Der Platz für Tiere

Was ist wahre Tierliebe?

© Twitter/PetaSelfie von Schopfaffe Naruto: Ob Mensch oder Tier, selten kommt man gut weg.

Sicherlich wäre der kleine Schopfaffe Naruto ganz reumütig, würde er verstehen, welches Schicksal den englischen Tierfotografen David Slater nach ihrer beider Begegnung ereilte. Als Naruto mitten im sulawesischen Regenwald einfach mal so ein Selfie mit Slaters Kamera schoss, entbrannte sogleich ein erbitterter Rechtsstreit zwischen amerikanischen Tierschützern von Peta und dem Fotografen. Peta zog nämlich im Namen des Affen vor Gericht, um Naruto die Bildrechte zusprechen zu lassen. Doch die Tierschützer scheiterten. Ein Gericht in den Vereinigten Staaten entschied: Tiere können keine Klage einreichen. Schon gar nicht wegen Urheberrechtsverletzung.

Obwohl das Affenbild auf der ganzen Welt eifrig geklickt wurde, hat die Geschichte leider keinen Deut dazu beigetragen, den Fokus auf die vom Aussterben bedrohte Makakenart zu lenken. Peta und deren Gefolgschaft setzen ganz bewusst auf Polarisierung und Angriff. Sie wollen zunächst gängige gesellschaftliche Wertvorstellungen vernichten, um anschließend eine „tiergerechtere“ Welt aufzubauen. Doch wer den Bogen so überspannt, erntet Abneigung. Im Grunde ist das Geschehen um Naruto mit der Wirkung einer reißerischen Boulevardschlagzeile zu vergleichen. Man guckt ganz gerne mal hin, um im Nachhinein eine enorme Distanz zum doch recht skrupellosen Vorgehen des Urhebers zu entwickeln.

Nun liegt die Vermutung also nahe, dass es hier nicht vorrangig um den Einsatz für Tierrechte ging, sondern um Aufmerksamkeit. Je  mehr davon, desto bereitwilliger zahlen Sympathisanten in die Spendenkasse. Aber führt Aufmerksamkeit um jeden Preis zu Sympathie? Nein (!), würde jeder Vernünftige doch lautstark ausrufen. Ich frage mich: Welcher Typus Mensch ist eigentlich motiviert, in die Spendenkasse zu zahlen? Als Kind wollte ich selbst Umweltschützerin werden, fasziniert von Greenpeace-Aktionen zum Schutz der Ozeane. Besonders ihr Kampf für die Wale ist mir positiv in Erinnerung geblieben. Der Wal als Stellvertreter für eine friedliche, dennoch bedrohte Natur. Der Autor Frank Zelko beschreibt es in seinem Buch „Greenpeace. Von der Hippiebewegung zum Ökokonzern“ wunderbar. Durch Greenpeace wurde Umweltschutz aufregend. Noch heute hat die Bewegung den Ruf, die coole unter den Umweltschutzorganisationen zu sein. „Die Aktivisten sprangen in Schlauchboote mit Außenbordern, preschten über das offene Meer und drängten sich zwischen die Harpunen der Walfänger und fliehende Pottwal-Schulen“, beschreibt Zelko eine Situation, die viele seiner Leser sicherlich mit großer Genugtuung wahrgenommen haben.

Über das Theater um Naruto kann jeder Tierfreund allerdings nur den Kopf schütteln. Das Traurige daran ist, die Meerkatzenverwandten Macaca nigra können derweil wirklich Unterstützung gebrauchen. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat die Schopfaffen auf die Rote Liste gefährdeter Arten gesetzt. Ihr delikates Fleisch und die Tatsache, dass sie Felder der Menschen plündern, werden ihnen neben dem Verlust ihres Lebensraums durch Regenwaldrodung in ihrer Heimat in Indonesien zum Verhängnis.

Mitleid empfinde ich nach dieser gerichtlichen Auseinandersetzung weder für Naruto, noch für die Tierschützer. Am Ende berührt mich nur das Schicksal des Wildtierfotografen, der seit dem Trubel um das Selbstportrait ziemlich erschöpft sein muss. Dem Vernehmen nach arbeitet er mittlerweile ausgebrannt als Tennislehrer. Die Gründerin von Peta, Ingrid Newkirk, sagte zwar einmal: „Wir verlangen von niemandem, dass er unsere Vorgehensweise gutheißt. Es stört uns nicht, wenn wir verdammt werden – solange jemand freundlich ist zu Tieren. Es geht nie um Peta, es geht nur um die Tiere. […]“ Aber das Gericht urteilte im Fall von Naruto offenbar anders: Peta habe nicht nachweisen können, dass die Organisation eine „signifikante Beziehung“ zu Naruto pflege. Es liege zudem nahe, dass Peta die eigenen Interessen vor die Narutos gestellt und den Affen als „ahnungslose Marionette“ benutzt habe. Darüber hinaus entschied das Gericht, dass Peta die Anwaltskosten des Tierfotografen zahlen muss.

Wertschätzung für Tiere wächst und gedeiht mit der Hilfe feinfühliger Vorbilder, bockige Rechthaberei richtet naturgemäß weniger aus. Bernhard Grzimek, der als Direktor des Frankfurter Zoos, Tierfilmer und Naturschützer weltbekannt wurde, vermochte sogar die ganze Bevölkerung eines Landes, nämlich Tansania, dahingehend umzustimmen, dass für die Menschen dort bedrohliche und vor allem mit ihnen im Wettbewerb um Nahrung stehende Tiere in der Serengeti dennoch schützenswert sind. Um das zu erreichen, hat  er stets mit den Menschen gearbeitet,  nicht gegen sie. Selbst dem Wohl einer haarigen Spinne in den eigenen vier Wänden kann man zugetan sein, es bedarf lediglich eines Vorbilds, einer Bezugsperson, die einem in jungen Jahren zeigt, wie man das zarte Wesen behutsam mit Glas und Zeitungspapier einfängt, um es dann vor das Fenster zu setzen. Unterm Strich erscheint es somit deutlich effektiver, Mensch und Tier zusammen zu bringen, anstatt sie voneinander zu entfremden. In Grzimeks Worten: Menschen „die ohne Fühlung mit Tieren und Pflanzen in den Betonschluchten der Städte leben“ muss man für Artenschutz begeistern. Ein guter Lehrer und Erzieher weiß, Begeisterung kommt immer dann zustande, wenn nicht verprellt, sondern das Innerste berührt wird.

Drum bin ich am Ende versucht, eine verborgene Begründung für dieses affige Verhalten zu finden. Peta-Aktivistin Newkirk selbst erklärte es einmal, allerdings im Kontext artgerechter Haltung: Wenn ein Mensch etwas propagiert, sich aber nicht daran hält, liegen diesem fehlgeleiteten Verhalten Aggressionen und Geldgier zugrunde. Immerhin, der Fotograf Slater zog eine zynische Lehre aus dem Trubel: „Ich wünschte, ich hätte die verdammten Fotos nie gemacht.“

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