Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Wie vermehrt man Intelligenz?

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Wie viel Dummheit verträgt ein Volk? Bestsellerautoren wie Sarrazin wagen sich immer wieder aufs Glatteis. Dabei wäre die Lösung so einfach: Streicht die Idee, große Intelligenz sei erblich.

Nichts gelernt, das ist das Fazit, das sich aus den ersten Betrachtungen zu Thilo Sarrazins neuem Buch „Wunschdenken“ ziehen lässt. Ein streitbarer Politiker und schräger Intelligenzdeuter geht seinen Weg. Nun ist die Bermerkung ’nichts gelernt‘ zwar für einen Autor, der mit seiner „Verdummungsthese“ seit Jahren die Einwandererdebatte anheizt und sich sogar gelegentlich rhetorisch kunstvoll als pseudowissenschaftliche Höchstinstanz in Intelligenzfragen stilisiert, nicht unbedingt eine Katastrophe. Agitation kann sich rechnen, weiß der Ökonom. Aber Lernunfähigkeit ist auch nicht unbedingt ein Ausweis höchster Intelligenz. Vor allem dann nicht, wenn man ihm die wissenschaftlich leicht nachvollziehbaren Einwände gegen seine Ideen zur „Erblichkeit der Intelligenz“ schon zigfach unter die Nase gerieben hat.

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Vielleicht ist es ja eine Frage der Haltung, wie der Kollege Arno Widmann jüngst in seiner Deutung von Sarrazins Denken nahelegte – einer, vorsichtig ausgedrückt, respektlosen Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Arbeitsweise, ihrer zugegebenerweise unausgegorenen Abgewogenheit in Sachen Intelligenz. Tatsächlich fällt auf, dass speziell wenn es um die Intelligenz des Menschen geht wie bei Sarrazin „die gröbsten Dummheiten als differenzierte Analysen verkauft“ werden. Intelligenz wird auf gefährliche Weise politisiert. Dass das allerdings ausgerechnet für Bestsellerautoren zutrifft, ist natürlich tragisch, denn damit werden die Dummheiten quasi zur Massenware. Udo Ulfkotte und auch Akif Pririncci, der die gesamte muslimische Welt für kognitiv degeneriert hält, während in Europa der Intelligenzquotient seit dem Mittelalter um 30 Prozent gestiegen sei, haben sich ebenso wenig wie Sarrazin um eine aufrichtige und sorgfältige Beschäftigung mit der Intelligenzforschung bemüht. Und so hartnäckig sie sich auch nach den einschlägigen Kritiken dagegen gewehrt haben, falsche „Wahrheiten“ zu korrigieren, so wenig haben scheinbar auch die Klarstellungen von anderen gefruchtet, in denen die gröbsten Fehler korrigiert werden sollten.

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Der Grund ist einfach, und er ist in einem wirklich lohnenswerten, ja verdienstvollen 32-seitigen „Essentials“-Bändchen zusammengefasst, der jetzt im Springer-Verlag unter dem Titel „Erblichkeit der Intelligenz“ erschienen ist. Der Grund für das Versagen der Intelligenz-Kommunikation liegt offensichtlich nämlich in der Intelligenzforschung selbst. „Erblichkeit“ ist ein vollkommen untauglicher, irreführender Begriff, das jetzt endlich korrigiert werden müsse, meinen Karl-Friedrich Fischbach, der Neurogenetiker aus Freiburg, und der Hamburger Redakteur Martin Niggeschmidt. Wenn es etwa heißt, wie bei Sarrazin, Intelligenz sei zu „50 bis 80 Prozent erblich“, also habe eine unterschiedliche Fruchtbarkeit von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz Auswirkungen auf das durchschnittliche Intelligenzniveau der Bevölkerung, dann ist das im Hinblick auf die vermeintliche „Erbdummheit“ von Unterschichten und Einwanderern zu hundert Prozent nichtssagend.

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Wollte man sagen, Gene beeinflussen die Intelligenz, ist das etwas ganz anderes – und ziemlich banal. Wenn man allerdings wissen will, wie stark Gene – und im Falle unterschiedlicher ethnischer Gruppen die verschiedenen Genvarianten – die Intelligenz beeinflussen, wird es ziemlich konfus. Das fängt damit an, dass es sehr viele Gene, und viele mutmaßlich noch unbekannte Gene, sind, welche die Intelligenz beeinflussen. Noch schlimmer: Bei der besagten Intelligenz geht es eigentlich gar nicht um die Intelligenz, die eine Gesellschaft interessiert, sondern um Test-Intelligenz. IQ-Testaufgaben hat man eingeführt, um die „genotypischen Anteile“ von Intelligenzunterschieden messen zu können – so wie man mit der quantitativen Genetik die Milchleistung von Kühen oder die Höhe von Weizen messen will. „Erblichkeit“ – Heritabilität – ist eine statistische Zahl, die beschreiben soll, welche Rolle die Gene bei der Ausprägung von Unterschieden bei ebensolchen messbaren Größen wie IQ-Testergebnissen spielen. Es geht also um die Unterschiede innerhalb einer Gruppe, und zwar bei absolut gleichen Umweltbedingungen. Für die Intelligenzforschung heißt das: Nur wenn alle Schulformen und Lehrmodelle, alle pädagogischen Anstrengungen im Laufe der Kindheit bis zum Erwachsenen gleich sind, ist eine quantitative Ermittlung der „Erblichkeit“ von Test-Intelligenz überhaupt möglich. Solche Werte liegen, wenn überhaupt, allenfalls für Industrieländer vor.

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Den Begriff Erblichkeit würden Fischbach und Niggeschmidt deshalb auch am liebsten durch den viel schärferen, aber leider eben auch sehr technischen Begriff des „gentypischen Varianzanteils“ ersetzt sehen. Es geht darum, welchen Anteil die Gene an den Abweichungen der Eigenschaft Test-Intelligenz – der Varianz eben – innerhalb einer Gruppe haben. Erblich ist auch nicht dasselbe wie „angeboren“. Die beiden Autoren machen das an einem schönen Beispiel klar: „Krabben werden, mit Ausnahme einiger Opfer von Unfällen oder Gewalteinwirkung, allesamt mit acht Beinen geboren. Damit geht die Erblichkeit der Beizahl bei Krabben gegen null – einfach deshalb, weil es keine genotypisch bedingte Varianz gibt.“ Nach dem von Sarrazin und anderen Autoren angenommenen Erblichkeitsmodell gibt Erblichkeit lediglich Auskunft darüber, inwieweit – experimentell überprüft durch IQ-Tests – die Unterschiede zwischen den Individuen einer Gruppe (in einem kontrollierten Experiment) genetisch bedingt sind. Die grob veranschlagten und nach Fischbach und Niggeschmidt durch keine seriösen Studien belegten Zahlen von 50 bis 80 Prozent für die Erblichkeit von Intelligenz sagt also schon mal gar nichts über die genetisch bedingten Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus. Diese an sich banale Feststellung, dass nämlich gar nicht hinreichend aussagekräftige wissenschaftliche Experimente zum Vergleich vorliegen, gipfelt in dem schönen Satz: „Auf freilaufende Menschen in unkontrollierten Umwelten sind die statistischen Modelle der quantitativen Genetik nicht anwendbar.“

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Mit anderen Worten: Angaben über Erblichkeit haben selbst innerhalb einer vermeintlich homogenen Gruppe nur begrenzte Aussagekraft. Das wird schnell klar, wenn man sich die IQ-Testergebnisse in zumindest halbwegs erforschten westlichen Gesellschaften ansieht. Die besseren Testergebnisse in oberen Gesellschaftsschichten, die durchschnittlich stets höher sind, müssen nämlich gar nicht durch genetische „Überlegenheit“ begründet sein, sondern sind – was angesichts der Bildungsangebote auch viel plausibler ist – leicht auf die Umwelteinflüsse zurück zu führen. Das ist auch die Erklärung für den Anstieg der gemessenen Test-Intelligenz in Industrieländern. Stichwort „Bildungsexpansion“. Oder wie Fischbach und Niggeschmidt feststellen: „Wir sind nicht begabter als unsere Großeltern und Ur-Großeltern, haben aber bessere Entwicklungschancen.“

Bleibt also die Frage, wozu Erblichkeitsbefunde mit Blick auf die Intelligenz überhaupt gut sein sollen. Weder taugen sie, um durchschnittliche Unterschiede zwischen der einen und der anderen Gruppe zu erklären, noch lassen sie exakte Aussagen zu, wie sich Intelligenz durch Umweltveränderungen – sprich Bildungsangebote – verbessern lässt. Am ehesten sagt sie den beiden Autoren zufolge etwas über „Chancengleichheit“ aus. Eine „Erblichkeit“ von 50 bis 80 Prozent würde demnach bedeuten, dass die Chancen, die die Mitglieder dieser Gruppe haben, ihre Potenziale voll zu entwickeln, relativ gering sind. Vollkommen gleiche Entwicklungschancen wären erst bei einer „Erblichkeit“ von 100 Prozent erreicht – dann nämlich wäre jedes Kind optimal gebildet und nur die Unterschiede in den Genen entscheiden über den Erfolg. Was natürlich komplett theoretisch ist. Denn wie die beiden Autoren sehr prägnant darlegen, Lehrmethoden und Schulformen wirken sich auf jeden Schüler anders aus, weil auch jedes Kind, was Temperament und Lernwilligkeit angeht, eben anders ist. Optimale Bildungsvoraussetzungen für alle sind also pure Theorie – und deshalb wird sich an den unscharfen „Erblichkeits“-Angaben künftig kaum etwas ändern. Man wird so homogene Gruppen, wie für die quantitative Genetik für präzisere Angaben bräuchte, nicht bekommen. Und wenn, wären sie eine kleine, wenige repräsentative Auswahl aus der Bevölkerung.

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Fazit also: Nichts Genaues weiß man nicht. „Man sollte versuchen, jedes Kind seiner eigenen Persönlichkeit entsprechend zu fördern“, dieser alte Satz der Pädagogik ist nach Überzeugung der beiden Autoren auch nach mehr als einem halben Jahrhundert Intelligenzforschung der einzige Befund, der wirklich Gültigkeit beanspruchen darf. Und was heißt das für die „Niedergangsszenarien“, die von den Intelligenzkassandras auf dem Buchmarkt propagiert werden? Die These vom genetischen Niedergang („Dysgenik“) ist für den Genetiker durch keine empirische Erfahrung gedeckt. Vielmehr hat sich das, was Sarrazin unter „kognitiver Intelligenz“ versteht, erfahrungsgemäß dort durchweg weiter entwickelt, wo entsprechende „Umweltfaktoren“ verbessert und Bildungsangebote gefördert wurden. Dumm geborene Menschen bekommen also nicht zwangsläufig dumm geborene Kinder, und kluge Menschen vermehren sich nicht automatisch, wenn sie, wie es das AfD-Grundsatzprogramm nahelegt, dazu aufgefordert werden, mehr Kinder und mehr Klugheit in die Welt zu setzen.


60 Lesermeinungen

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  3. Das Hauptargument des Autors ist ein schlichter Strohmann:
    Weil man nicht ganz genau sagen kann, in welchem Verhältnis Gene und Umwelt an der Intelligenzentwicklung beteiligt sind und welche Gene dann im einzelnen eine Rolle spielen, ist die Aussage „Intelligenz wird in erheblichem Umfang durch Vererbung beeinflusst“ per se Unsinn?

    Äh – nein. Man kann z.B. auch nicht sagen, welches Elektron gerade wo ist, wenn man eine kontrollierte nukleare Kettenreaktion in Kernkraftwerken initiiert. Ist auch gar nicht notwendig – eine grobe Abschätzung des Elektronenflusses in einem gegebenen Medium reicht völlig.

    Wie sehr das Argument Strohmanncharacter hat, ergibt sich aus einer Konfrontation mit der Gegenthese: „Intelligenz ist in kaum nennenswerten Umfang von Vererbung beeinflusst“ und deshalb könnte man mit entsprechender Erzeihung und Bildung jeden Menschen auf jedes beliebige (messbare) Intelligenzniveau bingen. Ich kenne keinen Intelligenzforscher, der eine derartige Behauptung unterschreiben würde. Dieter E. Zimmer – dessen Werk „Ist Intelligenz erblich?: Eine Klarstellung“ den in deutsch komprimiertesten Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Intelligenzforschung enthält – auch nicht.

    Natürlich ist Intelligenz erblich. Nur nicht in dem Umfang, der die Aussage zuliesse, jedes Kind von zwei minder intelligenten Menschen sei
    deshalb selber minder intelligent. Sehr wohl aber in dem Umfang, der die Aussage zulässt, dass von 1000 Kindern von unterdurchschnittlich intelligenten Eltern eine deutlich höhere Zahl von Kindern ihrerseits weniger intelligent sein werden, als bei 1000 Kindern von überdurchschnittlich intelligenten Eltern.

    Für eine gruppenbezogene Betrachtung reicht das vollkommen aus. Genau darum geht es ja wohl in Sarrazins Werk – um seine Einschätzung der von ihme erwarteten Folgen millionenfacher Zuwanderung. Der hier abgedruckte Widerlegungsversuch ist als solcher untauglich – man hätte besser (und viel einfacher) die Prämissen von Sarrazins These in Frage stellen können. Zu denen gehört, dass vorwiegend minder Intelligente nach Deutschland kommen – eine reine Behauptung ohne ausreichende empirische Grundlage.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  4. Intelligenz-Erb-Streit-Diskussion-Dialog-...
    „um des Kaisers Bart“?
    Wir erben und vererben die humane Vernunftbildungsfähigkeit.
    Vernunft = Herz und Verstand…E(motion) X I(ntelligenz)…SYNTHESE.
    Ich sehe hier den Gegenwart-Priorität-Bedarf der Erbnutzung…
    „Schwarmvernunft“…s.Weltgeschehen.

    • Intelligenzlastergebnis...Vernunftmangel...Gleichgewichtignoranz...Weltschieflage?
      Wir leben intelligent weit über unsere Verhältnisse weil wir human weit
      unter unseren Vernunftbildungsmöglichkeiten leben?

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