Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Galapagos darf nicht untergehen

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© Fotos: H. SchirmacherJeder kennt sie: Galapagos-Riesenschildkröten.

Als Kind, schon damals waren in der von mir so geliebten Tierwelt Schildkröten mein Ein und Alles, blätterte ich bei jeder Gelegenheit durch mein Bestimmungsbuch für diese besondere Spezies. Auf der letzten Seite entdeckte ich ein Foto vom weltbekannten „Lonesome George“. Die Bildunterschrift erklärte, wie einsam George als letzte Galapagos-Riesenschildkröte der Pinta-Unterart war. Mich machte das unfassbar traurig und ich verstand einfach nicht, wie es Menschen geben konnte, die dem letzten lebenden Pinta-Weibchen den Garaus gemacht hatten.

Mehr als 25 Jahre später ist Lonesome George immer noch eine Symbolfigur für Artenschutz. Mittlerweile verstorben, hoffen Wissenschaftler, seine Art durch aufwendige Experimente zurückzuzüchten. Das Traurige ist, durch den Klimawandel droht im Grunde jeder endemischen Art des Galapagos-Archipels ein ähnliches Schicksal wie Lonesome George.

Gut getarnt sonnen sich die Meerechsen auf Lavafelsen. Manch eine zieht eine weite Strecke über den Strand…
…um kurz darauf als Fotomodell abgelichtet zu werden.
Nach zahlreichen Begegnungen üben die dinosaurierähnlichen Tiere immer noch große Faszination aus.
Auch ich fotografiere die „kleinen Drachen“ allzu gerne.

Das war allerdings nicht mein Hauptmotiv, in diesem Winter eine Reise dorthin zu machen. Meine Vorstellung von den Galapagos-Inseln hatte sich seit Kindertagen nicht gewandelt. Ich stellte mir eine völlig unberührte, einzigartige Tierwelt vor. Ein Paradies auf Erden, wie es mir in zahlreichen Dokumentationen vermittelt wurde. Unter Wasser wimmelt es von bunten Doktor-, Papagei- und Trompetenfischen. Gigantische Manta-Rochen gleiten Seite an Seite durch das Meer, Flotten von Hammerhaien patrouillieren durch Jagdgründe voller Leben. An Land ein gemächliches Miteinander von Leguanen, sich sonnenden Meerechsen, Riesenschildkröten und emsigen Darwin-Finken. Vogelkolonien aus rot- und blaufüßigen Tölpeln, die auf aus dem Meer ragenden Klippen nisten oder durch die Lüfte segeln, um hin und wieder senkrecht und spitz wie ein Pfeil mit eng anliegenden Flügeln ins Meer zu schießen.

Rückblickend mag meine Vorstellung unberührter Natur naiv gewesen sein. Ähnliche Sehnsüchte wie ich hegen viele andere Menschen. Sie wollen unberührte Natur erleben und gefährden sie dadurch. Als profane Touristin stelle ich fest, der Galapagos-Archipel ist heute weder verwunschen, noch menschenleer. Im Gegenteil. Die Inseln sind, zumindest dort, wo kein Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, zu Land wie zu Wasser gut erschlossen und an Umschlagplätzen wie dem Hafenbecken auf der Insel Santa Cruz tummeln sich zuhauf bunt gemischte Reisegruppen, jugendliche Backpacker, allein reisende Rentner und Abenteurer.

Die Sitzbänke sind nicht nur für Menschen reserviert.

Das Besondere an Galapagos ist allerdings, dass sich selbst an den überlaufenen Plätzen eine faszinierende und artenreiche Tierwelt offenbart. Als ob der Massentourismus den Tieren gar nichts anhaben könnte. Im flachen trüben Wasser, die Sicht im Meer um die Galapagos-Inseln ist selten klar, ziehen zahlreiche junge „Black tips“, also Kleine Schwarzspitzenhaie, die hier Zuflucht vor den größeren ihrer Art suchen, umher. Wasserschildkröten schnappen nach Luft, ein Paar Stachelrochen gleitet dahin. Zutrauliche Seelöwen nehmen die Sitzbänke am Pier in Beschlag. Bis auf eine Armeslänge Abstand traue ich mich heran, um ein Foto zu schießen. Näher darf es nicht sein, gibt ein Angestellter des Darwin Research Center, der zufällig vor Ort ist, zu verstehen. „Besonders die Seelöwin mit ihrem Jungen wird sich das nicht gefallen lassen“, sagt er.

Trotz der vielen Menschen, Tauchschulen an jeder Ecke, luxuriösen Yachten und zahlreichen Hotelunterkünften steht der Mensch auf Galapagos nicht immer an erster Stelle. Weite Gebiete zu Land und zu Wasser stehen unter Naturschutz und sind völlig unbewohnt. Von einer heilen Welt kann trotzdem nicht die Rede sein. Die Luft wird von alten Dieselmotoren verpestet. Das Einatmen fällt mir auf befahrenen Straßen bei offenem Auto schwer. Dagegen empfinde ich die Luftverschmutzung in Rhein-Main oder der von Pendlerströmen heimgesuchten Frankfurter Innenstadt als geradezu harmlos.

Ungewohnt zutraulich: Die Seelöwen scheint fast Nichts zu stören.
Wie streunende Hunde teilen sie sich die Stadt mit den Menschen.

So wird schnell klar, warum in Bezug auf die eindrucksvolle BCC-Dokumentation „Planet Earth II“ des britischen Tierfilmers David Attenborough, der in seiner Heimat unter jungen Leuten Starkult genießt, Kritik laut wird. Sie zeigt eine heile Welt, wo eigentlich keine mehr ist. Attenborough wird vorgehalten, er lasse unter den Tisch fallen, wie bedroht die Orte, die er in seinen Naturdokumentationen zeigt, tatsächlich sind. Auch mir hätte das die Vorfreude auf Galapagos trüben können. Doch ich frage mich, woher dann die Faszination für diese Welt kommen soll, wenn nicht durch solche Darstellungen. Ist es nicht besonders für Kinder eine wichtige Erfahrung, auf diese Weise eine Welt kennenzulernen, in der nicht alles stets und ständig um den Menschen kreist? Ich glaube, solch ein Verständnis von intakter Tierwelt ist sehr wertvoll. Scheinbar treibt es viele Besucher der Insel an. Ein Einheimischer berichtet mir, dass viele ältere Touristen, die sich nach Jahrzehnten den Traum ihrer Kindheit erfüllen, zu den Besuchern auf Galapagos zählen.

Sicher, die Verwaltung von Galapagos könnte noch mehr für den Schutz der Insel tun, indem beispielsweise lediglich Elektroautos zugelassen werden. Ein ungebremster Klimawandel könnte dem Archipel schwer schaden. Zum einen werden viele der Inseln dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen. Zum anderen verändert sich dadurch der berühmte El Nino, ein Wetterphänomen im Pazifik. Ein weiteres Abschwächen der Meeresströmung hätte katastrophale Folgen auf die Artenvielfalt. Das Schicksal dieses Paradieses ist also stark gefährdet. Es liegt in unserer Hand, die Galapagosinseln für kommende Generationen zu erhalten.

Für die Nachwelt: Einbalsamiert reckt Lonesome George seinen Hals, als ob er noch leben würde.

Und so wird mir eine weitere Begegnung mit Lonesome George in Erinnerung bleiben: In klassischer Manier ist sein langer Hals nach oben gereckt. Der aufgebogene Vorderrand des Panzers, bekannt als „Sattelrücken“, betont seinen faltigen, schuppenlosen Hals- und Nackenbereich. Er wirkt dadurch, seit ich ihn kenne, uralt und liebenswert deformiert. Ich stehe diesmal vor dem einbalsamierten Tier, das auf der Insel Santa Cruz als Ausstellungsstück für Touristen aufbewahrt wird. „Der letzte seiner Art“ soll nie in Vergessenheit geraten. Aktueller als heute könnte seine Geschichte wohl nicht sein.


2 Lesermeinungen

  1. Lonesome George und bald 8 Mrd. Homo Sapiens und kein Ende.
    Das sagt ja eigentlich alles.Die Geburtenrate von Homo Sapiens muß massiv und schnell reduziert werden.Durch Homo Sapiens ist das ökologische Gleichgewicht so zerstört und zwar weltweit,das man eigentlich gar nicht mehr von Ökologie reden kann.Masse Mensch.Drücken durch ihre Vermehrungsfreudigkeit und Anpassungsfähigkeit alles an die Wand.Nur noch Mensch.

  2. Genau richtig
    Ich hatte das gleiche Empfinden bei meinem Besuch auf Galapagos: Es sind nicht die unberührten Inseln, die man in den Dokumentationen sieht. Vielmehr werden die gleichen Fehler begangen, die auch in allen anderen Teilen Südamerikas begangen werden: Verbrennungsmotoren könnte man leicht durch Elektroautos ersetzen, wilden Häuserbau durch streng überwachte Gesetze reglementieren, Zuzug und Touristenströme durch strenge Kontingente reduzieren, illegale Fischerei konsequent mit den Einnahmen aus dem Tourismus bekämpfen. Aber dafür ist der Staat nicht stark genug und die Verlockung von kurzfristigen Einnahmen ist zu groß. Fairerweise muss man aber auch sagen: Es wurde in den letzten Jahren in Solarstromerzeugung investiert, die Anzahl der Touristenboote ist begrenzt und der Zuzug ist erschwert. Leider reicht das noch lange nicht aus.

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