Der Platz für Tiere

Die dunkle Seite der Vierbeiner

© PrivatFrauchen/Herrchen oder Artgenosse – zu welcher Begegnung schlägt das Hundeherz höher?

Dem Haushund eilt der Ruf als „treuestem Wegbegleiter des Menschen“ voraus. Ist das in erster Linie Wunschdenken oder mögen Hunde Menschen tatsächlich lieber als ihre Artgenossen? Zwar hat sich der Hund im Laufe der Domestikation sehr an das Zusammenleben mit dem Menschen gewöhnt. Und es liegt in der Natur der Sache, dass Hunde sehr auf ihre Halter fokussiert sind. Doch wenn die Vierbeiner, etwa draußen im Stadtpark, auf Ihresgleichen zustürmen, um sich spielerisch zu raufen, können sich Hundehalter ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher sein. Wen hat das geliebte Tier also lieber: Herrchen, Frauchen oder den Freund auf vier Pfoten, den er regelmäßig zum Toben trifft?

Die Antwort darauf haben Wissenschaftler der US-amerikanischen „Emory University“ in Atlanta mit Hilfe von bildgebenden Verfahren, wie der funktionellen Magnetresonanztomographie, geliefert ­ wenn auch in kleiner Stichprobe von nur 12 Tieren. Für das Experiment wurde die Gehirnaktivität im Nucleus caudatus gemessen, während die Hunde vertrauten Geruch, entweder von einem Menschen oder von einem vierbeinigen Gesellen, schnüffelten. Dem Nucleus caudatus entspringt ­ populärwissenschaftlich ausgedrückt ­ so etwas wie Vorfreude. Folglich ließe sich hohe Aktivität grob mit „wie schön, Dich zu sehen“ übersetzen. Das Ergebnis fällt sehr zur Freude für Herrchen und Frauchen aus: Zum einen stechen diese die Vierbeiner aus, zum anderen bringt nicht jeder x-beliebige Mensch den Nucleus caudatus des Hundes in Wallungen. Das muss wahre Liebe sein!

Ob dieses innige Band zwischen Hund und Halter nun eine gute Sache ist, wage ich dennoch zu bezweifeln. Das hat mir neulich ein Ausflug nach Hamburg bestätigt. Am Elbstrand mit einer Freundin entlang spazierend, fühlten wir uns plötzlich ganz unfreiwillig gegen unseren Willen förmlich umzingelt von Vierbeinern und so mancher Hinterlassenschaft. Noch dazu erzählte mir die Freundin, dass sich Hamburg die Frage stellt, ob es ausreichend Grünanlagen und Parklandschaften für Hunde gibt. Dabei laufen die Tiere gefühlt ohnehin überall herum, noch dazu leinenlos. Hamburg und Berlin gelten im Volksmund fast schon als Hunde-Hochburgen, auf der Nordseeinsel Sylt gibt es extra ausgewiesene Strandabschnitte für Hunde. Selbst im Frankfurter Günthersburgpark, der mit einem Hundeverbots-Schild ein wahres Außenseiter-Dasein fristet, beobachte ich, wie sich Herrchen oder Frauchen mit ihren Vierbeinern im Dunklen in den Park stehlen. Gesagt habe ich in solchen Momenten noch nichts, weil es eben heikel ist, solcher Liebe dazwischenzufunken.

© PrivatHarmlos oder nicht?

Allerdings gebe ich zu, dass mich solche Erfahrungen schon motivieren, Hunde – selbstverständlich auf wissenschaftlicher Basis – auch kritisch zu sehen. Dieselben Wissenschaftler der „Emory University“ haben nämlich auch die dunklen Seiten der von uns so geliebten Vierbeiner mit funktioneller Magnetresonanztomographie untersucht. Konkret ging es diesmal um die Gehirnaktivität in der Amygdala. Dieser Region entspringen Aggressionen. Im Experiment mussten Versuchshunde, denen ein aggressives Temperament gegenüber anderen Artgenossen zugeschrieben wurde, zusehen, wie ihr Herrchen/Frauchen eine Hundeattrappe fütterte. Das führte bei diesen Tieren zu einer starken Reaktion in der Amygdala. Es gibt also auch Neider unter den Hunden. So treudoof, wie es viele Halter glauben wollen, sind die Tiere also gar nicht. Trotzdem lassen sich viele Hundehalter dazu verführen, ihr eigenes Tier für völlig harmlos zu halten. Hinzukommt, dass ahnungslose Spaziergänger selten abschätzen können, mit welcher Art von Hundetemperament sie es zu tun haben. Deshalb trägt der Vater eines ehemaligen Mitbewohners mittlerweile auch Pfefferspray bei sich, wenn er joggt. In der Vergangenheit hatte er an einer Wegbiegung im Wald eine ungewollte Begegnung. Unverhofft kam er ums Eck, als plötzlich eine Dogge an ihm hochsprang. Wie selbstverständlich setzte das Tier seine Vorderpfoten auf ihm ab. Wohlbemerkt, um liebevoll und schwanzwedelnd Kontakt zu ihm aufzunehmen. Doch die treuherzige Geste reicht eben nicht aus, wenn der gesunde Menschenverstand signalisiert, das hätte auch ganz anders ausgehen können.

Hundeerziehung, das lese ich nach den spektakulären Beißattacken im vergangenen Jahr in vielen Dokumentationen, fängt mit scheinbaren Banalitäten an. Wer es als Halter oder Halterin zulässt, den eigenen Hund quasi zuerst aus der Tür gehen zu lassen, büßt seine ranghöhere Stellung gegenüber dem Tier ein. Vor allem „dominante Tiere brauchen auch eine dominante Hand“, schildern Experten das kleine Einmaleins in der Hundeerziehung. Aber wie war das noch gleich in der Liebe? Ach ja, Gegensätze ziehen sich an.

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