztiefendiskussion“
      zur Schwarm-Vernunft?
      Vernunft = Herz und Verstand…Emotion X Intelligenz.
      Wir haben humane „Vernunftfähigkeit“ geerbt und die
      sollten wir nutzen. Carpe diem…nutze den tag(engl)=das Thema;
      geerbte humane Vernunftbildungsfähigkeit?
      Warum umständlich, wenn es auch direkt möglich ist?

  3. Titel eingeben
    Ideen streichen zu wollen,
    das find ich ausgesprochen unintelligent ;-)
    Was ist intelligent, falls es denn eine allgemeingültige Definition gibt?
    Vom Ende, nicht vom Test her: Ideen zu haben, die sich als erfolgreicher herausstellen als unter vergleichbaren Bedingungen die Ideen Anderer. –

    Ansonsten: Nettes Sammelsurium von teilweise Vemutungen, Schnellschüssen und sogar von Fakten. Dabei verlässlich „korrekt“ geblieben. –

    Schon mal was von Epigenetik gehört?
    Da „lernt“ Mensch durchaus „genetisch“.
    Warten wir mal 5 Jahre ab. –

    Geht doch!
    (siehe anderer Artikel)
    Wie man bei „erblicher Lebenszufriedenheit“ sieht, scheint da selbst bei solch „weichen Faktoren“ was zu gehen. – Und wenns nur (mindestens, wir stehen am Anfang) 1% ist. – Und da KANN bei Intelligenz NIX gehen? – Das halte ich für mutig. – Ganz sicher aber für „korrekt“. –

    Ansonsten gilt es den Kommentar von Mark Belldenger 5. Mai 2016 um 19:07 Uhr DICK zu unterstreichen. –

  4. Titel eingeben
    Haha! Der Albtraum eines jeden deutschen Journalisten: „Schreiben Sie mal, Joachim, ob Sie Rassist sind und ihre Karriere beenden wollen, oder nicht.“ Nun gut: Was soll er denn machen, der Müller-Jung? Stimmt er dem Herrn Sarrazin zu, wird er gefeuert (wie Sarrazin). Also sagt er, schon allein um die FAZ Redaktion zu befriedigen, die Intelligenz sei eben kaum vererblich. So blamiert er sich zwar bei den Biologen und als Redakteur der Wissenschaft für die FAZ. Da er aber eh nie wieder in die Wissenschaft wechseln kann, und das Blatt keinen Pfurz gibt ob nun ein Müller die Wissenschaft beschreibt, wird er also letzteren Standpunkt vertreten. Das ist absolut idiotensicher. Deswegen ist Müller-Jung, wegen seiner hervorragenden Problemlösungsstrategie, ganz eindeutig zur höheren Intelligenz ausgebildet worden. „Ausgebildet“, weil „von seinen Eltern geerbt“ kann man so nicht sagen… https://www.east-west-dichotomy.com/germany-to-become-low-iq-country/

  5. "Dabei wäre die Lösung so einfach: Streicht die Idee, ...
    … große Intelligenz sei erblich.“ Naja, die immer wieder – von Politikern und Interessengruppen – gerne verwendete Methode des Wegdiskutierens wäre zwar eine „einfache“, zugleich aber auch eine ausgesprochen unintelligente „Lösung“ …

  6. Besser Recherchieren
    Herr Müller-Jung vermischt persönliche Animositäten mit einer sehr halbherzigen Recherche der Intelligenzforschung. Der Freiburger Biologe Karl-Friedrich Fischbach, auf welchem sich Herr Müller-Jung stützt, ist sehr aktiv in seinem Fachbereich, dazu gehört aber nicht die Intelligenzforschung.

    Die Frage der Varianz von Intelligenz ist wohl eine der meist diskutierten Bereiche der Intelligenzforschung. Inzwischen hat sich die Meinung durchgesetzt, dass genetische Faktoren mehr als die Hälfte der Varianz bestimmen (Deary, Johnson, Houlihan, 2009, Tucker-Drob, 2013 u.a.).

    Treffend stellte Herr Müller-Jung fest, dass es schwierig ist den Einfluss von Erziehung zu untersuchen. Gerade dieser Frage haben sich aktuelle Studien angenommen (Baever 2014 u.a.). Hier werden Familien mit adoptieren und leiblichen Kindern untersucht. Fazit dieser Untersuchungen ist, die elterliche Erziehung hat nahezu keinen Einfluss auf die Varianz von Intelligenz.

  7. @Belldenger
    Hallo Herr Belldenger, Ihren Beitrag fand ich sehr lesenswert. Anmerkungen:
    zu 2) „Somit“ bedeutet, dass die Ergebnisse der Getesteten relevant sind, weil die Entwicklung des Tests von der französischen Regierung in Auftrag gegeben wurde?
    zu 2) a) Wie hoch ist denn der gewisse Mindest-IQ? Die abgeschlossene Aufzählung der Tätigkeiten irritiert mich. Mir wären da noch mehr eingefallen.
    zu 2) c) Im „öffentlichen“ Dienst korreliert das Einkommen vor allem mit dem Parteibuch. Vitamin B soll finanziell ebenfalls nicht unbedingt abträglich sein. Politische Gefangene kleben vielerorts Tüten. Was kann ich daraus für die Intelligenz folgern?
    zu 8) Intelligenz ist auch meiner Meinung nach ein Konstrukt. Der IQ misst nicht die Intelligenz, sondern das, was bei den Fragen des IQ-Tests ermittelt wurde.

    Auf zahlreiche Argumente des Beitrags gehen Sie nicht ein. Die Möglichkeiten einer Steigerung der IQ-Intelligenz scheinen Sie nicht besonders interessiert zu haben. Die Geschichte legt aber die Vermutung nahe, dass mit Lernen, Motivation, Anstrengung und Entwicklungs-Chancen mehr möglich ist als mit bloßer aristokratischer Abstammung, oder?

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  9. Evolution
    Wie hätte Intelligenz evolvieren können, wenn Intelligenzunterschiede innerhalb einer Generation nicht wenigstens teilweise erblich wären? Der größere reproduktive Erfolg von intelligenteren Individuen hätte niemals einen Einfluss auf den Genpool gehabt, wenn alle (Vor)Menschen von Geburt an das gleiche kognitive Potenzial gehabt hätten.

    Man kann natürlich annehmen, dass es die ganze menschliche Evolution hindurch genetisch bedingte Intelligenzunterschiede gegeben hat, dass diese aber heute verschwunden sind. Aber das ist erstens in sich unplausibel, zweitens widerspricht es allen empirischen Untersuchungen. Etwa den Zwillingsstudien, die zeigen, dass der IQ von eineiigen, aber in unterschiedlichen Familien aufgewachsenen Zwillingen viel stärker korreliert als der von nicht verwandten, in der gleichen Familie sozialisierten Kindern.

    Die politisch korrekte Leugnung von angeborenen Intelligenzunterschieden ist vielleicht gut gemeint, hat aber schlechte Auswirkungen. Erstens fördert sie eine unbarmherzige Verdienst-Logik. Wenn alle Menschen gleich begabt sind, dann hat der Verlierer sich offenbar nur nicht genug angestrengt. Man übersieht, wie sehr Erfolg das Ergebnis von unverdienten biologischen Privilegien ist, wenn man die Erblichkeit von Intelligenz ignoriert.

    Zweitens könnten wir in einigen Jahrzehnten die biotechnische Möglichkeit haben, jedes Kind mit den genetischen Grundlagen einer hohen Intelligenz auszustatten. Die Ungerechtigkeit, die auf der extrem ungleichen Verteilung von Intelligenz beruht, könnte überwunden werden. Dafür müsste man sich diese Ungleichverteilung aber erst mal eingestehen.

    • Ja mei, wer leugnet denn? Die Frage ist doch nicht genetische Ungleichheit ja oder nein (die muss es geben qua Evolution), sondern: sind diese „Ungleichheiten“ (genetische Varianz) groß genug, um in der Alltagswelt relevant zu werden – oder sind nicht Erziehung, Bildung, Sozialisierung die viel mächtigeren Einflussgrößen auf das Ergebnis, was man als Intelligenz versteht?

  10. Titel eingeben
    Vielleicht sollten Sie bei Ihrem Seitenhiebauf Sarrazin und Ihren Angeignungsbemühungen der liebgewordenen Sozialarbeiterthese, alle Intelligenz sei irgendwie konditionierbar, mal einen Blick in der FAZ werfen, in der die renommierten Entwicklungspsychologen Rindermann und Rost, zu den Sarrzinschen Thesen Stellung beziehen:

    „Die Genese von Intelligenz ist weniger auf ökonomische Faktoren als auf kulturell-pädagogische und auf heute im Einzelnen noch unbekannte genetische Determinanten zurückführbar. Damit steht diese Position einem deterministischen Sozialkausalmodell entgegen: Nicht äußere, vom Individuum, einer Familie oder einer Gesellschaft unbeeinflussbare Faktoren, sondern interne, mindestens teilweise veränderbare Faktoren, sind entscheidend. Diese gegensätzlichen Denkweisen sind vielleicht auch mitverursachend für die Heftigkeit der Diskussion um Sarrazins Buch.“

    FAZ vom 7.09.2010 „Was ist dran an Sarrazins Thesen?“

    Wie in der Medizin ist nicht alles falsch, was noch nicht ausgeforscht und nachweisbar ist. Dem gängigen Gleichheitheitsdogma aktueller Gesellschaftspolitik kommt die Sichtweise einer völlig durchkonditionierbaren Intelligenz natürlich entgegen, was nicht heißt, daß dieses Dogma etwas mit der Realität zu tun. Es verhält sich wie immer bedeutend komplexer. Beide von den Autoren genannten Elemente, das genetische und das kulturell-pädagogische, verstoßen gegen zentrale Glaubensbekenntnisse einer auf Gleichheit der Kulturen und Gene gepolten Gesellschaft. Ein Teil ist sicher konditionierbar und auch vom Wohlstand abhängig. Wie groß dieser Part ist, ist eben noch nicht genau bestimmbar.

    • Leider haben die Herren Rost und Rindermann die quantitative Genetik genauso oberflächlich interpretiert wie viele ihrer Leser, eingenommen solche, die von einer konditionierbaren Intelligenz sprechen und im Unklaren lassen, was sie eigentlich damit meinen.

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